in Gesellschaft

Augsburger Allgemeine holt sich diesmal den “Klodeckel des Tages” ab. Mit ihrer Headline zur Diskussion über ein Verbotsschild in einer Düsseldorfer Strandbar beweist sie, wie wenig es dem Journalismus unserer Zeit noch auf seriöse Berichterstattung ankommt. Längst kann man Kommentare kaum mehr von Nachrichten unterscheiden. Die Grenzen verschwimmen, weil inzwischen auch die Chefredaktionen von Zeitungen mit mehr als vier Buchstaben reißerischen Journalismus unterstützen.

Angeblich wolle der Leser lieber “meinungsstarke” Artikel statt sachlicher Informationen. Natürlich geht es dabei jedoch vor allem um Quote und Auflage. Anlass des Aufregers ist einer der schönsten und bekanntesten Biergärten Düsseldorfs. Dessen Betreiber hatte den Strandbereich zur kinder- und hundefreien Zone erklärt. Nach endlosen Bemühungen, einige Gäste zu mehr Rücksichtnahme zu bewegen, sah er sich im Frühjahr zu diesem Schritt gezwungen. In den sozialen Netzwerken wird dies seither rege diskutiert – und die Augsburger Allgemeine spricht von “großer Empörung”. Wie so oft in der Berichterstattung wird auch hier die Lautstärke protestierender Gegner fälschlicherweise als Gradmesser für die Gesamtempörung herangezogen.

Dabei waren die meisten Rückmeldungen durchaus verständnisvoll, viele gar ausgesprochen positiv. Und auch die Besucher der Strandbar empfinden die Regelung als echten Gewinn. Wo ehemals Kinder unter Billigung ihrer Eltern andere Gäste mit Sand bewarfen und Hundebesitzer sich am großen Geschäft ihrer Vierbeiner erfreuten, kann man heute – nur noch gestört von den Mücken – die Seele baumeln lassen. Er habe selbst drei Kinder und sich mit dem Schritt schwer getan, gibt der Wirt des “Sonnendecks” unumwunden zu. Aber vor allem der fehlende Wille vieler Eltern, ihrer Aufsichtspflicht nachzukommen, habe ihm keine Wahl gelassen.

Damit ist das Dilemma treffend beschrieben, und es könnte kaum glaubwürdiger sein, als aus dem Mund eines dreifachen Vaters. Viele junge Eltern haben ein Verständnis von Kindererziehung entwickelt, das sich nahtlos in die allgemeine Auffassung davon einfügt, was eine Gesellschaft angeblich zu leisten habe. Ob in der Sozialpolitik, in Fragen des öffentlichen Zusammenlebens oder beim Dauerbrenner Integration – stets ist es nicht etwa der Einzelne, dem besondere Anstrengungen abverlangt werden, sondern der große Rest, der gefälligst alles dafür tun soll, die Situation zu lösen – freilich ohne Mühen oder Härten für das betroffene Einzelschicksal.

Auch viele Eltern scheinen zu glauben, dass sie die Verantwortung für ihre Kinder außerhalb der eigenen vier Wände an die Gesellschaft abgeben können. Ob in der Schule, im Sportverein oder eben in Restaurants und Cafés. Dabei steht völlig außer Frage, dass Kompromisse immer gefordert und auch nötig sind. Querulanten, die ihr Haus neben einem Sportplatz bauen und sich anschließend über den Kinderlärm beschweren, braucht niemand. Auch Kindergärten und Spielplätze gehören selbstverständlich zum öffentlichen Leben und sollten keinen Anlass zu Klagen geben. Schnell werden diese Beispiele von aufgebrachten Eltern als Totschlagargument ins Feld geführt, doch um derlei Selbstverständlichkeiten geht es nicht.

Es geht um viel Grundsätzlicheres: Wie sehr lassen wir zu, dass der Einzelne die Verantwortung für seinen Lebensentwurf an die Gesellschaft abtritt – sei es in der Kindererziehung oder anderswo? Und wie stehen wir zum Schutz von Privateigentum und Privatsphäre? Wer aus dem Wunsch der Gäste Kinderfeindlichkeit konstruiert, für ihr Geld ein gepflegtes und erholsames Ambiente vorzufinden, argumentiert unredlich. Statt gegen das Hausrecht zu polemisieren, sollten sich die Empörten lieber fragen, ob sie selbst jene Toleranz aufbringen, die sie für sich einfordern.

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13 Kommentare

  1. Danke für diesen Artikel. Ich kann dies nur Bestätigen. In meinem Bekanntenkreis habe ich diverse Pädagogen, und die haben alle ähnliche Erfahrungen gemacht.

    Viele Kinder bekommen heute keine oder zu wenig Grenzen gesetzt. Dies ist nicht nur für die Gesellschaft heute ein Problem sondern auch für die von Morgen.

    Vielleicht war die Idee mit dem „Elternführerschein“ von einst keine so schlechte Idee.
    Auf der anderen Seite: Vermitteltes Wissen heisst nicht, dass dies auch angewendet wird. Dies sieht man ja bei unserer Regierung oder den SPD-Mitgliedern die FÜR die VDS gestimmt haben.

    • Meine 5 Cent:
      Wenn ihr in einer besseren Gesellschaft leben wollt, müsst ihr auch was für tun.
      Was wurde gesagt ?!
      „…freilich ohne Mühen oder Härten für das betroffene Einzelschicksal“ – was neben den fehlenden Grenzen für die kleinen, implizit, zum gesellschaftlichen Problem erhoben ist.
      Statt jetzt einfach dem Rotzlöffel manieren beizubringen (oder Hundehaltern/Eltern), will man sich aber raushalten und fordert dennoch eine bessere Gesellschaft, FREILICH ohne Mühen oder Härten für das betroffene Einzelschicksal.
      Nach diesem Plädoyer, kann ich nur hoffen, Herr Staatsanwalt, dass Sie bereits einen Revisionsantrag in der Schublade haben.

  2. Goldrichtig ist die Aussage:
    “ Längst kann man Kommentare kaum mehr von Nachrichten unterscheiden. Die Grenzen verschwimmen, weil inzwischen auch die Chefredaktionen von Zeitungen mit mehr als vier Buchstaben reißerischen Journalismus unterstützen.“

    In der Frage der Störung durch Kinder und Hunde würde ich zuerst einmal zwischen diesen beiden differenzieren. Hunde muss man nicht überall haben.

    Bei den Kindern würde ich einen Hinweis vorziehen, dass Kinder dort nur erwünscht sind, wenn sie sich gesittet aufführen und sonst zum Verlassen des Bereichs aufgefordert werden. Wer dann mit ungezogenen Bälgern ankommt bleibt lieber gleich weg. Natürlich müssen auch Kinder nicht immer und überall dabei sein.

  3. @ Rolf Ehlers
    Stimme Ihnen fast ganz zu. Aber der Vorschlag mit dem Hinweis, dass Kinder dort nur erwünscht sind, wenn sie sich gesittet aufführen…vergessen Sie es. Die Diskussionen mit den tollen Eltern nach der dritten Weinschorle möchte ich erleben, was gesittet ist und was nicht… Ich spreche da aus Erfahrungen als Elternbeirat einer Grundschule.

    Wie der Autor schon schreibt, das Problem sind nicht die Kinder. Kinder sind Kinder und sollen es auch sein und bleiben.
    Das Problem sind ignorante Eltern und deren Unfähigkeit Kindern Grenzen aufzuzeigen und Benehmen anzuerziehen.
    Dann lieber gleich, ja oder nein.

  4. die AZ ist ein konservatives Blatt. Familie, Kinder hat in Bayern noch wert. Das Blatt ist nicht der Rede wert. Wollte wohl gegen Kinderhasser schreiben.

  5. Ist halt alles auch Einstellungssache.
    Ich erinnere mich gerne an die Urlaube, die ich als Kind in Italien erlebt habe. Schnell war man in einem Rudel von Kindern aufgenommen, und durfte alles, was zu Hause verboten war. Und wenns mal Tränen gab, war sofort eine Mamma da die mit einem Eis oder sonstwas tröstete.
    Die Leute dort hat das Geschrei nicht gestört, man hat gespürt, sie haben Kinder gern, wir waren da vergleichsweise „abgerichtet“, und neidisch, was die alles dürfen, und wir nicht.
    Ob dieses frühe angepasst – sein – sollen, (gehorsam?) als positiv gelernt, später dazu führt, öffentliches Grün keinesfalls ohne Erlaubnis zu betreten?
    Denk ich mir halt manchmal, wenn hier so gar keiner den Hintern vom Sofa bekommt.

    • das sog. Tätervolk war in den 70ern kinderfreundlich. Wir hatten Gaudi. Fußball auf der Straße. Die Gutmenschen, heute kinderfeindlich, Egos.

  6. Bin sehr verwundert, dass Sie aus diesem Anlass ein generelles Plädoyer für mehr Eigenverantwortung stricken. Sollen wir den Sozialstaat abschaffen oder noch stärkere Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger einführen, weil dort am Strand Eltern nicht mit ihren Kindern zurechtkommen? Da kann man doch genausogut in die andere Richtung gehen: Kinder werden natürlich schwieriger, wenn die Armut zunimmt und beide Elternteile arbeiten gehen müssen.

  7. Zu wenige Menschen möchten sich noch wirklich um die Kinder kümmern. Nur abschieben ist doch wirklich keine tolle Lösung. Hartz IV ist allgemein so eine schlimme Geschichte.

  8. Dieser Artikel wirkt auf mich wie ein reiner Propagandaartikel wo es mit Kindern und Befindlichkeiten mittelalter Personen in Bezug auf Kindern beginnt, denn viele dieser Gruppe haben sich schon mal von Kindern gestört gefühlt. Es wird eine Identifikation mit einer bestimmten Gruppe hergestellt, Akzeptanz erzeugt um am Ende das Fazit zu verkaufen. Artikelfazit lautet am Schluss mehr Eigenverantwortung also Enddemokratisierung und der Schutz des Privateigentums. Die Probleme die wir heute haben sind auf Hartz4 und dem Zunehmenden Rückzug des Staates aus allen sozialen Bereichen zurückzuführen. Die Menschen werden von Behörden permanent misshandelt und gedemütigt und zu Sklaven gemacht alles im Kontext von mehr Eigenverantwortung.

  9. Viele geborene Kinder wären besser Hunde geworden. Deren Handhabung und langfristige Betreuung ist wesentlich unkomplizierter, billiger und überschaubar. Ein Fluch der Alt 68er Bewegung und ihrer antiautoritären Modelle. Der Ruf des gesellschaftlichen Bodensatzes nach mehr Staat ist falsch und zeugt von Desinteresse am eigenen Nachwuchs. Leidtragende sind die Kinder, die von ihren asozialen Erzeugern (ob arm, ob reich) allein gelassen werden.
    Klagt nicht, handelt!