in Politik

Gerade in Deutschland fristet die Geopolitik ein Schattendasein. Das ist vielleicht der Hauptgrund dafür, warum sich die Bevölkerung ständig ratlos fragt, warum dieses oder jenes auf der politischen Bühne geschieht. Die hiesigen Journalisten sind leider keine Ausnahme.

Geopolitik ist nötig, um internationale machtpolitische Prozesse und Geschehnisse zu verstehen, denn Geopolitik ist das, was verdeckt hinter der Weltpolitik steckt. Die Ordnung hinter dem scheinbaren Chaos, die die Beweggründe für staatliches Handeln erklärt. Aber worum genau handelt es sich hier? Auf eine genaue Definition können sich Experten nicht einigen; ich versuche es mit folgender: Geopolitik ist die Wissenschaft von den Auswirkungen geographischen Raums auf (internationale) politische Macht. Darüber hinaus bezeichnet der Begriff das praktische Handeln im Rahmen einer Geostrategie. Die Geostrategie eines Staates umfasst die konkreten Mittel und Wege, mit welchen geopolitische Ziele erreicht werden sollen.

Geopolitik bedeutet in erster Linie reine Logik, Pragmatismus und schonungsloser Realismus. Bedeutet: Wir müssen viel nachdenken und uns ohne ideologische Brille möglichst objektiv an die beobachtbare Realität halten. Das Problem ist nämlich: Die Mächtigen geben ihre wahren Absichten und Methoden so gut wie niemals preis, deswegen können wir dazu nicht schnell etwas nachlesen. Allerdings lässt sich zwischen den Zeilen hin und wieder Genaueres erfahren, außerdem sprechen ehemalige Regierende im Ruhestand häufig offener über bestimmte Dinge.

Eine 100-prozentige Sicherheit in geo- oder machtpolitischen Fragen gibt es aber grundsätzlich nicht. Es geht vielmehr darum, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen. Was bringt wem am meisten? Wer würde in dieser oder jener Situation wie handeln? Was sind die Folgen von diesem oder jenen Ereignis? Was war die Absicht oder der Grund von diesem oder jenem staatlichen Handeln? Bei solchen Fragen muss man genau abwägen, was am Realistischsten ist.

Da es auf Logik ankommt und nicht auf oberflächliches Faktenwissen, können die wenigsten etwas mit Geopolitik anfangen und Überzeugungsarbeit ist meist sinnlos, da man keine hieb- und stichfesten Fakten vorlegen kann („Verschwörungstheorie!“). Wenn es an der eigenen Logik hapert, gibt es glücklicherweise immer noch Bücher, die Geopolitik im Detail erklären, z. B. von Zbigniew Brzezinski oder Alexander Dugin. Hier soll es aber um die Grundlagen gehen.

Die große Politik besteht grundsätzlich aus Taktik und Strategie. Unwissende mögen verständnislos auf politische Entscheidungen blicken, doch in der Regel sind diese reines Kalkül. Politik ist wie Schach, nichts wird dem Zufall überlassen. Das heißt, wer die Geopolitik versteht, versteht die politischen Schachzüge. Außerdem ist es wichtig zu verstehen, dass stets das Recht des Stärkeren gilt – genau wie in der Wildnis – weil es niemanden gibt, der die stärksten Staaten kontrolliert.

Völkerrecht, Menschenrechte etc. sind reine Augenwischerei; wer kann, setzt sich darüber hinweg. Manche wollen das nicht wahrhaben und versuchen bis aufs Letzte an ihrem rosaroten Weltbild festzuhalten, weswegen böse Absichten erst dann erkannt werden, wenn es zu spät ist. Aber: Realpolitik ist unfair und menschenverachtend, das muss jedem klar sein. Die aufgestellten Regeln gelten nur für die Schwachen.

Weltpolitik ist faktisch ein Kampf um Räume bzw. den Einfluss auf Räume. Den Wert eines geographischen Raums bestimmen dabei viele Faktoren, z. B. die Lage, der Zugang zu Gewässern, Rohstoffe, Industrie, Humankapital, Infrastruktur etc. Zur Frage, welche Region bzw. welche Gebiete man kontrollieren muss, um die Welt zu kontrollieren, gibt es zwei berühmte Theorien. Die erste stammt von dem Geopolitik-Pionier Halford Mackinder. Seine Heartland-Theorie aus dem Jahr 1904 besagt, dass das „Herzland“, der Kern Eurasiens, entscheidend ist für die Weltherrschaft.

Dieses Herzland umfasste das Gebiet von der Wolga bis zum Jangtsekiang, vom Himalaya bis zur Arktis. Bis heute befindet sich dieses Gebiet größtenteils auf russischem Boden. Diese Theorie entstand vor dem Hintergrund des „Great Game“ (der Kampf um die Vorherrschaft in Zentralasien zwischen Großbritannien und Russland) und kann als überholt betrachtet werden. Mackinder glaubte, der Sieger des Great Game würde schlussendlich ganz Eurasien (Europa und Asien) beherrschen, was sich als falsch erwies.

1940 veröffentlichte der niederländisch-US-amerikanische Geostratege Nicholas J. Spykman seine Rimland-Theorie. Das Rimland ist das Gebiet rund um das Heartland, also die europäischen Staaten außer Russland, der Nahe und Mittlere Osten, Südasien und Fernost. Spykman war der Meinung, dass durch das Rimland die Macht des Herzlandes eingedämmt werden könne und dadurch im Endeffekt ganz Eurasien kontrolliert werden könne. Mackinder und Spykman waren sich in der Einteilung einig, nur welchen Teil man kontrollieren muss, um die Welt zu beherrschen, darin waren sie sich uneinig.

Den Einfluss der Rimland-Theorie sehen wir heute in aller Deutlichkeit: Die NATO setzt die Idee in die Tat um. Durch die NATO-Osterweiterung und den Vorstoß vom Süden durch Militärinterventionen, umzingelt die NATO das russisch geprägte Heartland langsam, aber sicher. Sogar am Rande des Heartlands zündelt der Westen mit Farbrevolutionen und diplomatischen Charme-Offensiven, die ehemalige Sowjet-Republiken von Russland abrücken lassen sollen. Im Osten „stört“ China, doch Südkorea und Japan befinden sich im US-Einflussbereich.

Klar ist, in der Geopolitik dreht sich alles um Eurasien. 70 Prozent der Weltbevölkerung leben auf dem Doppelkontinent, der Großteil der Weltwirtschaft spielt sich in Eurasien ab und der Großteil der Rohstoffe liegt dort. Weltherrschaft geht nur über Eurasien. Das führt uns zum größten geopolitischen Konflikt dieser Zeit. Das ist der Kampf zwischen dem Transatlantismus und dem Eurasismus (allgemein anerkannte Begriffe gibt es leider nicht, es sind verschiedene im Gebrauch). Transatlantismus bedeutet die Einheit aus Nordamerika und Westeuropa. Eurasismus bedeutet ein geeintes Eurasien (nicht zu verwechseln mit dem russischen Eurasismus).

Geopolitik-Experten sprechen außerdem auch von einem Kampf zwischen sogenannten Thalassokratien (auf Gewässer ausgerichtete Länder) und Tellurokratien (auf Festland ausgerichtete Länder). Die beiden wichtigsten Thalassokratien sind Großbritannien und die USA. Diese beiden Länder sind an dem Transatlantismus interessiert und tun alles, um ein geeintes Eurasien zu verhindern. Warum? Weil britische oder US-amerikanische Hegemonie damit schlicht unmöglich wäre – aufgrund der potentiellen Macht Eurasiens.

Deswegen war Großbritannien im Laufe seiner Geschichte stets im Konflikt mit eurasischen Kontinentalmächten, wenn sie zu mächtig wurden – ob China, Spanien, Frankreich, Deutschland oder Russland. Eine gewisse Machtbalance zwischen diesen (nicht verbündeten) Kontinentalmächten wurde anvisiert, damit keine mächtige Einheit entsteht. Für die Machtstellung der heutigen Supermacht USA ist es ebenso wichtig, dass die eurasischen Staaten nicht als Einheit auftreten, sonst wären die mächtigen Vereinigten Staaten bald nur noch eine Regionalmacht.

Großbritannien und den USA stehen vor allem Russland und China gegenüber, die ein starkes geeintes Eurasien aufbauen möchten. Dafür ist ein Bündnis mit Deutschland, als dem Zugpferd Europas, zwingend notwendig. Wohin Deutschland zieht, dahin ziehen auch seine Nachbarn. Deutschland ist aktuell der Dreh- und Angelpunkt der Europäischen Union und im Kampf um Eurasien. Der größte Alptraum der angelsächsischen Welt wäre also ein deutsch-russisches Bündnis – das zwangsläufig das Ende des Transatlantismus‘ bedeuten würde und damit auch das Ende der US-Hegemonie.

Der damalige US-Senator und spätere Präsident, Harry Truman, machte die Essenz der US-Außenpolitik in einer Aussage nach dem deutschen Einmarsch in der UdSSR deutlich: „Wenn wir sehen, dass Deutschland am Gewinnen ist, müssen wir Russland helfen; und wenn Russland am Gewinnen ist, müssen wir Deutschland helfen, damit sie gegenseitig so viele Menschen wie möglich umbringen (…)“.

Teile und herrsche. Erst als die UdSSR das Blatt an der Ostfront wendete und es sicher war, dass Nazideutschland verlieren würde, eröffneten die USA 1944 die Westfront und ließen sich seit 1945 als „Befreier“ feiern. Dass 80-90 % der gefallenen deutschen Soldaten an der Ostfront fielen, weiß heute kaum einer. 1952 machten die Amerikaner ihre Absichten nochmals deutlich: Stalin bot Verhandlungen über die Schaffung eines geeinten und souveränen Deutschlands an, doch die Amerikaner gingen gar nicht erst darauf ein und führten ihre „Reeducation“ weiter. Konrad Adenauer ging auf das Angebot übrigens ebenfalls nicht ein. Aber das ist ein anderes Thema.

Man denke jetzt an die Folgen des Zweiten Weltkriegs: Alle Staaten liegen in Trümmern – nur die USA sind so stark wie nie zuvor. Nordamerika ist eine geopolitische Festung – von Ozeanen geschützt und weit weg von Eurasien (mit Ausnahme des dünn besiedelten russischen Fernen Ostens). Wenn auf eurasischem Boden Krieg herrscht, stellt das für die USA keine Gefahr dar. Im Gegenteil: Die Konkurrenten schwächen sich gegenseitig (was für ein Geschenk!), mit Rüstungsexporten und sonstiger „Unterstützung“ bringen die Amerikaner ihre Wirtschaft in Schwung, Eliten ziehen ihr Kapital nach Amerika ab und wandern häufig selbst dorthin aus.

Nach Kriegsende können die Amerikaner weiterhin wirtschaftlichen Nutzen für sich daraus ziehen, indem sie beim Wiederaufbau helfen, Kredite vergeben (wie beim Marshall-Plan) etc., womit sie sogar noch andere in ein Abhängigkeitsverhältnis zwingen. Kriege und Konflikte auf eurasischem Boden helfen also der USA dabei, sich an der Macht zu halten.

Wie Sie sehen, reicht ein genauer Blick auf die Weltkarte manchmal aus, um grob die Interessen einzelner Akteure zu erkennen („geo“ = Erde). Voraussetzung dafür ist Wissen über Länder und Regionen; wissen, was und wer wo ist, hilft uns Politikinteressierten ungemein. Scheinbar unpolitische Fakten haben doch sehr viel mit Politik zu tun. Und ich möchte mich gerne wiederholen: Ich halte es für extrem wichtig, Kenntnisse aus vielen Gebieten anzuhäufen, um sich ein wirklich umfassendes Bild von der Welt machen zu können.

Wenn Sie sich einen ordentlichen Wissensschatz aufgebaut haben, können Sie damit anfangen, grundlegende geopolitische Fragen zu behandeln: Ist es ein Zweck der EU, Deutschland und andere Staaten besser zu kontrollieren? Ist ein Zweck der EU, die Gleichschaltung Europas? Was sind die Ziele der NATO? Werden Deutschland und Russland von den transatlantischen Mächten gegeneinander ausgespielt? Ist der sogenannte „Krieg gegen den Terror“ Ernst oder Farce? Worum geht es wirklich, wenn die Machtelite von „Freiheit, Demokratie und Menschenrechten“ spricht? Eine einfachere Frage: Was hat der russische Flottenstьtzpunkt auf der Krim mit der Krim-Krise zu tun?

Zufälle in der großen Politik gibt es, wenn überhaupt, kaum, behalten Sie die Geopolitik deshalb stets im Hinterkopf. Dann wird das Handeln eines „unberechenbaren Herrschers“ plötzlich nachvollziehbar.

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Kommentar

  1. Viel Stoff, auf den man im einzelnen genauer eingehen müsste, was der Kommentarbereich aber aus Platzgründen nicht zulässt. Insgesamt eine sehr gute Fragestellung : wie funktioniert Geopolitik, und auch die Erläuterungen dazu sind rational, sachlich und sehr gut durchdacht.
    … wenn da nicht der kleine Schönheitsfehler wäre, dass der Bericht suggeriert, wer allein geopolitisch betrachtet, hat alle Antworten.
    Ganz so einfach ist es aber leider nicht. Die Geopolitik deckt polit. Machtstrategien und wirtschaftl. Interessen ab, aber völlig außen vor bleiben religiöse Ansprüche.
    Manche bezeichnen solche nur als weiteres Spaltwerkzeug um Geopolitik durchzusetzen, aber oft und leider ist es eben auch genau umgekehrt.
    Wir sind also längst noch ni

    • Wir sind also längst noch nicht auf einer globalen rationalen Ebene angekommen in der man nur vernünftig denken könnte. Irrationalem wird also, man möchte meinen mehr denn je, der Vorrang erteilt.
      Man fragt sich, wieviele Jahrhunderte es wohl noch dauern wird um dies zu überwinden.