in Gesellschaft

Von Jillian Kestler-D’Amours

Jerusalem, 23. Juli (IPS) – Während sich Israel mit immer mehr Mauern und Sperranlagen umgibt, warnen Analysten vor den Folgen des kompromisslosen und gewaltgeprägten Umgangs des Landes mit Palästinensern und anderen arabischen Nachbarn. Der Weg in die Katastrophe sei programmiert.

„Einerseits riegeln wir die Palästinenser ab, andererseits sind wir es selbst, die uns aussperren, wenn man mal näher hinschaut und sich in der Region Nahost umsieht“, meint der israelische Gelehrte und Buchautor Neve Gordon. „Wir sind eine Insel, die jeden Kontakt mit ihren Nachbarn verloren hat.“

Der Bau von Israels acht Meter hohen ‚Trennbarriere‘ zum Westjordanland, die von den meisten Palästinensern ‚Mauer der Apartheid‘ genannt wird, geht bereits ins zehnte Jahr. Im April 2012 war der Wall mit einer Länge von 434 Kilometern zu 62 Prozent fertig gestellt.

Im Juni kündigte Israel die Wiederaufnahme der Bauarbeiten an einem Teil der Absperrung im Siedlungsblock Gush Etzion nahe Bethlehem im Westjordanland an. Mit einem Mauerabschnitt um Ma’ale Adumim in der Nähe von Jerusalem soll im nächsten Jahr begonnen werden. „Alles, was sich jenseits der Mauer befindet, ist ein Monster. Unbekanntes, vor dem man Angst haben muss“, kommentiert Gordon die Abschottungspolitik Israels in der Region.

Landgewinn durch Mauerbau

Die israelische Regierung bewirbt die Mauer als Methode, um israelische Zivilisten vor palästinensischer Gewalt zu bewahren. Die Palästinenser wiederum betrachten die tief ins besetzte Westjordanland einschneidende Sperranlage als Werkzeug Israels, sich immer mehr palästinensisches Land einzuverleiben. Fertig gestellt sorgt der Wall für die Annexion von 530 Quadratkilometer Palästinenserland. Das entspricht der Größe der US-amerikanischen Stadt Chicago, wie die palästinensische Menschenrechtsorganisation ‚Al Haq‘ meint.

Doch Israels Abschottungspolitik macht nicht nur an der viel kritisierten Separationsmauer Halt. Auch der 230 Kilometer lange Zaun an der Grenze zu Ägypten, der afrikanische Asylsuchende aussperren soll, macht deutliche Fortschritte.

Ironischer Weise sind die schätzungsweise 60.000 Asylsuchenden in Israel häufig selbst am Bau der Abzäunung und deren Infrastrukturen beteiligt. Die meisten Flüchtlinge gelangen über die ägyptische Wüste Sinai nach Israel. „Es fühlte sich an, als hätte ich mir selbst eine Falle gestellt“, erinnert sich der 29-jährige Mohammad Anur Adam aus Darfur. Acht Monate lang wirkte er an der Straße mit, die der israelischen Armee und Polizei als Grenzpatrouille-Streifen dienen wird.

Er sei arbeitslos gewesen, nur deshalb habe er sich an dem Projekt beteiligt, berichtet der Afrikaner, der in Eilat lebt, Israels südlichster Stadt nahe der ägyptischen Grenze.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu stellt den Zaun als einen Imperativ dar, um mit Ägypten in Frieden zu leben. „Damit der Friede gewährleistet bleibt, muss es Sicherheit und deshalb einen Zaun geben“, sagte er unlängst. „Die schnelle Fertigstellung dient sowohl dem Frieden als auch der Sicherheit.“

Netanyahu kündigte damals an, nach Fertigstellung dieser Absperrung mit dem Bau einer Mauer an der jordanischen Grenze zu beginnen. Bereits zuvor hatte der jordanische König Abdullah II. in einem Interview mit dem ‚Wall Street Journal‘ im vergangenen September erklärt: „Israel muss sich entscheiden, ob es Teil der Nachbarschaft oder aber Festung Israel sein möchte.“

Identitätsproblem

Dem israelischen Historiker Ilan Pappe zufolge ist Israels Festungsmentalität kein Novum, sondern das Produkt einer frühen zionistischen Denkweise. „Der vorwiegend zionistische und später israelische Impuls war nicht, Teil der Region Nahost zu werden, sondern vielmehr Teil Europas zu bleiben“, schrieb er in einem E-Mail-Interview mit IPS. Die Frage, ob Israel einen realen oder irrealen Feind habe, sei zweitrangig. Israels jüdische Gemeinschaft strebe die Abgrenzung an, um sich nicht mit dem ‚primitiven‘ palästinensischen oder arabischen Umfeld vermischen zu müssen.

Nach Meinung von Pappe zwingt die israelische Besatzungspolitik den israelischen Staat dazu, mit seinen Nachbarn ausschließlich die Sprache der Gewalt zu sprechen, die wiederum das Land noch mehr von der größeren Region Nahost absondere. „Die irreale oder auch die wirkliche Mauer lässt sich nur einreißen, wenn das Land Israel, das absurderweise die stärkste Militärmacht der Region ist, den Mut besitzt, einige seiner Privilegien aufzugeben, Israel und Palästina zu halbwegs gleichberechtigten Staaten macht und sich selbst als Teil der Region Nahost, ihrer Probleme und Lösungen, begreift.“

Im Juni stellten die israelischen Behörden den Bau einer sieben Meter hohen Sperranlage fertig, die das Land von Libanon trennt und auf einer Länge von 1.200 Metern mit Kameras und Bewegungsmeldern ausgestattet ist. (IPS/kb/2012)

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