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Auf der Suche nach einem parteiübergreifenden Präsidentschaftskandidaten hat Angela Merkel die Linkspartei mit größter Selbstverständlichkeit von den Gesprächen und Verhandlungen ausgeschlossen. Als Reaktion auf das selektive Demokratieverständnis der Kanzlerin hat DIE LINKE heute mit Beate Klarsfeld eine Gegenkandidatin zu Joachim Gauck aufgestellt.

Seit bekannt wurde, dass die Partei über eine alternative Kandidatin nachdenkt, zog sich der Begriff der „Nazi-Jägerin“ durch alle Medien. Das Prädikat ist ebenso schmeichelhaft wie verkürzend. Deshalb zeichnet dieser Artikel ein vollständigeres Bild vom Leben und Wirken der Beate Klarsfeld.

Eine Ohrfeige für den Bundeskanzler

Beate Klarsfeld wurde am 13. Februar 1939 in Berlin geboren und ist in Deutschland vor allem für ihr Engagement gegen unbehelligt lebende NS-Verbrecher bekannt. Mit den Folgen des Holocaust wurde sie konfrontiert, als sie 1960 nach Paris ging. In der Folge beschäftigte sie sich zunächst mit der NS-Vergangenheit des CDU-Politikers Kurt Georg Kiesinger, der von 1958 bis 1966 Ministerpräsident von Baden-Württemberg war und 1966 zum dritten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde.

Kiesinger war 1933 in die NSDAP eingetreten und bekleidete ab 1940 eine Stelle im Reichsaußenministerium. Dort stieg er bis zum stellvertretenden Leiter der rundfunkpolitischen Abteilung auf und war dort unter anderem für die Verbindung zum Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels zuständig.

Beate Klarsfeld war in Paris unter anderem als Sekretärin beim Deutsch-Französischen Jugendwerk tätig. Sie verlor diese Anstellung allerdings, nachdem sie kritische Artikel über Kurt Georg Kiesinger veröffentlicht hatte. 1963 heiratete sie den Franzosen Serge Klarsfeld, dessen Vater in Auschwitz von den Nazis ermordet worden war.

Im Rahmen verschiedener öffentlicher Auftritte versuchte Beate Klarsfeld, auf die NS-Vergangenheit Kurt Georg Kiesingers hinzuweisen. So rief sie 1968 im Bonner Bundestag „Nazi, tritt zurück!“, wurde von Sicherheitsleuten abgeführt und kurze Zeit später freigelassen.

Bevor Kiesinger am 10. November 1966 zum Bundeskanzler gewählt wurde, verschaffte sich Klarsfeld am 7. November Zutritt zum CDU-Parteitag in Berlin. Dort bestieg sie das Podium, ohrfeigte Kiesinger und rief „Nazi, Nazi!“, woraufhin sie am selben Tag in einem Schnellverfahren zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. 1969 wurde die Haftstrafe in eine viermonatige Gefängnisstrafe umgewandelt.

Engagement gegen NS-Verbrecher

Beate Klarsfeld hielt, gemeinsam mit ihrem Mann, an ihrem Kampf gegen unbehelligt lebende NS-Verbrecher fest. Auf ihr Engagement und ihre detaillierten Dokumentationen gehen unter anderem Verfahren und Verurteilungen gegen Kurt Lischka, Klaus Barbie oder Alois Brunner hervor. Darüber hinaus machte sie auf NS-Verbrecher wie Ernst Ehlers, Kurt Asche, Walter Rauff oder Josef Mengele aufmerksam.

Gemeinsam mit ihrem Mann versuchte Beate Klarsfeld 1971 den früheren SS-Obersturmbannführer und Gestapo-Chef Kurt Lischka zu entführen und an die französische Justiz auszuliefern. Lischka war unter anderem für die Deportation von 76.000 Menschen aus Frankreich verantwortlich. Eine frühere Verurteilung in Deutschland verhinderte weitere Verfahren gegen den NS-Verbrecher.

Nachdem die Entführung gescheitert war, wurde Beate Klarsfeld zu einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten verurteilt. Diese wurde aufgrund internationaler Proteste zur Bewährung ausgesetzt. Kurt Lischka blieb zunächst auf freiem Fuß, wurde erst 1980 zu zehn Jahren Haft verurteilt und 1985 vorzeitig entlassen.

1972 hatte Beate Klarsfeld den bolivianischen Aufenthaltsort des SS-Hauptsturmführers und Kriegsverbrechers Klaus Barbie („Schlächter von Lyon“) aufgedeckt. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass Barbie 1983 festgenommen und 1987 in Frankreich zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, in der er 1991 starb.

1991 setzte sich Klarsfeld für die Auslieferung des in Syrien lebenden Eichmann-Stellvertreters Alois Brunner ein, der 2001 von einem französischen Gericht in Abwesenheit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Das Ehepaar Klarsfeld sammelte Fotos von 11.400 jüdischen Kindern, die in der Zeit von 1942 bis 1944 deportiert wurden. Drei Jahre lang zeigte die französische Bahn auf 18 Bahnhöfen eine entsprechende Wanderausstellung unter dem Titel „Enfants juifs déportés de France“.

Die Deutsche Bahn verweigerte es aus „Sicherheitsgründen“, die Ausstellung auch auf deutschen Bahnhöfen zu zeigen. Der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn begründete die Ablehnung unter anderem damit, das Thema sei „viel zu ernst, als dass man sich brötchenkauend“ auf Bahnhöfen damit beschäftigen dürfe. Ein Teil der gesammelten Dokumente wurde allerdings später im Rahmen der Wanderausstellung „Sonderzüge in den Tod“ auf verschiedenen deutschen Bahnhöfen gezeigt.

Bereits zweimal ist Beate Klarsfeld für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen worden. Das für die Auszeichnung zuständige Auswärtige Amt lehnte es in beiden Fällen, einmal unter Außenminister Joschka Fischer und einmal unter Außenminister Guido Westerwelle, ab, sie zu ehren. Fischer hatte zur Begründung seiner Ablehnung gesagt, Klarsfeld gehöre nicht zur Kategorie derer, die diese Auszeichnung verdienen würden. Westerwelle verzichtete auf eine öffentliche Begründung.

Mehr als eine symbolische Kandidatur

Die Frage, ob Beate Klarsfeld eine Chance darauf hat, Joachim Gauck bei der Wahl zum Bundespräsidenten zu schlagen, ist leicht zu beantworten. Vor dem Hintergrund der Zusammensetzung der Bundesversammlung, die am 18. März zur Wahl zusammentreten wird, ist es ausgeschlossen, dass Klarsfeld zur elften Bundespräsidentin von Deutschland gewählt wird.

Für Beate Klarsfeld selber, so sagte sie gegenüber der ZEIT, ist die Nominierung vor allem eine große Ehre und eine Würdigung ihrer Arbeit. Die Linkspartei reagiert mit der Aufstellung einer eigenen Kandidatin vor allem auf den Affront durch Angela Merkel, die, ohne dies sonderlich zu begründen, darauf verzichtet hatte, DIE LINKE zu den Gesprächen über einen Nachfolger für Christian Wulff auch nur einzuladen. Die Bundesregierung zeigt damit, dass sie im Rahmen der angeblichen „Konsensbildung“ die rund fünf Millionen Bürger, die bei der Bundestagswahl 2009 für die Linkspartei gestimmt hatten, unberücksichtigt lässt. Die Kanzlerin war hierfür parteiübergreifend kritisiert worden.

Die Nominierung von Beate Klarsfeld geht trotz der geringen Erfolgsaussichten weit über einen rein symbolischen Protestakt hinaus. Die Kandidatur verhilft der mutigen und engagierten Frau, die ihr Lebenswerk in den Kampf gegen das Vergessen gestellt hat, zu der öffentlichen Wahrnehmung und Anerkennung, die ihr seitens der deutschen Politik viel zu lange verwehrt wurde.

In einem Kommentar in der Online-Ausgabe der „WELT“ sieht Henryk M. Broder das allerdings ganz anders. Für ihn ist Beate Klarsfeld „eine Rentnerin, die von einem Lebensabend in Bellevue träumt“, „die ihre „fifteen minutes of fame“ schon lange hinter sich hat“ und an die sich nur diejenigen erinnern können, die „mit Hans Rosenthal, Käseigel und Toast Hawaii aufgewachsen sind“.

Für Broder ist die Nominierung von Klarsfeld durch die Linkspartei an „Schäbigkeit und Zynismus“ nicht zu übertreffen. Positioniere sie sich so doch als eine „Antifa-Truppe, die den reaktionären Elementen in der BRD“ Paroli bieten wolle.

Dass sich Broder bei Springer über die Kandidatur aufregt und darauf aufmerksam macht, dass Beate Klarsfeld droht in Vergessenheit zu geraten, bietet mindestens zwei weitere gute Gründe für ihre Nominierung.

Das folgende Interview, das Jörg Thadeusz Ende 2010 für den rbb mit Beate Klarsfeld führte, vermittelt einen guten und einfühlsamen Einblick in die Persönlichkeit und das Lebenswerk:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=hk-oRu5tP3U[/youtube]

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Dein Kommentar

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  1. Mir ist am wenigsten klar wie man eigentlich noch Broder ernst nehmen kann. So einen unsinnigen Blödsinn, wie er ihn fabriziert liest man zum Glück nicht allzu oft.