Bruder von V-Mann Corelli: Ich glaube nicht an einen natürlichen Tod

Foto: Gedenktafel für die Opfer der NSU-Gewalttaten am Tatort des Polizistenmords von Heilbronn / Peter Schmelzle / wikimedia.org / CC BY-SA 3.0

Das Bundestagsgremium zur Kontrolle der Geheimdienste bestimmte Jerzy Montag im Oktober 2014 zum Sonderermittler im Fall des mysteriösen Todes des zu Lebzeiten so gewichtigen Thomas Richter.

Der Anwalt und Grünen-Politiker sollte den Ungereimtheiten in diesem Zusammenhang auf den Grund gehen. Im November 2015 legte Montag dem Innenausschuss seinen Abschlussbericht vor. Der Bericht unterliegt allerdings der Geheimhaltung. Lediglich eine Kurzfassung der ca. 300 Seiten erlaubt einige interessante Einblicke in die Ermittlungsergebnisse.

Darin kritisierte Jerzy Montag offen, dass der deutsche Bundesverfassungsschutz seinen V-Mann Corelli vor Strafverfolgung durch das Bundeskriminalamt (BKA) geschützt und Beweismittel vernichtet hat. In seinem Bericht geht er explizit auf die diversen Betätigungsfelder Corellis, die Unterstützung des Geheimdienstes hinsichtlich einer Neonazi-Webseite namens „Weisser Wolf“, Corellis Mitgliedschaft beim „Ku Klux Klan“, die sogenannten „NSU-CD’s“, Verbindungen zu Uwe Mundlos, die fürsorgliche Betreuung nach seiner Enttarnung sowie die Todesumstände ein.

Er kam zu dem Schluss, „dass der Tod von Thomas Richter, alias Corelli, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf eine Diabeteserkrankung zurückzuführen sei. Ein Hinweis auf ein mögliches Fremdverschulden habe sich nicht feststellen lassen.“ Die Staatsanwaltschaft Paderborn stellte das Ermittlungsverfahren ein.

Tod durch Rattengift

Jetzt die Wende. Thomas Richter, der 18 Jahre lang unter dem Decknamen „Corelli“ für den Verfassungsschutz gearbeitet und unter dem Namen Thomas Dellig auf dessen Gehaltsliste stand, könnte nun – rein theoretisch natürlich – auch an Rattengift gestorben sein. Und zwar an dem Rattengift „Vacor“.

Prof. Dr. Werner Scherbaum von der Uni-Klinik Düsseldorf schloss noch im November 2014 ein Fremdeinwirken aus. Bei seiner erneuten Aussage vor dem NSU-Untersuchungsausschuss räumte er nun jedoch ein, dass die Symptome einer Diabetes Mellitus Erkrankung Typ 1 auch von eben diesem speziellen Rattengift ausgelöst werden können.

Damals ging er von einem tödlichen Zuckerschock infolge dieser angeblich unentdeckten Erkrankung aus, an dem Thomas Richter – zufällig kurz bevor er zu den umstrittenen CD’s befragt werden sollte – verstorben sein soll. Die Staatsanwaltschaft Paderborn gibt nun ein neues toxikologisches Gutachten in Auftrag und nimmt die Ermittlungen im Todesfall „Corelli“ wieder auf.

All das muss den Brüdern von Thomas Richter wie Hohn erscheinen. In einem exklusiven Interview, das sein älterer Bruder Lothar nun der WELT gab, spricht er erstmals darüber, wie nach dem Ableben der einstigen „Topquelle“ mit den Familienangehörigen umgegangen wurde. Er spricht davon, wie er seinen jüngeren Bruder Thomas das letzte Mal im Bestattungsinstitut in Paderborn gesehen hat und wie das Bundesamt für Verfassungsschutz seinen Bruder leise, still und heimlich verbrennen und unter falschem Namen, unter seinem Decknamen Dellig, beerdigen lassen wollte. Familie und Angehörige hätten sein Grab nie gefunden. Erst auf Drängen wurde der richtige Name nachträglich auf dem Totenschein vermerkt. Auch der Bericht von Jerzy Montag bestätigt dies:

„Auf Wunsch der Abteilungsleiterin 2 des BfV wurde in der Runde einvernehmlich entschieden, Richter unter dem Namen ‚Thomas Dellig‘ beizusetzen.“

Lothar Richter weiter:

„Da sind so viele Widersprüche. Zum Beispiel: Thomas ist im Bad umgefallen und hat sich dann bis ins Schlafzimmer geschleppt. Durch den Korridor, und genau dort stand das Festnetztelefon. Da kann mir doch keiner erzählen, dass er es bei einem angeblichen Zuckerschock nicht mehr geschafft haben soll, die Tasten 112 zu drücken?“

Lothar Richter glaubt nicht, dass sein Bruder eines natürlichen Todes gestorben ist. Eine zweite Obduktion konnte er sich aber finanziell nicht leisten. Verbittert erzählt er, dass sich der Verfassungsschutz nach dem Tod seines Bruders niemals bei ihm oder seinen Brüdern hätte blicken lassen. Auch einen Zuschuss zu den Beerdigungskosten hätte es nicht gegeben. Und das, nachdem der Verfassungsschutz zu Richter’s Lebzeiten keine Kosten und Mühen gescheut hat, Richter jede auch nur denkbare Unterstützung zukommen zu lassen. Selbst, wenn man dafür Polizei und Staatsanwaltschaft unter Druck setzen musste.

Nüchtern teilte ihm das BfV schriftlich mit, dass im Amt noch diverse Dinge seines Bruders lagerten. Darunter ein Aktenvernichter, Panzermodelle, NS-Literatur und ein blauer Müllsack voller Schuhe. Darüber hinaus wären aber keine weiteren Sachen seines verstorbenen Bruders mehr vorhanden. Eine Lüge, wie man heute weiß. Festplatten, Handys, Tablets und Laptops wurden sichergestellt, mitgenommen und dann sollten eigentlich alle Daten darauf gelöscht werden. Die Bundesanwaltschaft verhinderte letztlich, dass dies wirklich geschah.

„Bis heute ist unklar, wie viele Handys, Computer, Tablets und Festplatten bei Corelli gefunden worden sind, wer sie ausgewertet hat und welche Daten darauf zu finden waren.“

Lothar Richter erfuhr von den Geheimdiensttätigkeiten seines Bruders erst im Spätsommer 2012. Durch die Medien. Nachdem Thomas Richter aufgeflogen war, hatte er nur noch über einen Chat-Dienst mit seinem älteren Bruder Kontakt und teilte ihm darüber mit, dass er Angst vor der Rache seiner rechten Freunde hätte und untertauchen müsse.

„Er hat nur geschrieben, dass er alle sechs Monate die Wohnung wechseln muss. Und dann, das war 2013, kam auf einmal eine Nachricht, dass er erst mal nicht mehr chatten kann. Das war das letzte Mal, dass ich mit meinem Bruder Kontakt hatte. Ich dachte, dass er von seinen früheren Freunden gejagt wird und er deshalb untertauchen muss.“

Am 07. April 2014 wurde „Corelli“ von seinem Vermieter und zwei Mitarbeitern des Verfassungsschutzes tot in seiner Wohnung in Paderborn aufgefunden.

Quellen:
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/065/1806545.pdf
https://correctiv.org/blog/2015/11/08/verfassungschutz-hilft-neonazi/
http://www.welt.de/politik/deutschland/article156149661/An-einen-natuerlichen-Tod-glaube-ich-nicht.html

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