Digitalisierung und Bahnkrise: Wie der Fahrgast die Verfehlungen jetzt ausbaden soll

Deutschland hinkt in der Digitalisierung hinterher. Nicht nur technologisch, sondern auch wirtschaftlich. Selbst das Ausland sieht dies so, wie wir berichteten. Bekannt ist unter anderem auch, dass vor allem der deutsche Mittelstand ins Wanken kommen könnte, wenn bei der Digitalisierung nicht bald nachgezogen wird. Wie jetzt im Fall der Deutschen Bahn zu sehen, betrifft der mangelnde Umstieg in Sachen Digitalisierung aber nicht nur kleine und mittlere Unternehmen, sondern gar Konzerne.

Bahnbeauftragter will Finanzmittel durch teurere Ticketpreise finanzieren

Allerdings darf dieser Umstieg nicht auf Kosten des Bürgers geschehen. Dies ist eine persönliche Meinung und der Bahnbeauftragte der Bundesregierung sieht dies offenbar anders. Denn Enak Ferlemann von der CDU fordert jetzt zur Finanzierung von Investitionen höhere Fahrpreise. Es mag ja sein, dass die Deutsche Bahn in einer Krise steckt, aber die Versäumnisse u.a. in Sachen Digitalisierung sind nicht dem Bürger anzulasten. Oder? Nun, Ferlemann weiß nur eines: irgendwoher muss das Geld kommen. Er schiebt gar der Politik die Schuld in die Schuhe. Es seien in der Vergangenheit Unsummen in den Streckenbau geflossen, anstatt die Bahnknoten in Ballungszentren auszubauen. „Da verlieren die Züge zu viel Zeit“, so Ferlemann. Nahezu im selben Atemzug soll aber nun der Bürger die Verfehlungen ausbügeln? Wie auch immer ein tragfähiges Konzept für die rund 1,5 Milliarden Euro, benötigt für Invesitionen und Nachrüstung/Umstieg in Sachen Digitalisierung, aussehen mag, für kleines Geld durch quer Deutschland soll der Vergangenheit angehören.

Ferlemann’s Vorschlag für eine Bewältigung der Bahnkrise ist jedenfalls klar auf eine Digitalisierung des Schienennetzes ausgelegt. Das soll rund 1,5 Milliarden Euro kosten und nach vollbrachter Umstellung könne dann „viel Geld gespart“ werden. „Weil auf demselben Netz mehr Züge fahren“, so heißt es. Genauere Daten konnte Ferlemann allerdings nicht liefern. Nehmen Verspätungen und Ausfälle ab? Wie viele Züge mehr können in welchem Zeitraum fahren? Wie nachhaltig ist diese Umstellung? Und das Wichtigste versäumte er zudem: wann kann der Bürger mal mit gleichbleibenden Preisen rechnen, anstatt der stetigen Erhöhung der Ticketpreise bei der Deutschen Bahn? Viele ungeklärte Fragen, zu wenige Antworten. Jedenfalls müsse sich die Bundesregierung zu der vorgeschlagenen Digitalisierung nun bekennen, fordert Ferlemann. Die Lösung liegt für ihn, wie erwähnt, klar auf der Hand. Die Bahn könne „ihre Preise anheben“ oder die „Sondertarife reduzieren.“ Quer durch Deutschland für „19 Euro“ könne auch keinesfalls der zukünftige „Normalfall“ sein. Der Fahrgastverband Pro Bahn stellt sich dabei hinter den CDU-Politiker. Deren Sprecher Karl-Peter Naumann hält eine Diskussion über höhere Preise im gesamten Verkehrswesen, nämlich, aus „ökologischen Gründen“, für durchaus „denkbar“. Naumann sieht allerdings nachhaltige Lösungen für unabdingbar. Er schlug deshalb ein System nach Vorbild der Schweiz vor, wo Straßenmaut den Bahnverkehr mitfinanziert. „Kein Fahrgastverband wird jubeln, wenn es um höhere Preise geht. Aber das System Bahn braucht Geld“, so Naumann. Zeitgleich merkt er aber auch an, dass nicht nur die Preise bei der Bahn steigen müssten, sondern auch – und vor allem – beim Straßen- und Luftverkehr.

Grüne fordern mehr Investitionen von der Bundesregierung für die Deutsche Bahn

Enak Ferlemann von der CDU dürfte dies gefallen. Es ist sicherlich nichts Schlechtes für einen Politiker, wenn ein Fahrgastverband, der eigentlich für zugunsten der Fahrgäste handeln sollte, eine Preiserhöhung grundsätzlich unterstützt. Zudem lobt er den Vorstand der Deutschen Bahn: „Wir haben einen guten Vorstandsvorsitzenden Lutz und ein gutes Vorstandsmitglied Pofalla. Ein neuer Chef macht die Bahn nicht besser.“ Entgegen Ferlemann und Naumann, halten die Grünen nichts von dem Ganzen. „Die Bundesregierung hat offensichtlich noch nicht verstanden, dass es darum geht, die Bahn attraktiver zu machen“, sagte der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Anton Hofreiter. Aus seiner Sicht müsse die Bundesregierung „deutlich mehr Geld in die Bahn investieren und gleichzeitig einen radikalen Neustart bei der Bahn voranbringen, damit das Geld sinnvoll genutzt wird und nicht versickert.“ Das hört sich weniger nach Überzeugung vom Vorstand der Deutschen Bahn an, noch nach einer Auslagerung der Kosten für diese Investitionen auf den Fahrgast. Hofreiter erkennt richtig, dass immer höhere Preise nicht dafür sorgen werden, dass mehr Menschen die Deutsche Bahn benutzen. Eher das Gegenteil sei der Fall. Ferlemann räumt seinerseits selbst ein, dass er von der Bahn immer nur höre: „Wenn ihr uns für dieses oder jenes mehr Geld gebt, wird alles besser.“ Von besser werden kann die Vergangenheit und den Ist-Zustand betrachtet aber wohl kaum die Rede sein. Und jetzt soll die Bundesregierung Milliarden investieren und bestenfalls das Geld durch Preiserhöhungen beim Fahrgast zurückholen?

Wie auch immer die Damen und Herren in Berlin sich eine Lösung bei der Bahnkrise und dem mangelnden Umstieg in Sachen Digitalisierung vorstellen, es wird bei einem der nächsten Bahntreffen wohl beschlossen werden. Vielleicht schon am kommenden Mittwoch denn dort ist das nächste Treffen angesetzt. Ferlemann selbst ist der Deutschen Bahn gegenüber nicht weisungsbefugt. Er kann lediglich zusammen mit Verkehrsminister Scheuer und dem Vorstand der Deutschen Bahn verhandeln. Neben Finanzierungsmitteln soll es bei dem Treffen auch um „deutliche Verbesserungen bei Service und Pünktlichkeit“ gehen. Vielleicht schluckt der Bürger ja dann die bittere Pille mit der Aufschrift „Preiserhöhung bei Ticketpreisen“ leichter. In jedem Fall zeigt auch diese Debatte einmal mehr: Deutschland muss in Sachen Digitalisierung Lösungen finden. Ansonsten bekommen wir von solchen Debatten nicht nur im Fernsehen oder in der Zeitung etwas mit, sondern auch beim Kleinunternehmen an der Ecke.

Autor: Thomas Schmied