in Medien

Von Roman Berger – Die schwerste Krise seit dem Ende des Kalten Krieges ist in einem Land ausgebrochen, das auf der politischen Weltkarte bis vor kurzem kaum wahrgenommen worden ist.

Bilder aus der Ostukraine: Panzer mit russischen Fahnen fahren durch die Stadt Kramatorsk. Auf den Fahrzeugen bewaffnete Männer in Kampfanzügen ohne Abzeichen. Sind es russische oder ukrainische Panzer? Haben ukrainische Truppen freiwillig die Seiten gewechselt, oder wurden sie dazu gezwungen? Wer hat die Männer geschickt? Die Lage ist unübersichtlich. Erst einige Tage nachdem über die Ereignisse in Kramatorsk berichtet worden war, war es sicher, dass ukrainische Truppen freiwillig übergelaufen waren.

Zu Beginn der Krise im letzten Herbst schien alles klar zu sein: Friedliche «proeuropäische» Demonstranten kämpften gegen den korrupten «russlandtreuen» Präsidenten Viktor Janukotwitsch. Viele westliche Journalisten logierten im Hotel «Ukraina», wo sich ein «Pressezentrum der Opposition» etablierte. Kaum ein Journalist entfernte sich vom «revolutionären» Maidan, um sich ein Bild von der Lage im Land zu machen.

Alte Feindbilder

Der Konflikt in der Ukraine fand medial im traditionellen Ost-West-Schema statt: «Hier der gute Westen, dort der finstere Herrscher und das dunkle Russland. Fortschritt gegen Korruption,» meint der Osteuropahistoriker Simon Weiss (Universität Heidelberg).

Die Berichterstattung fiel entsprechend einseitig aus. In den ARD-Nachrichtensendungen waren in der Zeit von November bis Februar fast 80 Prozent der Interviewpartner Regierungsgegner (Medienmagazin «Zapp» NDR). Ein beliebter Gesprächspartner war der Deutsch sprechende Boxer Vitali Klitschko, der zu einer Art Galionsfigur stilisiert wurde, obwohl er nur einer von mehreren Oppositionsführern ist.

Personalisierte Krise

Erst nach dem Sturz von Janukowitsch gab es kritischere Töne. Jetzt tauchte der Name «Swoboda» in den Medien auf, weil die nationalistische Partei mit diesem Namen prominent in der Übergangsregierung vertreten ist. Und spätestens seit Putin die Halbinsel Krim annektiert hat, erhält der Ukraine-Konflikt eine neue Dimension: Jetzt stossen die «Russland-Versteher» und «Russland-Kritiker» aufeinander.

Die Krise wird personalisiert: Der deutsche «Spiegel» titelt: «Der Brandstifter – Wer stoppt Putin?» (Spiegel, 10. März 2014) . Vor wenigen Monaten war der gleiche «Brandstifter» noch ein Feuerwehrmann, als Putin nämlich Verhandlungen über die Vernichtung der syrischen Chemiewaffen ermöglichte und so den USA eine militärische Intervention in Syrien ersparte.

Fallschirmspringer statt Korrespondenten

Zur Berichterstattung über die Ukraine-Krise wurden die Journalisten eingeflogen. Viele von ihnen waren zum ersten Mal in der Ukraine und mussten aus dem Stegreif über dieses komplexe Land informieren.

Der «Parachute-Journalismus» ist eine Folge der drastischen Einschränkung der Auslandsberichterstattung. Zu beobachten war das in Moskau, wo in den 90er Jahren die Anzahl der westlichen Korrespondenten mit jedem Jahr schrumpfte. Anstatt die Berichterstattung über die 15 neuen unabhängigen Staaten der Ex-Sowjetunion auszubauen, begannen viele westliche Medien ihre Korrespondentenbüros zu schliessen.

Amerikanische Fernsehstationen reduzierten ihre gesamte Auslandsberichterstattung mit der Begründung: Der Westen hat den Kalten Krieg gewonnen. Die Welt ist weniger gefährlich und deshalb weniger «newsy» geworden. Der bekannte US-Politologe Samuel Huntington unterstützte diese Rückzugsbewegung: Nach dem Verschwinden der Sowjetunion brauche die alleinige Supermacht USA zwar eine «neue Mission». Doch Aussenpolitik könne die Öffentlichkeit jetzt mit ruhigem Gewissen den Profis in der Regierung und einer gut informierten Elite überlassen.

Unter dem Spardruck der Verleger begannen auch europäische Medien, viele Aussenposten zu schliessen. In Moskau verzichteten Zeitungen wie die deutsche «Die Zeit», das «Handelsblatt» oder der Zürcher «Tages Anzeiger» auf ständige eigene Korrespondenten, obwohl diese Blätter von weiterhin profitablen Verlagen herausgegeben werden. Auf den Redaktionen selber machte sich angesichts der Stagnation unter den Putin-Jahren auch eine gewisse Russland-Müdigkeit breit.

Konfliktparteien im Informationskrieg

Der Abbau der Auslandsberichterstattung ist ein schleichender, für die Leserschaft nicht sofort erkennbarer Prozess. Seine Auswirkungen werden aber in Krisensituationen wie der jetzigen spürbar. Je weniger Reporter vor Ort recherchieren, desto leichteres Spiel haben die Konfliktparteien, die sich im Kampf um die Deutungshoheit einen harten Informationskrieg liefern.

Ein Beispiel: Die ukrainische Übergangsregierung macht Ex-Präsident Janukowitsch und den russischen Geheimdienst für das Massaker vom 20. Februar verantwortlich, dem über hundert Menschen zum Opfer gefallen sind. Das russische Staatsfernsehen berichtete sofort nach dem Blutbad, dass auch Scharfschützen aus dem Hotel «Ukraina» geschossen hätten, das an jenem Tag fest in der Hand der Opposition war.

Die Informationen aus russischer Quelle galten als unglaubwürdig. Erst Wochen später weckten Recherchen des ARD-Magazins «Monitor» Zweifel an der offiziellen Version der neuen Regierung und stützten die These, dass auch die Opposition am Blutbad beteiligt gewesen sein könnte. Die «Monitor»-Recherchen wurden aber in den grossen europäischen und amerikanischen Medien kaum zur Kenntnis genommen.

Oder: Seit dem Beginn der «antiterroristischen Operation» gegen die Separatisten sind die Scheinwerfer der westlichen Medien auf die Ostukraine gerichtet. Den pro-russischen Kräften wird vorgeworfen, sie hielten sich nicht an das Genfer-Abkommen, das die Freigabe der besetzten Gebäude und das Niederlegen der Waffen verlangt. Aus dem Blickfeld verschwunden sind «Swoboda» oder der «Rechte Sektor», die ebenfalls bewaffnet sind und Gebäude sowie Strassen in Kiew besetzt halten.

Auch Osteuropaforschung reduziert

Weil sie weniger Auslandskorrespondenten beschäftigen, sind die ausgedünnten Redaktionen immer mehr auf Experten angewiesen. Osteuropahistoriker sind zurzeit gesuchte Interviewpartner. Aber auch sie haben die Zeitenwende zu spüren bekommen. Zahlreiche Lehrstühle wurden als überflüssig bezeichnet, nicht mehr besetzt und ganze Institute sind geschlossen worden.

Die Begründung lautete ähnlich wie beim Abbau der Auslandsberichterstattung nach dem Ende des Kalten Krieges: «Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Ost- und Ostmitteleuropa und die überraschend leichte deutsche Einigung hatten zu der weit verbreiteten Annahme verleitet, dass sich Politik und Wirtschaft des gesamten postkommunistischen Raums von der Oder bis zur Beringstrasse der euroatlantischen Norm angleichen würden.» (Manfred Sapper. Die Krise der deutschen Russlandexpertise. Osteuropa 6-8, 2012).

Wenn es in den neunziger Jahren noch eine Beschäftigung mit dem Raum des ehemaligen «Ostblocks» gab, dann unter der Prämisse «Transition to Democracy». Doch diese Grundannahme hat sich als falsch erwiesen. Die Wirklichkeit in Russland und im postsowjetischen Raum hat sich nicht an diese Erwartungen gehalten.

Grosse Wissenslücken

Transformationsprozesse erfolgen eben nicht geradlinig und über Nacht. Es kann auch autoritäre Rückwärtsentwicklungen geben, wie das unter Putin zu beobachten ist. Dies unvoreingenommen zu vermitteln heisst aber nicht, Korruption oder Wahlbetrug zu billigen, wie den «Russland-Verstehern» vorgeworfen wird, sondern eben die Entwicklung kritisch zu beobachten.

Aber dazu fehlt immer mehr das Wissen, wie Hans-Henning Schröder (Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin) klagt. Weder Universitäten noch Institute seien fähig, aktuelle Entwicklungen in der Innen- und Aussenpolitik, der Wirtschaft und Gesellschaft Russlands einzuordnen, zu erklären und Handlungsoptionen zu entwickeln, meint der bald pensionierte Osteuropa-Experte. (Russland-Analysen Nr. 250, 2013).

In den Medien wird das «Phantom Putin» dämonisiert. Wichtiger wäre es, mehr Fakten zu kennen. Zum Beispiel, wie der ehemalige KGB-Offizier, protegiert von Russlands Demokraten der ersten Stunde, Anatoly Sobtschak und Boris Jelzin, seine politische Karriere beginnen und Präsident werden konnte. Oder, wie sich die russische Gesellschaft in den letzten Jahren verändert hat und warum der Kremlchef in der Bevölkerung so populär ist. Dazu fehlen auf Feldforschung beruhende Studien.

Ukraine lange übersehen

Noch grösser sind die Wissenslücken über die Ukraine. Der deutsche Ukraine-Experte Andreas Umland konstatierte vor zwei Jahren: «Die Ukraine ist das grösste Land Europas. Doch in den Medien und in der politischen Debatte ist die Ukraine ein Randthema.» (Andreas Umland: Weisser Fleck. Die Ukraine in der deutschen Öffentlichkeit. Osteuropa 6-8, 2012).

Der damals in Kiew lehrende Umland warnte, Kiew habe im postkommunistischen Osteuropa eine geopolitische Schlüsselfunktion inne. Die geringe Aufmerksamkeit für die Ukraine könnte Folgen für die (deutsche) Aussenpolitik haben. Denn: «Ob die politische Nationsbildung der Ukrainer erfolgreich sein oder scheitern wird, beeinflusst die nach dem Ost-West-Konflikt entstandene Sicherheitsstruktur in Europa.»

Warum tauchten solche Warnungen nicht rechtzeitig auf den Radarschirmen in Brüssel, Berlin oder Washington auf? Viele Fehleinschätzungen, die zur aktuellen Krise führten, hätten vermieden werden können.

Erschienen bei www.journal21.ch

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11 Kommentare

  1. Die Informationen aus russischer Quelle galten als unglaubwürdig?
    Nee mein lieber, wer diesen ganz Zinnober einigermaßen verfolgt hat, dem ist sofort klar, wie unglaubwürdig unsere verlogenen Politiker zusammen mit dem Medieneinheitsbrei istr und war !

  2. Die durchschnittliche breite Masse ist sicher schlecht informiert. Ursache: Die Mehrheit der Medien ist zur Schafherde verkommen. Irgend ein Leithammel schreit und die Herde hinterher. Brauchbare Informationen gab es immer man musste diese einfach etwas suchen entsprechend wahrnehmen und einordnen. Werkzeug:
    Eine Reihe von Infos und Fakten nach Relevanz analysieren gewichten, abgleichen, einordnen. Daraus ergibt sich ein brauchbares Grobrasterbild mit einer aussagekräftigen Stossrichtung. Die aktuelle Globale Lage hat sich bereits ab beginn der 90 iger Jahre abgezeichnet. Russland- China gegen den Westen. Da hat sich schleichend eine lange Front aufgebaut. Russland, Iran, China, Korea, mit variablen Abgrenzungen.

  3. Übrigens, aktuell:
    „38 people die after radicals set Trade Unions House on fire in Ukraine’s Odessa — 38 Menschen sterben nachdem Radikale das Gewerkschaftshaus in Odessa in der Ukraine in Brand gesetzt haben“
    http://soz-net.neue-mitte-mv.de/display/stop_big_brother/224010?f=&redir=1

    Ja einige der Bürger für Autonomie hatten ja ebenfalls Gebäude gestürmt; aber so richtig Tod und Zerstörung, dafür stehen die Radikalen des Maidan, die „Freiheitskämpfer der US und EU“.
    Ob die Merkel sich wohl ihr Haus auch in Brand setzen lassen will, oder sollen dann die „Bullen“ schießen?

    Zeit für Veränderungen. Schluss mit Merkel&Co. und Washingtons Arschkriechern!

      • Ja den Artikel würde ich ebenfalls empfehlen. Russland wird in der Tat in eine missliche Situation manövriert und wieso man den USA irgendwie trauen kann, ist absolut unverständlich; den USA oder US-geführter NATO trauen – entweder man ist ein trojanisches Pferd, oder Idiot oder die eigenen Oligarchen sind wieder und noch hinter den Kulissen aktiv.

        Es war doch klar, dass das Imperium und die Strippenzieher auch mit einem Atomkrieg pokern, wenn die eigene Macht gefährdet scheint – eben letztendlich auch die „Wolfowitz-Doktrin“, wie Paul Craig Roberts richtig feststellt.

      • Da scheint Paul Craig Roberts wohl leider Recht zu bekommen damit, dass Russland provoziert werden soll eingreifen zu müssen nach den letzten Meldungen (auch zu lesen bei Stop Big Brother):

        Scharfschützen aus Kiew auf Dächern in Kramatorsk, viele Tote, vor allem unter Zivilisten oder „RightSector putting people on knees and shooting in back of head at Kramatorsk“ (also Rechter Sektor zwingt die Leute auf die Knie, um ihnen dann von hinten in den Kopf zu schießen).

      • „Ukraine Kramatorsk 02.05.2014 Italienischer Söldner beim Genozid“

        das und andere Videos oder Bilder und Meldungen bei Stop Biog Brother – falls es jemanden interessiert außer der Feststellung „Wir sind schlecht informiert“ ;)

    • Bei den Toten sind bisher übrigens bisher 8 von denen identifiziert, welche vom Rechten Sektor im Haus der Gewerkschaften verbrannt wurden bei lebendigem Leibe als weiteres Verbrechen, denn das ist nicht das erste Haus, was in Brand gesetzt wurde, um die Menschen darin zu töten. Was ist auch von US-geleiteten Faschisten zu erwarten.
      Bisher waren keine Russen unter den Opfern.
      Aus einem Krankenhaus wurde von Überlebenden per Telefon gesagt, dass Militante des Rechten Sektors von Kharkov nach Odessa gekommen waren und dort zuerst das Zentrum der Stadt attackierten, um dann das Anti-Kiew Camp anzugreifen. Das sind die nächsten Folgen der Mobilisierung des Rechten Sektors und Teil des jetzt mit von den USA geplanten Chaos.

  4. Wer besser informiert sein will:

    http://soz-net.neue-mitte-mv.de/profile/stop_big_brother?f=&category=Ukraine

    „Украинских силовиков вынудили отступить – Ukrainian security officials forced to retreat – Ukrainische Sicherheitsbehörden zum Rückzug gezwungen“

    „In der Ukraine haben Kräfte der Selbstverteidigung ihre Kontrolle über mehrere Ortschaften zurückerobert – In Ukraine, the self-defense forces have recaptured their control over several villages“