in Gesellschaft

Jean Zieglers Buch zum Thema «Hunger» ist auf deutsch im Buchhandel. Es ist ein Manifest für das Menschenrecht auf Nahrung.

Jean Ziegler schreibt wie er spricht. Er schreibt vom «Sieg des Raubgesindels» und meint damit die Banken, die mit Milliarden gerettet wurden – nicht zuletzt zu Lasten von Entwicklungshilfe. Er nennt Genf die «Welthauptstadt der ‚Tigerhaie’» und meint damit die Lebensmittel-Spekulanten. Es ist ein Ziegler-Buch: Provozierender Klartext, reich an Fakten, Begegnungen und Geschichten. Das Elend ist, dass ihm das Elend in der Sache recht gibt.

Das Elend des Hungers hat wieder zugenommen im 21. Jahrhundert. Im Jahr 2009 zählte die UNO 1023 Millionen «permanent schwerst unterernährte Menschen», also über eine Milliarde. Ein Jahr später waren es ‚nur noch’ 925 Millionen. Aber zwölf Jahre früher, im Durchschnitt von 1995 – 1997, waren es deutlich weniger gewesen: 788 Millionen.

Das «Raubgesindel» treibt die Lebensmittelpreise

Die Rolle des «Raubgesindels» in dieser Geschichte scheint klar. Nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes suchte das Finanzkapital neue, sichere Anlagemöglichkeiten und fand sie unter Führung der Investment- und Wertpapierbank Goldman Sachs im Lebensmittelmarkt: parallel zum zwanzig- bis dreissigfachen Wachstum der spekulativen «Investitionen» in diese Warengeschäfte stiegen die Mais- und Weizenpreise um das Dreifache – und das trieb trotz guter Ernten 150 Millionen Menschen mehr in den Hunger (Zahlen: Oxfam).
Die Politik hatte den wichtigen «Playern» auf dem Rohstoffmarkt – neben Goldman Sachs unter anderen auch die Deutsche Bank und die UBS – mit einer fundamentalen Deregulierung der Warenbörsen das Feld bereitet. Sie hat aber auch im Gefolge der Finanzkrise weltweit Tausende von Milliarden Dollar in Bankenrettung und ähnliches gesteckt – und gleichzeitig bei Entwicklung und Sozialem massiv gespart.
Ziegler beschreibt dramatische Folgen, weltweit und in Europa: Das Welternährungsprogramm musste in vielen armen Ländern die Schulspeisungen einstellen. Und 2011 in Spanien zählte man in Spanien 2.2 Millionen «permanent schwerst unterernährte» Kinder.

Empört, enttäuscht – und weiterhin engagiert

Aber Jean Ziegler ist kein Zahlenakrobat. Er war und ist engagiert und empört. Und er ist enttäuscht vom Versagen der grossen Institutionen. Er beschreibt den Kampf zwischen den Ideologen der ungezügelten Marktes im Währungsfonds IWF und in der Welthandelsorganisation WTO und den Anwälten der Hungernden im Welternährungsprogramm WFP. Es ist der Kampf darum, ob der entfesselte Markt alles bestimmt oder ob das Menschenrecht auf Nahrung mit Regulierungen durchgesetzt werden muss. Ziegler lässt an der Antwort keine Zweifel: «Die Nahrung muss als öffentliches Gut betrachtet werden.»
Weil er den Institutionen nicht mehr traut, erzählt er uns Geschichten, die uns berühren können. Geschichten über eine Tankfüllung von 50 Liter Agro-Benzin – das sogenannte «Bio»-Ethanol -, mit der wir eine Jahresration Mais für ein Kind in Mexiko verbrennen. Über die Bauern in Kolumbien oder Brasilien, die für Palmöl oder Zuckerrohr von ihrem Land vertrieben werden. Über die Kleinbauern in Ghana oder Sambia, deren Land von einer korrupten Regierung für einen Spottpreis und finanzielle Nebenleistungen an ausländische Konzerne verschachert wird. Sie haben alle eine gemeinsame Aussicht: Hunger.

Die Rekolonisierung des Südens

«Rekolonisierung» nennt Ziegler die Landnahme, bei der sich private und staatliche Unternehmen aus China, Indien, Japan, Saudi-Arabien, Belgien, Brasilien oder den USA Millionen Hektaren Land und kaum begrenzte Wasserrechte in den wenig entwickelten Ländern aneignen, für einen globalisierten Markt.
Ziegler plädiert nicht für die Abschaffung des Marktes. Die Erde kann genug Nahrungsmittel für zwölf Milliarden Menschen hervorbringen, und «Hunger» ist ein Problem der angemessenen Preise und der gerechten Verteilung. Ziegler plädiert für ein Verbot der preistreibenden Spekulation und den angemessenen internationalen Schutz des Menschenrechts auf Nahrung. Wenn wir sie nicht verhungern lassen wollen.

Weiterführende Informationen

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. C. Bertelsmann 2012. ISBN 978-3-570

Originaltext

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  1. „Die Schaffung von Reichtum ist durchaus nichts Verachtenswertes, aber auf lange Sicht gibt es für den Menschen nur zwei lohnende Beschäftigungen: die Suche nach Wissen und die Schaffung von Schönheit. Das steht außer Diskussion – streiten kann man sich höchstens darüber, was von beidem wichtiger ist.“

    Arthur C. Clarke

    Man (oder Frau) kann sich für vieles einsetzen; es ist aber im Großen und Ganzen nichts zu erreichen, solange die „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ weiterhin aus dem Begriffsvermögen der halbwegs zivilisierten Menschheit ausgeblendet bleibt:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html