in Gesellschaft

Von Mitchell Plitnick

Washington, 13. Dezember (IPS) – Brant Rosen ist Rabbi einer jüdischen Gemeinde in Evanston im US-Bundesstaat Illinois. In seinem Buch ‚Wrestling in the Daylight: A Rabbi’s Path to Palestinian Solidarity‘ setzt er sich kritisch mit dem Nahostkonflikt auseinander.

Nach den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen zum Jahreswechsel 2008/2009 sei ihm bewusst geworden, dass der israelische Umgang mit den Palästinensern eine „grundlegende Ungerechtigkeit“ darstelle, die mit der Entstehung des Staates Israels begonnen habe, sagt Rosen im Interview mit IPS. Es folgen Auszüge aus dem Gespräch.

IPS: Wie hat sich Ihre persönliche Sicht auf Israel in den vergangenen vier Jahren verändert?

Brant Rosen: Ich war der Meinung, dass es sich um einen Konflikt zwischen zwei Völkern handelt, die beide legitime Ansprüche auf das Land in Israel und Palästina stellen. Als einzigen Ausweg sah ich eine Zwei-Staaten-Lösung. Als Jude identifizierte ich mich mit Israel. Ich habe dort enge Verwandtschaftsbeziehungen, habe Israel mehrmals besucht und sogar überlegt, dorthin zu ziehen.

Der Meinungswechsel erfolgte graduell. Doch den Wendepunkt markierte die Operation Gegossenes Blei 2008/2009, (wie Israel seinen Angriff auf den Gazastreifen damals bezeichnete). Mit wurde bewusst, dass es sich nicht um einen Konflikt zwischen zwei gleichberechtigten Seiten handelte, sondern um eine grundlegende Ungerechtigkeit, die mit der Geburt des Staates Israel begonnen hat und sich seither immer weiter fortsetzt. Eine sehr mächtige Partei zwingt der anderen ihren Willen auf.

Einmal thematisierte ich Israels Gewalttaten während der Operation Gegossenes Blei, der Anfang eines Dominoeffekts. Als Gemeinderabbiner war ich in einer schwierigen Lage, und die Leute erwarteten von mir eine Orientierung. Etwa ein Jahr später bewertete ich meine Haltung als Jude zu Israel neu, im Gesamtzusammenhang, nicht nur mit Bezug auf den Gazastreifen, sondern zum Zionismus im Allgemeinen.

Ich engagierte mich stärker in der Solidaritätsarbeit für Palästina und suchte den Kontakt zu Palästinensern. Einige von ihnen waren Freunde, andere Lokalaktivisten. So viele kamen auf mich zu, nachdem ich über die Situation im Gazastreifen gesprochen hatte. Ich wollte von ihnen wissen, welche Erfahrungen sie mit dem Thema gemacht haben.

Heute weiß ich, wo ich stehe. Ich sehe mich als Rabbi, der seiner jüdischen Gemeinde dient und durch jüdische Werte motiviert wird. Ich bin aber auch jemand, der solidarisch ist mit den Palästinensern, die für Menschenrechte, Gleichberechtigung und Würde in dem Land kämpfen, in dem sie entweder leben oder in das sie zurückkehren möchten.

IPS: ‚Jewish Voice for Peace‘ ist eine der führenden Gruppen, die wirtschaftlichen und politischen Druck auf Israel ausüben wollen. Wie sehen Sie die Zukunft dieser Bewegung?

Rosen: Diese Bewegung wächst sprunghaft und zieht immer mehr Menschen an. Das UN-Votum zur Aufwertung des Status der Palästinenser überdeckte eine andere Geschichte, die ich für viel wichtiger hielt. Stevie Wonder sagte seine Teilnahme an einem Benefiz-Konzert einer US-Gruppe ab, die sich Freunde der Israelischen Streitkräfte nennt.

Er ist der bisher letzte in einer langen Reihe von Prominenten, die die Sache der Palästinenser unterstützen und deshalb Auftritte in Israel abgesagt haben. Ganz gleich, ob sie es aufgrund von öffentlichem Druck getan haben oder weil sie wirklich daran glauben – daran zeigt sich die Macht der Boykottbewegung.

Die beste Methode, um einen politischen Wandel herbeizuführen, besteht seit jeher darin, möglichst viele Menschen zu mobilisieren. Die Tatsache, dass Israel so harsch darauf reagiert, zeigt das Potenzial von Empowerment. Als Hillary Clinton sagte, 3.000 neue Siedlungen seien „nicht hilfreich“, hat Israel nicht darauf reagiert.

Auf der anderen Seite: Wenn es ‚Jewish Voice of Palestine‘, ‚Students for Justice in Palestine‘ und einer großen Zahl kirchlicher Gruppen gelingt, große Unternehmen davon abzubringen, sich an israelischen Geschäften in Palästinensergebieten zu beteiligen, erscheint diese Nachricht auf den Titelseiten israelischer Zeitungen. Das zeigt die große Durchschlagskraft einer solchen Aktion.

Anders als oft behauptet, ist die Bewegung ‚Boycott/Divestment/Sanctions‘ (BDS) nicht antisemitisch eingestellt. Das Argument, dass sie Israel in unfairer Weise an den Pranger stelle, ist unaufrichtig. Es geht nicht um die Frage, ob der israelische Status legitim ist. Israel existiert und ist Teil der internationalen Gemeinschaft. Wenn Israel aber illegitim handelt, haben Bürger auf der ganzen Welt das Recht und die Verantwortung, so viel Macht auszuüben, wie sie können, um dem ein Ende zu setzen.

IPS: Glauben Sie, dass die jüngste Forderung von 15 protestantischen Führern nach einer Untersuchung darüber, ob die US-Hilfen für Israel mit den Gesetzen in den USA vereinbar sind, eine wichtige neue Entwicklung ist?

Rosen: Ich denke, das Wichtigste ist, dass diese Führer einen festen Standpunkt einnehmen und keinen Rückzieher machen, obwohl sie vernichtend kritisiert und als Anti-Semiten beschimpft werden. Bis jetzt bestand die Vereinbarung über Religionsbeziehungen darin, dass man über alles außer Israel sprechen durfte. Dieses Mal haben sie damit gebrochen.

Bisher wurden sie vom jüdischen Establishment eingeschüchtert. Doch nun kann es zu einer neuen Beziehung kommen, in der man über alles sprechen kann, nicht nur über Dinge, die man gemeinsam hat, sondern auch über die Politik Israels, mit der wir nicht immer einverstanden sind. Ich bin stolz darauf, dass ‚Jewish Voice for Peace‘ hinter dem Aufruf steht.

Jüdische Führer haben gesagt, wie würden einem geplanten interreligiösen Gipfel fernbleiben, und forderten ein separates Treffen. Das hat nichts mit Dialog zu tun. Die protestantischen Kirchenführer gaben daraufhin eine zweite Erklärung ab, in der sie betonten, dass ihnen das Gespräch mit den jüdischen Führern wichtig sei und sie gern über dieses Thema mit ihnen reden würden. Ein echter Dialog thematisiert auch unbequeme Fragen.

Es ist sehr wichtig, dass Christen sehen, dass es Juden gibt, die durchaus mit ihnen einer Meinung sind. Die jüdische Gemeinde ist viel größer als das jüdische Establishment.

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