Afghanistan und warum viele Menschen gehen

Hört man Afghanistan, ruft dieses kleine Wort unweigerlich Assoziationen hervor, für jeden irgend eine andere. Ob positiv oder negativ konnotiert, ob es afghanische Flüchtlinge oder stolze Krieger sind, Taliban oder riesige Mohnfelder. Und das sind nur die Assoziationen der letzten Jahre. Viele Länder die versucht haben aus Afghanistan ein Protektorat zu machen, sind letztlich an der Widerstandskraft und dem Willen der Afghanen gescheitert. Amerika, Großbritannien, Sowjetunion, ja sogar in gewissem Sinne auch Deutschland kann davon ein Lied singen.

Was auf den ersten Blick wie eine standfeste Nation, ein geeintes Volk aussieht, ist auf den zweiten Blick alles andere als das. Die einzigartige Natur mit spektakulärer Landschaftskulisse, ist auch gleichzeitig mit ein Grund dafür, dass sich über Jahrhunderte hinweg kein geeintes Volk entwickeln konnte. Die einzelnen Stämme und Ethnien die im Gebiet des heutigen Afghanistan leben, fanden in der Vergangenheit nur in Zeiten von Gefahren von Aussen zueinander und legten ihre Blutfehden zu diesem einen Zweck ab.
Mit der Gründung des modernen Staates Afghanistan kam eine weitere Dimension in diese inneren Konflikte dazu.

Die Paschtunen, die sich über die Staatsgebiete des heutigen Pakistans und Afghanistans verteilen und die Grenze (die sogenannte Durand-Linie nach Henry Mortimer Durand benannt) dazwischen nie anerkannt haben (genauso wie der Staat Afghanistan), bilden mit einem Anteil von ca. 42% die Mehrheit der Afghanen. Sie sind auch die Namensgeber des Staates: als „Afghan“ wurden die Paschtunen im persischen Sprachraum genannt, des über 2500 Jahre dominanten Reiches in der Region. Die Paschtunen sahen mit der Gründung des Staates, der zudem auch noch ihren Namen trug, eine Möglichkeit, die anderen Volksgruppen durch staatliche Mittel zu benachteiligen und auch zu dominieren.

Ausserdem verbrachte der moderne Staat Afghanistan die letzten 36 Jahre im Krieg. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen an Heiligabend des Jahres 1979 und der daraus resultierenden Besatzung bis 1989, flohen nach UNHCR-Angaben über 6 Millionen Afghanen in die Nachbarländer Pakistan und Iran. Zum Zeitpunkt der sowjetischen Invasion lebten rund 13.3 Millionen Menschen in Afghanistan, was bedeutet dass das Land fast die Hälfte der Bevölkerung vorübergehend verlor. Zwar kehrten Anfang der 1990er Jahre etwa 2.5 Millionen Menschen wieder zurück, doch dieser Prozess wurde mit dem Bürgerkrieg und dem Aufstieg der paschtunischen Taliban massiv verlangsamt.

Im Jahr 2001 folgte dann erneut eine Invasion, ausgerechnet von dem Land das nur ein paar Jahre zuvor die besten Beziehungen zu den Taliban und anderen Warlords pflegte. Im Zuge dieser Invasion gab es erneut eine Flüchtlingswelle nach Iran und Pakistan, welche sich ab Mitte 2002 wieder relativieren sollte. Zwischen 2002 und 2012 kehrten nach UNHCR-Angaben etwa fünf Millionen Menschen wieder nach Afghanistan zurück.

Damit war das Flüchtlingsproblem noch längst nicht gelöst. Millionen Kinder von Flüchtlingsfamilien sind in den letzten 36 Jahren im Iran und Pakistan auf die Welt gekommen, die ausser ihrer unmittelbaren Familie keinerlei Bezug zu ihrem Vaterland hatten. Insbesondere im Iran besuchten viele dieser Kinder die iranische Schule und gingen später einer Arbeit nach. Natürlich bekamen sie mit, dass es abgesehen von Kriegsursachen auch wirtschaftliche Gründe gab, weshalb es viele Afghanen in den Iran als Gastarbeiter zog. In Pakistan vollzog sich natürlich ein ähnlicher Prozess, mit einer grossen und bedeutenden Ausnahme: der Grossteil der afghanischen Flüchtlinge lebte in den Stammesgebieten wo der pakistanische Staat nahezu keinerlei Autorität ausübt. In diesen Gebieten gingen die Kinder entweder gar keiner Schulbildung nach, oder aber in die von Saudi Arabien gesponserten und unter Taliban-Führung stehenden religiösen Madrassen.

Heute leben nach UNHCR-Angaben offiziell noch etwa 980`000 Afghanen im Iran und 2.5 Millionen in Pakistan (registrierte und unregistrierte) als Flüchtlinge. Immerhin rund 10% der heutigen Bevölkerung.

Einem internen Bericht des US-Aussenministeriums vom August 2015 über die Rückführung der afghanischen Flüchtlinge und ihrer Integration in die örtliche Gesellschaft zufolge, liegt die Erfolgsquote nur bei 40%. Das bedeutet das 60% der zurückgekehrten Flüchtlinge nicht in die Gesellschaft integriert werden konnten, weil sie „weit unter dem Standard der anderen Bewohner liegen die in den gleichen Orten leben, was den Lebensunterhalt, Unterschlupf, Zugang zur Landbewirtung, Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen, Anerkennung von Rechten und Schutz angeht“. Diese Tatsache hätte zur Folge, dass es die weitere „freiwillige Repatriierung von Flüchtlingen eher unwahrscheinlich macht“. Und das trotz der bereits 950 Millionen US-Dollar die das US-Aussenministerium in dieses Programm gesteckt hat, wie der Bericht immer wieder betont.

Natürlich spielt Korruption in dieser schlechten Entwicklung eine enorme Rolle, die vom Weissen Haus selbst noch gefördert wurde, indem durch die CIA dem damaligen Präsidenten Hamid Karzai jahrelang enorme Summen an Bargeld zur Verfügung gestellt wurde. SpiegelOnline zitierte ebenfalls eine vom US-Kongress beauftragte Untersuchung aus dem Jahr 2011, wo man zum Schluss kam, dass viele der Milliarden für den Wiederaufbau Afghanistans „unkontrolliert versickert“ sind.

Das ist grob umrundet die Ausgangslage für viele tausend Afghanen, die den Entschluss gefasst haben das Land zu verlassen und sich auf die Reise nach einem besseren Leben begeben haben. Zudem kommen die rund 3.5 Millionen Afghanen die teilweise seit Jahrzehnten als Flüchtlinge in den Nachbarländer leben und sich bei der UNHCR als Asylsuchende registriert haben (nebst den internen Flüchtlingen die aufgrund des Krieges zwischen Taliban und NATO-Truppen fliehen).

Mein Exklusivbericht „Wir sind nicht eure Resteverwerter!“ hat für einige kritische Stimmen gesorgt, was absolut in Ordnung geht und mitunter ein Grund für jegliche Berichterstattung ist. Leider gab es auch einige Kommentare die von Unwissenheit über die tatsächlichen Umstände in Afghanistan zeugten, und insbesondere in der kritischen Zeit in der wir uns befinden nur durch Aufklärung relativiert werden kann. Mir geht es nicht darum mit dem Finger auf irgendjemanden zu zeigen, sondern auf zwei Punkte einzugehen die offensichtlich für einigen Ärger bei gewissen Kommentatoren gesorgt haben.

Zum einen geht es um den Vorwurf den der 32-jährige Almohammad mir gegenüber geäussert hat, „wir müssen den Mohn züchten damit ihr euch zudröhnen könnt“, und zum anderen geht es um die Frage oder Tatsache, weshalb Afghanistan die eigenen Ressourcen nicht nutzt um wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Nun, einer der wichtigsten Punkte ist momentan immer noch der Krieg der seit Ende 2001 tobt und das Land nach wie vor unter Besatzung steht.

Mohnanbau

Das Wichtigste gleich am Anfang: der grossangelegte Mohnanbau in Afghanistan geht auf die Zeit der sowjetischen Besatzung zurück und wurde von der CIA initiiert, um die fehlenden Milliarden US-Dollar – und das trotz der saudischen Finanzierung – für die Ausrüstung und Unterweisung der afghanischen Mujahedin (die später Warlords genannt wurden) sowie internationalen Jihadisten aufzubringen. So gab es beispielsweise in Pakistan 1979 keine bekannten Fälle von Heroin Abhängigen, nur sechs Jahre später betraf es bereits 1.2 Millionen Pakistaner.

Professor Alfred McCoy der University of Wisconsin, ist der weltweit führende Experte auf dem Gebiet der US-Verwicklung in den Drogenanbau Südwestasiens. So beschrieb er in seinem 1991 erschienen Buch „The Politics of Heroin: CIA Complicity in the Global Drug Trade„, wie afghanische Mujahedin mit US-Unterstützung die Bauern zwangen Mohn anzubauen, um „Revolutionssteuern“ an sie leisten zu können. Gulbuddin Hekmatyar, der von den USA und Pakistan am meisten bevorzugte Mujahedin und brutaler Islamist, erhielt nicht nur die meisten Waffen und Dollars, sondern gehörte 1990 zu den grössten Heroinproduzenten der Region. Die USA bezogen bereits 1981 etwa 60% des Heroins aus diesem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet.

Mit dem Aufstieg der Taliban an die Macht in Afghanistan ab Mitte der 1990er Jahre sollten die Mohnfelder zu einem religiösen Thema werden. Die Taliban bezeichneten die Züchtung von Mohn als unislamisch aufgrund der Endproduktes, doch aus Mangel an alternativen Einkommensquellen liessen sie die Produktion vorerst zu. Mithilfe des UN Drug Control Program (UNDCP) wurden alternative Möglichkeiten für die Landwirtschaft eingeführt, so dass Ende 2000 mit Freude das von den Taliban verkündete Mohnverbotsgesetz verkündet werden konnte.  Das belegen auch Zahlen aus dem Jahr 2001:

Von durchschnittlich 68`140 Hektar bewirtschafteten Mohnfelder in den Jahre 1994 – 2000, fiel die Zahl auf 8000 Hektar im Jahr 2001. Das bedeutet die Taliban haben es geschafft in nur einem Jahr die Mohnproduktion um unglaubliche 88% im Vergleich zum Durchschnittswert einzudämmen. Das solch ein Resultat nur aufgrund einer rigorosen Durchsetzung des Gesetzes vom Dezember 2000 möglich war, ist selbstredend.

Was aber auffällt, ist die Explosion des Mohnanbaus nach der US-Besatzung und dem Sturz des Taliban Regimes Ende 2001. Von 8000 Hektar stieg der Anbau im darauffolgenden Jahr wieder auf das selbe Niveau wie vor dem anti-Mohngesetz der Taliban. In den darauffolgenden Jahren stieg der Anbau auf 224`000 Hektar im Jahr 2014. Und das obwohl das Land von tausenden NATO-Truppen besetzt war und nach wie vor ist.

Um gleich die Frage vorweg zu nehmen weshalb die afghanischen Bauern überhaupt weiterhin Mohn anbauen und sich nicht dem Anbau von Weizen oder anderen Getreiden widmen: sie können es sich nicht leisten. Sie erhalten in diesem Drogengeschäft alles was sie für den Anbau von Mohn brauchen, von Samen bis zu Erntehelfer, von den Heroinproduzenten gestellt. Der UNDCP Afghanistan Bericht für das Jahr 2014 hält fest, dass pro Hektar Mohnfeld im Durchschnitt 28.7kg rohes Opium produziert werden. Kleinbauer bekommen nicht einmal die Hälfte dieser Produktion hin. Pro Hektar produzieren sie ungefähr 10 Kilogramm, wobei die meisten der Kleinbauern zwischen einem halben Hektar bis einem Hektar Land verfügen. Für 10 Kilogramm Rohopium erhalten sie wenn`s gut geht 1200 US-Dollar.  1200 US-Dollar für ein Jahr Arbeit.

Als das US-Aussenministerium gefragt wurde ob eines der Ziele der damals 13-jährigen US-Besatzung Afghanistans die „Eliminierung der Opiumproduktion“ war, bekam der Fragesteller von CNSNews keine konkrete Antwort. In einem follow-up wurde diese Frage nochmal schriftlich an das Aussenministerium gestellt, und wieder gab es statt einer klaren Antwort eine lange Erklärung, die den Schluss nahelegt, dass die Eliminierung der Opiumproduktion nicht zu den Zielen der USA in Afghanistan gehörte.

Abbau von wertvollen Mineralien

In Afghanistan verbergen sich massenhaft wertvolle Metalle wie Lithium, Gold, Eisen, Erz, Rubine, Saphire, Quecksilber, Schwefel und vieles mehr. Das an sich ist keine Neuigkeit. Man weiss seit den 1950er Jahren um viele dieser Vorkommen. In den 1970er und 1980er Jahren wurden von der Sowjetunion 650 Millionen US-Dollar für Untersuchungen und Explorationen zur Verfügung gestellt, was schliesslich zum Abbau von Kupfer geführt hat.

Das grösste Problem damals wie heute ist der Krieg. Ohne eine einigermassen intakte Infrastruktur und Sicherheit werden die Konzerne keine Investitionen tätigen. Aber sie warten wie Raubvögel auf ihre Beute, bis die US-Armee die Voraussetzungen für ihren Einsatz geschaffen hat. Der normale Afghane aber wird abgesehen von einem gefährlichen Einsatz in den Minen nichts davon haben, wie das Beispiel Kongo überdeutlich gezeigt hat.

Ob wir die Aufnahme von Flüchtlingen für gut oder schlecht halten, spielt keine Rolle. So lange die Umstände so sind wie sie sind – nicht nur in Afghanistan – werden die Menschen die nichts von der Korruption, Drogengeschäft und Raubbau haben, ihr Land verlassen.