in Gesellschaft

Worin unterscheidet sich ein engagierter Blog-Text von einem Zeugen-Jehova-Flyer?

Gestern fuhr ich wieder mal zu unserem polnischen Dorfhäuschen. Dort angekommen, fand ich im Briefkasten neben dem Umschlag mit der Stromrechnung zwei Zettel. Der eine war vom Wasserbetriebe-Ablese-Mann: eine Bitte, selber anzurufen und den Zählerstand zu berichten. Der zweite Zettel war ein Flyer von den Zeugen Jehovas. Das hat mich irgendwie erfreut. Nicht, weil der Inhalt wirklich eine Grundlage zu einer theologischen Diskussion lieferte. Ich freute mich, daß überhaupt jemand eine Vision hat, und versucht, diese mitzuteilen. Kurz: missioniert. Vielleicht spricht aus mir aber auch nur eine Enttäuschung, bei den letzten Wahlkämpfen – sowohl in Polen wie in Deutschland – postalisch komplett übergangen worden zu sein. Kein Duda, kein Gysi, keine Bauernpartei, keine Piraten.

Eigentlich stehe ich gerade religiösen Missionierungsversuchen sehr skeptisch, wenn nicht ablehnend gegenüber. Zum Glück bleiben die meisten eher kultiviert und freundlich: ob dieser Flyer, ob Neymar Jr. mit seinem „100% Jesus“-Haarband nach dem Champions-League-Finale, oder vor zwei Jahren die jungen Herren mit deutschsprachigen Koran-Ausgaben am Potsdamer Platz. Weit entfernt von Methoden spanischer Konquistadoren in Südamerika oder des „Islamischen Staates“. Ich finde – wenn es mich nicht negativ berührt – sogar etwas Positives darin, daß jemand erstens eine Weltanschauung hat, die er für wichtig und gut hält – und zweitens, daß er diese nicht egoistisch für sich behält, sondern sie kommunizierend unter andere Menschen zu tragen versucht. Das Missionieren ist – vor allem aus der persönlichen Perspektive des „Missionars“, unabhängig der wahren Motive seiner Organisation – eine edle Sache: Ich bin von etwas Gutem überzeugt, und möchte Dich an dieser Erkenntnis, an diesem Weg teilhaben lassen! Mehr noch vielleicht, wie bei einer praktischen Erfindung: Bin ich als „Wissender“ eigentlich nicht verfplichtet, es anderen zu erklären?

So gesehen ist das Missionieren ähnlich wie ein Sprachunterricht an der Schule oder ein Erste-Hilfe-Kurs: Jemand will altruistisch seine Erkenntnisse an andere weitergeben – zu deren Wohl und somit zum Wohl der Gemeinschaft. Klar, man könnte statt „Erkenntnisse“ – „Wissen“ sagen, und es dem „Glauben“ entgegensetzen. Aber gibt es nicht Lehrer, die einfach nurüberzeugt sind, die glauben, daß die Wurzel aus 144 – zwölf ist, und daß Kathmandu wirklich die Hauptstadt Nepals ist? Wissendenn alle Erste-Hilfe-Ausbilder alles über den menschlichen Organismus und warum der eine oder andere Handgriff lebensrettend ist – oder haben sie es auch nur gelernt?

Nicht anders ist es – nochmal: solange man von der Aufrichtigkeit des „Missionars“ ausgeht – beim „Ethik“-Unterricht oder bei einer politischen Veranstaltung. Vielleicht ist auch mancher Gemüseverkäufer von seinem „Hier die leckersten Tomaten!“-Ruf innig überzeugt.

Nicht anders ist es vor allem hier, mit mir und anderen Autoren der NEOPresse, wenn ich wie andere Autoren Meinungsartikel verfasse und sie in die Öffentlichkeit bringe. Ist dies nicht ebenfalls eine Art des Missionierens? Versuche ich nicht auch, einen Glauben oder eine persönliche Erkenntnis mit anderen Menschen zu teilen, in der Hoffnung, sie davon – oder zumindest einem Teil davon – zu überzeugen? Seien es mein philosophisches Konzept des Jenseits, die Kritik am Finanzsystem, oder die Ablehnung der Todesstrafe?

Aber keine Sorge, ich werde wohl „digital“ verbleiben, und nicht jede Woche Ihren Briefkasten mit Blog-Flyern füttern, versprochen! Ebenfalls bitte ich um einen sanften aber kritischen Hinweis, sollte ich in meiner Vorgehensweise zu sehr  „ISIS“ oder den Konquistadoren ähneln.

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Kommentar

  1. das kann man aus verschiedenen blickwinkeln betrachten. es gibt manipulative propaganda und aufklärende propaganda. wobei die aufklärende propaganda aber oft in einen falschen schatten gestellt wird und die manipulative gelobt wird…die sind alle schon so verdreht und geföhnt,da is kaum noch was zu machen

    • Mir geht es nicht um Propaganda, zumindest nicht aus der Sicht der Einzelperson (Missionar – Blogger). Klar, in beiden Fällen kann es vorkommen, daß man unbewußt ein Werkzeug einer Propaganda ist. Oder auch – daß man bewußt manipulieren möchte, auch als Einzelperson, ohne einer Organisation oder einem Guru. Wenn Blogger wie Missionare bewußt Propagdanda und/oder Manipulation betreiben – sind sie denke ich gleichermaßen zu verurteilen. Es kann aber auch „naive“ Missionare / Blogger geben, die „nur gutes tun“ wollen…

  2. Lieber Herr Sczopa,

    Sie liegen mit Ihrem Engagement goldrichtig! Ich würde das nur nicht mit dem meist aufdringlichen Missionieren vergleichen.

    Aber es gibt immer wieder Dinge, die es wert sind, mitgeteilt und diskutiert zu werden. Dazu ist ein Blog ein guter Ort, weil er über den ganz privaten ragmen hinausgeht.

    Missionare mag ich nicht, weil es ihren gleich ist, ob ihre Opfer dieselbe Sprache sprechen. Ihnen geht es auch nicht um einen Ablgleich des Wissens sondern um den druckvollen Transport ihrer Glaubenssätze.

    • Danke, daß ist vielleicht das klarste Unterscheidungskriterium: Ob man versucht, dieselbe Sprache mit dem „Empfänger“ zu finden (= Kommunikation), oder ob man nur gewillt ist, gewisse (eigene oder fremde) Ideen & Vorstellungen auf anderen zu transferieren – ohne Willen zum Dialog und Diskurs.

  3. Es gibt nur eingeschränkte, zunehmend geringere Möglichkeiten sich der allgemeinen Verblödung… Desinformation (Mainstream) entgegen zu stellen.
    Selbst der lange Weg des Spiegel von der Strauß-Affäre 1962 bis zum heutigen Zustand, Redakteure der BILD-Presse, und den wenigen Optionen mit Leserbriefen seine Meinung kund zu tun, vieles wird unterdrückt, zeigen, dass die Geldgeber die Meinungsbildung beherrschen. Was nicht staatstragend ist, wird ignoriert bis bekämpft. Dazu hörte ich Beispiele: „der will das öffentlich machen, bekämpfen, ist schon kristallisiert“… „du weist nicht, in welcher Gefahr du schwebst“, „du bist Tod.“
    In einem Neopresse-Beitrag wurde belegt, dass viele BILD-Methoden vor 25 Jahren die CIA verdeckt anwendete.

    • Ich bin da nicht so pessimistisch, bzw. vielleicht doch: Ich glaube nämlich nicht, daß die „Freiheit der Presse“ (ob Artikel oder publizierte Leserbriefe) in Deutschland oder Österreich oder Frankreich vor 60 oder 40 Jahren besser dran war. Es scheint vielleicht so. Vor Jahrzehnten GLAUBTE man vielleicht – erst Recht als Kontrast zur Nazi-Zeit und dem benachbarten kommunistischen Regime – daß man „ach so tolle freie Presse“ hätte. Heute WEISS man (zunehmend zumindest), daß dies lange nicht so ist – auch dank Internet. Ich glaube nicht, daß in dern 50ern oder 70ern Politik & Wirtschaft weniger Druck auf die Medien & Schreibende gemacht hatte. Das Problematische heutzutage ist vielleicht die Zentralisierung der Medien & deren Kontrolle.

  4. Ich glaube die Menschen zu beeinflussen wird immer leichter und nötiger! Entschuldigt mir den folgenden Spruch, will nicht gleich als „Nazi“ gelten, zur rechten Zeit ein rechtes Wort! Ich bin immer wieder faszinierter davon wie leicht das menschliche Gehirn zu beeinflussen ist und wie leicht sich ein Gedankenkeim pflanzen lässt. Nur der Beeinflusste und nicht selbst denkende Mensch (ich denke, ich rede hier von mehr als 70% der dt. Bevölkerung :-( ) ist Opfer seiner eigenen Unwissenheit und damit Opfer der allgemeinen gewollten Verblödung der Bevölkerung. Propaganda ist eine Notwendigkeit geworden, auch für den „gemeinen“ wissenden Teil der Bevölkerung.

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