Britischer Historiker in Davos: „Merkels Kanzlerschaft ist ein Totalausfall“

Der renommierte Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson hat Bundeskanzlerin Merkel ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Sie habe das Land mit hohen Energiepreisen in die Sackgasse geführt. Gleichzeitig habe ihre mangelnde Führungsstärke Europa in seiner globalen Bedeutung marginalisiert: „Merkels Kanzlerschaft war ein kolossaler Ausfall“, sagte Ferguson in einem Interview mit der „Welt“ beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Merkel werde in die Geschichtsbücher als eine Regierungschefin eingehen, die „strategisch ein Desaster“ war. Sie habe ihre Macht verteidigt, sichergestellt, dass ihre kein Rivale gefährlich werden konnte und auf ihre Popularität in der Bevölkerung geachtet. Das Land habe sie aber nicht vorangebracht.

Ferguson lehrte an Eliteuniversitäten wie Harvard und Stanford. Als Beispiele für Merkels Fehler nannte er den übereilten Ausstieg aus der Atomenergie und die verfehlte Euro-Krisenpolitik. Wegen Merkels Energiewende müssten die Deutschen nun die höchsten Strompreise in der ganzen Welt bezahlen. Der „Green New Deal“ der EU-Kommission werde dazu führen, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie noch weiter sinke.

Erst sei die Energiepolitik mit einem überstürzten Atomausstieg versaut worden, und nun würde Europa mit dem Green New Deal noch alles schlimmer machen, sagte Ferguson. Die Vorstellung, dass ausgerechnet der Green New Deal das Wirtschaftswachstum fördern könnte, sei eine der „seltsamsten Ideen, die es derzeit auf der Welt gebe“, so Ferguson.

Das europäische Projekt sei zudem nun vollends zum Erliegen gekommen, so der Wirtschaftshistoriker weiter. Es werde keine weitere Integration geben. Von Merkels Auftritt in Davos erwartet Ferguson wenig: „Merkel wird wahrscheinlich von einer multilateralen Weltordnung sprechen, von den Institutionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen worden sind. Das klingt für mich eher nach einem Märchen.“ Diese liberale Weltordnung habe in Wirklichkeit nur für kurze Zeit nach dem Fall der Mauer existiert, nämlich in den 1990er und 2000er Jahren. „Merkel gehört zu einer Dekade, die längst hinter uns liegt.“

Der Antiamerikanismus in Deutschland, dem Merkel selbst in dieser „schockierenden Harvard-Rede“ Ausdruck verliehen hätte, sei eine direkte Folge dieser historischen Ahnungsarmut. Merkel sei nicht die große Europäerin, als die sich gerne inszeniere, so Ferguson weiter. Die gravierendste Fehlleistung habe Merkel in der Flüchtlingskrise gemacht: „Erst hat Merkel die Migration komplett ignoriert und hat den Sturm in der arabischen Welt nicht wahrgenommen. Dann hat sie so getan, als sei das die Schuld anderer Nationen. Und als die Flüchtlingskrise da war, hat die Bundesregierung eine totale Kehrtwende gemacht. Die sozialen und gesellschaftlichen Folgen sind bis heute spürbar.“ Dass Merkel unter Druck gerät, ist nicht neu – auch hier haben wir über Vorwürfe von anderen berichtet.