in Naher Osten

Der Führer des Islamischen Staates ist tot und die westlichen Medien überschlagen sich in ihren Nachrufen mit Lobeshymnen. Eine Vaterfigur sei er für sein Volk gewesen, ein sanfter Reformer, ein Garant für Stabilität. Manch einer mag sich wundern, kämpft die westliche Wertegemeinschaft doch gerade in der Koalition der Willigen gegen die islamistische Bedrohung, die der Welt mit Hinrichtung, Folter und restriktiver Strafandrohung die Scharia aufzwingen will. Was also hat es mit den Lobeshymnen auf sich?

In der Tat ist es nicht Abu Bakr al-Baghdadi, der grausame Anführer islamistischer Terroristen im Namen eines islamischen Staates, dem die wohlwollenden Nachrufe aus Politik und Medien gelten. Schließlich hat der Führer des IS in Syrien und im Irak bislang auch keineswegs sein Ziel erreicht – nämlich die Errichtung eines Gottesstaats nach den Gesetzen der Scharia. Wer auf der Suche nach einem funktionierenden islamischen Staat ist, der muss den Blick wohl weiter gen Süden richten.

Hier, mitten auf der Arabischen Halbinsel, angrenzend an den Irak, liegt das Staatsgebiet von Saudi-Arabien. Hier befinden sich Mekka und Medina, die heiligsten Stätten des Islam. Und hier finden die Anhänger eines radikalen Islam genau die Ziele verwirklicht, für die Al-Baghdadi und der IS so grausam wie medienwirksam kämpfen. Saudi-Arabien ist ein islamischer Gottesstaat, in dem das Gesetz der Scharia herrscht.

Politisch ist das Land eine autoritär geführte, absolutistische Monarchie – eine der letzten der Welt. Sein König ist nicht nur Staats- und Regierungschef, sondern auch geistliches Oberhaupt und der Durchsetzung der Scharia verpflichtet. Dass es sich dabei keineswegs um symbolische Gesetze handelt, zeigen Jahr für Jahr die Berichte von Menschenrechtsorganisationen. Für Freedom House ist Saudi-Arabien eines der autoritärsten Regime der Welt, im Demokratie-Rating des Economist rangiert das Land auf Platz 161 von 167. Amnesty International hat Saudi-Arabien wiederholt schwerste Menschenrechtsverstöße vorgeworfen, darunter die Inhaftierung gewaltloser politischer Oppositioneller, die Unterdrückung der Meinungs- und Religionsfreiheit, Haft ohne Anklage und Gerichtsverfahren, Auspeitschungen und die Anwendung der Todesstrafe etwa für Koranschändung, Gotteslästerung oder Verderbtheit. In kaum einem Land werden so viele Menschen hingerichtet wie in Saudi-Arabien – allein zehn Verurteilte wurden dort seit Jahresbeginn öffentlich enthauptet.

Die Parallelen zu den Terroristen vom IS sind also keineswegs zufällig. Das ist auch der renommierten Washington Post nicht verborgen geblieben. Sie veröffentlichte vergangenen Mittwoch einen Tweet der Website Middle East Eye, der die Strafpraktiken von IS und Saudi-Arabien vergleicht. Das Ergebnis: Nahezu identisch.

Da mag es nicht verwundern, dass Saudi-Arabien immer wieder der Unterstützung für den IS bezichtigt wird. Geradezu zynisch erscheint es, wenn Saudi-Arabien sich nun, wie nach den Anschlägen in Paris, öffentlich als Schutzwall gegen den islamistischen Terror positioniert.

Wie auch immer, der Mann, der für all das die Verantwortung trägt, ist nun tot. König Abdullah ibn Abd al-Aziz von Saudi-Arabien erlag vergangenen Freitag einem Lungenleiden. Die Reaktionen der westlichen Wertegemeinschaft sind angesichts der Tatsachen an Doppelbödigkeit nicht zu überbieten. Die Staats- und Regierungschefs reisten, angeführt von Barack Obama, nahezu geschlossen zur Beerdigung des absolutistischen Führers des Gottesstaates an. Angela Merkel, die auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos weilte, ließ sich von Christian Wulff vertreten. Er stand in Riad Seite an Seite mit François Hollande und David Cameron. Und Präsident Gauck ließ es sich nicht nehmen, in einem Beileidstelegramm den verstorbenen König für seine Bemühungen um Stabilität im arabischen Raum zu würdigen und den Wunsch nach einer weiteren Vertiefung der freundschaftlichen Beziehungen beider Länder auszudrücken. Schließlich war Deutschland schon in der Vergangenheit nicht zurückhaltend, wenn es um gute Kontakte zu Saudi-Arabien ging. So empfing Angela Merkel 2007 König Abdullah in Berlin, wo er sich ins Goldene Buch der Stadt eintrug. Der damalige Außenminister Westerwelle ließ 2010 bei seiner Reise mit führenden Wirtschaftsvertretern nach Saudi-Arabien verlauten: „Saudi-Arabien ist ein ganz wichtiger Partner Deutschlands“. Und auch die massive Kritik von Menschenrechtsorganisationen brachte die Regierung Merkel nicht davon ab, 2013 die Lieferung von 200 Leopardpanzer an das saudische Regime zu genehmigen.

In unseren Medien bleibt all das allerdings unbeachtet. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, mit König Abdullah sei ein Heilsbringer vom Format eines Mahatma Gandhi verblichen. So beschreibt die ARD in einem herzerwärmenden Artikel König Abdullah als eine Vaterfigur, der für Stabilität steht, ein ehrlicher Mann, der Respekt verdient hat. Die BILD erklärt, „König Abdullah gehört zu den beliebtesten Monarchen in der Geschichte des islamischen Königreichs Saudi-Arabien.“ Und das ZDF unterbrach gar sein Programm für eine Sondersendung, in der der autokratische Führer des Gottesstaates, der „Menschenrechte anders interpretiert“, als eine integrative Persönlichkeit gelobt wurde. Eine Ehre, die bislang nicht vielen verstorbenen Führern islamischer Staaten zuteil wurde.

Wie sehr Politik und Medien hier die selbst propagierten Werte verbiegen müssen, um dem Volk den saudischen Partner als Gutmenschen zu verkaufen, wird umso deutlicher angesichts der Reaktionen auf die Anschläge von Paris. Während hier die Meinungsfreiheit zum höchsten Gut der westlichen Wertegemeinschaft hochstilisiert wurde, kondoliert man mit König Abdullah ibn Abd al-Aziz einem Mann, in dessen Staat zur gleichen Zeit der Journalist Raif Badawi einen grausamen Tod auf Raten erleidet. Er wurde zu 1000 Peitschenhieben verurteil, weil er sich über die saudische Scharia-Polizei lustig gemacht hatte. Natürlich ist das kein Einzelfall, weshalb die „Reporter ohne Grenzen“ Saudi-Arabiens verstorbenen König Abdullah ibn Abd al-Aziz in einer Reihe mit Muammar Gaddafi oder Kim Jong-il sahen. Aber wahrscheinlich sollten wir bei unseren Freunden in Saudi-Arabien nicht so genau hinschauen. Die eigentliche Gefahr für unsere westlichen Werte lauert schließlich weiter im Norden. Bei den Kämpfern des IS im Irak.

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick


Dein Kommentar

Kommentar

17 Kommentare

  1. Das finden die USA richtig super, ein Staat oder besser Königreich ohne Wahlen, den man rumkommandieren kann und den man voll in der Hand hat. Wenn die murren, sind die Scheichs eben weg. Da ist man auf die Idee gekommen, das überall dort zu installieren, wo es Öl gibt, Syrien, Irak, Libanon und nannte es Islamischer Staat.

  2. Der König ist tot, es lebe der König – zumal dem König die Macht von der englischen Königin garantiert und über die USA durchgesetzt wird.

  3. Am schlimmsten ist dann wirklich die Meldung in typischer ehimtückisch heuchlerischen Kirchenmanier (Artikellink) von dem Hu..nsohn Bundespaffe Gauck.

    Frauen dürfen nicht Auto fahren
    Frauen dürfen keinen Laden führen
    Regelmäßige Köpfungen und Abhacken von Gliedmaßen

    Da müssen Bundespfaffe Gauck, die Pfarrerstocher Merkel (in wulffscher Vertretung) gleich eine Schleimspur hinter sich herziehen.

    • …die Mudschaheddin in Afghanistan gegen die UdSSR gesponsort, Freiwillige dorthin rekrutiert, Koran Schulen in abgelegenen Gebieten in fernen Ländern, gleichen Glaubens gesponsort und damit die hardcore Taleban geschaffen und „palestinensische“ Terrorzellen finanziert… Indonesien. Malaysia, Philippinen…. damit waren potenzielle Gefahren im eigenen Land gebannt !!!

  4. Es bleibt zu befürchten das es einen größeren Machtkampf innerhalb der Königsfamilie geben wird. Auch der neue 79 Jahre Junge König ist gesundheitlich angeschlagen (man sagt er habe Jungheimer) und die auf ein Dutzend bezifferten möglichen Nachfolger (mit mehreren hundert Kindern/Prinzen) die alle vom Öl des Landes finanziert werden, wollen etwas mehr vom Kuchen. Die heute mehr oder weniger friedliche Existenz verschiedener Stämme könnte wieder in Gewalt umschlagen und IS wir ein solches Machtvakuum nutzen. Die guten deutschen Leopard könnten eine Herausforderung für die Region werden (ca.200 Stück…)

  5. Ein herrschsüchtiger Besserwisser mehr ist tot. Mehr nicht. Lohnt es, da große Unterschiede zu machen?

    Im Koran ist viel die Rede vom Kampf gegen die Ungläubigen. Es gab ja historisch auch laufend Streit.
    Aber am Ende ist für den Islam nur wichtig, was auch die Juden und Christen über das Schicksal der Ungläubigen im Jenseits denken:

    Koransure 3:85 „Wer eine andere Religion als den Islam sucht, von dem wird es nicht angenommen werden. Und im Jenseits gehört er zu den Verlierern.“

    Dass Pastor Gauck seinem verstorbenen saudischen Kollegen Hochachtung zollt, passt doch gut. Er glaubt doch auch, dass er die ewige Wahrheit mit Löffeln gefressen hätte!

  6. Schöner Artikel! Nur ist es nicht verwunderlich, dass IS und Saudi-Arabien ähnliche, wenn nicht gleiche Strafpraktiken anwenden, beziehen sich doch beide auf das Strafrecht der Scharia als Quelle ihrer Rechtssprechung, welche nun mal in oben genannten „Vergehen“ eindeutig ist, auch im Iran oder sonstigen Gegenden mit islamischer Strafpraxis.
    Die Ähnlichkeit beruht daher in erster Linie nicht auf einer Unterstützung durch die Saudis, sondern in der tatsächlichen Auffassung von islamischem Recht, dass als gottgegeben und nicht hinterfragbares Gesetz immer so angewendet wird, wenn es denn keine Mischformen zulässt und zivile Rechtssprechung mit einbindet.