Mimikry – der heimliche TV-Code?

Ein Kommentar von Jens Stubbe

Wer viel fernsieht, ahnt es schon lange. Wer Kinder hat, weiß es sowieso:  Fernsehen verblödet und  verändert im Einzelfall regelrecht die Persönlichkeit – aber warum eigentlich?

Die täglichen Serien auf  fast allen TV-Kanälen sind wohl nicht nur mir suspekt. Aber was macht gerade diese Serien so attraktiv und warum scheinen gerade diese TV-Formate so nachhaltig die Persönlichkeit von uns Fernsehzuschauern zu verändern? Oder ist dieser Schund  in Wirklichkeit ganz harmlos?  Einfach nur nette Unterhaltung – pardon „Entertainment“?

Allein der Begriff  „TV-Format“  zeigt, dass unsere tägliche TV-Injektion  genau definiert und geplant ist.  Zufall ist da kaum zu vermuten. Ich erspare mir die einzelnen „TV-Formate“  namentlich zu benennen. Sie kennen diese „Formate“. Reality – das soll offenbar Wirklichkeit heissen. Aber wie wirklich ist diese „Reality“? Und was ist die eigentliche Botschaft dieser Shows?

Bevor wir uns diesem Thema näher widmen, wenden wir uns ganz kurz dem deutschen Philosophen der Aufklärung, Immanuel Kant zu. Er hat seiner Nachwelt diesen herrlichen Satz übermittelt:

„Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Also lassen Sie uns jetzt gemeinsam und vorurteilsfrei unser Fernsehprogramm betrachten, und zwar das Programm für Kinder, Jugendliche und Arbeitslose. Dieses Programm läuft nachmittags (also nach Schulschluss) und am Vorabend und nennt sich – bis auf ganz wenige Ausnahmen:

Reality-TV!

Erlauben Sie, dass ich zunächst mit einer kleinen Begebenheit aus meinem Leben beginne: Als junger Kaufmann hatte ich für kurze Zeit einen sehr charismatischen Chef. Dieser Mann hatte eine starke,  positive Ausstrahlung (falls er das hier liest – meinen Gruß nach Nordeutschland, er wird wissen, das er gemeint ist) und  die Fähigkeit Menschen zu begeistern.

Dieser Mann hatte weiterhin eine große Leidenschaft: Zigarillos! –  Zigarillos waren schon damals mehr oder weniger exotisch. Aber was soll ich Ihnen sagen? -In seiner Firma war der Anteil an Zigarillo-Rauchern extrem hoch. Nichts  Schlimmes: Menschen ahmen andere Menschen unbewusst nach. Das ist kein Problem. So funktionieren wir Menschen eben. Die Psychologen haben dafür schon lange den passenden Fachausdruck:

Mimikry!

Mimikry ist eine unbewusste Verhaltensweise, die wir nicht kontrollieren. Wir ahmen einfach nach, was andere uns vormachen, ohne darüber nachzudenken.

Zurück zu unseren Reality Shows: Hier wird uns eine ganz bestimmte Wirklichkeit vorgespielt, es sind schließlich Schauspieler, die uns hier – nach Drehbuch (!) – etwas vorspielen:  Nach meiner Wahrnehmung werden uns immer wieder gleiche Typen vorgesetzt. Diese fungieren sehr weitgehend als Identifikationsfiguren. Menschen, die in ihrer Persönlichkeit nicht oder noch nicht gefestigt sind oder sich gerade in einer kritischen Lebenssituation befinden und nicht den erforderlichen Rückhalt im eigenen Kreis finden, sind besonders anfällig.

Wir leben in einer unsicheren Welt. Familiäre Bindungen brechen immer mehr auf.  Unsicherheit grassiert in allen Lebensbereichen. Aber wir Menschen brauchen Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Menschen, die wir einfach nur nachahmen müssen – ohne bis ins letzte Detail zu reflektieren. Nur wen sollen wir nachahmen? Wo finden wir Vorbilder?

  • Beginnen wir mit den Kindern: Immer mehr Kinder leben in schwierigen Verhältnissen.  Eltern trennen sich, werden arbeitslos oder haben einfach nur keine Zeit mehr für ihren Nachwuchs. Lehrer wechseln häufig und orientieren sich (zwangsweise) stark am Lehrplan und sind mit ihren wachsenden Aufgaben weitgehend überfordert. Vorbilder sind für unsere Kinder so oft weit und breit nicht in Sicht.
  • Den Jugendlichen geht es kaum besser: Viele finden keine Lehrstelle und somit auch keinen Lehrmeister mehr, an dem sie sich orientieren könnten. In einer wichtigen Phase ihrer Entwicklung fehlen auch ihnen die klassischen Vorbilder.
  • Und  auch für gestandene, erwachsene Menschen sieht es kaum besser aus: Viel zu viele Erwachsene sind arbeitslos und fühlen sich – ohne Arbeitsplatz und folglich auch ohne Chef – ebenfalls oft weitgehend orientierungslos. Wäre noch zu erwähnen, dass das fast vollkommen bindungslose Modell der Leiharbeit dieser Entwicklung weiteren Vorschub leistet.

So kommt jenen unrealen, rein fiktiven Figuren der Reality Shows eine viel zu große Bedeutung zu: Das Rollenmuster dieser 100 % fiktiven TV-Akteure, ihre Art zu leben, zu arbeiten, Partnerschaften einzugehen und zu beenden, Freundschaften und persönliche Beziehungen zu gestalten, Probleme zu lösen oder zu verursachen, aber auch  ihr Konsumverhalten, alles das wird von vielen (nicht von allen) TV-Konsumenten – mangels Alternative – nachgeahmt.

Und auch das ist Mimikry! – Nur das ist leider bedenklich. Es bedeutet nämlich:

Millionen von Menschen richten ihr unbewusstes Verhalten auf unterschiedlichsten Ebenen an den Vorgaben anonymer Drehbuchautoren aus. Eine menschliche Katastrophe!

Wenn wir jetzt die Figuren dieser Reality-Formate genauer betrachten, dann bekommen wir eine Vorstellung von dem, wohin diese Fernsehmacher ihre Mitmenschen zu steuern versuchen. Wir müssen dafür nur eruieren, welche Typen und Verhaltensweisen im Detail  dargestellt werden. Ich liste einfach mal auf, was mir bei meinem – derzeit bescheidenen! – TV-Konsum aufgefallen ist. Am besten beobachten Sie selbst im Sinne Kants nach dem Leitsatz

Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Hier also meine (!)  unvollständige, stichpunktartige und vollkommen subjektive Wahrnehmung:

  • 20-ig bis 30-ig-jährige heiraten nicht mehr, sondern leben oftmals in Wohngemeinschaften
  • In diesen Wohngemeinschaften gibt es jede Menge Spass und Action – aber der einzelne findet dort keine Geborgenheit
  • Ganz viele Menschen mit Tätowierungen
  • Viele labile und psychisch kranke Menschen
  • Der junge Macho mit Immigrationshintergrund, der es irgenwie geschafft hat
  • Die hübsche aber etwas dümmliche Jungerwachsene, die sich ausschließlich um ihre Schönheit kümmert und dafür auch mal ein paar Tausender beim Chirugen springen lässt
  • Der etwas fiese, aber erfolgreiche Deutsche, der hinter jedem Rock her rennt und den keiner mag
  • Treue wird angestrebt, aber grundsätzlich werden die Menschen als weitgehend promiskuitive Wesen dargestellt. Folge: Es gibt keine Sicherheit in den persönlichen Beziehungen.
  • Es wird viel gelogen. Das gesprochene Wort hat nur geringen Wert. Das zwischenmenschliche Vertrauen ist deshalb nur gering
  • Verwandschaftliche Beziehungen sind problematisch und werden durch freundschaftliche und kameradschaftliche Beziehungen ersetzt
  • Man ist grundsätzlich mobil.
  • Der Bezugspunkt junger Menschen ist oftmals eine imaginäre Clique
  • Kinder sind oft frühreif, konsumorientiert und verzogen
  • Der Regelfall sind alleinerziehende Elternteile – manchmal Patchworkfamilien
  • Homosexuelle, die oft ein bürgerliches Partnerschaftsmodell anstreben und charakterlich positiv hervorstechen
  • Leibliche Eltern, die ihre eigenen Kinder gemeinsam erziehen, sind der Ausnahmefall
  • Die Patchworkfamilie wird – aus unterschiedlichen Lebenssituationen heraus – oft als  Lebensmodell angestrebt

Mir ist bewußt, dass so genannte  und besonders ausgewiesene Experten wesentlich andere Erklärungsansätze für das Phänomen Reality-TV liefern.  Dies ist meine Erklärung – im Sinne von Immanuel Kant. Mein Expertenwissen beruht auf meinem gesunden Menschenverstand und annähernd sechs Jahrzehnten Lebenserfahrung.

Ihnen allen weiterhin viele schöne Stunden vor Ihrem Fernsehgerät!