in Gesellschaft

Zum Futur III

Wie soll eigentlich unsere Zukunft aussehen? – In früheren Zeitaltern gab es dazu klare Vorstellungen, die stets in der Zuversicht, zumindest aber in der Hoffnung mündeten: Unseren Kindern soll es mal besser gehen. Heute sind wir von solch einem Optimismus weit entfernt, nicht zuletzt weil unsere Vorstellungswelt beschädigt ist.
Harald Welzer, Direktor der Stiftung FUTURZWEI, hat in seinem Buch „Selbst denken“ die Wichtigkeit des Bildes einer wünschenswerten Zukunft begründet.

»Stellen Sie sich einfach vor, wie Sie dereinst die Frage beantworten wollen, wer Sie gewesen sind und welchen Beitrag Sie entweder zur Zerstörung oder zur Sicherung von Zukunft geleistet haben. Stellen Sie sich selbst im Tempus Futur zwei vor: Wer werde ich gewesen sein? Das hilft: Vieles von dem, was im einfachen Futur als unbequem und lästig erscheint, wird im Futur zwei plötzlich interessant und attraktiv.«

Beim Futur III handelt es sich um etwas anderes; Erfinder dieser „Zeitform“  ist das Satiremagazin Der Postillon. In unserer Beitragsserie wird sie eingesetzt, um zu illustrieren, wie unsere Zukunft hätte aussehen können, wenn unbequeme Wahrheiten nicht verdrängt worden wären:

„Wir werden ein gutes Leben gehabt hätten.“

Diese unbequemen Wahrheiten sind bekannt; immer wieder stößt man auf brillantes Gedankengut aus früheren Jahrzehnten und stellt bewundernd fest, dass es eigentlich unsere derzeitige Situation reflektiert. Doch die Verkünder dieser Wahrheiten waren Rufer in der Wüste. Vielleicht fallen ihre Ideen heute auf fruchtbareren Boden, denn bei all dem wird klar:

Teil I: Herbert Marcuse und die eindimensionale Gesellschaft

Wir leben und sterben rational und produktiv. Wir wissen, dass Zerstörung der Preis des Fortschritts ist wie der Tod der Preis des Lebens, dass Versagung und Mühe die Vorbedingungen für Genuss und Freude sind, dass die Geschäfte weiter gehen müssen und die Alternativen utopisch sind. Diese Ideologie gehört zum bestehenden Gesellschaftsapparat; sie ist für sein beständiges Funktionieren erforderlich und ein Teil seiner Rationalität.
Herbert Marcuse (1964)

Vor genau 50 Jahren erschien “The One-Dimensional Man. Studies in the Ideology of Advanced Industrial Society”.

Zur Person

Herbert Marcuse (* 19. Juli 1898 in Berlin; † 29. Juli 1979 in Starnberg) war ein deutsch-US-amerikanischer Philosoph, Politologe und Soziologe.
In den USA erschienen seine beiden Hauptwerke Eros and Civilization 1955 und One-Dimensional Man 1964. Beide Werke und die Schriften zur Repressiven Toleranz 1965 und zu dem Sammelband Studien über Autorität und Familie von 1936 gehören zu den wichtigsten Arbeiten der Kritischen Theorie und zählten zu den Standardwerken der Studentenbewegung in aller Welt.
(Quelle: Wikipedia)

Doch nicht nur wegen des Jubiläums soll Herbert Marcuse diese Beitragsreihe eröffnen.

Prägnant und treffsicher wie kein anderer thematisiert er den Mangel an Kraft und Willen, nach Alternativen zur totalitären Industrie- und Konsumgesellschaft zu suchen.

Die deutsche Ausgabe “Der Eindimensionale Mensch” von 1967 hatte großen Einfluss auf die Studentenbewegung, in die Marcuse zunächst große Hoffnung setzte. Dass sie sich nicht erfüllen würden, hätte er ahnen müssen, denn die Fähigkeit des Systems, negative Kräfte zu assimilieren, hatte er selbst als erster ausführlich begründet. Doch zu dieser Zeit erschienen ihm die Widersprüche unüberwindbar:

»Diese Gesellschaft ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluss an Waren produziert und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen beraubt; obszön, weil sie sich und ihre Mülleimer vollstopft, während sie die kärglichen Lebensmittel in den Gebieten ihrer Aggression vergiftet und niederbrennt; obszön in den Worten und dem Lächeln der Politiker und Unterhalter; in ihren Gebeten, ihrer Ignoranz und in der Weisheit ihrer gehüteten Intellektuellen.«
Versuch über die Befreiung (1969)

Gegenstand von Marcuses Kritik ist allerdings nicht der Zustand der Gesellschaft an sich, sondern die Tatsache, dass die Menschen sich mit diesem Zustand abfinden, obwohl sie in der Lage wären, ihn zu ändern. Unfreiheit, Unterdrückung und Ungerechtigkeit gab es wohl zu allen Zeiten, aber vielleicht erstmals in der Geschichte sind die Voraussetzungen für eine neue Qualität menschlichen Miteinanders gegeben. Diese Erkenntnis zieht sich durch Marcuses Werk: »eine bestimmte historische Praxis wird an ihren eigenen geschichtlichen Alternativen gemessen
Die fehlende Bereitschaft, über diese Alternativen nachzudenken, gar für sie zu kämpfen, macht er am beispiellosen Erfolg des kapitalistischen Systems fest.

Der Macht, die diese Gesellschaft über den Menschen gewonnen hat, wird durch ihre Leistungsfähigkeit und Produktivität täglich Absolution erteilt. [aber:] Die Tatsache, dass die große Mehrheit der Bevölkerung diese Gesellschaft hinnimmt und dazu gebracht wird, sie hinzunehmen, macht sie nicht weniger irrational und verwerflich.

Was unterscheidet die heutige Lage von der, die Marcuse vor fünfzig Jahren beschreibt?

In den USA, wo er seit seiner Emigration die meiste Zeit lebte, war die wirtschaftliche Situation eine andere als im kriegsgeschundenen Europa, und aus dieser resultierten seine Einsichten, die ihrer Zeit weit voraus scheinen.

Es ist der kennzeichnende Zug der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, dass sie diejenigen Bedürfnisse wirksam drunten hält, die nach Befreiung verlangen – eine Befreiung auch von dem, was erträglich, lohnend und bequem ist – während sie die zerstörerische Macht und unterdrückende Funktion der Gesellschaft »im Überfluss« unterstützt und freispricht. Hierbei erzwingen die sozialen Kontrollen das überwältigende Bedürfnis nach Produktion und Konsumtion von unnützen Dingen; das Bedürfnis nach abstumpfender Arbeit, wo sie nicht mehr wirklich notwendig ist; das Bedürfnis nach Arten der Entspannung, die diese Abstumpfung mildern und verlängern; das Bedürfnis, solche trügerischen Freiheiten wie freien Wettbewerb bei verordneten Preisen zu erhalten, eine freie Presse, die sich selbst zensiert, freie Auswahl zwischen gleichwertigen Marken und nichtigem Zubehör bei grundsätzlichem Konsumzwang.

In Europa und speziell in Deutschland hatte der neu gewonnene Wohlstand gerade erst begonnen; Überfluss begann sich bestenfalls abzuzeichnen. Warnungen vor einem totalitären Konsumismus konnten deshalb nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Umso wichtiger scheint es, sich erneut der Botschaften von damals zu besinnen und die Frage zu stellen, warum sie uns heute so wenig gelten. Nun kann ja die Tatsache, dass es in diesen fünfzig Jahren nicht gelungen ist, einen Widerstand zu konstituieren, zweierlei bedeuten: 1. Marcuse hatte nicht recht, und ein solcher Widerstand ist somit gar nicht erforderlich; oder 2. Das System hat sich tatsächlich als so geschmeidig erwiesen, dass es ihm gelungen ist, negative Kräfte zu assimilieren. Betrachten wir die aktuelle Situation, die von rücksichtsloser Ausbeutung natürlicher Ressourcen, von immer stärkerer Polarisation des Wohlstands und Isolation gegenüber den Armen dieser Welt gekennzeichnet ist, dürfte Variante 1 wohl ausscheiden. Wenn Harald Welzer heute von der »unbegrenzten Geschmeidigkeit kapitalistischer Aneignung« spricht, dann ist es die moderne Übersetzung dessen, was Marcuse voraussah:

Ausgeweitet zu einem ganzen System von Herrschaft und Gleichschaltung, bringt der technische Fortschritt Lebensformen (und solche der Macht) hervor, welche die Kräfte, die das System bekämpfen, zu besänftigen scheinen. Die gegenwärtige Gesellschaft scheint imstande, einen sozialen Wandel zu unterbinden — eine qualitative Veränderung, die wesentlich andere Institutionen durchsetzen würde, eine neue Richtung des Produktionsprozesses, neue Weisen menschlichen Daseins. Die Unterbindung sozialen Wandels ist vielleicht die hervorstechendste Leistung der fortgeschrittenen Industriegesellschaft.

Die Besänftigung, von der hier die Rede ist, bewirkte auch einen qualitativen Wandel der Opposition in den entwickelten Industrieländern. Während in den sechziger Jahren das Infragestellen des Systems noch selbstverständliches Anliegen echter Opposition war, befindet sich diese heutzutage in einer Rolle, die Marcuse schon schwante:

Eine solche Gesellschaft kann mit Recht verlangen, dass ihre Prinzipien und Institutionen hingenommen werden, und kann die Opposition auf die Diskussion und Förderung alternativer politischer Praktiken innerhalb des Status quo einschränken. … Die Denkbewegung wird vor Schranken angehalten, die als die Grenzen der Vernunft selbst erscheinen.

Dies ist es, was Marcuse als eindimensionales Denken charakterisiert, und was bei ihm noch wie eine Überlegung klingt, ist heute traurige Gewissheit:

Wenn die Individuen – und das macht sogar ihr Glück aus – mit den Gütern und Dienstleistungen zufrieden sind, die ihnen von der Verwaltung heruntergereicht werden, warum sollten sie auf anderen Einrichtungen um einer anderen Produktion anderer Güter und Dienstleistungen willen bestehen? Und wenn die Individuen derart präformiert sind, dass zu den befriedigenden Gütern auch Gedanken, Gefühle und Wünsche gehören, warum sollten sie selbst denken, fühlen und sich etwas vorstellen? Zwar mögen die angebotenen materiellen und geistigen Waren schlecht, verschwenderisch, Schund sein — aber Geist und Erkenntnis sind keine durchschlagenden Argumente gegen die Befriedigung von Bedürfnissen.

Doch welchen Preis hat der moderne Mensch für diese Bedürfnisbefriedigung zu zahlen? – Nicht weniger als den Verzicht auf selbstbestimmtes Dasein und den Verlust einer guten Zukunft. Was 1964 noch als vage Vision, als theoretisches Geplänkel erscheinen mochte, bewahrheitet sich dieser Tage in tragischer Weise:

Die freie Wahl der Herren schafft die Herren oder die Sklaven nicht ab. Freie Auswahl unter einer breiten Mannigfaltigkeit von Gütern und Dienstleistungen bedeutet keine Freiheit, wenn diese Güter und Dienstleistungen die soziale Kontrolle über ein Leben von Mühe und Angst aufrechterhalten … es besteht kein Grund, auf Selbstbestimmung zu dringen, wenn das verwaltete Leben das bequeme und sogar »gute« Leben ist. Das ist der rationale und materielle Grund für die Vereinigung der Gegensätze, für eindimensionales politisches Verhalten.

In dieser schieren Ausweglosigkeit erkennt Marcuse den Schlüssel zu neuem Denken in der Definition von Bedürfnissen.

Wir können wahre und falsche Bedürfnisse unterscheiden. »Falsch« sind diejenigen, die dem Individuum durch partikuläre gesellschaftliche Mächte, die an seiner Unterdrückung interessiert sind, auferlegt werden: diejenigen Bedürfnisse, die harte Arbeit, Aggressivität, Elend und Ungerechtigkeit verewigen. Ihre Befriedigung mag für das Individuum höchst erfreulich sein, aber dieses Glück ist kein Zustand, der aufrecht erhalten und geschützt werden muss, wenn es dazu dient, die Entwicklung derjenigen Fähigkeit (seine eigene und die anderer) zu hemmen, die Krankheit des Ganzen zu erkennen und die Chancen zu ergreifen, diese Krankheit zu heilen. … Die einzigen Bedürfnisse, die einen uneingeschränkten Anspruch auf Befriedigung haben, sind die vitalen — Nahrung, Kleidung und Wohnung auf dem erreichbaren Kulturniveau.

Doch Marcuse weiß, dass er sich damit auf dünnes Eis begibt, denn der vorherrschende Liberalismus lehnt jedes Diktat über die Berechtigung individueller Bedürfnisse ab. So stellt er vorsichtig die Frage:

Welches Tribunal kann für sich die Autorität der Entscheidung beanspruchen? In letzter Instanz muss die Frage, was wahre und was falsche Bedürfnisse sind, von den Individuen selbst beantwortet werden, das heißt sofern und wenn sie frei sind, ihre eigene Antwort zu geben. Solange sie davon abgehalten werden, autonom zu sein, solange sie (bis in ihre Triebe hinein) geschult und manipuliert werden, kann ihre Antwort auf diese Frage nicht als ihre eigene verstanden werden. Deshalb kann sich auch kein Tribunal legitimerweise das Recht anmaßen, darüber zu befinden, welche Bedürfnisse entwickelt und befriedigt werden sollten.

Von dieser Zurückhaltung haben sich einige zeitgenössische Denker glücklicherweise verabschiedet. (Hartmut Rosa sagt: „Die strikte Privatisierung der Frage nach dem guten Leben war ein historischer Fehler – es ist an der Zeit, ihn zu korrigieren!“)  Eine unter ethischen Gesichtspunkten geführte Debatte über die Legitimität von Bedürfnissen wird letztendlich an Formen der Sanktionierung schädlicher Lebensweisen nicht vorbeikommen. Im weitesten Sinne sah Marcuse dies ebenso, denn er meinte:

Freilich ist es ein paradoxer und Anstoß erregender Gedanke, einer ganzen Gesellschaft Vernunft auferlegen zu wollen — obgleich sich die Rechtschaffenheit einer Gesellschaft bestreiten ließe, die diesen Gedanken lächerlich macht, während sie ihre eigene Bevölkerung in Objekte totaler Verwaltung überführt.

Damit kommen wir zum vielleicht wichtigsten Punkt in Marcuses Betrachtungen. Er leitet ab, dass unter diesen Verhältnissen einer allgemeinen Akzeptanz des Systems und fehlender Opposition sich zwangsläufig totalitäre Erscheinungen in der Gesellschaft ausbreiten werden. In der Tat weisen heute immer mehr Autoren auf solche Entwicklungen hin, so z.B. Reiner August Dammann in einem viel beachteten Artikel hier auf neopresse. (»Eine ideale Weltsicht für Regierung, Wirtschaft und Kapital: alles ist fertig, alles ist richtig, wie es ist, nichts muss geändert werden, wir haben alles perfekt gemacht … Politik wird alternativlos«). Marcuses Gedanken dazu sollen abschließend die Einsicht vertiefen, wie wichtig es ist, die Gesellschaft wieder zu mehrdimensionalem Denken zu bewegen.

Infolge der Art, wie sie ihre technische Basis organisiert hat, tendiert die gegenwärtige Industriegesellschaft zum Totalitären. Denn »totalitär« ist nicht nur eine terroristische politische Gleichschaltung der Gesellschaft, sondern auch eine nichtterroristische ökonomisch-technische Gleichschaltung, die sich in der Manipulation von Bedürfnissen durch althergebrachte Interessen geltend macht. Sie beugt so dem Aufkommen einer wirksamen Opposition gegen das Ganze vor. Nicht nur eine besondere Regierungsform oder Parteiherrschaft bewirkt Totalitarismus, sondern auch ein besonderes Produktions- und Verteilungssystem, das sich mit einem »Pluralismus« von Parteien, Zeitungen, »ausgleichenden Mächten« etc. durchaus verträgt. … Das eindimensionale Denken wird von den Technikern der Politik und ihren Lieferanten von Masseninformation systematisch gefördert. Ihr sprachliches Universum ist voller Hypothesen, die sich selbst bestätigen und die, unaufhörlich und monopolistisch wiederholt, zu hypnotischen Definitionen oder Diktaten werden.

Ein Gesellschaftssystem, das von all seinen Bürgern Absolution erteilt bekommt, wird zwangsläufig totalitär. Deshalb ist dringend die Frage zu stellen, ob es diese Absolution wirklich verdient hat. Dies lässt sich am besten beantworten, wenn wir den jetzigen Zustand in die Zukunft projizieren und unsere Anfangsüberlegung im Futur II wiederholen: Wie wird unser Leben gewesen sein;  werden wir zur Zerstörung oder zur Sicherung der Zukunft beigetragen haben? Wenn wir dann spüren, es läuft wohl eher auf Futur III hinaus (Wir werden ein gutes Leben gehabt hätten), spätestens dann sollten wir beginnen nach Alternativen zu suchen, mehrdimensional zu denken.

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  1. Wir werden kein gutes Leben gehabt hätten, weil wir nur die Erkenntnis gehabt hätten, dass eine eindimensionale Gesellschaft ohne Opposition wie die, die sich bei uns in den letzten 50 Jahren entwickelt hat, per definitionem nicht fortschrittsfähig, sondern sich nur in Richtung auf eine menschenfeindliche Repression entwickeln kann. Das Wissen allein ändert nichts.

    Wir werden nämlich nicht befähigt gewesen wären, das als richtig Erkannte auch zu tun, wie es in der alten moralisierenden amerkainischen Schnulze aus den 50er Jahren heißt: „Its easier said than done!“.

    Mein Kompliment für diesen großartigen Beitrag!