in Gesellschaft

Marcel Reich-Ranicki ist verstorben. Marcel Reich-Ranicki lebt.

Er war der einzig große, bedeutende und Gehör findende Literaturkritiker unserer Zeit. Dabei hätte ich sehr gut verstanden wenn er aufgrund seiner Erfahrungen die Deutschen ganz allgemein und pauschalisierend verdammt hätte. Er tat es nicht! Wahrscheinlich ist dieses Nichtverdammen seine menschlich größte Leistung gewesen.

Marcel Reich-Ranicki (im weiteren MRR genannt) hat das Warschauer Ghetto überlebt. Er überlebt die Nazizeit unter fürchterlichsten körperlichen und seelischen Qualen. Seine Eltern Helene und David Reich wurden in den Gaskammern von Treblinka ermordet. Sein Bruder Alexander Herbert Reich wurde am 4. November 1943 im Kriegsgefangenen- und Arbeitslager Poniatowa bei Lublin erschossen. Nur seiner Schwester Gerda war es mit ihrem Mann Gerhard Böhm bereits 1939 gelungen, nach London zu fliehen, wo sie 2006 im Alter von 99 Jahren starb.

MRR hat die Fähigkeiten des Menschen Bösen zu tun erlebt, er hat es erfahren und er hat darunter leiden müssen. Trotzdem hat er niemals einen Hass auf die Deutschen gelebt. Er hat Zeit seines Lebens mit Literatur und brillanten Kritiken dafür gesorgt, dass die Deutschen sich dessen erinnern was sie ausmacht. Kunst und Kultur. MRR hat mit seiner oft gefürchteten, vielmals verschämten (auch von mir) und überaus polarisierenden Art für einen Frieden gesorgt, wie ich ihn selten empfunden habe.

In wahnsinnig vielen Punkten (die Literatur betreffend) war in nicht einer Meinung mit MRR. Ich empfand ihn oftmals als Kaiser der verurteilt aber nicht beurteilt. Doch er hatte Recht. Er hatte Recht in der literarischen Welt so zu „regieren“. Er hatte Recht damit, uns Deutschen mit verbal-brachialer Gewalt die Wurzeln unserer Kultur wieder näher zu bringen. Er war ein Spiegel in dem wir unsere Schandtaten aber auch unsere Fähigkeiten jederzeit und gewollt oder nicht, sehen konnten und zwangsläufig auch sehen mussten.

Ich verneige mich vor einem wissenschaftlich-literarischen Lebenswerk. Ich verneige mich in Demut vor dem Verzeihen dieses Menschen. Ich verneige mich vor Marcel Reich-Ranicki.

In seinem letzten Interview mit dem Focus-Redakteur Uwe Wittstock 2012 beantwortete Marcel Reich-Ranicki folgende Frage so:

Focus: „Haben Sie Angst vor dem Tod?“

Marcel Reich-Ranicki: „Ja, sehr. Aber die Formulierung der Frage missfällt mir. Ich fürchte nicht den Tod. Ich habe Angst vor dem Nicht-mehr Existieren.“

Auch hier, bei einer mehr als persönlichen Frage, die MRR-typische Kritik an der Formulierung.

Damit beende ich einen Nachruf, der sonst unendlich werden könnte.

Ruhen Sie in Frieden Herr Reich-Ranicki.

Hochachtungsvoll und Ihr Lebenswerk bewundernd,

Ranndy Frahm

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