in Musik & Film

Einen grünen Hügel gibt es  Recklinghausen. Im Stadtgarten. Auch finden dort Festspiele statt. Alljährlich. Wie in Bayreuth. Nicht der einzige Unterschied zu Bayreuth jedoch ist allerdings zugleich der wesentlichste von gleich mehreren: Die Ruhrfestspiele Recklinghausen, die Stadt im gleichnamigen größten Kreis der Bundesrepublik Deutschland, geht es nicht annähernd so glitzernd-elitär zu, wie es in Bayreuth zu sein pflegt. Und das ist auch gut so. Das Festival in Recklinghausen ist geerdet. Menschen und die Kunst stehen dort im Mittelpunkt. Es findet ein Dialog statt. Das ist mehr als sechzig Jahrzehnte gute Tradition dort. Die Ruhrfestspiele sind nicht nur eines der ältesten, sondern auch auch eines der größten und noch dazu renommiertesten Theaterfestivals Europas.

„Kohle für Kunst – Kunst für Kohle“

Den Grundstein für dieses äußerst beliebte Festival wurde nicht lange dem verheerenden Zweiten Weltkrieg von Kohle-Kumpeln aus dem Ruhrpott und Theaterleuten der Hansestadt Hamburg gelegt. Im bitter kalten Winter des Jahres 1946/47 standen die Hamburger Theater vor der Schließung. Sie verfügten über kein Heizmaterial mehr. Unmöglich Kohlen für die Beheizung ihrer Bühnen aufzutreiben. In ihrer Not fuhren Abgesandte der Hamburger Theater samt Bühnenverwaltungschef daraufhin mit einem Holzvergaser-LKW ins Ruhrgebiet. Auf den dortigen Kohlenzechen wollten sie um Hilfe ansuchen. Doch legal war an kein Brikett zu kommen. Doch schließlich sollten die Theaterschaffenden Erfolg haben. Die Kumpel der Zeche König Ludwig 4/5 halfen. Unter geschickter Umgehung der Kontrolle seitens der Besatzungsmächte wurden die LKW von den Ruhrpottkumpeln mit Kohle beladen. Diese noch einige Male, bis zu ihrer Entdeckung wiederholten illegalen Aktionen, halfen, die Hamburger Theater wieder warm zu bekommen. Aus tiefer Dankbarkeit über die Kohle-Hilfe reisten im Sommer 150 Hamburger Theaterschaffende ins Ruhrgebiet. Sie gastierten unter dem Motto “Kunst gegen Kohle” vom 28. Junie bis zum 2. Juli 1947 im Städtischen Saalbau Recklinghausen. Eine allzu menschliche Geschichte. Diese Menschlichkeit atmet das Festival noch heute.

Unweit des heute verrottenden Saalbaus wurde das Ruhrfestspielhaus auf besagtem grünen Hügel im Stadtgarten von Recklinghausen erbaut. Seither finden jedes Jahr unter dem Motto „Kohle für Kunst – Kunst für Kohle“ die Ruhrfestspiele Recklinghausen statt. Diesmal vom 1. Mai bis 15. Juni 2014. Mehr zur Entstehung der Ruhrfestspiele und weiteres Wissenswertes finden Sie hier (via Wikipedia; das Porträt des Festivals hier).

Vorverkauf läuft

In diesen Tagen läuft bereits der Vorverkauf für die diesjährigen Ruhrfestspiele. Auch im Jahre 2014 steht das Festival wieder unter einem Motto. Diesmal lautet es INSELREICHE. Land in Sicht – Entdeckungen“.

Wie Festivalleiter Dr. Frank Hoffmann mitteilt, „nehmen die Ruhrfestspiele die Besucher vom 1. Mai bis 15. Juni 2014 mit auf eine faszinierende Expedition.“ Im Fokus der Spielzeitreise stünden, so der Luxemburger in seiner Spielzeit-Aussicht, „Inseln – sowohl im geographischen als auch metaphorischen Sinne.“

Die Ruhrfestspiele 2014 richten den Scheinwerfer weg vom Zentrum Europas, das er in der vergangenen Spielzeit beleuchtet hatte, hin auf die Peripherie des Kontinents. Im Mittelpunkt stehen heuer „herausragende literarische Werke aus Irland, Großbritannien, Sizilien, Japan, Australien, der Karibik und der Iberischen Halbinsel. Wahre Neuentdeckungen sind versprochen. Auf den verschiedenen Bühnen werden Werke bedeutsamer Autoren wie Samuel Beckett, Fernando Arrabal oder James Joyce zur Aufführung gebracht. Wirken sollen sie „im literarischen Kosmos wie schöpferische Inseln – mit ihren ganz eigenen Sprachen und eigenen Weltentwürfen“.

Die Ruhrfestspiele eröffnen mit dem „Inselwerk“ der Weltliteratur. Nämlich Shakespeares „Der Sturm“ als Premiere. Avisiert ist diese Aufführung als  elektrisierende Produktion. Wie jedes Jahr reisen auch 2014 abermals renommierte internationale und nationale Theater mit ihren Inszenierungen nach Recklinghausen. Aus „dem nahen Westen“ werden das „das Abbey Theatre und das Gate Theatre aus Irland“ sein. Aus dem fernen Osten kommt das „Tokyo Metropolitan Theatre aus Japan. Zeitgenössische Autoren wie Owen McCafferty, Dennis Kelly und Florian Zeller sollen „die Ruhrfestspielbesucher mit auf verstörende Expeditionen zu den Abgründen und Tiefen der menschlichen Seele“ nehmen. International bekannte Schausspielgrößen wie Isabelle Huppert, Charlotte Rampling (die letztes Jahr bereits kommen wollte, jedoch wegen Dreharbeiten zu einer TV-Serie hatte absagen müssen) und Michael Gambon – bekannt als „Dumbledore“ in den „Harry Potter“-Filmen -, kommen und verheißen interessante Theateraufführungen. Der große Maximilian Schell ist mit einer Lesung dabei. Im Bereich Kinder- und Jugendtheater gibt es interessante Angebote. Sie sollen den Theaterbesuchernachwuchs in „ungeahnte Welten“ führen.

„INSELN SIND DIE WELT. INSELN SIND DIE KUNST“ (aus dem Grußwort zum Festival)

Frank Hoffmann (ein Porträt des Festivalchefs finden Sie hier) in seinem Grußwort:

„Von Inseln sind im Theater Revolutionen ausgegangen. So die, die der Sizilianer Luigi Pirandello im europäischen Theater angezettelt hat. Auch Lampedusas Gattopardo erzählt von der (Un-)Möglichkeit von Revolutionen auf Inseln.“ (…) „Die Ruhrfestspiele sind reisefertig. Im Gepäck haben sie noch brisante Uraufführungen, ein schillerndes Musikprogramm, eine schneidige Kabarettauswahl und ein farbenreiches Angebot für Kinder und Jugendliche.“

Eine Aura, die gut tut

Als langjähriger Besucher der Ruhrfestspiele kann ich nur bestätigen: Wer einmal da war, der kommt immer wieder ins liebenswerte Recklinghausen zurück. Und das betrifft Besucher wie Künstlerinnen und Künstler  wohl gleichermaßen. Das Anziehende sind nicht nur die jeweiligen Aufführungen, sondern das einen empfangende allgemeine Flair. Das Festspielhaus mit seiner Transparenz vermittelnden Glasfassade auf dem grünen Hügel – die Bäume der Umgebung spiegeln sich darin – sozusagen inmitten der Natur. Vor und nach den Aufführungen lädt die Umgebung zum lustwandeln ein. Für gastronomische Genüsse ist rund um das Festspielhaus und die Theaterzelte gesorgt. Wenn das Wetter mitspielt, kann man draußen sitzen, sich vor den Aufführungen stärken, oder nach ihnen über die gesehene Inszenierung diskutieren. Es umfängt geradezu eine Aura, die gut tut. Es entsteht schon eine gewisse Vorfreude auf den kommenden Sommerurlaub. Ein Ausflug hinunter in die Altstadt Recklinghausens mit ihren Fachwerkhäusern, Kirchen und Einkaufstraßen ist empfehlenswert.

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen sind – oder werden – für einen ganz einfach zum MUSS. Doch wer im Mai oder auch im Juni dabei sein will, muss früh aufstehen und schon im Januar Tickets buchen, bzw. sofort via Internet kaufen. Denn schnell – so lehren es die Erfahrungswerte – sind die besten Kulturhappen (wenn man es denn einmal so leicht schnodderig ausdrücken darf) weggeschnappt. Theater- und Kabarettaufführungen ausverkauft. Wer zu spät kommt, den bestraft – frei nach Gorbatschow – bekanntlich das Leben und muss in die (TV)-Röhre gucken. Was ohnehin kein Ersatz für die Aufführungen der Ruhrfestspiele sein kann.

Inwieweit die österreichischen Leserinnen und Leser dieser Zeilen schon etwas von den Ruhrfestspielen Recklinghausen gehört haben oder sie gar schon besucht haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Also wer die Möglichkeit hat im Mai oder Juni mal hier vorbeizuschauen, der wage es! Es ist ein Erlebnis. Und zwar rundum. Eine Warnung dennoch: Wer auf dem Ruhrfest  in Recklinghausen diejenigen zu treffen hofft, die sich alljährliich vor dem Bayreuther Festspielhaus vor diversen Kameraojektiven in neuester Mode posieren und sich für wichtig halten – sich womöglich selbst wie ein Pfau in der Menge  zu spreizen gedenkt – ist auf dem grünen Hügel des Ruhrpotts fehl am Platze. Das walte Hugo! Das größte Festival dieser Art in Europa ist dafür eines zu anfassen. Es atmet Menschlichkeit und schreibt Kultur und Kunst ganz groß.

Dr. Frank Hoffmann: „Kommen Sie zahlreich!“

Apropos Pfau! Einen solchen hat es auch. In Wurfweite des nach dem letzten Umbau nicht nur architektonisch transparenten Festspielhauses (herrlich der gläserne, zum Eintritt geradezu einladende Anbau). Dieses Pfauentier pflegt manchmal kabarettistische Aufführungen im dafür aufgestellten blauen Zelt zu überschreien. Was ab und an zu einiger Heiterkeit bei Publikum zu witzigen Extemporés seitens der Kabarettisten führt. Doch gesiegt haben noch immer die Kabarettisten. Ob es nun Hagen Rether oder der unvergessene Dieter Hildebrandt waren.

Was bleibt noch zu schreiben? Vielleicht dies: Dr. Frank Hoffmann rief vergangenes Jahr dem Publikum nachdem der 1. Mai-Umzug – die Kumpel von der Grubenwehr voran – am Festspielhaus eingetroffen war und er zusammen mit dem Betriebsratsvorsitzende der Zeche „Auguste Victoria“ die Ruhrfestspiele traditionell die Ruhrfestspiele eröffnete zu: „Kommen Sie zahlreich!“ Nach dieser Eröffnung gibt es dann auch am 1.  Mai 2014 wieder ein großes Volksfest bis in den Abend hinein. Hunderttausende Menschen strömen dann zum  grünen Hügel Recklinghausens hinaus. Es werden  kulinarische internationalen Speisen angeboten. Vereine stellen ihre Angebote vor. Die Familien können sich bei  Sport und Spiel, Musik, Kabarrettbeiträgen und vielem anderen mehr prächtig amüsieren.

Der Spielplan der diesjährigen Ruhrfestspiele mit Möglichkeiten der Kartenbestellung und Kontaktmöglichkeiten.

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