Giftgasangriff in Syrien: Wiederkehrende Muster in der Kriegskommunikation

Just zum geplanten internationalen Treffen in Brüssel, wo über Unterstützungsmöglichkeiten für Syrien und seine Nachbarländer debattiert werden sollte, bestimmt ein Luftangriff im syrischen Khan Sheikhoun (Provinz Idlib) als diskursprägendes Ereignis die Schlagzeilen. Dabei sollen Dutzende Menschen durch den Einsatz von Giftgas ums Leben gekommen sein.

Wie es im internationalen Syrienkrieg nicht anders sein kann, formieren sich die beteiligten Kriegs- und Konfliktparteien anlässlich solcher Ereignisse deutlicher als sonst an den diskursiven Fronten. Der Westen – repräsentiert durch die selbsternannte und als solche akzeptierte Führungsmacht USA – und das Assad-nahe Russland schlagen sich wie zwei Tennis-Akteure den Ball auf dem internationalen Medien- und Polit-Centre Court hinsichtlich Schuldzuschreibungen wieder einmal hin und her.

Die Diskurse auf politischer Ebene und in den sekundären Beobachtungsmedien (Medienberichterstattung) erinnern den aufmerksamen und geschichtsbewussten Rezipienten in ihrer Struktur an das diskursive Giftgasereignis in der syrischen Region Al-Ghouta  im Jahr 2013, bei dem durch den Einsatz von Giftgas etliche Menschen getötet wurden. Parallelen gibt es dabei nicht nur in Bezug auf das Ereignis selbst, sondern auch betreffend die diskursiven Schuldzuschreibungen, Kollektivsymboliken und semantischen Frames bei der Prägung des öffentlichen Meinungsklimas.

Folgende kurze diskursive Strukturanalysen der beiden Ereignisse sollen Parallelen in der Medienberichterstattung vor Augen führen. Die Analyse dient den Lesern als Pufferzone vor dem stetig präsenten Hintergrund polarisierender Kriegskommunikation.

Giftgaseinsatz in Al-Ghouta (2013)

Im August des Jahres 2013 kamen hunderte Menschen  durch den Einsatz des Nervengases Sarin in der Region Al-Ghouta östlich von Damaskus ums Leben. In den westlichen Medien, darunter Die Welt und Süddeutsche Zeitung, wurde Assad den Rezipienten ohne legitime Beweisgrundlage mit den Stigma-Frames, „Massenmörder“, „Weltverbrecher“, „Kriegsherr“, größenwahnsinniger „Philosophenkönig“, „diabolischer Tyrann“ und mit pejorativen Saddam- und Gaddafi-Analogien versehen als der antagonistische Part im betriebenen Gut-Böse-Dualismus serviert  [1] [2] [3].

Während den Ansichten des politischen Westens – USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien,  alliierte Regionalmächte wie Saudi-Arabien, Katar bzw. Türkei und syrische Oppositionsgruppierungen –  eine diskurstragende und damit meinungsbildende Rolle in den westlichen Hegemonialmedien zugestanden wurde, wurden politische Konfliktparteien wie Russland, der Iran, die libanesische Hisbollah und China als störende Antagonisten mit Nähe zum syrischen Regime präsentiert, die eine „Lösung“ (gemeint war die Unterstützung militärischer Maßnahmen gegen Assad und Syrien) verhindern würden. Von Anfang an entsprachen die Blattlinien diverser deutscher Printmedien den Deutungslinien westlicher Politakteure. Trotz ausstehender UN-Untersuchungen, trotz Unklarheiten und Widersprüchlichkeiten hinsichtlich der Schuldfrage herrschte der Polit- und Medientenor vor, dass die westliche Demokratie aus humanitären Gründen als „Weltpolizisten gegen die Weltverbrecher“, die eine rote Linie nach der anderen überschritten hätten, vorgehen müsse [1] [4].

Im Gegendiskurs hieß es hingegen, dass die „westliche Meinungsmache“ und die „westliche Aggressionsgemeinschaft“ das Verbrechen dem Assad-Regime andichte um einen Vorwand für einen Angriffskrieg gegen Syrien zu schaffen und das missliebige Assad-Regime zu stürzen [5] [6].

Der vorbereitete Angriffskrieg gegen Syrien konnte schlussendlich nach wochenlanger medialer Schlammschlacht in letzter Minute verhindert werden. Die Weltmächte USA und Russland einigten sich auf eine Resolution, die das syrische Regime zur Aushändigung seiner Chemiewaffen und zum Beitritt zur Chemiewaffenkonvention (OPCW)  im Oktober 2013 bewegte [7] [8]. Bis heute ist unklar, wer für den Giftgaseinsatz tatsächlich verantwortlich war.

Giftgaseinsatz in Khan Sheikhoun (2017)

Zum Giftgaseinsatz in Khan Sheikhoun am 4. April gilt es festzuhalten, dass sich dessen diskursive Richtung verblüffend ähnlich anbahnt wie jene zum Giftgaseinsatz in Al-Ghouta. Zwar hat es in der Zwischenzeit – sportlich ausgedrückt – einige personelle Änderungen in den jeweiligen Polit-Mannschaften gegeben, doch an den Konfliktdynamiken im internationalen politischen Koordinatensystem des Syrienkrieges scheint sich nicht viel geändert zu haben.

Wieder ist ein Giftgasangriff im Mittelpunkt, wieder wird die berühmt berüchtigte „rote Linie“ als diskursprägende Kollektivsymbolik ins Zentrum gehoben, wieder stehen sich die Weltmächte USA und Russland mit unterschiedlichen Deutungsweisen des Ereignisses in einem medial betriebenen binären Reduktionismus auf Gut-Böse-Dichotomien gegenüber, wieder gilt Assad als Hauptverdächtiger bzw. klarer Antagonismus gegen den der Westen vorzugehen hat und wieder wird über einen möglichen Militärschlag gegen Assad und Syrien offen gesprochen [9] [10] [11] [12].

Auch der Gegendiskurs zu Khan Sheikhoun weist Strukturanalogien zum Alternativdiskurs über den Giftgaseinsatz in Al-Ghouta auf. Es wird verdeutlicht, dass der Westen die syrische Regierung ohne jegliche Beweisgrundlage beschuldige. Während der Westen auch diesmal mit negativen Konnotationen versehen wird, wird die Sichtweise der syrischen Regierung in der diskursiven Mitte platziert: diese je nach Blattlinie adaptierte Diskursstrategie wird für den betreffenden Akteur entlastend eingesetzt (in gegendiskursiven Fall für Baschar al-Assad)  [13] [14].

Gelingt der Regime Change diesmal?

Zwar ist die bisherige Ereigniskette zu Khan Sheikhoun noch zu kurz um analytisch in die Tiefe zu gehen, doch erlauben die anfänglichen Strukturähnlichkeiten zwischen den Diskurssträngen zu Al-Ghouta und Khan Sheikhoun eine Diskursprognose hinsichtlich der Entwicklung der politischen und medialen Folgekommunikation:

(a) eine Zuspitzung des Verdachts gegen Assad, (b) die weitere Ankurbelung von Gräuelpropaganda, (c) ein westlich konzipierter Entwurf für eine UN-Resolution mit  der vehementen Forderung nach russisch-chinesicher Unterzeichnung um mit „militärischen Maßnahmen“ gegen Assad vorgehen zu können.

Angesichts der politischen Verhältnisse ist zu erwarten, dass Russland gemeinsam mit China ein Veto im UN-Sicherheitsrat einlegen wird.

Entscheidend bleibt die Frage, ob die westlichen Mächte unter der Führung der USA einen Regime Change in Syrien basierend auf eigens geschaffener Legitimationsgrundlage (z.B. „Verbrechen gegen die Menschlichkeit seitens Assad“) und ohne UN-Mandat herbeibomben werden. Im Jahr 2013 konnte Russland die USA mit dem Vorschlag der Zerstörung der syrischen Chemiewaffen gerade noch von ihrem Kriegskurs abbringen und somit einen Angriff verhindern.

Welches Ass im Ärmel Russland diesmal hervorzaubern wird und ob Donald Trump entsprechend seiner zugewiesenen Bad-Boy-Rolle den Regimewechsel-Prozess  ohne Beachtung der UNO und der Vetomächte Russland und China beschleunigen wird, bleibt abzuwarten. Ein erstes Indiz für Letzteres ist der illegale US-Luftschlag (kein UN-Mandat) auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt Al-Shayrat – von dem aus die syrische Luftwaffe regelmäßig Angriffe auf Jihadisten in der Region Palmyra fliegt [15].

Quellen:

[1] Die Welt, 11.09.2013: „Ende der Maskerade“ (Frame: Weltverbrecher)
[2] Die Welt, 05.11.2013: „Massenmörder Assad hat den Westen ausgetrickst“ (Frame: Massenmörder)
[3] Süddeutsche Zeitung, 10.09.2013: „Einsamer Herrscher in der Parallelwelt“ (Frames: Kriegsherr, Philosophenkönig)
[4] Süddeutsche Zeitung, 26.08.2013: „Die rote Linie für Obamas Glaubwürdigkeit“
[5] junge Welt, 16.09.2013: „Vorkriegszeit. Obama erhöht den Druck auf Syrien“
[6] junge Welt, 18.09.2013: „Falschspieler. UN-Bericht schürt Kriegsgefahr“
[7] Spiegel Online, 14.10.2013: „Syrien tritt Chemiewaffen-Konvention bei“
[8] Wissenschaftliche Publikation, die den Giftgaseinsatz in Al-Ghouta diskursanalytisch untersucht: „Mediendiskurs Syrienkrieg. Die Wirklichkeitskonstruktionen in der Kriegsberichterstattung ausgewählter deutscher Printmedien“
[9] Die Welt, 06.04.2017: „Donald Trump hat jetzt seine eigene rote Linie“
[10] Süddeutsche Zeitung, 05.04.2017: „Was auf einen Giftgasangriff der syrischen Armee hindeutet“
[11] Frankfurter Rundschau, 05.04.2017: „Nach Giftgasangriff. Trump deutet militärische Schritte in Syrien an“
[12] Die Presse, 05.04.2017: „So sieht Russland den Chemiewaffen-Angriff“
[13] junge Welt, 06.04.2017: „Was geschah in Idlib?“
[14] Russia Today, 06.04.2017: „Syria denies & condemns use of chemical weapons – foreign minister“
[15] Die Presse, 07.04.2017: „59 Tomahawks: USA greifen erstmals das syrische Regime an“