in Politik

Von T., einer Lehrerin in Odessa, zur Verfügung gestellt von Bruce Gagnon

Seit meiner frühen Kindheit lebe ich in Odessa und liebe diese sonnige Stadt im Süden mit ihren gastfreundlichen und geistreichen Menschen. Odessa ist eine multinationale Stadt, was sich an ihren Straßen zeigt: französische und italienische Boulevards, griechische und bulgarische Straßen, moldawischer Bezirk, usw. Odessa wurde vor über 200 Jahren errichtet aufgrund eines Dekrets der russischen Kaiserin Katharina die Große als russische Hafenstadt am Schwarzen Meer. Und es wurde gebaut von französischen und italienischen Architekten, die von Katharina eingeladen worden waren. Deshalb sagt man, dass es wie Paris aussieht …

In der sowjetischen Periode gehörte Odessa zur Sowjetrepublik Ukraine – einer der 15 Republiken, die damals die UdSSR bildeten, obwohl es russisch war, von der Bevölkerung her wie auch nach der Sprache, die gesprochen wurde. Aber das war für die zahlreichen Nationen und Nationalitäten von keiner besonderen Bedeutung, da alle die gleichen Rechte hatten und gemeinsam das sowjetische Volk bildeten. In der Schule, die ich besuchte, gab es Russen, Ukrainer, Juden und Bulgarier, und das spielte keine Rolle – wir waren Bürger ein und desselben Landes.

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde die ukrainische Republik zur Ukraine, begann ihren eigenen unabhängigen Staat aufzubauen und versuchte ihre Selbständigkeit zu beweisen und ein mächtiger und prosperierender Staat zu werden. Aber daraus wurde nichts. Stattdessen schaffte es der Staat, die zwei Völker, die ihn bewohnten – Ukrainer und Russen – zu spalten und gegeneinander aufzubringen. Als Lehrerin kann ich definitiv feststellen, dass in den 23 Jahren der Unabhängigkeit eine Generation von jungen Menschen heranwuchs, die in einem russophoben Geist erzogen worden war. Das war möglich aufgrund der antirussischen Politik des Staates, welcher versuchte, die Unzufriedenheit seiner Bürger von sich auf seinen Nachbarstaat Russland zu lenken (das sogenannte „Jüngerer-Bruder-Syndrom“). Aber den Hass gegen sein Brudervolk zur geistigen Grundlage des Landes zu machen ist meiner Meinung nach absurd und ein Verbrechen gegen das eigene Volk.

Die Ukraine könnte man als einen „künstlichen Staat” bezeichnen. Wenn man sich für ihre Geschichte interessiert, dann stellt sich heraus, dass der Staat in seiner derzeitigen Form noch nicht lange existiert und aus heterogenen Teilen zusammengesetzt ist. Einer der gewichtigeren Gründe für die gegenwärtige Krise in der Ukraine besteht darin, dass die Neonazi- und russophobe Ideologie eines dieser Teile, nämlich Galizien, der gesamten Ukraine aufs Auge gedrückt wird. Die Slogans des Kiewer „Maidan“ wie „Hoch die Ukraine! – Ehre den Helden!“, „Die Nation geht über alles!“, „Tod den Feinden!“ sind die Slogans von Nationalisten und Bandera-Anhängern aus dem Westen der Ukraine. Ihre Feinde sind die Russen, und ihre Helden sind Bandera, Schukewitsch und dergleichen, die im letzten Krieg faschistische Henker waren, berüchtigt wegen ihrer ungeheuerlichen Gräuel gegen die friedliche Bevölkerung in der westlichen Ukraine.

Für Odessa, das heroisch gegen Hitler und die faschistischen Eindringlinge kämpfte, für die Krim (die „nach Russland heimgekehrt ist“) und für die gesamte südliche und östliche Ukraine ist eine derartige Ideologie inakzeptabel und holt sich eine Abfuhr. Hier gibt es viele ethnische Russen und russischsprechende Menschen, die traditionell sehr an Russland hängen. Daher begannen die Menschen in vielen Städten, darunter Odessa, an friedlichen Demonstrationen teilzunehmen und insbesondere eine Volksabstimmung über die weitere Gestaltung der staatlichen Struktur zu fordern.

Sie wollen keine Menschen zweiter Klasse sein, sie wollen in dem Land bleiben, zu dem sie gehören, sie wollen ihre eigene Sprache sprechen und in Frieden leben mit ihren russischen Nachbarn und Brüdern und mit der ganzen Welt. Aber das vom Westen – den Vereinigten Staaten von Amerika an erster Stelle und hauptsächlich – unterstützte nicht gewählte faschistische Regime in Kiew will nicht ihr Recht auf ihre Kultur und nationale Identität respektieren, worauf Konfrontation und Unterdrückungsmaßnahmen begannen. Die Propaganda der ukrainischen Medien betreibt einen Informationskrieg, die Journalisten, die versuchen die Wahrheit zu sagen, müssen das Land verlassen. Die russischen TV-Kanäle sind abgeschaltet. Gegen den Parlamentsabgeordneten Oleg Tsaryow, den einzigen Präsidenschaftskandidaten, der versuchte, die Regierung und die Weltöffentlichkeit über die Meinung der Menschen zu informieren, die im Südosten leben, läuft jetzt ein Strafverfahren, und seine Abgeordneten-Immunität wird aufgehoben.

Im Internet wurde vor kurzem das Telefongespräch zwischen Tsaryow und dem zweitreichsten ukrainischen Oligarchen Kolomoysky (von dem gesagt wird, dass er hinter der Finanzierung und Organisation der ungeheuerlichen Provokation des Massakers in Odessa steht, sowie hinter der Organisation von Straftrupps, die gegen die Freiwilligenmilizen in den östlichen Regionen der Ukraine vorgehen) veröffentlicht, in dem Kolomoysky Tsaryow und dessen Familie bedrohte. In der Folge fühlen sich Millionen Menschen im Südosten ungeschützt und suchen Schutz und Rettung bei ihren slawischen Brüdern in Russland. Aus diesem Grund wurden bei ihren friedlichen Protestmärschen die Slogans „Russland!“, „Nein zur Junta!“, „Nein zum Faschismus!“ und „Putin!“ gerufen. Diese Tausende Menschen sind weder „Separatisten“ noch „Terroristen“, als was sie oft von den pro-Kiew-Medien bezeichnet werden, es sind friedliche Bürger, die gehört werden wollen.

Die Spaltung in der Ukraine hat jetzt zu einem richtigen Krieg gegen deren eigenes Volk geführt, mit einer großen Anzahl von Opfern. Das schreckliche Massaker und die Verbrennung von Dutzenden Menschen in Odessa ist meiner Ansicht nach ein Gipfelpunkt im Bruderkrieg. Ich bin keine Politikerin, Expertin noch Ermittlerin, daher kann ich nicht exakt beurteilen, welche Kräfte hinter diesen Ereignissen stecken. Aufgrund der vielen Informationen und Kommentare, die ich im Internet gelesen habe, verstehe ich, dass es sich definitiv um eine Provokation in dem schmutzigen Spiel der großen Politiker und Oligarchen in ihrem Kampf um die Neuaufteilung der Welt, der Macht und des Geldes handelt. Jetzt verstehen nur mehr Kinder nicht, warum der Westen die Wahrheit über die Vorgänge in der Ukraine nicht sehen will, weil es um geopolitische Ziele geht. Der Kampf geht um die Hegemonie auf der Welt zwischen Russland und den Vereinigten Staaten von Amerika, und die Ukraine liegt zufällig als Schlachtfeld zwischen diesen beiden „großen Mächten“. Es ist ganz natürlich, dass Russland nicht die NATO „vor seiner Tür“ haben will und eine Marinebasis der Vereinigten Staaten von Amerika in Odessa. Auch die Russen, die hier leben, wollen das nicht.

Ob das Verbrechen in Odessa untersucht werden wird oder nicht, ist eine große Frage. Ich bin mir dessen keineswegs sicher. Es ist aber unmöglich, sich mit der Tatsache abzufinden, dass 48 Menschen aus Odessa (laut Gerüchten waren es viel mehr) bei lebendigem Leib verbrannt wurden wie in dem weißrussischen Dorf Khatyn. Wir haben ihre verkohlten Leichen im Schlaf gesehen und uns die Augen ausgeweint, wenn wir an ihr Leiden dachten. Ein derartig schreckliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat es seit dem Krieg 1941-1945 in Odessa nie gegeben. Damals kämpften meine Eltern gegen die Hitlereindringlinge, mein Vater bekam viele Orden und Medaillen, auch meine Mutter hatte zwei Medaillen – eine „Für die Verteidigung von Stalingrad“ und eine weitere „Für den Sieg über Deutschland im Großen Patriotischen Krieg“. Ich kann also nicht akzeptieren, dass Neonazismus und Faschismus, wie sie durch die derzeitige Junta (es gibt keine andere Bezeichnung für diese ungesetzliche und kriminelle Regierung) repräsentiert werden, sich in der Ukraine breitmachen. Nach dem Khatyn in Odessa wird es nie eine einzige und vereinigte Ukraine geben. Faschismus/Nazismus ist ein furchtbares Übel, und wenn es nicht sofort aufgehalten wird, wird es weiter wachsen und sich ausbreiten wie ein Krebsgeschwür.

Ich war so froh, als ich dank Olga die Gelegenheit bekam, mit dir Kontakt aufzunehmen: jetzt haben wir etwas Hoffnung, die Wahrheit über Odessa und die Ukraine zu den Menschen in aller Welt zu bringen. Ich wäre glücklich, wenn mein Brief dir zumindest ein bisschen bei deiner edlen und wichtigen Tätigkeit helfen würde, dem Kampf für den Frieden.

Erschienen bei antikrieg.com

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