in Medien

Prof. Rainer Mausfeld beleuchtet in seinem Vortrag „Warum schweigen die Lämmer?” (siehe Ende des Artikels), wie die Meinungsbildung der Öffentlichkeit gesteuert wird. Der Kognitionsforscher schildert die Manipulationstricks zur Ruhigstellung der Öffentlichkeit und zur Steuerung von Empörungspotenzial in Richtung gesellschaftlicher Wirkungslosigkeit.

Absolut sehenswert (h/t Blognetnews) – erst recht im Zeitalter von “Fake News” und “Alternative News”, sowie zunehmend reaktionärer politischer Ausrichtung.

Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung eines Interviews, das die Kernaussagen von Mausfeld zu Psycho- und Manipulationstechniken widergibt. Der Vortrag ist viel umfassender und mit vielen lebendigen Beispielen bestückt, zudem behandelt er auch (geistes-)geschichtliche Aspekte.

Mausfeld stellt dar, mit welchen Psychotechniken der Bevölkerung der Geist vernebelt wird – z.B. durch Erzeugung von Fehlidentifikationen, Konsumismus und Meinungsmanipulation durch Medien. Besonders von Bedeutung ist dabei die Flut fragmentierter Informationen, in der sich die inneren Zusammenhänge verlieren. Dadurch wird es immer mehr erschwert, sich eine eigenständige Meinung zu bilden. Geistige Autonomie erfordert aber, zu hinterfragen, vor welchem Hintergrund, mit welchem Interesse, mit welchen impliziten Annahmen ein gesellschaftliches Thema behandelt wird.

In jeder Gesellschaft ist das Establishment daran interessiert, dass Bildungsinstitutionen und Medien dafür sorgen, das Erkennen von sozialen und politischen Sinnzusammenhängen in dienlichen Grenzen zu halten. Die Technik der Fragmentierung ist somit kein Zufall, sie dient als ein Herrschaftsinstrument. Denn wenn immer größere Teile der Bevölkerung gesellschaftliche Vorgänge besser verstehen würden, könnte der Status des Establishments hinterfragt werden.

In einer Demokratie muss die Umverteilung von unten nach oben für die Bevölkerung durch eine geeignete Indoktrination verschleiert werden. Entsprechende Systeme sind psychologisch äußerst ausgefeilt und durchziehen alle Bereiche unseres Lebens. Diese Methoden sind nicht neu, sie wurden bereits im klassischen Kapitalismus als Propaganda entwickelt. Sie sind aber mittlerweile durch die moderne Kommunikationstechnik extrem ausgefeilt und omipräsent. Als Indoktrinationstechniken sind sie kaum noch erkennbar, sie sollen als Selbstverständlichkeit, bzw. Ausdruck des gesunden Menschenverstandes erscheinen.

Der Neoliberalismus zielt darauf ab, Konsumenten zu produzieren, die sich in einer zersplitterten Gesellschaft mit dieser Rolle identifizieren. Der neoliberale Freiheitsbegriff bedeutet, sich dem freien Markt zu unterwerfen – befreit von sozialen Zusammenhängen, gesellschaftlich entwurzelt; scheitert ein so „Befreiter“ im Rahmen der Umverteilung von unten nach oben, so liegt die Schuld dafür bei ihm selbst. Ist eine solche Doktrin in der Bevölkerung fest verankert, können die Mitglieder der Gesellschaft auch ohne direkte Gewalt zum Schweigen gebracht werden.

Manipulationen unterlaufen das Scheinwerferlicht unseres Bewusstseins, das macht es schwer, sich dagegen zu schützen. Dabei wird die Neigung ausgenutzt, die jeweils gegebene gesellschaftliche Situation verzerrt zu beurteilen: Der gesellschaftliche Status quo wird Alternativen fast immer vorgezogen, man sieht ihn eher als gut, gerecht, moralisch legitim, erstrebenswert an. Ängste, sowie das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung verstärken diese Disposition genauso wie die Ablenkung von systematischem Nachdenken etwa durch Zeitdruck, Stress oder die Darbietung von Nebensächlichkeiten. Diese Neigung verstärkt sich auch, wenn eine Situation als unausweichlich empfunden wird. Diese Variablen lassen sich recht einfach von außen manipulieren, ohne dass dies ins Bewusstsein vordringt.

Zum Thema Meinungs-Manipulation zählt auch, schlichte Erklärungsmuster für komplexe gesellschaftliche Verhältnisse anzubieten. So kann es aus Sicht der herrschenden Eliten sogar gewollt und erwünscht sein, wenn sich die Bevölkerung z.B. über die Gier von Bankern oder die Verlogenheit von Politikern aufregt. Denn der Blick „auf die da oben“ lenkt ab von zugrundeliegenden, strukturellen Bedingungen, die solche Auswüchse hervorbringen. Auch die permanente Wiederholung von Unwahrheiten ist eine Form der Manipulation – es wird zu Recht davon ausgegangen, dass sich die Lüge so allmählich zur Wahrheit mausert.

Solange der Neoliberalismus seine Ziele innerhalb von formal als demokratisch angesehenen Strukturen erreichen kann, wird er sich innerhalb dieses Rahmens bewegen. Will er auf den demokratischen Anschein nicht verzichten, muss er die Umverteilungsmechanismen von unten nach oben und von der öffentlichen in die private Hand zunehmend verrechtlichen. Dann erscheint die formale Hülle einer Demokratie für die Bevölkerung intakt und so stellt sich dies als eine Art Samthandschuh unter den Herrschaftstechniken dar. Offen autokratische Formen werden zunächst vermieden.

Wenn jedoch “sanfte“ Indoktrinations- und Disziplinierungsmechanismen z.B. aufgrund von schlechter werdenden wirtschaftlichen Verhältnissen an ihre Grenzen stoßen, schrecken die Eliten auch vor autoritären Maßnahmen nicht zurück. Ein Zwischenschritt auf dem Wege dahin ist die Polarisierung innerhalb der Bevölkerung mit dem Ziel der Neutralisierung kritischer Kräfte. Insgeheim werden Vorkehrungen getroffen bis hin zum Aufbau eines autoritären Sicherheitsstaates. Dazu bedient sich das Establishment gerne jeder Art von Bedrohungsszenarien, um in der Bevölkerung die Bereitschaft zu erhöhen, demokratische Substanz abzuschaffen. Die Fundamente für einen autoritären Sicherheitsstaat wurden und werden ja bereits geschaffen, z.B. im Rahmen des Kampfes gegen den Terror.

Anmerkung:
Mausfeld spricht von “Neoliberalismus” – die Techniken, auf die er sich bezieht, sind jedoch nicht spezifisch für diese Spielart des Kapitalismus. Der von ihm angeführte neoliberale Freiheitsbegriff geht im Grunde zurück auf den Freiheitsbegriff, der den Kapitalismus erst möglich gemacht hat (frei von Produktionsmitteln und frei, seine Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen). “Neoliberalismus” ist m.M. nach eine unnötige Einengung, dafür lässt sich besser “modernes Establishment” einsetzen.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Herzlichen Dank für diesen phatastischen Vortrag von Professor Dr. Mausfeld (Uni Kiel)!

    Wir dürfen uns nicht mehr zufrieden geben mit der Illusion der Demoratie, die uns trickreich täglich vorgemacht wird!

  2. Super Artikel. Wir lesen es. Merken, hey das passiert doch gerade. Aber keiner geht aus der Reihe. Alle schön weiter trotten. Sie haben es perfektioniert. Die paar die aus der Reihe tanzen sind schnell ausfindig gemacht und dann weiß ja ein jeder wie mit Ihnen in unserer Demokratie umgegangen wird.