Die syrische Armee wird sich zwischen Rakka und Aleppo entscheiden müssen

Von Jewgenij Krutikow, Quelle: www.vz.ru, Übersetzung: fit4Russland

Es liegen Berichte aus Damaskus über Erfolge der syrischen Armee vor, die sich mit Unterstützung der russischen Luftwaffe Rakka genähert hat. Aber über einen Sieg zu sprechen ist zu früh, wenn die Truppen von Assad es nicht vermögen, die „Hauptstadt des ISIS“ im Angriffssturm zu erobern. Auch scheint die Idee, Rakka zu stürmen und gleichzeitig Aleppo und Latakia zu halten, unerfüllbar.

Die syrische Regierungsarmee kommt jedoch mit Unterstützung von Russland der „Hauptstadt des ISISRakka näher, die meisten gegnerischen Kämpfer sind bereits neutralisiert worden, sagte der syrische Botschafter in Russland, Ryiad Haddad.

„Das syrische Militär ist etwa 20 Kilometer von der Stadt Atika entfernt. Was die Terrorgruppen betrifft, sie verlassen ihre Positionen. Vor allem von den Vertretern der terroristischen Gruppierungen „Dzhebhat en-Nusra“ und des ISIS, konnten wir die meisten ausschalten“,

gibt RIA Novosti seine Worte wieder.

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Der Botschafter hatte auch berichtet, dass in absehbarer Zeit die syrische Armee einen Vorstoß in Richtung Aleppo beginnen wird. „Dank der Unterstützung der Luft- und Raumfahrtkräfte der Russischen Föderation wird die Stadt von den Terroristen befreit werden“, sagte Ryiad Haddad. „In Aleppo wird die wichtigste Schlacht stattfinden und der Sieg darin zur endgültigen Niederlage aller Terrorgruppen führen“, meint der Botschafter. Der Diplomat sagte, dass die Generäle der syrischen Armee, die ihr Land nicht nur gegen gedungene Raubmörderbanden sondern gegen die dahinter stehenden westlichen Großmachtstrategien verteidigen, keine Informationen über die konkreten militärischen Pläne herausgeben. Nichtsdestotrotz wird den Worten von Ryiad  Haddad zufolge „in absehbarer Zeit ein detaillierter Plan zur Befreiung von Aleppo vorliegen“.

Am 8. Juni hat das Pentagon doch tatsächlich erklärt, das es die Bewegung des syrischen Militärs in Syrien (!) in Richtung Rakka beobachten würde. Das wird die Soldaten aber mit Stolz und Zuversicht erfüllen. Von einer Weltmacht aufmerksam beobachtet zu werden. Fishing for compliments?

Zweifelhafte Erfolge

Eine so große Stadt mit 200.000 Einwohnern mal eben so einfach zu stürmen, das wäre ein wohl sehr fragwürdiges Anrennen. Der ISIS hat sich darin zudem sehr geschickt, gut und lange befestigen können. Wenn man die Lage hier mit amerikanisch-irakischen Offensiven vergleicht (z. B. auf Falludscha und mehrmals Mossul) dann erschienen diese zu Beginn so mächtig-gewaltig wie der spektakuläre Übergang Napoleon über die Memel. Nur hatte Napoleon kein CNN dabei. Und die vorgeblich unwiderstehlichen Offensiv-Kampagnen endeten immer wieder mit unklaren und unverständlichen Schau-Kämpfen für die Kamera in unbedeutenden Vororten mit einem weiteren Abziehen von ausgesprochener Propaganda-Sieges-Symbolik. Scheinaktivitäten, viel Lärm um Nichts. Etwa so, wie das bisherige amerikanische Herumstümpern, die angebliche Bombardierung von ISIS im Irak und Syrien überhaupt.

Das Gleiche wie für den gesamten Zeitraum des Krieges in Syrien, ist auch jetzt das Hauptproblem aller Kriegsparteien: Die Knappheit des Personals. Beiden Seiten gehen insbesondere jene Kämpfer aus, die je nach Neigung statt Umbruch oder Erhalt der Heimat zu unterstützen viel lieber Deutschland erobern und heldenhafte Selfies mit einer dicklichen, älteren Dame schießen. Zu den bevorstehenden Kampfhandlungen um und in Rakka wurden die effizientesten Einheiten der Regierungsarmee und der nationalen Milizen hinzugezogen, einschließlich einer Panzer-Brigade und den „Adlern der Wüste“. Informationen über ihre zahlenmäßige Truppenstärke, die Qualität der Ausrüstung und den Ausbildungsstand der Kämpfer sind problematisch zu bekommen, da keine Statistiken, Listen und Angaben der militärischen Stäbe vorhanden sind. Diese Einheiten kämpfen in ganz Syrien schon  ein halbes Jahr am Stück ohne Unterbrechung, wie und von wem die Verletzten und Verluste in den Reihen der Kämpfer dann aufgefüllt werden ist unklar.

Die Regierungstruppen hatten bereits zuvor versucht, sich entlang der Autobahn Itrii – Al-Tabka in der Nähe von Rakka aufzustellen, erlitten jedoch dabei große Verluste. Damals war die Situation strategisch weniger günstig und treffliche Luftunterstützung gab es auch keine. Es stimmt aber auch, dass die Russischen VKS (Luft- und Raumfahrt Kräfte) in dieser syrisch weiten Distanz des Kampfes jetzt gezwungen sind, an der Grenze ihrer Reichweiten zu operieren, auch keinen Tropfen Treibstoff unnütz zu verschwenden. Die Wirksamkeit ihrer Unterstützung ist deswegen deutlich niedriger als zuvor. Hoffnungen auf die Einnahme des lokalen Flugplatzes sind unrealistisch. Gut, zwar kinderleicht einzunehmen, aber was dann? Genau wie die Luftwaffen-Base in Deir ez-Zor bliebe sie in Reichweite der ISIS-Artillerie vom anderen Ufer des Euphrat.

Übrigens, womit würde die syrische Regierungsarmee wohl den Euphrat überqueren? Es gab und gibt keine Berichte und Informationen über die Ankunft von russischen technischen Truppen (Pionier-Brückenlegekräfte) nach Syrien. Und die syrische Regierungsarmee hatte nie zuvor technische Pioniereinheiten in ihren Strukturen. Und die offiziellen Ankündigungen bleiben deswegen auf die Kommentare über die Bewegung der syrischen Armee durch die Wüste entlang der Autobahn reduziert.

Braucht man Rakka überhaupt aus strategischer Sicht?

Der ISIS denkt offensichtlich gar nicht daran, diese Position besonders aufwendig zu verteidigen. Es besteht der Eindruck, dass sie überhaupt gar nicht darauf achten, was am anderen Ufer des Euphrat gegenüber Rakka passiert. Sogar die Kurden, die ihre Offensive auf Rakka im Nordosten von einer viel günstigeren Position aus durchführen, werden vom ISIS nicht beachtet. Ein erheblicher Teil der Terroristen verließ Rakka bereits und ging in den Irak, nach Ramadi und Falludscha. Dort ist jetzt ihre wichtigste Front.

Es ist aber keinesfalls etwa so, dass die Terroristen den Gegner unterschätzen. Gerade für eine lange und blutige Verteidigung der 200.000 Einwohner-Stadt Rakka wurde eine solche Truppenstruktur zurückgelassen, die dafür ausreichend stark sein wird. Die Stadt kann leicht in ein neues, gespaltenes Aleppo verwandelt werden und die Belagerung würde sich über mehrere Monate hinziehen. Dabei ist eine Anwendung von Luftangriffen, sowohl der russischen als auch der amerikanischen im Wohngebiet nicht möglich. Die Amerikaner fliegen jetzt zwar 50 bis 60 Einsätze pro Tag als Hilfe für die Kurden. Die Wirkung davon ist jedoch praktisch gleich Null. Was militärisch Wichtiges sie dort bombardieren, warum, aufgrund welcher Daten, das ist und bleibt ein Rätsel.

Die Regierungsarmee wird nicht auf einen Frontalangriff mit großen Verlusten eingehen wollen. Das wäre ein unvorstellbarer Luxus unter den Bedingungen der Knappheit des Personals. Und die Kurden machen das schon lange nicht. Sie haben sich mittlerweile daran gewöhnt, die US-Verhaltens-Strategie zu kopieren. Sich nämlich in jeder schwierigen Situation zurückzuziehen, an einem sicheren Ort zu verstecken und die Kavallerie zu rufen. In der modernen Version die Bomber also. So kann man Städte nicht einnehmen. Nicht einmal große Dörfer.

Deswegen hat sich auch die Situation in und um Aleppo nicht verbessert. Neue taktische Siege wechselten sich ab mit neuen Ruhepausen. Lediglich ein lustiges Gemetzel, inszeniert untereinander zwischen dem ISIS und der „Demokratischen Opposition“ nördlich der Stadt im Kampf um die Versorgungsanteile aus der Türkei, hatte es  es kampfbereiten Teilen der syrischen Regierungsarmee ermöglicht, nach Rakka vorzustoßen. Das ganze Gewicht von Positionskämpfen bei Aleppo liegt jetzt auf den Schultern der solidarischen Mitstreiter, Iranern, Schiiten und syrischer Milizen.

Die Offensive in Latakia gar steht still. Ein stabiler Trend zu einer Verbesserung der Situation bleibt nur in den zentralen, westlichen und südlichen Gebieten des Landes erkennbar, wo  der Modus des Waffenstillstands und der Versöhnung wirklichfunktionieren. Es ist erstaunlich, aber die Zivilverwaltung zusammen mit den russischen Verhandlungshelfern kann mit den ehemaligen Kämpfern tatsächlich fruchtbar verhandeln, vor allem, wenn es sich dabei um die belogenen, betrogenen und so gewissermaßen verführten einheimischen Kräfte handelt. Sie hatten sich unter unglücklichsten Umständen in den von Außen angestifteten Bürgerkrieg ausgerechnet auf der Feindseite involvieren lassen.

Und man muss sich auch darüber freuen dass, völlig unerwartet auch für den voreingenommenen Beobachter, es in der russischen Armee viele fähige, in arabischen Angelegenheiten inzwischen sehr bewanderte junge Offiziere gibt, die im Stande sind, sich während solcher lokaler Verhandlungen auch um rein private Konfliktsituationen von Betroffenen kümmern zu können. Es ist einer jener Siege, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind, aber beim dann genaueren Hinsehen.

Andererseits trägt die Offensive auf Rakka, vor allem ihre positiven Ergebnisse, eine extrem starke propagandistische und ideologische Aufladung und neue Motivation.

Und genau deswegen wird dieser militärische Schritt jede Form der Unterstützung erhalten welche nur möglich zu organisieren ist. Der zunächst strategisch richtige Plan, die Verbindung mit Deir-ez-Zor zu verstärken um dann einfacher Rakka belagern zu können, wurde aus politischen Gründen abgelehnt.

Wenn man dem ISIS zwar Palmyra offensiv mittels eines Einmarsches abnehmen konnte, dann kann man in den großen Städten bei massiver Verteidigung durch die Terroristen und vor allem, wenn der Gegner Anti-Panzer-Waffen hat, lange festgefahren bleiben.

Letztendlich müssen die führenden Generalsstab-Köpfe entscheiden was strategisch wichtiger ist, Aleppo oder Rakka. Und die Antwort ist nicht ganz eindeutig.

Ja, der ISIS hat stark überdehnte Kommunikationen und eine Logistik-Krise. Aber die Regierungsarmee, tief in die Wüste eingedrungen, ist auch auf gleiche Weise betroffen.

Früher besetzten die Dschihadisten erfolgreich eine strategische Höhe, konnten mit dem Fernglas einen Abschnitt der strategischen Straßen von ein oder zwei Kilometern einsehen und tönten in die ganze Welt hinaus, dass sie angeblich „die Gruppierung von Assadisten abgeschnitten haben“.

Dann werden die Terroristen von diesem Hügel vertrieben, aber die Geschichte wiederholt sich wieder an einem anderen Straßenabschnitt. Eine unendliche Geschichte des „Abschneidens der Assad-Gruppierungen.“

Diese Bauernfänger-Taktik wird weiterverfolgt. Damaskus kann nicht im Hinterland der Straßen und oberhalb von ihnen auf den strategischen Hügeln vorbeugend große Kräfte vorhalten, es sind einfach zu wenige Menschen da. Wüste zu befreien und vorbeugend massenhaft zu besetzen ist eine unproduktive Beschäftigung.

Darüber hinaus hat der ISIS nur einen einzigen Gegner, den ganzen Rest der Menschheit nämlich. Das ist selbst Analphabeten verständlich und im Alltag praktisch handhabbar. Sieht man als Dschihadist, dass in der Nähe ein x-beliebiger Mensch auftaucht, kann man einfach auf ihn schießen, da kann nichts schief gehen. Alles Feinde ringsum.

Dagegen ist der Soldat der Regierungstruppen, z.B. bei Aleppo bisher gezwungen, genau hinzuschauen: Wer ist da alles in Sicht?

  • amerikanische Militärs, darunter Ausbilder der ISIS nahen einander bekämpfenden Moderat-Terroristen der hierbei konkurrierenden Häuser CIA und PENTAGON?
  • saudische TOW-Raketen-Lieferanten?
  • türkische Sanitäter, Ölabholer, Logistiker, Kunstschätze-Räuber?
  • ganz normale Plünderer?
  • „Demokraten“ oder
  • „Dzhebhat en-Nusra“ -Kombattanten?

Diese genannten Jungs aber vereinigen sich hie und bekämpfen einander da. Wechselweise. Aber oft und regelmäßig, da sie sich für noch schlauer als alle Amerikaner und Europäer zusammen halten. Es wird deswegen eben nie und nimmer eine dauerhafte Chance der Auseinanderhaltung der Gruppierungen in „Moderate“ und „zu Bekämpfende“, in „Räuber“ und „Gendarm“ geben, worauf die USA jedoch bestehen. Hatten sie doch einst 180 sympathisch moderate Assad-Bekämpfer auszubilden begonnen und am Ende 4-5 (Vier bis Fünf!) davon sogar an der Front einsetzen können. Als Beobachter-Lehrlinge vermutlich. Für einen Schnäppchenpreis von nur 500 Millionen Dollar. Das hört sich zwar im ersten Moment nach Viel an, ist aber letztlich doch nur eine bescheidene halbe Milliarde. In €uro gewechselt, sogar noch weniger.

„Dzhebhat en-Nusra“ erhielt neulich wieder „rein aus Versehen“ eine Vielzahl von US-Waffen. Nun, wenn wir davon ausgehen können, dass hinter den Steuerknüppeln der amerikanischen Liefer- Helikopter demente Taub-Blinde sitzen, dann können wir daran glauben, dass sie in einer solchen Regelmäßigkeit selbst idiotensichere Satelliten-Anleitung ignorieren könnten und die Fracht genau dorthin entlasten, wohin sie nicht sollte. Nicht am Euphrat oder in eine Bergschlucht, wo sie niemals und niemand jemand bekäme, sondern genau in die erwartungsvollen Hände der „Dzhebhat en-Nusra“.

Es ist noch nicht vorbei

Eine Offensive auf Rakka schiene natürlich vielversprechend, wäre aber verlustreich, langwierig und teuer. Zumal gibt es auch andere Abschnitte der Front, an denen sich ständig etwas verändert, sich bewegt und emsig umgruppiert wird. Vorzeitige Siegeserklärungen sind mittlerweile fast zu eintöniger Hintergrundsmusik-Dudelei geworden, die in letzter Zeit stark das Gehör überreizt.

Der Krieg geht nun wirklich in seine entscheidende Phase und typisch für die arabische Welt ist lautes Geschrei der Menge über den bevorstehenden, sicheren, entscheidenden und endgültigen Sieg. Eigenartigerweise jedoch klingt es nicht so sehr begeistert als denn eher enttäuscht.

Ja, der Nahe Osten hat tatsächlich für unseren Geschmack viel zu viel Emotionalität in jedoch exakt nur zwei unterschiedlichen Tönungen: Eine davon ist Schwarz …

Aber dennoch müssen wir die dortig exotische Welt mit weit aufgerissenen europäischen Augen beobachten: Rakka ist noch nicht eingenommen und Aleppo nicht der Blockade entrissen worden. Der Champagner steht aber schon im Kühlschrank. Wenn es dann so weit ist mit der Eroberung und der Aufhebung der Blockade, dann öffnen wir die Flasche.

16.06.2016