Kommentar zur Flüchtlingskrise: Wenn Humanität zur Variablen wird

Hach, die Flüchtlingskrise. Oden an die Flüchtlingskrise, oder Balladen, oder Gebetsgesänge, oder wie auch immer: Sie stopft Mäuler, die den Pfropfen ausstoßen und ihn natürlich nicht ohne zusätzliche Beschwerung loswerden.

Ein Klopfen auf die Schulter: Manche, weil sie mit ihrer eine Hilfestütze anbieten, manche, weil sie endlich wieder neben sich stehen können. Aber genug des metaphorischen Ping-Pongs.

Die Flüchtlingskrise, da muss man die Plane vom Modellhaufen Europa abziehen und sehen, was da eigentlich durch Klackern, grellen Farben und Schutt zum Tanzen bringende Musik, die die leuchtenden Kinderaugen und weit aufgesperrten Ohren seit Gründung vernahmen, drunter steckt. Und siehe da: Wie jede gute Wissenschaft ist sie aus der Distanz faszinierend und beeindruckend, bei naher Betrachtung jedoch voller Probleme und nicht erschlossener Variablen.

Was haben wir doch nur für Lösungsvorschläge! Obergrenzen, Kontigenteinführung, Grenzsicherungen, das eine ist am Ende wie das andere – irgendwie entfernt sich immer irgendjemand von sich selbst. Und dass das Ganze dermaßen heterogen verläuft, mit zahlreichen konkurrierenden Ideenansätzen und schlagkräftigen Argumenten, die gegen Wände anrennen, weil sie am Ende doch nur im eigenen Revier so wunderbar klingen – das war und ist eine logische Konsequenz des Projektes Europa, das seit jeher nicht vereint gewesen war, wie es denn eigentlich sein sollte.

Das Prinzip des französischen Ethnologen und Soziologen Emile Durkheim einer „organischen Solidarität“ ist hier interessant zu betrachten: Moderne Industriegesellschaften schaffen durch komplexe Arbeitsteilung Subsysteme, eben Organe, die keinen Überblick über das Ganze haben, gegensätzlich vielmehr kontraktuell einen Individualismus, eine Subkultur ausbilden. Diese mag zwar im Ernstfall meist auf eine gesetzliche Grundlage als kleinsten gemeinsamen Nenner herunter zu brechen sein, kann aber, wenn die „Frequenz“ der Institutionalisierung dauerhaft zu weit auseinanderklafft, zu ernsthaften Konflikten führen.

Europa – das ist Währungsunion, das ist der Konflikt von doch sehr unterschiedlichen ökonomischen Startsituationen der einzelnen Länder, das sind Kompromisse auf Ebene der europäischen Gesetzgebung, die längst nicht alle Ausprägungen der Union berücksichtigen, das ist, kurzum, nach wie vor ein Haufen von Variablen, die längst nicht immer in ergänzender Funktion stehen. Wer Pegida und AfD-Geschleiche beobachtet, der wird sehen: Die Organe pumpen und werden mit der Flüchtlingskrise politisiert, das spröde Metall angemalt.

Die apolitischen Kräfte Deutschlands und auch Europas, jene, die den Glauben in Wahlen und Regierung verloren haben, die es irgendwie mit Mühen und zahllosen Handgriffen schaffen, mit nur einem Organ zu leben – sie formen jetzt einen Torso und bewegen sich in der politischen Extreme. Das mag im besten Falle politische Debatten auf größerer Basis anstoßen und so auch Bewegung in der politischen „Mitte“ mobilisieren, im schlechtesten die Mitte aufdröseln und Ecken und Kanten brechen. Abseits von Hassausdrücken, demografischen Vorteilshoffnungen und übersteuertem Humanismus kann die Flüchtlingskrise also durchaus als eine neue Referenzgebung innerhalb der Gesellschaft dienen, eine Politisierung und Beziehen von Standpunkten, die eben nicht zu extrem ausfallen dürfen.

Überhaupt der Humanismus: Diese vermeintliche Leitideologie des vereinten Europas kann zum Verhängnis wie auch zur Möglichkeit werden. Mag eine unsinnige und gefährliche Annahme eines universal zu geltenden Humanismus unserer Art, d.h. „gesetzlich-rational“ und mit Idealen von Gleichberechtigung, gewissen Freiheiten usw., ohne Überlegungen eines Kulturrelativismus gefährlich und durchaus mitverantwortlich für den Nahostkonflikt sein, so ist die Assimilation und der Synkretismus von Flüchtlingen zu Teilen unserer Gesellschaft Gold zur intakten Arbeit der Organe.

Eben aber auch: Jene Körperteile, die schon seufzen und nur Luft ansaugen, anstatt auszustoßen, sie werden ohne Frage ein Problem sehen in der Störung der Funktionsweise ihrer Umgebung mit der Konsequenz, eine kulturelle Übernahme der Flüchtlinge wäre nicht möglich – wer ist denn human, wenn der Flüchtling die Arbeit nimmt, das Land durch potenzielle terroristische Aktivitäten gefährdet und nebenbei vom Staat finanziell unterstützt wird, obwohl der nicht arbeitet, so der Kanon in diesen Reihen. So oder so: Der Flüchtling prägt das Bild des Humanismus, der Humanität – eben eine Variable.

Um „den“ Flüchtling zu integrieren, da bedarf es sicherlich mehr als die aktuelle „Willkommenskultur“ zu bieten hat: Eine Sprache alleine und vielleicht im besten Falle die Anbindung ans institutionalisierte Arbeits- oder Schulverhältnis und keine grundlegende Vermittlung eines Humanismus, der in zahlreichen Kontrasten zur ethnischen Lage in den Flüchtlingsländern steht, wird keinen assimilierten „Neu-Europärer“ nach unseren Erwartungen schaffen. Und eine Abkapselung jener Fremden in fremde Subsysteme, solche Organe stößt der Blutkreislauf des Staates und der Gesellschaft schnell als Fremdkörper aus.

Jene, die angesichts dieser Integrationsproblematik darauf plädieren, den Flüchtlingsstrom doch zu kappen oder zumindest angesprochene Obergrenzen, Kontigente einzuführen – sie würden bei erfolgreicher Umsetzung ihrer Pläne sehen: der erreichte Erfolg besteht im Aufschub: Flüchtlinge werden nicht freiwillig und nach Kommunikation eines sicheren Europas in ihrem Krisengebiet verharren, auch Nachbarländer sind entweder kaum sicherer oder bereits komplett überlastet.

Triebe man sie nun mit verfügbaren Mitteln zurück, man müsste sich ausmalen, was geschähe: Im Krisengebiet selber gäbe es nur die Möglichkeit, zu sterben oder einer aus Notwendigkeit einer radikalen Reinstitutionalisierung entstandenen Gruppierung wie eben dem IS oder anderen, nicht minder labileren ethnischen Gerüsten beizutreten und den Konflikt anzuheizen. Wir haben in den Nahostkonflikt seit Fall des Osmanischen Reich, der letzten weiträumigen und einigermaßen friedlichen Organisation der Vielvölkerregion, in einem solchen Maße interveniert, dass wir nicht mehr als Partei wegzudenken sind. Eine Partei, die auch durchaus Zielscheibe von terroristischen Attacken wird, gerade auf Grundlage unserer Verstrickung und Einmischung falscher Art und Weise über Jahrzehnte hinweg.

Flüchtlinge ja, aber wie – das muss die Fragestellung sein. Ihnen und den dahinter stehenden Problemen ausweichen zu können durch Grenzen ist illusorisch und falsch – die Möglichkeiten müssen erweitert und neu durchdacht werden, eine offene Debatte über den Humanismus natürlich inbegriffen. Die Polarisierung des Geschehens ist da einerseits hilfreich, andererseits ohne mangelnde Selbstreflexion – letztendlich ist jede Variable auch nur im relativen Zusammenhang zu anderen, stabilen Faktoren anzutreffen.