GUATEMALA: Von CIA bis UNO – Mord, Vertreibung und Profite

Dem Ex-Diktator Rios Montt soll endlich der Prozess gemacht werden

Von Armin Wertz

Einem der mörderischsten Diktatoren des Lands soll nun, dreißig Jahre später, der Prozess gemacht werden. Doch in Guatemala machten sich nicht nur die Militärs, sondern auch die internationalen Finanzinstitutionen und mit ihnen sogar die UNO schuldig.

Zwar waren die Kosten von anfänglich 372.7 Millionen schließlich auf 944 Millionen Dollar gestiegen. Zwar hatte es bei der Umsiedlung der Bewohner der zehn Dörfer, die dem Projekt weichen mussten, ein paar Schwierigkeiten gegeben. Die Mayas hatten erst unter Einsatz von Militär umgesiedelt werden können, wobei es leider zu einigen bedauerlichen Zwischenfällen gekommen war. Es hatte Tote gegeben, alleine in Río Negro waren von 791 Einwohnern 444 den Evakuierungsmaßnahmen zum Opfer gefallen.

Doch als das Wasser Anfang 1983 im Reservoir des Hydroelektrischen Chixoy-Staudammes in Guatemalas Quiché-Provinz nach achtjähriger Bauzeit langsam stieg, bejubelte die Presse das Mammutprojekt, das rund 15 Prozent des Energiebedarfs des Landes decken sollte. Vertreter der Regierung, der Weltbank sowie der Interamerikanischen Entwicklungsbank klopften sich gegenseitig auf die Schulter und schienen sich kaum Gedanken darüber zu machen, dass die Frage der Kompensation für die enteignete und vertriebene Bevölkerung noch gar nicht geklärt war.

Serienmörder und Patrioten

Das war zu jenen Zeiten, in den siebziger und achtziger Jahren, auch nicht üblich. Denn damals galt jeder, der sich den Anweisungen der Regierung, Streitkräfte oder Sicherheitsorgane widersetzte, als „subversivo“, der mit den „kommunistischen Terroristen“ sympathisierte. Es war die Zeit der Militärdiktaturen in Lateinamerika. Guatemala hatte nur zehn Jahre lang in den 200 Jahren seiner Unabhängigkeit demokratische Erfahrungen gemacht und gewählte Regierungen erlebt. Doch dem hatte ein von CIA und United Fruit Company gesponserter Putsch 1954 ein Ende gesetzt.

Die folgenden vierzig Jahre erlebte Guatemala Militärdiktaturen, Guerillas, Todesschwadronen, amerikanische Militärberater, Waffenlieferungen und Napalm, denen mehr als 200 000 Menschen, mehrheitlich Mayas, zum Opfer fielen. Ein Beobachter beschrieb damals Guatemalas Militärs als Serienmörder, die im vollen Tageslicht ungestraft Anwälte, Gewerkschafter, Journalisten, Lehrer, Priester, Studenten und vor allem Indianer töteten.

Die Quiché-Maya Rigoberta Menchú Tum, die 1992 als jüngste Preisträgerin in der Geschichte den Friedensnobelpreis erhielt, beschrieb die anhaltende Repression in dem Buch „Leben in Guatemala“:

„Am 9. Dezember 1979 verschleppten sie meinen kleinen Bruder Petrocinio. Er war 16 Jahre alt… Sie folterten ihn zwei Wochen lang… Eines Tages verteilten sie Zettel in den Dörfern, auf denen sie die öffentliche Bestrafung von Guerilleros ankündigten. Die Leute mussten der Bestrafung beiwohnen, wer fernbliebe sei ein Komplize der Guerilleros… Ihr werdet jetzt sehen, welche Strafe sie bekommen, weil sie Kommunisten sind, Kubaner, Subversive… Mein Bruder war schwer misshandelt worden und konnte sich kaum noch aufrecht halten. Allen Gefolterten war gemeinsam, dass sie keine Fingernägel mehr hatten, und dass man ihnen Teile der Fußsohlen abgeschnitten hatte. Sie waren barfuß… Sie sahen monströs aus, sie waren alle ganz aufgeschwollen. Nach zwei Stunden befahl der Hauptmann seinen Soldaten, den Gefolterten die Kleider auszuziehen. Sie konnten ihnen die Kleider, die schon ganz hart und steif vom Wundwasser und Blut waren, nicht ausziehen. Da kamen Soldaten und schnitten sie mit Scheren von den Füßen bis zu den Schultern auf. Jeder hatte Folterspuren.

Der Hauptmann erklärte eingehend die verschiedenen Folterungen: ‚Dies sind Nadelstiche‘, sagte er. ‚Dies Verbrennungen von elektrischen Drähten.‘ Und so erklärte er jede Wunde der Misshandelten… Der Frau, die dabei war, hatte man das Geschlecht rasiert. Eine Brustspitze fehlte ihr und die andere war verstümmelt. Man sah Bisswunden an ihrem ganzen Körper. Sie hatte keine Ohren. Allen hatten sie die Zunge in Stücke geschnitten… Der Hauptmann sagte immer wieder, dass unsere Regierung demokratisch sei. Dann wurden die Gefangenen mit Benzin übergossen, und sie zündeten jeden Einzelnen an. Einige schrien und hatten keine Stimme mehr. Dann zogen die Soldaten ab. Sie lachten und riefen: ‚Viva la Patria! Viva Guatemala! Es lebe der Präsident! Es lebe die Armee!“

Ein frommer Diktator vor Gericht

Doch nun „geschah in Guatemala das Unmögliche“, staunte der „Miami Herald“ vor wenigen Tagen. „Der ehemalige Diktator Efraín Ríos Montt wird sich vor Gericht wegen Völkermord verantworten müssen.“ Am 28. Januar wurde Anklage gegen ihn erhoben.

General Ríos Montt, ein wiedergeborener Anhänger der kalifornischen Sekte „El Verbo“ (Das Wort), hatte sich am 23. März 1982 mit der Unterstützung der CIA an die Macht geputscht. Die folgenden 16 Monate zählen zu den blutigsten in Guatemalas blutiger Geschichte. Sondergerichte ordneten Massenhinrichtungen an, Tausende verschwanden, mehr als 80 000 flohen in die Nachbarländer. Zusammen mit israelischen Beratern entwickelten die Militärs das Programm „Bohnen und Gewehre“, in dessen Verlauf 400 Indianerdörfer ausradiert, Hunderttausende zwangsweise in sogenannte „Entwicklungszentren“ und „strategische Wehrdörfer“ umgesiedelt, Katholiken, Christ- sowie Sozialdemokraten als Kommunisten verfolgt und ermordet wurden. Gleichzeitig konvertierte jeder Vierte der bislang überwiegend katholischen Bevölkerung zum fundamentalistischen Glauben des Diktators, um begehrte Posten im Staatsdienst zu ergattern.

Reagans Lob

Noch in den neunziger Jahren waren von den neun Millionen Einwohnern nach offiziellen Angaben eine Million Familien obdachlos, fünf Millionen Menschen. Ebenso viele Analphabeten, 510 000 Witwen, 250 000 Vollwaisen und 1,8 Millionen „desplazados“, aus ihren Dörfern Vertriebene, zählte Guatemala damals. Als „Mann von großer Integrität mit viel Engagement“, lobte Präsident Ronald Reagan den frommen Massenmörder bei einem Staatsbesuch in Guatemala-Stadt: „Ich weiß, dass er die Lebensqualität aller Guatemalteken verbessern und die soziale Gerechtigkeit fördern will.“

Fraglos wird der Prozess politische Spannungen erzeugen, Ríos Montts Spiessgesellen werden die Richter, Anwälte und Zeugen bedrohen und alles versuchen, den Prozess zu verhindern. Guatemalas Präsident Otto Pérez Molina, der den Genozid an der indianischen Bevölkerung des Landes bis heute bestreitet, diente einst als Oberst unter Ríos Montt und umgibt sich mit alten Kameraden aus jener Zeit. Und tatsächlich hat ein Berufungsgericht in Guatemala-Stadt den Prozess, der am 19. März beginnen sollte, jetzt erst einmal verschoben.

Es gäbe jedoch „Grund für vorsichtigen Optimismus“, glaubt der „Miami Herald“. Heute hätten die meisten Offiziere in den Kommandopositionen kaum noch Verbindungen zu jener Ideologie und jenen Interessen, die während des Kalten Krieges die sogenannte Aufstandsbekämpfung dominierten. Sie sorgten sich angesichts des sich ausbreitenden organisierten Verbrechens und der eskalierenden Gewalt um die innere Ordnung.

Eine blutige Geschichte der Weltbank

Ríos Montt ist nicht der einzige Täter. Im Fällen wie dem Chixoy-Staudamm müssen sich auch Organisationen wie die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) und mit der Weltbank sogar die Vereinten Nationen den Vorwurf gefallen lassen, sich wenig oder gar nicht um die Menschenrechte gekümmert zu haben. Bis heute sind die Ansprüche der aus ihren Dörfern zwangsweise umgesiedelten Mayas und der Hinterbliebenen der tödlichen Konflikte bei der Vertreibung nicht geklärt. Trotz der Massaker, wie etwa in Río Negro, unterstützten die Banken, einschließlich Weltbank (WB), das Projekt weiter und gaben noch sieben Jahre später neue Kredite.

Jahrelang gaben die Banken Ländern wie Guatemala, Chile oder Argentinien nahezu unbegrenzt Kredite und subventionierten und legitimierten damit die dort herrschenden mörderischen Regime. So erhielt Guatemala 1978, 1979 und 1980 jedes Jahr Kredite der internationalen Finanzinstitute von über 100 Millionen Dollar, in den schlimmsten Terrorjahren, 1981 und 1982, erhöhte sich dieser jährliche Kredit auf 300 Millionen Dollar. 1985 beliefen sich die Schulden des Landes auf 2.2 Milliarden Dollar.

Als 1997 das Friedensabkommen zwischen der Regierung und der Guerilla unterzeichnet wurde, leistete Guatemala jährlich 130 Millionen Dollar Zinszahlungen an die multilateralen Kreditgeber, ein Betrag, der bis heute auf über 400 Millionen angestiegen ist.

Guatemala ist heute das zweitärmste Land (hinter Haiti) der westlichen Hemisphäre mit dem niedrigsten Steueraufkommen in Mittelamerika, das selbst weltweit die Region mit den niedrigsten Steuereinnahmen ist. Laut CIA World Factbook „lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter dem Existenzminimum… Unter den einheimischen Gruppen (Mayas), die 38 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind 73 Prozent von Armut und 28 von extremer Armut betroffen.“

Business is business

Doch business is business. 2005 nahm die Regierung schließlich Verhandlungen über Entschädigungen mit den aus den Tälern des Chixoy-Stausees Vertriebenen auf. Doch WB und IDB lehnten es ab, sich als Partner und Finanziers des Staudamm-Projektes an den Verhandlungstisch zu setzen. „Sie wurden weder politisch noch juristisch für die Sache verantwortlich gemacht“, sagte Graham Russell, Direktor von Rights Action, eine amerikanische NGO, die seit 19 Jahren mit den Indianern zusammenarbeitet. „Sie weigern sich irgendeinen Fehler einzugestehen, weil das als Präzedenzfall aufgefasst werden könnte.“

Im Gegenteil, sie machen weiter wie bisher. 2004 lieh die International Finance Corporation (IFC), die die Kredite für die Weltbank vergibt, der kanadischen Glamis Gold 45 Millionen Dollar für ein sogenanntes Entwicklungsprojekt an der Marlin-Mine im Departement San Marcos, wo im Tagebau Gold abgebaut werden soll. Wieder organisierte sich Widerstand, wieder traf Militär ein, um die Ordnung herzustellen, und wieder gab es Tote auf Seiten der Indianer. Im August 2005 wurde der „Financial Times“ der Entwurf eines Berichts des „Compliance Advisor Ombudsman“ der Weltbank zugespielt, in dem der Ombudsmann der WB vorwarf, dass sie es versäumt habe, „die einheimische Bevölkerung angemessen konsultiert“ zu haben.

Und erst vor einem Monat geriet ein interner Prüfungsbericht der Weltbank über das Kreditverhalten der IFC an die Öffentlichkeit, worin gewarnt wird, dass den Kontrollmechanismen des Instituts die analytische Fähigkeit fehle, um bewerten zu können, ob die Kreditvergabe der lokalen Gemeinschaft hilft oder schadet. Dabei umfasst das Kreditwesen immerhin 40 Prozent der IFC-Bestände, die bei rund zwanzig Milliarden Dollar liegen. (Quelle: www.journal21.ch)