in Gesellschaft

In dem ramponierten Terminal des kleinen Flughafens Mitiga in der libyschen Hauptstadt Tripolis drängen sich etwa 150 junge Männer und Frauen, die in ihre Heimat Nigeria zurückkehren wollen. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat nach dem Beginn des Aufstandes gegen den damaligen Machthaber Muammar al-Gaddafi vor über einem Jahr Hunderte solcher Repatriierungsaktionen in die Wege geleitet.

IOM geht davon aus, dass vor der Krise etwa eine Million Arbeitsmigranten von Libyen aus Geld in ihre Heimat schickte. In dem Land mit nur rund sieben Millionen Einwohnern machten sie einen erheblichen Teil der Bevölkerung aus. Als die Unruhen ausbrachen, flohen Menschen aus Asien, dem Nahen Osten sowie aus den Nachbarstaaten Tunesien und Ägypten über die Grenzen ins Ausland. Aus Somalia und Eritrea strömten dagegen weiter Flüchtlinge nach Libyen.

In von der IOM gecharterten Flugzeugen sitzen Westafrikaner, die sich in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft durch Niger und Tschad nach Libyen durchgeschlagen hatten. Doch die auch nach dem Tod Gaddafis weiterhin schwierige Lage zwingt sie dazu, wieder den Heimweg anzutreten. In Mitiga ziehen viele Nigerianer die neuen grünen Sportjacken und Schuhe an, die ihnen die IOM zur Verfügung stellt. Ihre wenigen Habseligkeiten stopfen sie in Plastikkoffer und Einkaufstaschen.

„Das größte Problem ist, ihre Staatsangehörigkeiten zu klären und ihnen vorübergehende Reisedokumente auszustellen“, sagt Jeremy Haslam, der die IOM-Mission in Libyen leitet. Rund 90 Prozent hätten keine Papiere. Bevor an ihre Repatriierung zu denken sei, müsse erst ihre Herkunft festgestellt werden.

Einige Nigerianer sind sichtlich erleichtert, wieder nach Hause zu kommen, und scherzen mit ihren Nachbarn. Die meisten sind jedoch verzweifelt. Nach einer gefährlichen und teuren Fahrt mit Schmugglern durch die libysche Wüste haben sie in dem nordafrikanischen Land – häufig als Tagelöhner – unermüdlich gearbeitet. Sie lebten in ständiger Angst, überfallen, ausgeraubt oder von Militärpolizei festgenommen zu werden. Nun kehren sie nicht nur mit leeren Händen zu ihren Familien zurück, sondern sind bei den Menschenhändlern obendrein noch hoch verschuldet.

Ausweise von den Milizen abgenommen

„Als ich nach Tripolis kam, arbeitete ich in einer Autowaschanlage und verdiente etwa 40 US-Dollar am Tag“, berichtet der 24-jährige Dennis. „Während des Krieges war es jedoch die Hölle. Die Milizen haben mir meinen Ausweis und mein Geld abgenommen. Sie hielten mich 20 Tage lang fest und schlugen mich. Aus Angst bin ich danach nicht mehr aus dem Haus gegangen.“

Etliche Migranten, mit denen IPS sprach, haben auf ähnliche Weise ihre Ausweispapiere verloren. Niemand von ihnen konnte ein Einreisevisum vorweisen. Für viele illegale Einwanderer ist Libyen nicht das endgültige Ziel, sondern nur ein Sprungbrett nach Europa. Nachdem Gaddafi Schwarze im Krieg als Söldner gegen die Rebellen eingesetzt hatte, konnten die Vorurteile gegen Einwanderer aus Subsahara-Afrika zwar abgeschwächt werden. Dennoch ist der Rassismus in der Bevölkerung nach wie vor tief verwurzelt.

Manche Nigerianer, die am Flughafen warten, kennen sich bereits. Sie mussten im letzten Jahr etwa 1.200 Dollar für eine riskante Bootsfahrt nach Europa hinblättern, wurden aber von den libyschen Behörden auf See abgefangen und in Tripolis drei Monate lang inhaftiert.

Unter ihnen ist die 38-jährige Shauna mit ihren beiden kleinen Kindern. Sie war hochschwanger, als ihr Mann zu Beginn des libyschen Bürgerkriegs nach Italien durchkam. Nach der Geburt der Tochter versuchte sie vergeblich, ihm zu folgen. Die Frau und ihre Kinder saßen nach ihrer Festnahme eine Zeitlang im Gefängnis. „Ich habe überhaupt kein Geld mehr“, klagt sie. „Was soll ich jetzt bloß machen?“

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt, dass allein 2011 rund 50.000 Menschen von Libyen aus versuchten, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Etwa 2.000 seien bei der Überfahrt ertrunken. Gerüchten zufolge soll Gaddafi die Bootsflüchtlinge unterstützt haben, um sich für die NATO-Luftschläge zu rächen. Diese Zahlen sind allerdings gering im Vergleich zu der gesamten Fluchtwelle aus Libyen, der größten in der Region seit dem Zweiten Weltkrieg.

Menschenhandel mit Migranten

Wie Haslam berichtet, wurden manche Migranten in Libyen in Kellern versteckt, bevor sie Milizen oder anderen Gruppen in die Hände fielen. Einige hätten sicherlich Zwangsarbeit leisten müssen, um zu überleben, vermutet er. „Mit ihnen wurde auch Menschenhandel betrieben“, meint er. Migranten würden für umgerechnet 200 bis 640 Dollar pro Person verkauft. „An einem Tag haben wir erlebt, dass für 78 Menschen ein Sonderpreis von 16.880 Dollar ausgehandelt wurde. Unter ihnen waren auch Frauen und Kinder.“

Den wirtschaftlichen und politischen Flüchtlingen steht nun ein anderes Schicksal bevor. Libyens Arbeitsminister Mustafa Ali Rugibani hat verkündigt, dass ab Anfang März nichtregistrierte Arbeiter abgeschoben werden. Der Chef von UNHCR in Libyen, Emmanuel Gignac, hofft, dass keine Asylsuchenden und Flüchtlinge davon betroffen sein werden.

Nahe einem Bahnhof, den eine chinesische Firma vor dem Krieg baute, leben derzeit Hunderte somalische Flüchtlinge in baufälligen Hütten. Das staatliche Gelände befindet sich in der Hand schwerbewaffneter Milizen, die von den Flüchtlingen täglich 24 Dollar kassieren und ihnen dafür Identitätsdokumente ausstellen.

Die 17-jährige Ayan will auf keinen Fall in ihr Land zurück. „In Somalia werden Frauen gegen ihren Willen verheiratet und können nichts lernen. Jeden Tag sterben Menschen im Krieg“, sagt sie. Obwohl viele Flüchtlinge auf dem Meer umkommen, wollen auch sie nach Italien. In einer katholischen Kirche in Tripolis, die noch aus der italienischen Besetzungszeit stammt, feiert eine Gruppe von Nigerianern Hochzeit und kann – wenigstens für kurze Zeit – alle Sorgen vergessen. (IPS/ck/2012)

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