Neoliberalismus und das Kulturgut Buch

Meinung. Über Jahre wurde an westlichen Schulen und Universitäten die Heilslehre des Neoliberalismus und der Globalisierung gepredigt: Möglichst keine staatlichen Regulierungen, alle Märkte durchlässig, survival oft he fittest – mit diesen Schlagworten lässt sich diese Lehre in etwa auf den Punkt bringen.

Und mit dem Predigen hüben und drüben schlug das Übel Wurzeln: Die Theorie wurde zum starren Glauben vieler Ökonomen, die heute an wichtigen Schalthebeln der Macht herumfingern, sei das in der Politik oder in der Wirtschaft, und nicht davon lassen können, das heilige Markt-ist-alles-Prinzip über sämtliche Lebensbereiche zu stülpen. In deren Wirtschaftsverständnis unterscheiden sich Windeln nicht wesentlich von Kartoffeln und Kartoffeln nicht wesentlich von Büchern – es sind schlicht Dinge bzw. Güter, die man im gleichen Marketingtopf stampft und besser oder weniger gut durch den Markt wurstelt. In Anlehnung an die letzten Gedanken nenne ich diese Kulturkrämer Knollenökonomen.

Beherrsche das Buch – dann beherrscht du das Land

Aber nicht nur Knollenökonomen bestimmen über das Schicksal des Buches, auch die CIA scheint kräftig im Kulturgeschäft mitzumischen. In dem erhellenden Arte-Bericht „Benutzt und gesteuert – Künstler im Netz der CIA“ wird deutlich, wie sehr dieser Geheim- bzw. Agitationsdienst in den fünfziger und sechziger Jahren versuchte, Europas intellektuelle Welt zu steuern und zu manipulieren. Die Schlussfolgerung, die sich daraus ziehen lässt: Die CIA hat damals so sehr den Kunst- und Kulturmarkt aufgemischt, dass dieses Interesse auch heute wohl nicht ganz erloschen ist. Und sie ist vermutlich nicht ganz unschuldig daran, dass in diesen Tagen die in den Denkschalen transatlantischer Think-Tanks gegossenen neoliberalen Betonschädel Bücher wie Kartoffeln behandeln – und natürlich dafür sorgen, dass keine allzu heißen unter ihnen auftauchen, an denen sich transatlantische Machtfinger Blasen holen könnten.

Absatzkanäle – vor allem die Großverlage (ver-)stopfen sie

Nur zu gut passt es in das angloamerikanische Konzept, dass sich heutzutage die Großverlage wie fette Kraken an den Verkaufskanälen festklammern, diese energisch mit vorwiegend politisch harmlosen oder linientreuen Büchern stopfen und dafür sorgen, dass der Buchmarkt stets übersättigt ist und unbequeme Autoren kein Gehör finden. Oder haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Udo Ulfkotte mit „Gekaufte Journalisten“ nicht in einem der vielen Verlage von Random House erschienen ist? Der gigantischen Verlagsgruppe der Bertelsmann-Stiftung (wikipedia:„wirtschaftsliberale deutsche Denkfabrik“), die 2014 einen Umsatz 3,324 Milliarden Euro (Quelle: statista.com) erzielt und weltweit zu den umsatzstärksten Medienkonzernen gehört? Dass er glücklicherweise trotzdem Gehör findet, liegt wohl einzig und allein daran, dass ein Publikum sein Gesicht bereits gekannt hatte, bevor er das System in Frage zu stellen begann.

Kurz und schlecht: Durch neoliberale Strukturen wird der längerfristige Speicher einer Kultur und damit das Denken der geistigen Elite maßgeblich zum Negativen beeinflusst, nicht zuletzt, weil kritische Bücher von unbequemen Autoren gar nicht erst in die Kanäle hineinkommen und so ihre Kontrollfunktion nicht ausüben können. Wuchernde und schädliche (transatlantische) Machtstrukturen werden nicht hinreichend benannt und Europas Rechtsstaatlichkeit stark geschwächt und unterminiert.

Auch 2012 fällt das Volk in der CH ein neoliberales Urteil über das Buch

In Anbetracht der amerika-servilen und amerika-lobhudelnden Schweizer Presse ist es nicht verwunderlich, dass 2012 in der Diskussion vor der Abstimmung über die Einführung der Buchpreisbindung vorwiegend marktwirtschaftliche Überlegungen eine Rolle spielten – und nicht kultur- und staatspolitische, die unbedingt im Vordergrund hätten stehen müssen. Nach der Volksabstimmung, die zu Ungunsten der Preisbindung ausfiel, wurden die Wunden geleckt und Forderungen nach staatlicher Förderung laut – man solle die Verleger unterstützen wie Kinobetreiber, die sich um eine Vielfalt des Angebots bemühten. Bundesrat Bersét ging darauf ein und in der Kulturbotschaft 2016 – 2020 sind Fördergelder von 2 Mio. Schweizer Franken für Kleinverlage budgetiert. Dass die allerdings gesprochen werden, ist zu bezweifeln, denn schon hat sich eine bürgerliche Koalition gebildet, um das Gesamtpaket zu zerfleddern

In den siebziger und achtziger Jahre: Ex Libris stärkt das Schweizer Verlagswesen

Dabei wäre eine Unterstützung der Kleinverlage bitter nötig. Dass sie nicht auf Rosen gebettet sind, zeigt der Umstand, dass seit den späten neunziger Jahre zwei renommierte Schweizer Verlage eingegangen (Amman Verlag, Haffmanns Verlag) und zwei weitere unter das schützende Mäntelchen von Verlagskonzernen gekrochen sind (Nagel&Kimche, Pendo). Da wünschte man sich Zustände der siebziger und achtziger Jahre zurück, als Ex Libris, ein Unternehmen der Detailhandelsgenossenschaft Migros, eine wichtige Stützfunktion für das Schweizer Verlagswesen bildete. Wollte zum Beispiel ein Verlag den Erstling eines noch unbekannten Schriftstellers herausgeben, so übernahm Ex Libris eine Lizenz und teilte mit dem Verlag das Risiko.

Patrick Süskind profitierte von Ex Libris

Auch der Erfolgsautor Patrick Süskind wurde so an die Öffentlichkeit gehoben. Daniel Keel, der damalige Chef von Diogenes, fragte Max Schmid, den verantwortlichen Lektor bei Ex Libris, an, ob er Interesse an einem Typoskript habe, und händigte ihm den Text von „Das Parfüm“ aus. Dieser erwies sich für beide Verlage schließlich als großer Glücksfall. Natürlich waren Bucherfolge nicht an der Tagesordnung, und Ex Libris konnte die Stützfunktion nur gewährleisten dank einer Quersubventionierung: Man verkaufte neben Büchern auch Plattenspieler, Kassettenrekorder und andere elektronische Geräte und konnte dank dadurch erzielten Gewinnen einen allfälligen Verlust aus dem Buchgeschäft abfedern. Mit dem Aufkommen der Discounter in der Unterhaltungselektronik fiel diese Einnahmequelle weg und die betriebswirtschaftlich orientierten Manager (bereits mit dem Virus des Knollendenkens infiziert) besannen sich auf Straffung des Sortiments. Das hieß: Abbau der bisherigen Buchklubstrukturen und Konzentration auf den Verkauf von Bestsellern.

Neunziger Jahre – eine Durststrecke beginnt

In den 90er und 00er Jahren, in denen das Mantra der Globalisierung und des Neoliberalismus in jedem Landkiosk rauf- und runtergebetet wurde und man sogar im Schulwesen nicht mehr von Schülern, sondern von Kunden sprach, hat sich diesbezüglich natürlich nichts geändert. Das Buch war mehr denn je dem Kartoffelknollendenken unterworfen. Und ganz in diesem Kartoffelknollengeist lehnte der Bundesrat 2007 die Ausnahmeregelung für ein Buchkartell ab und hob das Bundesgericht die Kartellpreisbindung auf. 2012 fasste das Parlament die Buchpreisbindung als neuen Weg ins Auge und scheiterte damit vor dem Volk.

Wegen geringen Inseratenvolumens von Leitmedien oft ignoriert

Erst zu Beginn der 10er-Jahren kommt manchen den Verdacht, dass das Wüten der Knollenökonomen zu einer Verarmung des Buchmarkts führt, da allerorts über die schweren Bedingungen der Buchhandlungen geklagt wird und nicht wenige schließen müssen. Und in der Tat, Kleinverlage und Kleinbuchhandlungen in der Schweiz haben es schwer. Eines ihrer Hauptprobleme ist es, dass die Verlagskonzerne die Verkaufskanäle für sich beanspruchen und das Lesepublikum nach aller Marketingkunst mit der Buchkost aus ihrer Großküche füttern. Nicht dass es darunter keine Festmenüs gäbe – doch das Verhältnis von Festmenüs und Lesetrockenfutter ist wohl bei den großen Verlagen nicht anderes als bei den kleinen. Letzteren fehlt für ein kräftiges Rühren der Werbetrommel aber das Geld, auch werden sie von den Leitmedien links liegen gelassen, weil sie eben nicht zu den besten Inseratenkunden gehören (und vielleicht gar die Frechheit besitzen, systemkritische Köpfe zu publizieren). Ebenso ist es ihnen in der Regel verwehrt (können sie den Obolus nicht aufbringen?), ihre Bücher auf den begehrten Auslagetischen der Großbuchhandlungen zu präsentieren.

In der Broschüre Books (Orell Füssli, Nr. 1/2015) wird deutlich: Kleinverlage fast nicht präsent

Ein Blick in die Broschüre books von Orell Füssli (Buchhändler-Platzhirsch in der CH) bestätigt den Verdacht, dass für die kleinen Verlage die Luft dünn ist. Es lässt sich nämlich feststellen, dass von 70 vorgestellten Neuerscheinungen (ausgenommen Koch-, Kinder- und Musikbücher) gerade mal zehn von unabhängigen Verlagen stammen, deren Umsatz weniger als 20 Mio. Euro beträgt und die nicht in einen der finanzstarken Verlagskonzerne eingebunden sind. Und nur von einem Schweizer Kleinverlag, nämlich Dörlemann in Zürich, wird ein Buch präsentiert. Mit anderen Worten: Diese Broschüre ist zwar kein Beweis, aber ein deutlicher Hinweis, dass Büchern von Schweizer Kleinverlagen im Vertriebskonzept der Orell-Füssli-Buchhandlungen lediglich eine marginale Bedeutung zugemessen wird.

Unbequeme Stimmen ein Muss für den Erhalt der Demokratie

Dass sich auf dem Büchermarkt etwas ändern muss, ist offensichtlich. Es ist verheerend, wenn auch in Zukunft weiterhin bloß liberal-marktwirtschaftliche Überlegungen bzw. transatlantische Think-Tank-Theorien eine Rolle spielen, die staats- und zivilisationserhaltende Bedeutung des Buches nicht stärker gewichtet wird und mächtige Verlagskonzerne das Buchgeschäft dominieren. Denn diese erweisen sich in der Regel als schlechte Förderer unbequemer Stimmen. Gehen diese aber verloren, geht auch die Zivilisation vor die Hunde, da sie unter anderem helfen, verkrustete (transatlantische) Machtstrukturen aufzubrechen und Missbrauch im Zaum zu halten.

Primat des Geistes – und nicht Primat des Geldes

Meine Hoffnung: Politiker begreifen endlich, dass sie Europa nur dienen können, wenn sie sich von der Hundchenleine der Trans-Atlantiker ebenso wie von der Doktrin des Neoliberalismus lösen. Vielleicht gelangen sie dann zur Einsicht, dass das Buch eben nicht wie eine Kartoffel gehandelt werden darf, dass es mehr als nur ein Konsumgut ist und Strukturen geschaffen werden müssen, die allen Autoren und Verlagen faire Startbedingungen ermöglichen. Und last but not least – schön wäre, wenn der Grundgedanke, der die kontinentaleuropäische Bildungslandschaft prägt, auch in der Buchförderungsdiskussion Einzug hielte: Nicht das Primat des Portmonees, sondern jenes des Geistes soll Startrampe für den gesellschaftlichen Werdegang sein.

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