in Gesellschaft

Die moskauer Staatsanwaltschaft hat die geforderte dreijährige Haftstrafe, wegen sogenanntem „Rowdytums aus religiösem Hass“, nicht ganz durchgesetzt. Die Protestband muss aber für einen 30-Sekunden Auftritt, zwei Jahre in einem Arbeitslager verbüßen.

Die drei Jungen Frauen werden für eine – nach westlichen Maßstäben – Ordnungswidrigkeit, weggesperrt und müssen sich nach ihrer putinkritischen Kunstaktion in der Christus-Erlöser-Kirche und einem offensichtlich politisch motivierten Prozess, für eine lange Zeit von ihren Kindern verabschieden. Zwei von ihnen sind nämlich Mütter. Nach russischem Recht könnten die Kinder in Pflegefamilien oder sogar Heime gesteckt werden. In Russland ein übliches Szenario!

Die Punkband ertrug den Prozess, bei dem Stundenlang von der Richterin die Anklagepunkte verlesen worden sind, mit Fassung und Anstand. Zwar waren sie zwischendurch den Tränen nahe, aber meistens lächelten sie frech in die Kameras. Sie haben sich bereits vor der Urteilverkündung kämpferisch gegeben und gesagt, dass sie ohnehin schon gewonnen haben. Eine von ihnen trug ein T-Shirt mit der spanischen Aufschrift NO PASARAN!, was so viel wie „DAMIT KOMMEN SIE NICHT DURCH!“ bedeutet. Darunter eine erhobene Faust.

Während weltweite Solidaritätbekundungen für Pussy Riot stattfanden, haben viele Menschen vor dem Gerichtsgebäude demonstriert. Es kam zu Tumulten und die Polizei ging immer wieder gewalttätig gegen die Demonstranten vor. Auch Journalisten wurden dabei verletzt und sowohl der ehemalige Schachweltmeister Garry Kasparov als auch der Oppositionsführer Sergej Udalzow, wurden in Handschellen abgeführt.

Während westliche Staaten den Umgang mit der Meinungsfreiheit im größten Land der Welt verurteilen, ist die russische Gesellschaft zutiefst gespalten. Laut Meinungsumfragen sind etwa 60% der Russen gegen die Punkband und fühlen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Manche haben sogar die Verbrennung der Frauen gefordert. Zumindest bleiben noch die Jüngeren, die bestimmt froh sind, dass es jemand wagt, seine Meinung zu sagen und für diese auch zu kämpfen.

Es bleibt abzuwarten, ob der moderne Zar Putin, der wahrscheinlich als einziger vor der Urteilsverkündung das Strafausmaß kannte, sich im nachhinein medienwirksam als Wohltäter präsentiert und die drei Frauen doch noch begnadigt. Falls es wirklich dazu kommen sollte, wird es nicht aus einer milden Eingebung heraus passieren, sondern weil der ehemalige KGB-Chef doch noch feststellt, welchen internationalen Imageschaden er sich mit seinem Vorgehen selbst zufügt.

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Kommentar

  1. Zum Glück leben wir im „Zeitalter des Internets“ – die damit einhergehende weltweite Vernetzung sorgt dafür, dass solche Aktionen stark in den Vordergrund gerückt werden und der Reputations-Schaden des Staates weit größer ist als der Nutzen davon die Krawallmacher wegzusperren. Pussy Riot hat zwar einen hohen Preis bezahlt, aber durch die radikale Reaktion des Staates (und der „weltweiten“ Aufmerksamkeit durch das Internet) haben sie mit ihren Auftritt sogar mehr erreicht als sie wollten.

    btw: Spannender Artikel mit interessanten Zusatzinformationen!

    • “Zeitalter des Internets”? Denken Sie das der Umstand dass Sie die Zeitungen die Sie früher gekauft haben und heute im Internet gratis lesen, ändert Irgent etwas an ihrer Quallität. Seit 1999 wird Putin von der ‚West’Presse schlecht geredet, das ist nichts neues.

      • S. g. Grex,
        sie haben meinen Kommentar falsch interpretiert. Es geht mir nicht um die Art und Weise wie die Nachricht verbreitet wird und nicht um die Qualität der Nachricht, sondern um die (durch das Internet verstärkte bzw. vereinfachte) Möglichkeit des Einzelnen Anteil daran zu nehmen und die Nachricht weiter zu verbreiten. Als Resultat bekommt eine solche Nachricht höhere Aufmerksamkeit von der Öffentlichkeit und wird stärker in den Vordergrund gerückt als es noch vor dem Internet der Fall war (z.B. durch soziale Netzwerke).

        • Anteil kann man selbstverständlich an vielen Nachrichten nehmen. Wenn allerdings die Qualität niedrig und die „interessanten Zusatzinformationen“ schlicht schlecht recherchiert und falsch sind, bzw. bewußt oder unbewußt Hintergrundinformationen ausgelassen werden, kann man auch davon sprechen, daß wohl vordergründig Anteilnahme bzw. bestimmte Reaktionen provoziert werden soll.
          Zunächst einmal stellen die 3 jungen Damen keine Punkband dar, sondern entspringen einer extremistischen Gruppe, welche sich hervorgetan hat durch Glanztaten wie Autos umwerfen und lebende Katzen bei Mcdonalds über den Tresen zu werfen (mit Betonung auf „werfen“).
          Und die Geschehnisse in der Kirche waren auch keine Kunst, sondern Beleidigung und Provokation.

  2. Kürzlich gab es doch eine ähnliche Aktion im Kölner Dom: Eine Frau ließ während des Gottesdienstes die Hüllen fallen und sprang auf den Altar. Auf der nackten Brust stand: „Ich bin Gott“.

    Natürlich wurde die Frau gewaltsam abgeführt, aber im Gegensatz zu Pussy Riot war das eine kurze Meldung am folgenden Tag und das war’s.

    Wir werden vermutlich nie erfahren, welche Strafe diese Frau bekommt, und garantiert wird sie von unseren Qualitätsmedien auch nicht zur Heldin hochstilisiert.