Der BND und die Colonia Dignidad

Colonia Dignidad

40 Jahre lang wurden in der deut­schen Siedlung Colonia Dignidad in Chile die Kinder der Sektenmitglieder sexuell missbraucht.  Obwohl die Sekte 2005 zerschlagen wurde, ver­suchen die Opfer und ihre Peiniger bis heute, als Kollektiv zu überleben. Erschüt­terndes Lehrstück über Vasallentreue und verdrängte Schuld.

Die Colonia Dignidad (spanisch für: Kolonie der Würde, offiziell „Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad“ / „Gesellschaft für Wohltätigkeit und Erziehungsanstalt der Würde‘“, heute Villa Baviera / bayerisches Dorf) ist ein auslandsdeutsches, festungsartig ausgebautes Siedlungsareal in Chile. Es wurde durch die u.a. während der Pinochet-Diktatur begangenen Menschenrechtsverletzungen weltweit bekannt.
Die Colonia Dignidad liegt ca. 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile in der Nähe der Orte Catillo und Parral in der VII. Region und umfasst ein Gebiet von 30.000 Hektar. Sie wurde 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer gegründet.
Gegen höchste offizielle deutsche Stellen (u.a. Regierungsvertreter und BND) kursieren erntszunehmende Beschuldigungen, die Machenschaften der Colonia bewusst gedulded und gefördert sowie gezielt vertuscht zu haben.
http://de.wikipedia.org/wiki/Colonia_Dignidad
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Gaby Weber 22.09.2011
Der Bundesnachrichtendienst hat eine rätselhafte „Notvernichtungshandlung“ mit Dignidad-Akten vorgenommen Die Geschichte beginnt 1952, als der Jugendpfleger Paul Schäfer seine Stelle als Kreisjugendwart der evangelischen Kirche verlor, weil er an Kindern homosexuelle Handlungen vornahm. Er gründete daraufhin in Siegburg eine neue Glaubensgemeinschaft, die „Private Sociale Mission“, zusammen mit dem Baptistenprediger Hugo Baar und Heinz Kuhn. 1960 eröffneten sie ein Waisenhaus, und schon im folgenden Jahr erließ das Amtsgericht Siegburg Haftbefehl gegen Schäfer wegen Unzucht mit Abhängigen. Er entzog sich seiner Verhaftung durch Flucht nach Chile, wo er in der Nähe von Parral mit den ihm anvertrauten Kindern die „Colonia Dignidad“ gründete.
Viel ist über die „Kolonie der Würde“ (später Villa Baviera) geschrieben worden. Es ging immer um Drogenmissbrauch und Folter, und vor allem um den fortgesetzten sexuellen Missbrauch durch Paul Schäfer. Doch auch in Chile schützte ihn eine unsichtbare Hand. 1973 kam der Militärputsch und die CD wurde ein Folterzentrum. Nun wurden auch, so berichteten Überlebende, Kinder den Generälen und Diplomaten zugeführt, die an ihnen ihre Phantasien ausleben können. Bis heute ist die vor einigen Jahren beschlagnahmte Kartei mit 40.000 Namen und Fotos ein Staatsgeheimnis.
Die Deutsche Botschaft unterstützte Paul Schäfer jahrelang und verkaufte in Santiago Schwarzbrot und Sauerkraut aus der „Kolonie der Würde“. Und in Deutschland rief der Waffenhändler Gerhard Mertins den „Freundeskreis der Colonia Dignidad“ ins Leben. Mertins hatte für den Bundesnachrichtendienst illegal Waffen in Krisengebiete verschoben, war aber am Ende straffrei ausgegangen. Mehrere Mal besuchte er Paul Schäfer, dessen Kolonie inzwischen in den Bergbau und in die Herstellung von chemischen Waffen eingestiegen war („Project Andrea„). Für Mertins war die Colonia Dignidad ein „Paradies“ – teilte er mir 1980 bei meinem Besuch auf seinen Gut Buschof mit. Seine Mitstreiter waren der ZDF-Journalist Gerhard Löwenthal, der Münchner CSU-Stadtrat Wolfgang Vogelsgesang und der ehemalige deutsche Botschafter, Erich Strätling. Mertins: „Vorerwähnte Herren waren in Dignidad und haben die gleichen positiven Eindrücke gewonnen wie ich.“
Mertins führte mir einen 20-minütigen Werbefilm vor, unschuldige Kindergesichter und Bienchen, und schwärmte von seinem Freund und Mitstreiter, dem chilenischen Geheimdienstchef Manuel Contreras: „Er hat ein rundes Gesicht mit weichen Zügen und macht den Eindruck, dass es ihm schwer fallen würde, eine Fliege zu töten.“ Nach dem Ende der Diktatur wurde Contreras wegen mehrerer Morde verurteilt, von „Fliegen“ war nie die Rede.
Vieles ist inzwischen über die Colonia Dignidad bekannt, die jahrzehntelange Hilfe des Auswärtigen Amtes ist bewiesen – auch wenn bisher nicht ein einziges Wort der Entschuldigung dafür gefallen ist. Schäfer starb im Gefängnis, seine Führungsclique wurde verurteilt, sein einstiger „Sprinter“, den er mit Vorliebe nachts zu sich geholt hat, Hartmut Hopp – der spätere Arzt der Kolonie und Mittäter – versucht gerade, in Deutschland unterzukommen.
Zwei Punkte sind noch unklar: inwieweit Schäfer an der Herstellung von Giftgas mitgewirkt hat, mit dem – unter anderem – der frühere Staatschef Frei ermordet worden ist. Und: welche Rolle der Bundesnachrichtendienst gespielt hat.
Dass der BND detaillierte Kenntnis von den Zuständen in der Kolonie hat, steht nicht in Frage. Dies sprach mir eines der CD-Gründungsmitglieder, Heinz Kuhn, ins Mikrofon. Kuhn bemüht sich um Aufklärung und Hilfe für die Opfer und lebt nach wie vor in Südchile. Er hielt, nicht zuletzt um Sektenmitgliedern zur Flucht ins Ausland zu verhelfen, auch Kontakte zur US-Botschaft und zum FBI. Mit Beamten des BND hat er sich „mehrfach getroffen. Da ging’s um bestimmte Fälle“, so Kuhn. „Globalmente war der BND über sämtliche Missstände in der Kolonie informiert, auch über den Fall Weisfeiler.“
Der US-Bürger Boris Weisfeiler war 1985 in der Nähe der Kolonie aufgegriffen worden und verschwand für immer. Er soll einen Geigerzähler mit sich geführt haben. Auch die CIA habe sich für den Fall interessiert. Kuhn hat dem BND alle Informationen über den Fall übergeben: „Ich hab mit den Leuten zusammen gearbeitet, in dem Sinne, dass ich ihnen immer wieder Material habe zukommen lassen.“ Ein Wolfgang Jensen habe ihn rekrutiert, der war an der Deutschen Botschaft in Buenos Aires und flog regelmäßig nach Santiago. Einmal sei er auch extra nach Argentinien geflogen, um sich mit dem BND-Residenten zu treffen. Was der ihm versprochen hat? „Unser Gespräch ging immer nur mit ganz kleinen Zettelchen und da wurden Notizen gemacht. Was die dann aus den Notizen, die ich ihnen übergeben habe, gemacht haben, das kann ich nicht wissen.“
Dignidad-Akten sind Verschlusssachen
Ich habe am 1. Februar 2009 beim BND einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt. Der wurde abgelehnt1 mit der Begründung, dass „sämtliche Unterlagen des BND Verschlusssachen“ seien. Auf meinen Widerspruch erhielt ich aus Pullach den Brief mit dem Vermerk „nur für den Dienstgebrauch“ mit der Bitte, daß man das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes abwarten möchte. Damit war ich einverstanden. Ich hatte, ein Jahr zuvor, den BND auf Einsicht in seine Eichmann-Akten verklagt – es würde ein Grundsatzurteil werden. Und das wurde es auch. Die Leizpiger Richter gaben mir Recht. Nun wollte ich endlich die Dignidad-Akten erhalten, fragte in Pullach nach und erhielt die Auskunft, dass man „alle verfügbaren Archivunterlagen“ an das Koblenzer Bundesarchiv abgegeben habe.
Doch bei meinem Besuch in Koblenz wurde mir nur ein Schnellhefter ausgehändigt mit insgesamt 22 Seiten. Blatt Nr. Eins war ein „VS Inhaltsverzeichnis zugleich Notvernichtungshandlung und Abgabequittung zu Abgabeverzeichnis 30/2004“, gefolgt von einem kurzen Brief des CDU-Politikers Heiner Geissler mit der Bitte um Aufklärung und einer nichtssagenden Antwort des BND-Präsidenten an Geissler.
Die Abgeordnete Ulla Jelpke fragte die Bundesregierung, was mit den Akten, die im Frühjahr 2009 noch nicht offenzulegende „Verschlusssachen“ waren, nunmehr passiert war und was diese „Notvernichtungshandlung“ sei? Befindet sich etwa der BND in solcher Not, weil er Mitarbeiter schützen oder die eigene Verwicklung in das Kinderbordell und die Machenschaften von Paul Schäfer verdecken will?
Bundesminister Ronald Pofalla antwortete auf die Kleine Anfrage. Ob Dokumente vernichtet oder ausgelagert wurden, könne „den recherchierbaren Unterlagen nicht entnommen werden. Aber: „Dem Antrag der Journalistin wurde entsprochen.“ Damit meinte er die 22 Blatt sowie die „Notvernichtungshandlung“ – ein Begriff der „standardmäßig verwendet (werde), um für den Fall einer schnell vorzunehmenden Vernichtung von Verschlusssachen, etwa bei der kurzfristigen Räumung einer Dienststelle im Ausland, einen Nachweis der vernichteten Dokumente zu erhalten“. Das sei hier allerdings nicht gemeint, die „Nutzung des Formulars“ habe „der Abgabe der Akten an das Bundesarchiv“ gedient.
Auch die Bundeswehr kennt solche „Notvernichtungshandlungen“, wenn zum Beispiel ein Schiff im Sinken begriffen ist und die an Bord befindlichen Geheimdokumente nicht dem Feind in die Hände fallen dürfen“. Dass der BND „im Sinken begriffen ist“ – mag ja stimmen. Aber ist der Antrag auf Freigabe der Unterlagen zur Colonia Dignidad eine kriegerische Handlung? Für das Bundeskanzleramt offensichtlich. (telepolis.de)
Quelle:
http://german.irib.ir/analysen/beitraege/item/130594-der-bnd-und-die-f%C3%BCr-folter-und-kindesmissbrauch-bekannte-colonia-dignidad