„Soziale Unruhen haben kreative Kraft“ – Ex-UNCTAD-Chef Ricupero im Interview

Nach Ansicht des ehemaligen Generalsekretärs der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), Rubens Ricupero, wird sich die Weltwirtschaft von der jetzigen Krise frühestens in vier bis fünf Jahren vollständig erholen. Soziale Unruhen seien die Folge, die jedoch in diesem Zusammenhang neue Kräfte freisetzen könnten, sagte er im IPS-Exklusivinterview.

„Wir dürfen nie aus dem Blick verlieren, dass die Geschichte durch schwierige Zeiten vorangetrieben wird“, betonte der brasilianische Diplomat. Unzufriedenheit sei die Triebfeder großer globaler Umwälzungen wie die Französische Revolution, die Reformation und die Renaissance gewesen.

Da Unruhen eine große „kreative Kraft“ besäßen, begrüße er die Männer und Frauen, die für eine Wirtschaftsordnung mit mehr Gleichheit, Gerechtigkeit und Ausgewogenheit kämpften, so Ricupero. „Es gibt also keinen Grund zu resignieren.“ Es folgen Auszüge aus dem Interview.

Frage: Wie schätzen Sie die globale Lage ein?

Rubens Ricupero: In den Industriestaaten besteht meiner Meinung nach keine große Hoffnung auf eine rasche Erholung. Die Europäer haben noch nicht einmal eine Strategie, wie sie mit den Problemen der hochverschuldeten Länder fertigwerden wollen. Bevor eine Lösung erzielt werden kann, werden sie noch eine Leidenszeit durchmachen. In Deutschland, dem wichtigsten Land in Europa, gibt es praktisch kein Wachstum mehr. Andere Staaten wie Italien und die Niederlande stecken in der Rezession. Es sieht so aus, als werde auch dieses Jahr für Europa verloren sein.

Frage: Und wie steht es mit den USA?

Ricupero: Von den Präsidentschaftswahlen im November wird viel abhängen. Das Ergebnis kann man zwar nicht vorhersagen, doch ich würde dennoch so weit gehen zu behaupten, dass Präsident Barack Obama wiedergewählt wird. Die Wirtschaft in den USA zeigt allmählich Anzeichen einer Erholung, die allerdings im Hinblick auf neue Arbeitsplätze langsam und unzureichend verläuft. In den nächsten Jahren dürfte sich das Tempo aber beschleunigen.

Ansonsten wird sich wohl wenig ändern. Die Wirtschaft in den Entwicklungsländern des Südens wird weiter wachsen, vor allem in China, Indien und anderen asiatischen Staaten. Infolgedessen wird es auch Ländern in Lateinamerika und im Nahen Osten besser gehen. Am Horizont sehe ich weder eine drohende Katastrophe wie der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers 2008 noch eine vielversprechende Erholung.

Frage: Wird auch Lateinamerika lange auf einen Aufschwung warten müssen?

Ricupero: Eine vollständige Erholung der Weltwirtschaft ist erst in frühestens vier bis fünf Jahren zu erwarten. Das bedeutet aber nicht, dass es in einigen Regionen wie Lateinamerika nicht auch schneller gehen kann.

Frage: Sind die Perspektiven heute ähnlich?

Ricupero: Ich sehe zwei Unterschiede, die uns zugute kommen werden. Zunächst einmal gab es in den dreißiger Jahren nicht das heutige Phänomen des Wirtschaftswachstums in China, Indien und anderen asiatischen Staaten. Die Welt war vor allem von den Industrieländern abhängig. Der zweite Unterschied besteht darin, dass sich Lateinamerika damals in die Schuldenkrise manövrierte. Die überwiegende Mehrheit der Staaten in der Region konnte ihre Auslandsverbindlichkeiten nicht zurückzahlen.

Zu Beginn dieser Dekade ist die Ausgangssituation unvergleichlich besser. Wir haben starke Reserven, ein niedriges Schuldenniveau sowie innerhalb der Länder Wachstum, Beschäftigung und bessere soziale Indikatoren. Dies trifft zumindest auf Länder wie Brasilien, Chile, Argentinien und Peru zu, weniger auf die Staaten, die direkter vom US-Markt abhängen.

Frage: Bei Fragen wie Abrüstung, Handel und Umwelt stoßen die internationalen Verhandlungen auf ernsthafte Schwierigkeiten. Was sind die Gründe dafür?

Ricupero: Bei fast allen wichtigen Fragen sind die Gespräche festgefahren. Zum einen hängt dies damit zusammen, dass die Wirtschaftskrise früher oder später zu Ende sein wird. Ein anderer Aspekt geht tiefer. Seit Jahren beobachten wir eine Verlagerung des wirtschaftlichen und demografischen Zentrums vom Nordatlantik in die Asien-Pazifikregion.

Frage: Kann diese Verschiebung der Macht rückgängig gemacht werden?

Ricupero: Die kurzfristigen Krisen werden diese Entwicklung sogar noch weiter vorantreiben. Wenn die USA wirtschaftlich schwächer werden, hilft dies China, Reserven und finanzielle Macht aufzubauen. In solch seltenen Situationen, wie sie vielleicht nur alle zwei bis drei Jahrhunderte auftreten, ändert sich die Verteilung auf globaler Ebene. Und in solchen Momenten ist ein Konsens über den Umgang mit tieferliegenden Problemen in multilateralen Foren wenig wahrscheinlich.

Frage: Was heißt das im Detail?

Ricupero: Bis vor kurzem haben die USA als Schlichter Entscheidungen für die Welt getroffen. Diese Hegemonialmacht hat eine liberale Wirtschaftsordnung gesichert. Das Land hat diese Rolle seit Ende des Zweiten Weltkriegs gespielt, als das Wirtschafts- und Finanzsystem neu geordnet wurde. Damals entstanden der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank und der Vorläufer der Welthandelsorganisation (WTO), das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT, ebenso wie ein von den USA geschaffenes politisches System.

Während des gesamten Kalten Krieges waren die USA weiterhin das Land, das Ergebnisse bei den wichtigsten Konferenzen garantierte, die zu den so genannten internationalen Regelungen führten. Wenn die USA sich etwa in Fragen des Seerechts der Stimme enthielten, geriet alles ins Stocken.

Frage: Und wie sieht die neue Realität aus?

Ricupero: Heute beginnen die USA, ihre Positionen neu abzustecken. Sie verspüren eine größere Notwendigkeit, sich um Probleme im Inland zu kümmern und ihre Militärstrategie zu ändern. Der Fokus verlagert sich vom Nahen Osten und den islamischen Fragen nach Asien. Die USA merken allmählich, dass der größte strategische Gegner auf längere Sicht nicht Al Kaida und die Islamisten, sondern China sein wird. In diesem Prozess scheint niemand als Schlichter aufzutreten. Das sieht man etwa bei Meinungsverschiedenheiten im UN-Sicherheitsrat, die Syrien betreffen.

Die Möglichkeit eines raschen Wandels sehe ich nicht. China und Indien stehen noch vor großen Herausforderungen. Sie sind weder bereit noch willens, das Gewicht der Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen. In dieser schwierigen Übergangszeit diskutieren selbst die Industrieländer über die Krise des Kapitalismus. Sie haben aber keine Lösung parat, weil diejenigen, die die Krise verursacht haben, noch immer die Karten in der Hand halten.

Frage: Wie werden die Reaktionen darauf aussehen?

Ricupero: In den nächsten Jahren wird es sehr unruhig zugehen. Es wird zwar keinen globalen Konflikt geben, aber Unzufriedenheit, Wut, Unrast und den Wunsch nach Veränderung. Das ist nichts Negatives, denn wir dürfen nie aus dem Blick verlieren, dass die Geschichte durch schwierige Zeiten vorangetrieben wird. Unzufriedenheit war die Triebfeder großer globaler Umwälzungen wie die Französische Revolution, die Reformation und die Renaissance. Heute können soziale Unruhen eine große kreative Kraft haben. Deswegen sage ich: Willkommen die Männer und Frauen, die für eine Wirtschaftsordnung mit mehr Gleichheit, Gerechtigkeit und Ausgewogenheit kämpfen. Es gibt also keinen Grund zu resignieren. (IPS/ck/2012)

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