in Musik & Film

Es ist wieder so weit: Immer wieder zu Pfingsten zieht es mich und tausende weitere zahlreiche Freunde der improvisierten Musik nach Moers in den Niederrhein. Dort findet seit 45 Jahren das moers festival statt, nun schon zum elften Mal unter der künstlerischen Leitung von Reiner Michalke.

Wie jedes Jahr hatte es auch diesmal wieder unter erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu leiden, aber wieder einmal schaffte er es, ein erfrischendes, interessantes und niemals langweiliges Prograrmm zusammen zu stellen, das endlich auch wieder die jüngeren Besucher begeisterte. Was uns erwartete war kein akademischer, bourgeoiser oder gar langweiliger Jazz, sondern Combos, die spritzige und tanzbare Rhythmen mit viel Spiellaune präsentierten und allen viel Spaß machten.

Im Vorwort des Programms konnte man lesen, dass Reiner Michalke auch mit dem Festival-Programm mit Hinblick auf die Situation im heutigen Europa zeigen wollte, dass es lebenswerter sei, in einer Welt ohne Grenzen zu leben und dies ist ihm wirklich gelungen.

Grenzenlose Begeisterung mit Musik ohne Grenzen

Nicht nur „Black Sun„, das aktuelle Projekt von Cassandra Wilson, der 1955 in Jackson, Mississippi geborenen Jazz, Funk, Bossa und Bluessängerin und zweifachen Grammy-Gewinnerin mit dem Trio Harriet Tubman konnte begeistern und löste ebenso die Grenzen der Genres auf, auch Dawn of Midi aus Brooklyn, die Techno, D&B, Trance und afrikanische Rhythmen mit ihrem rein akustischem Trio mischen.

Oder Moon Hooch, ebenfalls aus Brooklyn, ein Powertrio mit zwei Saxofonen und einem Drumset, die in verschiedenen New Yorker Subway Stationen begannen und ihre Musik als „house music, but more primitive and raw“ beschreiben, was man wohl mit ungehobelt, unbearbeitet, rau und zackig übersetzen kann. Eine Einschätzung, die das begeisterte und verschwitze Publikum nur gerne unterstreichen möchte.

Entspannende Klänge zu watschelnden Pinguinen

Für den 1969 in Reykjavik geborenen Musiker Jóhann Jóhannson scheinen ebenfalls keine Genregrenzen zu existieren. Mit seinem ersten Film „End of Summer“ zeigt  er die letzten 20 Tage eines antarktischen Sommers. Während Pinguine und Eisberge in Super 8 Schwarz-Weiß Ästhetik auf der Leinwand zu sehen waren, spielte Hildur Ingveldardóttir Gudnatóttir auf dem Cello und Robert Aiki Aubrey Lowe sowohl an der Gitarre, als auch an den Percussions und sang dabei.

Dies verschmolz Jóhannson, der eigentlich von der Popmusik kommt sich aber schon früh sowohl mit improvisierter Musik als auch komponierter beschäftigte, aufgrund einer Erkrankung aber leider nicht anwesend sein konnte, mit Originalgeräuschen der Antarktis zu einer beinahe schon meditativen Melange.

Mit „The Liz“ – Book of Birds, fand ein weiteres Power-Kollektiv seinen Weg nach Moers, das sowohl innovativ als auch progressiv kurzweilig eine spannende Geschichte erzählte. Liz Kosack an den Keyboards, Liz Allbee an der Trompete und der unglaubliche Korhan „Liz“ Erel am Computer und seinen Controllern nahmen die Zuschauer mit auf die Reise ins antike Griechenland um episch multimedial in die Geschichte von Ödipus einzutauchen.

Heisses aus Cuba

David Virelles „Mbókò“ und das Harald López-Nussa Trio konnten zeigen, dass auch auf der Insel  Cuba die Zeit nicht stehen geblieben ist und die Mischung aus lateinamerikanischer Tradition, Jazz und ritueller afrokubanischer Musik begeistert.

Dazu traten noch zahlreiche andere bands und Projekte auf wie das „Subway Jazz Orchester“ aus Köln oder das „Lisbon Underground Music Ensemble“, welche alle sehens- und hörenswert waren und unisolo das hervorragende Niveau in Moers schätzen. Dazu kommen noch die einzigartigen und immer wieder außergewöhnlichen und beindruckenden morning sessions. Dort treffen sich in den Morgenstunden zum Frühstück traditionell die Musiker, die noch nicht abgereist sind mit denen, die noch auftreten werden oder während des soundchecks ein wenig jammen möchten, während das Publikum mit einem veganen Vollkornbrötchen und einem heißen Kaffee ganz nah dabei sitzen und den improvisierten Klängen lauschen darf.

Obwohl das Festival nun schon zum dritten Mal in der neuen Konzerthalle stattfand, befindet es sich leider immer noch unter enormen finanziellen Finanzdruck. Nachdem die Künstler viele Jahre in dem legendär muffigen aber sehr atmosphärischen Zirkuszelt auftraten, welches nach den 4 Tagen im Schlosspark immer wieder abgebaut wurde, konnte die neue Halle zwar eine spektakuläre Akustik bieten, jedoch nicht die erwartete finanzielle Stabilität bringen.

Trauriges zum Schluss

Deshalb gab Reiner Michalke in der abschließenden Pressekonferenz bekannt, die Auflösung seines Vertrages mit sofortiger Wirkung angeboten zu haben. Begründet wurde dies mit der finanziellen Situation des Festivals und den sich daraus ergebenden Problemen. Als künstlerischer Leiter habe er keine Lust mehr, “ viel Zeit und Kraft aufzubringen, um sich mit der angeblichen finanziellen Schieflage des Festivals auseinanderzusetzen.“ Deshalb wolle er den Weg frei machen für „eine ergebnisoffene Diskussion um die weitere Zukunft des Festivals“. Ob der Aufsichtsratsvorsitzende der Moers Kultur GmbH sein Angebot annehmen wird, steht zur Stunde noch nicht fest. Aber das Reiner Michalke das Festival weiter entwickelt hat und vor 4 ausverkauften Tagen seinem Publikum ein wunderschönes und kurzweiliges Pfingsten bescherte das viel Spaß machte, ist unbestreitbar. Wie die Zukunft des Festivals in Moers auch immer aussehen wird, eines hat er uns allen gezeigt: Jazz he can!

 

 

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