in Politik

Ja, der US-Oberbefehlshaber der ISAF-Truppen in Afghanistan, General John Campbell, gestand schnell ein das es sich um einen „Fehler in der US-Kommandokette“ gehandelt habe. Ein Fehler, den es laut NATO-Vizegeneralsekretär Alexander Vershbow „nicht mehr geben wird“ (Aussage bei Eröffnungszeremonie von Trident Juncture 2015 in Trapani/Italien).

Ein Fehler, dem laut letzten Berichten der Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) mindestens 30 Menschen zu Opfer fielen.
Der Angriff der US-Luftwaffe auf das von MSF betriebene Krankenhaus am 3. Oktober 2015 im afghanischen Kundus hätte tatsächlich ein „tragischer Fehler“ sein können wie es offiziell hiess, wenn es sich um einen Bombenabwurf mit sogenannten „dumb bombs“ gehandelt hätte, also Bomben ohne jegliches Leitsystem und somit absolut nicht zuverlässig in punkto Treffsicherheit und wo die wahllose Zerstörung im Vordergrund steht. Es hätte auch ein Fehler sein können, wenn das Krankenhaus nicht als solches gekennzeichnet oder bekannt gewesen wäre, und nur durch geheimdienstliche Informationen bzw. Aufklärung zu erkennen möglich war.

Der interne Untersuchungsbericht der MSF beweist aber, dass diese Fehlerquellen ausgeschlossen werden können. Im Gegenteil, der Bericht legt sogar nahe, dass es sich bei diesem Angriff um ein Kriegsverbrechen handelt und entsprechend geahndet werden müsste.

Unabhängig davon ob die Behauptung – oder viel mehr Rechtfertigung – der US-Regierung man habe auf Anfrage der afghanischen Armee nach Luftunterstützung im Kampf gegen Taliban das Flugzeug entsandt, (Präsident Barack Obama hat sich für diesen Angriff persönlich entschuldigt) oder jene der afghanischen Regierung das Talibankämpfer vom Areal des Krankenhauses Stellungen beschossen habe, bevor man auf die Version umschwenkte das im Krankenhaus 15 bewaffnete Taliban vermutet wurden, der Wahrheit entsprechen oder nicht, ein Krankenhaus geniesst selbst im Krieg einen besonderen Schutzstatus und darf nicht angegriffen werden.

Dass das was in Kundus passiert ist einfach als Luftangriff abgetan wurde ist meiner Meinung nach irreführend. Zwar ist die Bezeichnung „Luftangriff“ korrekt, sie impliziert aber, dass ein Kampfjet seine Bomben oder seine Raketen einfach auf ein falsches Ziel abgefeuert hat, was dann als „Fehler“ bezeichnet werden könnte. Doch das was in Kundus passiert ist, war eben mehr als nur solch ein „tragischer Fehler“.

Schon die Tatsache dass das US-Oberkommando eine Lockheed AC-130 nach Kundus entsandte, zeigt, dass der Angriff als taktische Luft-Bodenunterstützung mit gigantischer Feuerkapazität aus der Luft geplant war. Wenn eine AC-130 (in den USA als Kanonenboot bezeichnet) zum Einsatz kommt, dann weiss man das es keine Luftabwehr im betreffenden Operationsgebiet gibt, da das schwere „Kanonenboot“ im Maximum gerade mal 480km/h erreicht und ein leichtes Ziel selbst für alte aus dem Afghanistankrieg der 1980er Jahre übrig gebliebene Schulterraketen bieten würde. Doch die enorme Feuerkraft eignet sich hervorragend für die Aushebung von Verstecken oder zur Verteidigung von in Bedrängnis geratenen Bodentruppen.

Im Untersuchungsbericht der Ärzte ohne Grenzen heisst es, dass die AC-130 mehr als eine Stunde lang über dem Krankenhaus gekreist ist und immer wieder mit ihrer 40-mm Bordkanone das Hauptgebäude des Krankenhauses durchsiebte. Wie man auf den Satellitenbildern erkennen kann, besteht das MSF-Krankenhaus in Kundus aus einem grossen Hauptgebäude und 7 Nebengebäuden. Es war also ganz sicher kein kleines, in einem Privathaus geführtes Krankenhaus das mit einem Talibanversteck hätte verwechselt werden können, sondern ein sehr grosses Gebäude das von der AC-130 Crew mit Sicherheit gesehen wurde.

Aufgrund der heftigen Kämpfe in Kundus zwischen Taliban und afghanischen Streitkräften, informierte am 29. September die Krankenhausleitung mit erneuter Angabe von GPS-Daten das US-Verteidigungsministerium, das afghanische Innen- wie auch Aussenministerium sowie die US-Armee in Kunduz über deren Standort und Aktivität. Sowohl das US-Verteidigungsministerium als auch die US-Armee in Kunduz haben den Erhalt dieser Mitteilung bestätigt und mitgeteilt, diese Angaben den operativen Stellen zu übermitteln. Die Afghanen bestätigten die Mitteilung nur mündlich.

Am 1. Oktober erkundigte sich ein US-Regierungsbeamter aus Washington bei der MSF-Leitung in Kundus, ob sich im Krankenhaus oder sonstiger MSF-Standorte eine „grosse Anzahl Taliban versteckt hielt“, was verneint wurde. Man gab an, dass sich unter den 130 Patienten auch 65 verwundete Taliban befinden.

Am 2. Oktober hisste die Belegschaft auf dem Dach des Hauptgebäudes zwei zusätzliche grosse MSF-Fahnen, um für die Luftaufklärung besser identifizierbarer zu werden. Laut Bericht war das Krankenhaus auch eines der einzigen Gebäude in Kundus, die in der Nacht auf Samstag, den 3. Oktober, Strom für die Beleuchtung hatte.

Nach Mitternacht wagten sich nach Tagen heftiger Kämpfe wieder einige MSF-Mitarbeiter an die frische Luft auf dem eigenen Gelände, und bestätigten später dass die Lage ruhig war. Es waren keine Gefechte zu hören, keine Flugzeuge oder Helikopter, nicht einmal die üblichen Schusswechsel. Der Sicherheitsdienst des Krankenhauses machte zwischen 00.20 Uhr und 1.10 Uhr seinen Rundgang, und bestätigte ebenfalls dass die Lage in der hörbaren Umgebung ruhig war und das keine bewaffneten Männer sich auf dem eigenen Real befanden.
Kurz nach 2.00 Uhr in der Nacht des 3. Oktober hörte man das herannahende Dröhnen eines Flugzeuges, welches das Krankenhaus unter Beschuss nahm. Zu dieser Zeit waren 105 Patienten anwesend: davon 24 Kämpfer (20 Taliban und 4 Regierungssoldaten) und 81 Zivilisten.

Das erste Angriffsziel der AC-130 war die Intensivstation im rechten Flügel des Hauptgebäudes, das mit Bomben getroffen wurde.

Bereits 19 Minuten nach dem ersten Angriff telefonierte ein MSF-Vertreter aus Kabul mit dem zuständigen Oberkommando (Resolute Support an der auch Deutschland teilnimmt) für die NATO in Afghanistan und informierte diese über die Geschehnisse in Kundus. Nach diesem Anruf wurde das Internationale Rote Kreuz über den Angriff informiert.
Um 2.32 Uhr rief ein Vertreter von MSF in New York die Kontaktstelle des US-Verteidigungsministeriums an, um über den anhaltenden US-Angriff zu berichten.
Um 2.52 Uhr erhielt MSF in Kabul einen Anruf von Resolute Support wo der/die Anrufer(in) erfuhr dass der Angriff noch immer andauert. Unglaublicherweise musste er/sie zugeben, dass „ich noch immer nicht weiss was dort passiert ist“.

Um 2.56 Uhr sendete MSF Kabul eine SMS an Resolute Support , worin über eine womöglich grosse Opferzahl berichtet wurde und die Forderung nach einem sofortigen Stopp des Angriffs enthielt.

Um 2.59 Uhr antwortete Resolute Support an MSF Kabul per SMS: „Ich gebe mein Bestes. Ich bete für euch alle.“

Um 3.04 Uhr sendete MSF Kabul eine SMS an Resolute Support mit der Information dass das Krankenhaus in Flammen steht.

Gegen 3.15 Uhr stellte die AC-130 ihr Feuer auf das Krankenhaus ein und flog vermutlich wieder zurück nach Kabul.

 

 

Sämtliche Kundus-Bilder wurden von der von MSF für die öffentliche Verwendung der Seite https://share.aerzte-ohne-grenzen.de/index.php/s/VLMMmccqROHmnPf  entnommen.

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