Juvenal: Mens sana in corpore sano sit.

Seit Christi Geburt sind mehr als 2000 Jahre vergangen, was viel klingt. Seither sind aber nicht mehr als rund 60 Generationen vergangen, geht man vom heutigen Generationenabstand von etwa 35 Jahren aus. Das wiederum ist keine große Zahl. Daher kann es auch nicht verwundern, dass der geistige Abstand zu den alten Zeiten teilweise sehr gering ist, wo überhaupt vorhanden.

All die vielen Kriege, in die sich die USA seit dem 1.Weltkrieg und verstärkt nach dem 2. Weltkrieg bis heute gestürzt haben, zeigen dasselbe imperiale Vorgehen wie es Rom kennzeichnete. Auch Rom hatte seine Kritiker, womöglich bessere als wir sie heute haben.  Einer ihrer Brillantesten war Juvenal.

Juvenal, (Geburtsname Decimus Iunius Iuvenalis), geb. um 58 n.Chr., gest. um 140 n.Chr.  war wohl der scharfzüngigste Satiriker im alten Rom. Er ist einer der längst wenigen verstorbenen Menschen, deren Sprüche wir wohl ewig im Munde führen werden. Sein Wort

“panem et circenses” (“Brot und Spiele”)

drückt seinen ganzen Ekel aus vor den menschunwürdigen Verhältnissen im Römischen Reich aus. Die Masse der angeblich freien Bürger, der „plebs“, wurde bekanntlich von jedem Einfluss auf den politischen Lauf der Dinge fern gehalten, indem er durch gerade mal ausreichende Ernährung und billige Unterhaltung in den sinnfreien Spielen in der Arena des zwischen 72 und 80 gebauten Kolosseums ruhig gestellt wurde.

Wer denkt da heute nicht an die Billigversorgung bei Aldi und Lidl?! Oder an die heutige  seichte Unterhaltung der Massen durch das Fernsehen und den Hype um die ewigen angeblich bedeutenden Sportereignisse. Da reißt doch sogar unsere offensichtlich unsportliche Kanzlerin beim Fußball die Ärmchen hoch!

Von Juvenal stammt der Satz vom gesunden Geist in einem gesunden Körper, um den es mir hier besonders geht. Mit der verkürzten Formel  „mens sana in corpore sano“ unterstellt man, dass beides wesentlich zusammengehöre. Dass ein Mensch mit gesunden Körperfunktionen daher darauf achten solle, seinen Geist zu schulen, hört man bei uns nie. Das Thema ist, den geistig gesunden Menschen auch in eine gute körperliche Verfassung zu bringen.Er soll er sichrichtig ernähren, damit er nicht verfettet und sich ausreichend bewegen, damit er nicht einrostet. Dann also man los, Frau Merkel!

Mit dieser Auslegung verstehen wir aber Juvenal gründlich falsch. Die lateinische Formel muss nämlich heißen „mens sana in corpore sano sit“. Es ist der gesunde Geist, der zum gesunden Körper hinzukommen soll. So heißt es in der wortgetreuen Übersetzung aus dem Original:

“Aber damit du was hast, worum du betest, weshalb du vor dem Schreine die Kutteln und göttlichen Weißwürste opferst, sollst um gesunden Geist in gesundem Körper du beten.”

Juvenal hielt wohl nicht allzuviel von den Göttern, denen das Volk Kutteln und Weißwürste opferte. Dem römischen Bürger, der sie anrief und um Hilfe bat, riet er, sich zu wünschen, dass er  körperlich gesund bleiben möge und darum zu bitten, dass ein gesunder Geist in seinen Körper einziehen möge. Denn ganz offensichtlich war der Geist des Bittstellers nicht ganz so beschaffen wie Juvenal sich einen gesunden Geist vorstellte.

Es ist danach also zumindest möglich, dass gesunder Körper und gesunder Geist zusammenfinden können. Aus dem Zusammenhang wird aber klar, dass man sich das nicht einfach nur wünschen kann. Da ist niemand, der uns mit körperlicher und geistiger Gesundheit beschenkt – außer der Natur. Die Natur hat stellt die Mittel parat, mit deren Hilfe wir uns richtig versorgen können. Sie gibt uns auch mit dem Verstand das Werkzeug, diese Mittel richtig einzusetzen. Insbesondere aber sind wir nach Juvenal dazu aufgerufen, an unserer geistigen und moralischen Verfassung zu arbeiten.

Juvenal stellt an anderer Stelle  fest, dass  viele Menschen wie ungeschliffene Diamanten glänzende Qualitäten unterhalb einer rauen Schale haben. Ich denke da an Karl Jaspers weit wenig  hoffnungsfrohes Wort:

“Die Demokratie setzt die Vernunft im Volk voraus, die sie erst hervorbringen muss!”

Ich halte es mehr mit Juvenal, der dem Bürger rät, sein Heil nicht in der vagen Erwartung göttlicher Fügung zu suchen (“Hoffen und Harren macht alte Jungfern und Narren!”),  sondern selbst beides zu fördern, seine körperliche und seine geistige Gesundheit! Juvenal würde gewiss dem zustimmen, wie  kürzlich der Philosoph Reiner August Damann hier in der NEOPresse erklärte, dass wir uns viel mehr auf unseren eigenen gesunden Menschenverstand verlassen sollen. Wir brauchen nicht auf falsche Experten und Autoritäten zu warten, damit diese uns die Welt erkären.

Die neuen Wissenschaften vom Menschen, voran die Gehirnforschung und die Endokrinologie, lassen heute keinen vernünftigen Zweifel mehr daran, dass Körper, Gemüt und Geist funktional zusammenhängen  und sich wechselseitig beeinflussen. Der Mensch, der klug bedenkt, was seinem Körper Gesundheit schenkt und wie er sich richtig ernährt, erfährt zugleich durch die körpereigene harmonische Abstimmung seiner Hormone und Botenstoffe das Glück im Leben und kann die Freiheit seines Geistes ungestört von körperlichen Leiden genießen. Dass wir längst in diese Richtung denken, zeigt die typische Antwort auf die Frage, wie es einem gehe, dass man gesund und munter ist. Dazu passen die Sprüche „Hautptsache gesund“ und  Schopenhauers

„Die Gesundheit ist zwar nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“

Überhaupt hätte Juvenal im Auter der „Aphorismen zur Lebensweisheit“ Artur Schopenhauer einen kongenialen Geist gefunden.

Ganz so ohne Bedeutung war auch für Juvenal  die gute körperliche Verfassung nicht. Das schuldete er schon der Ästhetik der Griechen, die die Liebe zum wohlgeformten menschlichen Körper an die Römer weitergegeben hatten. Der Satiriker Juvenal würde sich gewiss daran stoßen, dass in der Riege unserer Politiker und Politikerinnen fast nur Gestalten auftauchen, die wahrlich keine gute Figur machen.

Weitere schöne Beispiele für Juvenals Genie, die ich nicht übegehen will,  sind:

  • Aber wer bewacht die Bewacher?
  • Adel liegt einzig und allein in der Tugend.
  • Alles in Rom ist um Geld zu haben.
  • Da fällt es schwer, keine Satire  zu schreiben.
  • Daher Zorn und Tränen.
  • Das strengste Gericht ist das eigene Gewissen. Hier wird kein Schuldiger freigesprochen.
  • Das will ich, so befehl‘ ich’s, als Grund genügt (mein) Wille.
  • Der Wanderer mit leeren Taschen lacht dem Räuber ins Gesicht.
  • Die (große) Anzahl gibt Schutz.
  • Dieser erhielt das Kreuz als Lohn für seine Verbrechen, jener die Krone.
  • Einem Kind kommt größtmöglicher Respekt zu.
  • Ein seltener Vogel auf Erden, ähnlich dem schwarzen Schwan.
  • Es gibt in der Regel keinen Prozess, in dem nicht eine Frau den Streit verursacht hätte.
  • Es missfiel deine Nase.
  • Viele Menschen haben wie ungeschliffene Diamanten glänzende Qualitäten unterhalb einer rauen Schale.
  • Gesunder Menschenverstand ist rar im Glück.
  • Ich kann diese vergriechte Stadt nicht ertragen, Quiriten.
  • “Kein Bösewicht kann glücklich sein, am wenigsten ein Verführer.
  • Rechtschaffenheit wird (von allen) gelobt und stirbt doch vor Kälte.
  • Unerträglicher nichts als ein Weib mit großem Vermögen.
  • Einst bestimmte es (das römische Volk) über alles, die Herrschaft, die Ämter und die Legionen. Doch nun wünscht sich das Volk, um zufrieden zu sein, nur noch zwei Dinge: Brot und Spiele.

Großartig, nicht? Lange bevor ein Englisch sprechender Mensch über die Richtigkeit der Gesetzmäßigkeit der “safety in numbers” sinnierte, hatte Juvenal es schon zwingend mit zwei schlichen Wörtern  gesagt:

„Defendit numerus.“

Erfreulicherweise haben wir im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahrzehnten immer mehr großartige Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt, Georg Schramm, Volker Pispers und Urban Priol, um nur einige zu nennen, deren satirisch einschneidende Worte dem kritischen Betrachter helfen, den Ungeist unserer Zeit besser zu ertragen.