in Gesellschaft

Karl Marx und Friedrich Engels waren der Ansicht, dass die Gedanken der herrschenden Klasse in jeder Epoche die herrschenden Gedanken sind. Ähnlich verhält es sich mit der Geschichtsschreibung oder der Gerichtsbarkeit. So ist es eine Frage der Herrschaft, wer als Räuber und wer als Befreier gilt.

In Brüssel trafen 1847, damals ein Ort revolutionärer Ideen, die noch recht jungen Marx und Engels auf einen älteren Mann mit dem Namen John Lafflin, alias Jean Lafitte. Lafitte, ein ehemals erfolgreicher Kaufmann, Sklavenhändler, Schmuggler, Vaterlandsverteidiger, Spion und Pirat, er hatte zwei Kommunen in Barataria und Galveston vorgestanden, hielt viel von den Ideen der beiden und finanzierte deren Druck des 1848 erschienenen Manuskripts „Das Kommunistische Manifest“.

Bei den Piraten der Karibik war Besitz Eigentum der Gemeinschaft. Piraten waren, ihrer Zeit voraus, sozial organisiert. Der Kapitän wurde gewählt, konnte jederzeit abgesetzt werden und hatte nur im Kampf Befehlsgewalt. Es gab keine Rangunterschiede. Die Beute gehörte allen und wurde zu gleichen Teilen, nur der Kapitän bekam zwei, der Schiffsjunge einen halben Anteil, vergeben. Nach der Chasse Partie, ein von allen anerkannter und unterzeichneter Vertrag, wurden Beuteanteil und Gemeingut geregelt. Bevor die Beute verteilt wurde, musste jeder feierlich schwören, dass er nichts für sich beiseite geschafft hat, ansonsten wurde man ausgesetzt oder hingerichtet, was aber selten geschah.

Der Zeitzeuge karibischer Piraterie, Alexandre Olivier Exquemelin, er segelte lange unter bekannten Piraten, schrieb, dass sich die Piraten „untereinander vollkommen ehrlich“ verhalten und sich „ bereitwillig aus jeder erdenklichen Verlegenheit“ helfen. Es gab eine Aufstellung an Sozialabgaben, kostenlose ärztliche Behandlung und Angehörige von Gefallenen wurden entschädigt. Die Beuteanteile gefallener Piraten ohne Erben wurden an die Armen verteilt. „Vor dem Kampf umarmen sie sich und vergeben sich gegenseitig, was sie Böses getan haben“, schrieb Exquemelin.

Im Jahr 1716 sprach der Pirat Samuel Bellamy – wegen der schwarzen Haare Black Sam genannt – zum Kapitän eines gekaperten Frachters, um ihn zu einem Übertritt in seine Bande zu überreden:

Verdammt, Ihr seid ein schniefeliger Hundsbalg, und genauso, wie alle, die hinnehmen von Gesetzen regiert zu werden, die reiche Leute zu ihrer eigenen Sicherheit gemacht haben, weil diesen feigen Hühnerseelen die Courage fehlt, auf andere Weise das zu verteidigen, was sie durch ihre Schurkereien zusammengerafft haben. Fluch und Blut über dieses ganze Pack gerissener Schufte! Und über Euch, der Ihr denen als ein Posten hühnerherziger Trottel gerade recht dient! Das ist der einzige Unterschied zwischen mir und Ihnen: Sie berauben die Armen unter dem Deckmantel des Gesetzes. Und wir plündern die Reichen unter dem Schutz allein unserer Courage! Wäre es nicht tausendmal besser für Euch, bei uns mitzumachen, anstatt hinter den Ärschen dieser Schufte herzuschnüffeln?

Nein? Ich bin ein freier Fürst und habe Macht, der ganzen Welt den Krieg zu erklären wie nur einer, der 1000 Schiffe und 100.000 Mann im Feld hat. Mein einfachster Menschenverstand sagt mir das. Aber mit solchen Schwanzwendlern wie Euch ist ja kein Argumentieren, mit derartigen Weichbolden, die jedem Popanz erlauben, sie übers Deck zu pfeifen. Na schön, meinetwegen könnt ihr laufen, wohin immer ihr wollt, und denen nach wie vor in die Ärsche kriechen. Solch schäbige Windeln wie Euch zwinge ich zu nichts. Aber verdammt und Dreck, es tut mir leid, wenn meine Leute hier Euch Eure Slup nicht wiedergeben wollen. Es ist durchaus nicht meine Art, irgendjemandem etwas Unliebsames anzutun, es sei denn nur zu meinem ganz persönlichen Vorteil. Also dann! Haut ab! Verduftet! Enthebt uns der Anstrengung, Euer beleidigtes Gesicht länger in unserer Mitte zu sehen, als unsere Gutmütigkeit erträgt! Lebt wohl, Kapitän! Euer kleines Beiboot steht zu Eurer Verfügung. Gute Reise! Sprecht nett über uns, und lasst Euch nie wieder blicken! Tschirio!

Bellamy war wohl ungebildet aber intelligent und ein begabter Redner. Wahrscheinlich geisterten schon lange Ideen, wie sie von der Französischen Revolution mit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ später beschrieben wurden, im Kopf des Engländers umher. Er fand sie offensichtlich in der egalitären Gesellschaftsordnung der karibischen Piraten. Seine Fahne, der Jolly Roger, ein Totenkopf mit zwei sich kreuzenden Knochen, stand nicht als Drohung. Die Flagge stand für Männer, die für das Gesetz tot waren. Für Männer, die sich dem Gesetz nicht mehr unterwarfen. Bellamy brüllte nach dem Aufziehen seiner Flagge:

Diese Flagge steht nicht für den Tod, sondern für die Auferstehung! Nie wieder werdet ihr Sklaven der Reichen sein. Von heute an sind wir neue Menschen. Wir sind frei!

Die Piratin Mary Read beschreibt 1720 die Doppelmoral der Gesellschaft vor Gericht:

Der Galgen schreckt mich nicht. Ich habe den Tod nie gefürchtet – das überlasse ich den Feiglingen, die, Gott sei Dank, durch die angedrohten Strafen von der See ferngehalten werden und sich damit begnügen an Land zu räubern, Witwen und Waisen zu betrügen, die Nachbarn zu schädigen, und dennoch für anständig gelten. Würden diese Halunken ungestraft den Ozean überfluten, dann wäre es bald aus mit jeder vernünftigen Freibeuterei!

Kapitän Misson, der einen Dominikanerpater mit dem Namen Caraccioli irgendwann im späten 17. Jahrhundert zu einem Piraten machte, nach der Eroberung eines Sklavenschiffes aus Amsterdam:

Der Handel mit unseren eigenen Ebenbildern kann unmöglich den Augen der göttlichen Gerechtigkeit gefallen. Kein Mensch hat Gewalt über die Freiheit des anderen, und wenn jemand Menschen gleich Tieren verschachert, beweist er damit, dass seine Religion nichts ist als eine Grimasse und sich vom Kult der Barbaren nur dem Namen nach unterscheidet. Wie immer auch diese Neger in Farbe und Gebräuchen von den Europäern abstechen, so sind sie doch das Werk desselben allmächtigen Waltens und mit gleicher Vernunft begabt. Und somit sei der Begriff Sklaverei unter uns für immer verbannt!

In einer Zeremonie wurden die Sklaven befreit, ihre Ketten zerschlagen und versenkt. Wer von den befreiten Sklaven zum Christentum übertreten wollte, wurde getauft, wer das nicht wünschte, konnte ein Dankesritual für die eigenen Götter abhalten. Einige Holländer musterten bei Misson an und die Befreiten wurden offiziell in die Mannschaft aufgenommen. Die Fahne des schon fast heiligen Piraten war weiß mit goldener Inschrift Pour Dieu et Liberté (Für Gott und Freiheit). Misson und Caraccioli gründeten mit ihren Leuten den idealen Freistaat Libertatia an der Küste Madagaskars, man vermischte sich mit den Einwohnern und verständigte sich in einer Art Esperanto. Versprengte Piratengruppen beendeten die Idylle der freiheitlichen Republik. Der Geist von Libertatia wehte weiter unter den Piraten und fand in vereinzelten Ansiedlungen Nachahmung.

Unter den Piraten gab es unterschiedlichste Männer aus allen Teilen der Welt. Österreicher und Chinesen, Indios und Griechen, Russen, Inder, Preußen, Schweden, Spanier oder Afrikaner, üble Schurken und edle Freiheitskämpfer oder beides in einem, wie Monbars, der Würgeengel. Dem jungen französischen Adeligen wurde ein Buch über die grausame Unterdrückung und Ausrottung der Indios durch die Spanier zum Schicksal. Vom Hass getrieben brachte er es zum Piratenadmiral, jagte so ab 1660 in Hispaniola Spanier und befreite Indios. Spanier, gleich welchen Alters wurden von ihm niedergemacht und übel bis zum Tod gefoltert. Seine Mannschaft bestand aus Indios. Später wurde er wegen seiner Grausamkeit als Admiral wieder abgesetzt. Monbars war für die Indios wie ein Gott.

Männer wie Misson oder Major Stede Bonnet, ein ansonsten recht erfolgloser Pirat, überfielen Sklavenhändler, befreiten die Verschleppten oder nahmen sie in ihre Mannschaft auf. Andere Piraten handelten mit ihnen. Alleine englische Reedereien hatten bis zur amerikanischen Unabhängigkeit im Jahr 1786 an die zweieinhalb Millionen Schwarze in die Neue Welt verfrachtet. Die Spanier haben dem Sklavenhandel niemals Beschränkungen auferlegt, ihre Sklaven befreiten sich in blutigen Aufständen und im Zuge der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung selbst. Weit länger bestand die Sklaverei dagegen in den USA. Entschädigungen für Jahrhunderte voll Ausbeutung, Unterdrückung, Versklavung und Völkermord an Afrikanern und Indianern kommen den Rechtsnachfolgern der Täterstaaten bis heute nicht in den Sinn. Stattdessen gehen Ausbeuter und Kolonialherren neue, fein strukturierte Wege, verkaufen ihr Vorgehen in großangelegten Kampagnen unter dem Label der Menschenrechte, Demokratisierung und Globalisierung und schützen sich mit Mauern aus Wasser und Soldaten vor den Opfern.

Die Doppelmoral:

  • 1886 im Portugiesischen Strafgesetzbuch: „Seeräuber ist, wer als Führer eines bewaffneten Fahrzeuges ohne Auftrag  eines Herrschers oder selbständigen Staates auf dem Meer umherfährt, um Raub oder irgendwelche Gewaltakte zu begehen.“
  • Das Wörterbuch des Völkerrechts 1925: „Piraterie ist räuberisch gewaltsamer Angriff auf See ohne staatliche Autorisation“

Glücklich kann sich schätzen, wer als Staat der Ersten Welt, in dessen Namen oder mit dessen Billigung rauben oder morden kann. Womit wir nicht nur bei den anfangs erwähnten Ansichten von Marx und Engels, sondern im Hier und Heute, im West und Rest, landen.

Quelle:

Mondfeld, Wolfram/Wertheim, Barbara: Piraten – Schrecken der Weltmeere. Stuttgart 2007.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Ein wunderbares Plädoyer für eine wohlverstandene Anarchie! Vielen Dank!

    Natürlich ist das nicht so einfach mit der Demokratie unter Piraten, auch wenn sie anders als die Beherrscher der anerkannten Staaten wenigstens untereinander einen Ehrenkodex einhalten.

    Die Richtung aber ist klar: Alle wichtigen Entscheidungen sind von der Gesamtheit zu treffen und nicht von denen, die eine Herrschaft über diese ausüben (gleich ob gewählt wie Merkel oder usurpiert wie Putin).

  2. Hört sich stark nach kommunistischer Propaganda an.
    Verklärung piratischer Ideale bei gleichzeitiger Demonisierung des Establishments.

    Und Marx hieß gar nicht Marx sondern war ein Agitator der jüdischen Gruppierung, welche mit den kommunistischen Ideen damals versuchte gegen die Völker Europas zu putschen, siehe Lenin, Anna Pauker, Karl Liebknecht, Bela Kuhn.

    Die Propagandisten versuchen immer die Welt schwarz und weiß zu zeichnen, um zu polarisieren.

    Böse Erste Welt und arme Neger in der Dritten Welt. Doch die Realität ist differenzierter. Die Scharlatane sitzen tatsächlich eher an der Wallstreet, hiesige Hartz4-Empfänger sind ebenfalls deren Opfer, obwohl aus der Ersten Welt.

    • TEILWEISE HABEN SIE RECHT! ABER DIE WELT IST; POLARISIEREN! EGAL OB ERSTE ODER ZWEITE WELT; IN BEIDE SIND DIE REICHE UND DIE ARME! ALLE KONFLIKTE SIND PRAKTISCH WEGEN DIE BODENSCHÄTZE; WEGEN DEN REICHTUM UND ARMUT UNVERTEILUNG! UND SÄMTLICHE RESORSEN !

  3. Das Problem an den Piraten ist die Gewalt genau wie am Kapitalismus oder auch Kommunismus. Ein Sozialismus könnte gut werden ist aber immer verhindert worden. Gewalt führt immer zu Gewalt das wurde im Europa erstmals erkannt indem der dreißigjährige Krieg durch Verhandlungen beendet wurde. Da Piraten gewalttätig sind sehe ich da keine Lösung. Propaganda, Polarisieren ist der Schlüssel zur Macht weil derjenige die Herrschaft besitzt der Kontrolliert also die Masse überzeugen oder ausspielen kann. Der Glaube ist extrem wichtig weil kein Vasall also Armeen; Geheimdienste, Politiker mehr mitmachen würde wenn sie nicht auch dran glauben können daher gibt es auch Religionen bzw. Wirtschaftssysteme. Es ist beides im Grunde dasselbe.

    • Wie wichtig die Macht der Gedanken ist zeigt das Doppelspaltexperiment oder auch die Quantenphysik. Es gibt dort Phänomene die beweisen das Gedanken die Realität verändern wie beim Doppelspaltexperiment, die einfachste Variante. Die Schlussfolgerung ist das Gesicht der Welt wird durch ihre Handlungsweisen bestimmt und durch Propaganda wie zum Beispiel Starkult aber auch Filme. Wenn diese gewalttätig sind wird auch die Gesellschaft irgendwann wie die Filme. Siehe die Söhne des Mars, schwarze Horden die alles Umbringen. Wenn wir eine gewaltfreie Welt wollen müssen wir die Menschen nur davon überzeugen das sie so handeln und das jeder die Macht hat. Die angeblich Mächtigen haben keine Macht weil jederzeit die Menschen es entscheiden können

      • Den Vergleich mit der Quantenphysik sollten Sie vielleicht eher lassen, denn da geht es keineswegs um die Macht der Gedanken, sondern um die Begrenztheit unserer Begriffe gegenüber der Realität.
        Historische Zusammenhänge adäquat zu deuten ist wohl noch um einiges schwieriger, weil einem ständig die eigenen humanistischen Ideale den Blick verstellen – man sieht immer nur die Differenz zwischen den Ereignissen und den eigenen frommen Wünschen.
        Was aber unübersehbar ist: Die menschliche Geschichte wurde bestimmt durch gewalttätige Auseinandersetzungen – und nicht nur die europäische Kolonialgeschichte! Wie hätte sich etwa der Islam als Ideengebilde über Asien und Afrika verbreitet?

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  • »Sie berauben die Armen unter dem Deckmantel des Gesetzes« - Flo Osrainik 25. Mai 2015

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