Argentinien: Wachsende Ungleichheit durch steigende Preise – Verbraucher wehren sich gegen Preistreiber

Von Fabiana Frayssinet – Buenos Aires (IPS) – In Argentinien hat die rasante Preisentwicklung zu einer Mobilisierung der Verbraucher geführt. So gibt es immer mehr Menschen, die sich an den Kampagnen der Verbraucherzentralen gegen die wüste Preistreiberei beteiligen, die die bisher erzielten Erfolge im Kampf gegen Armut und Ungleichheit gefährdet.

Auch wenn unklar ist, wie viele Menschen am 7. Februar dem Ruf nach einem 24stündigen Konsumboykott von Supermärkten, Elektroläden und Tankstellen gefolgt sind, so hat die Aktion Organisatoren und Regierungssprechern zufolge ermutigende Ergebnisse gezeigt. Sie wurde von mindestens 280.000 Internetusern mitgetragen, und der Rückgang der Kundschaft war nicht zu übersehen.

Die Psychologin Ester Vallez wiederum hat damit begonnen, Preisvergleiche anzustellen. Wie sie berichtet, ist der Preis für die Anfertigung eines Ersatzschlüssels binnen einer Woche um 30 Prozent gestiegen.

„Gegen diesen Wildwuchs müssen staatliche Kontrollmöglichkeiten und Druckmittel gefunden werden“, meint Javier Sequeira aus La Matanza, einem Bezirk im Westen des Großraums Buenos Aires. Was er als Handwerker verdient, reicht nicht aus, um die bald fünfköpfige Familie über Wasser zu halten. Deshalb will er sich mit seinen Nachbarn zusammenschließen, um auf dem Zentralmarkt in den Genuss von Großabnehmerpreisen zu kommen.

„Wenn wir damit aufhören, bestimmte überteuerte Produkte zu kaufen, werden die Hersteller das merken. Viele entschuldigen ihre unfaire Preispolitik mit dem US-Dollar“, so Sequeira, dessen jährliche Lohnerhöhungen von der Inflation aufgefressen werden.

Rechtliche Hilfen für die Verbraucher

Laut Sandra Collado, der Vorsitzenden des Verbraucherverbands ADELCO, gilt es sicherzustellen, dass die im Land geltenden Verbraucherschutzgesetze eingehalten werden.

„Der Staat sollte zudem eine Rechtshilfestelle einrichten, die es den Verbrauchern ermöglicht, rechtlich gegen Wucherpreise vorzugehen.“

ADELCO hatte sich nicht dem Boykott angeschlossen. Solange nicht im Voraus bestimmte überteuerte Produkte und preistreibende Unternehmen identifiziert würden, machten solche Aktionen keinen Sinn, meint Collado.

In Argentinien werden Verbraucher inzwischen vielfach informiert. So werden in den Medien Preisvergleiche veröffentlicht, Preisanstiege bekannt gegeben und Geschäfte daraufhin überprüft, ob sie auch diejenigen Produkte führen, auf die sich die Regierung von Staatspräsidentin Cristina Fernández mit den Handelsketten und Lieferfirmen geeinigt hatte. Auf dieser Verbraucherschutzliste stehen Nahrungsmittel, Getränke, Kosmetika, Reinigungsmittel, Schulmaterialien und Baubedarfsartikel.

Die Aktionen gehen auf die Abwertung der argentinischen Währung, dem Peso, zurück, der im Januar um 34 Prozent über dem US-Dollar lag. Der höchste Wertverfall seit 2002 löste die Preisanstiegslawine aus.

Nach Angaben unterschiedlicher Beratungsfirmen fiel 2013 der offizielle Wert des Peso um 25 Prozent und der Parallelwert um 47 Prozent. „Es ist an der Zeit, dass alle Sektoren ihrer Verantwortung nachkommen und dafür sorgen, dass die Dinge laufen“, meint Fernández an die Andresse derjenigen Wirtschaftsakteure, die Preisspekulationen und Kapitalflucht betreiben.

Nach Ansicht von Ernesto Mattos, Wirtschaftswissenschafter am Zentrum für Forschung und solidarische Wirtschaft, wird die Abwertung des Peso als Rechtfertigung für die Erhöhung der Preise und den Verlust der Kaufkraft von Löhnen und Gehältern missbraucht. Zwischen Juni und Dezember letzten Jahres hätten die Handelsunternehmen die Preise für Lebensmittel um 200 Prozent angezogen. Selbst Produkte, auf die keine Importsteuern entfallen, seien betroffen gewesen, sagt Mattos.

Frage nach dem Leitbild

Dem Nationalen Statistikamt zufolge lag die Inflation im letzten Jahr bei 10,9 Prozent. Private Beratungsfirmen sprechen gar von 28,3 Prozent. „Es geht nicht nur um Spekulativgeschäfte und Kaufkraftverluste, sondern auch um die Frage, welche Art Land wir eigentlich wollen“, meint der Experte.

„Wollen wir ein Land, dass den großen transnationalen Konzernen dient, oder eines, das in der Lage ist, seine grundlegenden Bedürfnisse aus eigener Kraft heraus zu befriedigen und seine Kräfte im Einvernehmen mit der Region so zu bündeln, dass die soziale Inklusion gewährleistet und die Ungleichheit verringert werden kann.“

Der Wirtschaftswissenschaftler begrüßt das Engagement der Verbraucher bei der Beobachtung der Preise der Supermärkte. Denn sie legten die Konsummuster Argentiniens für die großen Städte fest. Auch ist er für die Einführung von Beschwerdemechanismen, die die Unternehmen nicht nur in der Verkaufs-, sondern auch in der Produktionsphase sanktionieren.

Vallez zufolge sollte die Regierung noch mehr Menschen zu den Preiskontrollen ermuntern.

„Wir als Bürger müssen unseren Teil leisten. Wir dürfen unsere Hände nicht einfach in den Schoß legen und über unverschämt teure Produkte klagen und diese dann doch kaufen.“

Die Regierung hat mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen gegen die Folgen der Abwertung und gegen die dadurch verursachte soziale Unzufriedenheit reagiert. Außer der Verbraucherschutzliste hat sie neue Sozialinitiativen wie ‚Progresar‘ gestartet. Das Programm stellt 18- bis 24-Jährigen, die arbeitslos oder nur prekär beschäftigt sind, einen bestimmten monatlichen Betrag zur Verfügung, damit sie studieren beziehungsweise ihr Studium beenden können.

Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) stuft Argentinien als das Land der Region mit der geringsten Armut (4,3 Prozent) und der zweitgeringsten Verelendungsrate (1,7 Prozent) nach Uruguay ein. Im Dezember hatte die CEPAL Argentinien zu den Staaten Lateinamerikas gezählt, die die Ungleichheit in Zeitraum 2008 bis 2012 senken konnten.

Doch Lohnverfall und Kaufkraftverlust könnten diese Errungenschaften zunichte machen.

„Die Verringerung der Ungleichheit in den letzten zehn Jahren ist vor allem auf die Bereitstellung sozialer Hilfen für die armen Haushalte und nicht auf die Verbesserung der Einkommen der gleichen Bevölkerungsschichten zurückzuführen“, gibt Agustín Salvia, Leiter des Strukturwandel-Programms des Gino-Germani-Forschungsinstituts der Universität von Buenos Aires zu bedenken.

Es sei somit wahrscheinlich, dass durch die Inflationsspirale Armut und Ungleichheit weiter verschärft würden.

Trotz der staatlichen Maßnahmen, die negativen Auswirkungen zu neutralisieren, werden sich Abschläge für die Arbeitnehmer und Rentner kaum verhindern lassen.

„Die Regierung sollte dafür sorgen, dass die Inflation nicht zu einer größeren Einkommensstreuung führt“, warnt die Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin Jimena Valdez.

Um dies zu verhindern, sollte die Regierung mit den Unternehmen und Gewerkschaften in den Dialog treten, um über Arbeitsmarktstrategien und eine Erhöhung der Löhne und Gehälter zu sprechen. Zudem müsste die sozialen Zuwendungen inflationsbedingt erhöht werden.

Salvia zufolge ist es wichtig, die öffentliche Meinung in diesen Fragen weiter zu sensibilisieren und zu mobilisieren, damit die Verbraucher Druck auf die Preisgestalter ausüben, so dass diese Preisexplosionen nicht mehr zulassen.