WIKILEAKS – Enthüllung: Kindesmissbrauch in Afghanistan

Der von der breiten Bevölkerung fast vergessene Afghanistan-Krieg rückt wieder in den Fokus der Medien, nachdem vor einiger Zeit sieben US-amerikanische Soldaten und ein deutscher Soldat ihr Leben verloren haben.

Geopfert auf einem Schlachtfeld für das die Zustimmung in der Öffentlichkeit immer mehr abnimmt. Mühsam hat die westliche Politik versucht diesen Feldzug als gut und richtig zu verkaufen. Dabei gibt es in der Islamischen Republik nicht nur politische, sondern auch kulturelle Probleme und Eigenarten, die mit westlichen Moralvorstellungen unvereinbar sind. Diese sind bis heute ein fast streng gehütetes Tabu. Wohlweislich: Denn nach Bekanntwerden von abscheulichen kulturellen Traditionen würde die Zustimmung zum Einsatz am Hindukusch gänzlich schwinden.

Im Januar 2012 gingen Schlagzeilen um die Welt, britische Soldaten in Afghanistan hätten zwei zehnjährige Kinder missbraucht. Der afghanische Präsident Hamid Karsai forderte die Regierung in London auf, umgehend eine Untersuchung einzuleiten und die Schuldigen zu bestrafen. Damit hatte Karsai sicher Recht. Aber er wusste auch genau, dass es in seinem Land eine Tradition gibt, die Kritiker als Kindesmissbrauch ansehen. Auch Ausländer sind immer wieder darin verwickelt. Genannt: “Bacha Bazi”.

So birgt er politischen Sprengstoff – der von der Enthüllungsplattform WikiLeaks der Öffentlichkeit zugänglich gemachte und „vertrauliche“ Botschaftsbericht 09KABUL1651 vom 24. Juni 2009 , den die US-Botschaft in Kabul an das amerikanische Außenministerium in Washington kabelte. Nicht nur für die amerikanische, sondern auch für die deutsche Außenpolitik. So verwunderte es wohl kaum, dass in Deutschland das WikiLeak-Cable weitgehend ignoriert wurde, stand doch im Januar 2011 eine parlamentarische Entscheidung für die Verlängerung des Mandats für den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch bevor.

In dem US-Botschaftsbericht gab der damalige stellvertretende Missionschef in Kabul, Joseph A. Mussomeli, ein am 23. Juni 2009 mit dem afghanischen Innenminister Hanif Atmar geführtes Gespräch wieder. Darin ging es unter anderem um einen skandalösen Vorfall bei einer Abschiedsparty des US-amerikanischen privaten Sicherheits- und Militärunternehmens Dyn Corp im Kunduz Regional Training Center (RTC) im April 2009, eines von den Amerikanern geführten regionalen Trainingscenters, in dem afghanische Polizisten ausgebildet werden. Bei dieser Veranstaltung soll es nicht nur zu Drogenkonsum, sondern auch zum „Kauf“ von „Dienstleistungen eines Kindes“, von so genannten Dancing Boys gekommen sein. Ausländische Auftragnehmer hätten die Jungen zur Unterhaltung „gemietet“, wie die britische Zeitung Guardian berichtete. Aufgrund der Ermittlungen des afghanischen Innenministeriums wurden zwei afghanische Polizisten und neun weitere Einheimische verhaftet, die die Beschaffung der Jungen ermöglicht und dafür bezahlt hatten. Dancing Boys müssen sich oftmals prostituieren und werden zum Sex weitergereicht.

Das WikiLeak-Cable veranschaulichte weiter, wie Innenminister Atmar vor einer Publikmachung des Vorfalls warnte, weil dies „Menschenleben gefährden“ könnte. Ebenso fürchtete er nicht nur um das Image der ausländischen Sicherheitsberater sondern auch um sein eigenes Ansehen und schlug vor, dass die US-Regierung eine unabhängige Kommission einrichten sollte, um die Vorfälle zu untersuchen.

Von der afghanischen Bevölkerung ist fast die Hälfte unter 15 Jahre alt. Vor allem in den nördlichen Regionen Kunduz und Mazar i-Sharif lebt die Tradition des Bacha Bazi. Hierfür werden Jungen vom Kindes- bis zum Teenageralter von lokalen Milizchefs, Kommandeuren und Geschäftsmännern von der Straße geholt, von armen Familien für geringe Geldsummen abgekauft oder einfach entführt. Ihre „Besitzer“, für die sie gleichzeitig Eigentum und Statussymbol sind, schicken sie zu „Trainern“, zumeist Zuhältern, um sie in Gesang und Bewegung für den „Jungen-Tanz“ Bacha Bazi auszubilden. Wenn sie nach rund einem Jahr so genannte Bacchis oder Dancing Boys sind müssen sie sich als Mädchen verkleiden, oftmals schminken und bei Veranstaltungen für ältere einheimische Männer tanzen. Ihrer „Besitzer“ missbrauchen sie häufig selbst oder vermieten sie für Geld an Politiker, Geschäftsleute, Polizisten, Militärs, Warlords oder Mitglieder der Sicherheitskräfte.

Das alles ist illegal, aber Teil eines regelrechten Systems von Kinderprostitution. Bis in die höchsten Kreise der afghanischen Politik sind diese Bacha Bazi-Partys bekannt, werden aber als kulturelle Tradition entschuldigt. Aus diesbezüglichen Recherchen des afghanischen Journalisten Najibullah Quraishi entstand die Filmdokumentation „The Warlord’s Tune: Afghanistan’s war on children“, die im Februar 2010 bei ABC Australia ausgestrahlt wurde . Darin erklärt ein afghanischer Insider, dass sich nicht alle Jungen zum Tanzen eignen, dafür aber für Sodomie oder andere Praktiken.

Den deutschen Steuerzahler kostet der Hindukusch-Einsatz jährlich bis zu 430 Millionen Euro (2010). Gerade im Norden des Landes, in dem die Bacha Bazi-Praxis weit verbreitet ist, hat die deutsche Bundeswehr seit Juni 2006 im Rahmen der International Security Assistance Force (ISAF) die Führung des Regionalkommandos Nord übernommen. Die ISAF soll die afghanische Regierung bei der Herstellung funktionierender Regierungs- und Basis- demokratischer Prinzipien unterstützen und zwar unter Wahrung der afghanischen Traditionen und Kultur. Wie weit diese „Wahrung“ der einheimischen Traditionen betreffs Bacha Bazi nun tatsächlich geht, scheint hinsichtlich des aufgetauchten WikiLeak-Cables fraglich.

Auch die Tatsache, dass in dem Kindesmissbrauchs-Skandal afghanische Polizisten verstrickt sind macht dies nicht besser. Schließlich unterstützt das deutsche Bundesinnenministerium den Aufbau der Afghanischen Nationalpolizei (ANP) mit bis zu 75 Millionen Euro nicht nur finanziell, sondern mit rund 200 deutschen Beamten auch personell . Wohl aus diesem Grund blenden die deutschen Verantwortlichen den aufgetauchten WikiLeaks-Bericht weitgehend aus.

Auf Anfrage teilt das deutsche Bundesministerium der Verteidigung zu dem Vorfall, der im Cable berichtet wird, mit, dass ihm dazu „keine Erkenntnisse“ vorliegen. Zudem würde es „keinen konkreten Hinweis auf diese Praxis (Bacha Bazi/d.A.) im Verantwortungsbereich des RC North“ geben. Die Bundeswehr würde keinen Kindesmissbrauch dulden und „bei konkreten Hinweisen in geeigneter Weise dagegen vorgehen.“ Das deutsche Auswärtige Amt erklärt dazu:

„Es handelt sich bei den auf Wikileaks veröffentlichten Dokumenten um interne und als vertraulich eingestufte Berichte der US-Botschaften. Den Inhalt dieser vertraulichen Berichte kommentiert die Bundesregierung nicht.“

Das Auswärtige Amt verweist außerdem auf den Mitte Dezember 2010 vorgestellten Fortschrittsbericht Afghanistan der Bundesregierung, der Bacha Bazi zwar nicht erwähnt, in dem es aber unter anderem heißt:

„Die Menschenrechtslage in Afghanistan hat sich seit dem Sturz der Taliban 2001 verbessert, entspricht jedoch weitgehend noch nicht internationalen Standards (…) Fortschritte sind insbesondere im Bereich der Frauen- und Kinderrechte (…) zu konstatieren.“

Einem anderen Thema, das sich die deutsche Bundesregierung annehmen will, ist „Kinderrechte im Islam“. Ob dazu auch die Abhilfe der Bacha Bazi-Praxis gehört ist aus dem Fortschrittsbericht Afghanistan nicht ersichtlich.

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