PORTUGAL: Wenn Sparzwänge töten – Vor allem ältere Menschen die Opfer

Von Mario Queiroz

Lissabon, 20. März (IPS) – In Portugal ist die Mortalitätsrate in diesem Winter in schwindelerregende Höhen gestiegen. So berichtet die Gesundheitsbehörde DGS über den Tod von etwa 11.600 Menschen allein im Monat Februar. Das sind 1.600 Fälle mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Die meisten Opfer waren über 75 Jahre alt.

Experten führen den Anstieg der Sterberate auf die Wirtschaftskrise und die gravierenden Einschnitte im öffentlichen Gesundheitssektor zurück. Portugal sah sich nach dem Hilfspaket von Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Union (EU) und Europäischer Zentralbank (ECB) in Höhe von 110 Milliarden US-Dollar zu den Kürzungen gezwungen. Die Troika machte Lissabon zur Auflage, die Gesundheitskosten im laufenden Jahr um fünf Prozent zu senken.

Doch die Sparzwänge gefährden eines der wichtigsten Errungenschaften der Rosenrevolution vom 25. April 1974, die dem südeuropäischen Land nach 48 Jahren Diktatur die Demokratie brachte: die kostenlose Gesundheitsversorgung. Das System steckt bereits in einer tiefen Krise. So hatte Gesundheitsminister Paulo Macedo im vergangenen September darauf hingewiesen, dass die öffentlichen Hospitäler zu einem Drittel insolvent seien.

Die DGS führt das Massensterben auf Kälteeinbruch und Gruppeerkrankungen zurück. Nach Ansicht von Ärzten ist es jedoch die Folge einer armutsbedingten medizinischen Unterversorgung. So gebe es eine wachsende Zahl von Menschen, die sich eine solide Nahrungsmittel- und Gesundheitsversorgung nicht mehr leisten könne.

„Den signifikanten Anstieg vermeidbarer Todesfälle haben wir einer perversen Kombination aus altbekannten Faktoren zu verdanken, die geballt auftraten und vor allem ältere Menschen überraschten“, sagt Ana Filgueiras, Leiterin der Nichtregierungsorganisation ‚Cidadãos do Mundo‘. Sie koordiniert die Hilfsprogramme für die jüngsten und ältesten Mitglieder der portugiesischen Gesellschaft.

Viele Dörfer von Gesundheitsversorgung abgeschnitten

In weiten Teilen Portugals fehle es an jungen, wirtschaftlich aktiven Menschen. Gerade in den Dörfern lebten die Ärmsten und Ältesten der portugiesischen Gesellschaft isoliert und ohne Zugang zu einer Klinik, die sie im Notfall aufsuchen könnten, berichtet Filgueiras. Der kalte und trockene Winter habe Atemwegserkrankungen und Infektionen gebracht, die älteren Menschen besonders zusetzten. Angesichts ihrer geringen Einkommen hätten diese Menschen auch nicht so heizen können, wie dies erforderlich gewesen wäre.

Die Erklärung, wonach die älteren Menschen im letzten Winter vor allem Grippeinfektionen zum Opfer fielen, hält Filgueiras für viel zu simpel. „In diesem Jahr gab es weniger Grippefälle, auch aggressive virale Stämme wie das A-H1N1 waren selten“, betont die Aktivistin. „Vielmehr deutet alles darauf hin, dass sich die älteren Menschen aufgrund der Wirtschaftskrise keine Krankentransporte oder Medikamente leisten konnten.“

Jaime Teixeira Mendes, Arzt und Mitglied des Vorstands des landesgrößten Santa-María-Krankenhauses in Lissabon, ist der gleichen Ansicht. „Sicher waren die Kältewelle und die Grippeepidemie die direkten Auslöser der Todesfälle“, räumt er ein, weist aber zugleich darauf hin, dass es in anderen Jahren ebenso viele Grippeinfektionen gegeben habe, ohne dass so viele Senioren einer Schutzimpfung unterzogen werden konnten wie in den vergangenen Monaten. Er vermutet deshalb einen von der Weltgesundheitsorganisation bestätigten Zusammenhang zwischen der wirtschaftlich-sozialen und gesundheitlichen Verfassung der Bevölkerung.

Keine Verbesserung der Lage trotz oder wegen der Sparpakete:

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„Die erzwungenen Sparmaßnahmen sind dafür verantwortlich zu machen, dass sich die Nahrungsmittelversorgung, Wohn- und Heizsituation verschlechtert hat, erläutert er. „Nehmen wir die Schwierigkeiten hinzu, die sich aus dem Anstieg der Transportkosten und Krankenhausgebühren ergeben, haben wir den Cocktail an Problemen, die Experten für die Zunahme der Sterberate ältere Menschen verantwortlich machen.“

Entweder Nahrungsmittel oder Medikamente

Etliche Senioren hatten gegenüber der Zeitung ‚O Correio da Manhã‘ Anfang des Monats das Dilemma geschildert, in dem sie sich befinden. „Wir können Nahrungsmittel oder Medikamente kaufen, aber nicht beides.“

Seit einigen Wochen berichtet die Lissaboner Tageszeitung ‚Público kontinuierlich über die Lage der Armen in Portugal, die ein Viertel der 10,6 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung stellen. Die in den Beiträgen zu Wort gekommenen Ärzte vertraten allesamt die Ansicht, dass die hohe Todesrate auf die Wirtschaftskrise und die von IWF, EU und ECB erzwungenen Einsparungen im Gesundheitssystem zurückzuführen sei.

Mario Jorge Santos, der Leiter der Portugiesischen Vereinigung der im öffentlichen Gesundheitssektor beschäftigten Ärzte (AMSP), bringt die vielen Todesfälle auch mit dem Anstieg der Strom- und Gaspreise in Verbindung. Arme ältere Menschen hätten an den Heizkosten sparen müssen. Das Sterben so vieler Menschen sei die Folge sinkender Einkommen und steigender Gesundheitsgebühren. (IPS/kb/2012)

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