in Gesellschaft

Das Publikum in der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund erwartete einen Autor mit seinem äußerst erfolgreichen Buch. Und wurde nicht enttäuscht. Fabian Scheidlers „Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ geht nur ein Jahr nach seinem Erscheinen bereits in die 7. Auflage.

Im Verlagstext heißt es: „Warum schreitet die ökologische Zerstörung des Planeten trotz unzähliger Klimagipfel ungebremst voran? Warum hungern mehr Menschen als je zuvor auf der Erde, obwohl noch nie so ungeheure Reichtümer angehäuft wurden wie heute? Warum er­weisen sich die globalen Eliten als un­fähig, die Richtung zu ändern, obwohl ihr Kurs in einen planetaren Crash führt?“ Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen zählte das Buch von Fabian Scheidler zu den TOP10 der Zukunftsliteratur im Jahr 2015.

Till Strucksberg (Attac), Moderator des Abends, stellte den Autor im Namen der Veranstalter, der Attac Regionalgruppe Dortmund, dem DGB Dortmund, dem Nachdenktreff sowie der AG ′Globalisierung konkret′ der Auslandsgesellschaft, vor.

Blick zurück hilft die Probleme des Heute klarer zu verstehen

Fabian Scheidler machte im Vortrag deutlich, auf welche Weise er im Buch die Wurzeln der Zerstörungskräfte freigelegt hat, die heute die menschliche Zu­kunft infrage stellen. Zu diesem Behufe ging er auf seiner Spuren­suche fünf Jahrtausende zurück. Um uns – zumeist nahezu erschlagen von den unzähligen Problemen heutzutage – vor Augen zu führen, welches die Triebkräfte dafür sind. Das Buch erklärt die Ursprünge ökonomischer, mi­litärischer und ideologischer Macht. Der Autor zeichnet darin die Vorgeschichte und Entwicklung des modernen Weltsystems nach. Und wie Mensch und Natur zunehmend einer radikalen Aus­beutung unterworfen wurden.

Fortschrittsmythen der westlicher Zi­vilisation werden demontiert. Mit Scheidler wird uns klarer, wie der Mechanismus einer anscheinend schier endlosen Geldvermehrung von Anfang an – bis hin zur letzten Finanzkrise 2008 – stets menschliche Gesellschaften und Ökosysteme verwüstet hat. Fabian Scheidler hat für sein Buch akribisch recherchiert. Was in seinem Vortrag in Dortmund zum Ausdruck kam. Das Buch dürfte also seine, angesichts des Chaos unzähliger, aktuell aufbrechender, sich verdichtender Krisen, verwirrten Leser zu einer Klarsicht verhelfen, zum Nachdenken und womöglich sogar zu eigenem Handeln bewegen.

Fabian Scheidler: Kein Subsystem kann in einem größeren System unbegrenzt wachsen

Seit dreißig Jahren, befand Fabian Scheidler, bewegten wir uns in einer Schuldenökonomie. Und die nehme zu, da das kapitalistische System nun einmal auf endlosem Wachstum, endloser Expansion beruhe. Und beschädige es sich selbst dabei, damit es am Laufen gehalten werden könne. Wohin das führe habe die Finanzkrise 2008 gezeigt. Und eine neue Krise sei wohl offenbar im Anzug. Der Internationale Währungsform habe bereits Alarm geschlagen. Die Ökonomen wüssten nicht wie damit umzugehen sei. Scheidler: „Es herrscht eine bemerkenswerte Ratlosigkeit.“ Das laufe unter dem Codenamen „säkulare Stagnation“. Wir befänden uns in einer ökonomischen, sozialen und ökologischen Krise. Dennoch träte das schon oft prognostizierte Ende des Kapitalismus nicht ein, „da das System extrem adaptiv ist“. Scheidler merkte jedoch an: „Die ökologischen Grenzen sind letztlich die definitiven. Kein Subsystem kann in einem größeren System unbegrenzt wachsen.“

Scheidler erinnerte daran, dass es auch schon einmal anders zuging: Den Großteil seiner Geschichte habe der Mensch durchaus in Systemen verbracht, die nicht auf Konkurrenz sondern auf Gegenseitigkeit beruhten.

Fabian Scheidlers „Megamaschine“ ist das Synonym für den Kapitalismus

Aber wie entstand dieses „nun offenbar nicht mehr lernfähige System“? Der Kapitalismus ist für Fabian Scheidler die „Megamaschine“. Deren Vorgeschichte sieht er in Mesopotamien beginnen. Dazu gehörten das Aufkommen von physischer Macht und Gewalt. Die ersten größeren Heere kamen auf. Dies wiederum stand im Zusammenhang mit der Konzentration von ökonomischer Macht und zunehmender Landprivatisierung. Was im Römischen Reich kulminierte: Sechs Menschen besaßen die Hälfte des gesamten Landes der Provinz Afrika. „Wir sehen auch viele Parallelen zu der Geschichte in der Antike und der Moderne.“ Einhergehend sei das gewesen mit der Entstehung des Geldes (Münzen) und das damit im Zusammenhang stehende Aufkommen des Militärs (Zahlen von Sold).

Der „Metallurgische Komplex“

Eine große Rolle auf den Weg in die „Megamaschine“ spielt, wie es Scheidler nennt, der „Metallurgische Komplex“ (Waffen, Geld = Macht!) . Der Begriff „Megamaschine“ gehe auf den Philosophen und Soziologen Lewis Mumford zurück, der das Buch „Der Mythos der Maschine“ (er behandelte darin Formen gesellschaftlicher Organisation) geschrieben hat. Fabian Scheidler meint aber mit „Megamaschine“ das kapitalistische – aber freilich aus Menschen bestehende -, nicht ohne starkes Militär denkbar und aufrecht zu erhaltende Weltsystem.

Wie aussteigen aus der Megamaschine?

„Welche Perspektiven gibt es“, fragte Till Strucksberg. Wie wäre ein Ausstieg aus dieser „Megamaschine“ möglich? Fabian Scheidler: „Die Versuche auszusteigen sind so alt wie diese Maschine selbst.“ Er erinnerte an die egalitären Bewegungen, die französische Revolution, die Pariser Commune und die vielen Revolutionen des 20. Jahrhunderts: „Es ist alles mögliche erreicht worden.“ Obgleich es nie gelungen sei – nicht einmal in der Sowjetunion – ganz aus dieser (Akkumulations-)Maschine auszusteigen. Dennoch geben soziale Bewegungen Hoffnung. Gewerkschaften, demokratische Rechte und Freiheiten seien – nicht selten blutig und opferreich – erkämpft worden, aber „in gewisser Weise relative Freiheiten blieben“. Echte Demokratie im Sinne von Selbstorganisation und Selbstbestimmung jedoch sei mit dieser Maschine nicht vereinbar.

Mehr über den Ausstieg aus der Megamaschine reden

Hoffnungsvoll hinsichtlich dessen, dass eine andere Welt möglich ist (nach dem Attac-Slogan) hätten zunächst das globalisierungskritische Netzwerk Attac und das Weltsozialforum, später die Occupy-Bewegung in den USA und die 15M-Bewegung in Spanien (daraus entstand die Partei Podemos) in die Zukunft blicken lassen. Und aktuell täte es in Frankreich die Aktion Nuit Debout (Wir bleiben die Nacht auf). Auch die europaweite Bewegung gegen TTIP mache Mut. Selbst wenn damit gerechnet werden müsse, dass manches wieder einschlafe.

Scheidler: „Wir müssen mehr über den Ausstieg aus der Megamaschine reden.“ Die sozialen Kämpfe würden durch die Verschärfung von Kriegen wohl auch wieder härter werden“, fürchtet Fabian Scheidler.

Dementsprechend größer dürfte auch der Widerstand dagegen. Denn die Hauptprofiteure dieser „Megamaschine“ dürften diesem Ausstieg nicht kampflos hinnehmen. Das Aufkommen autoritärer Regierungen und das geplante sogenannte Freihandelsabkommen TTIP – träte es in Kraft – trügen zur Verschärfung der momentanen Probleme zu. Erkämpfte Rechte würden versucht im Verlaufe eines des beängstigend auf Touren gekommenen Rollbacks wieder zurückzudrehen.

Nicht zuletzt sei das Erzählen von Geschichte – und Fabian Scheidlers Buch tut das – sehr wichtig. Und der Autor gibt in Dortmund zu bedenken:

Wie lange habe es doch allein gedauert das Wahlrecht für alle zu erkämpfen! Was habe das nicht an Geduld gefordert. Vielen sei das doch heute gar nicht mehr bewusst.

Diese Geduld müsse neben dem Kampfeswillen auch heute ihren Platz haben. Es gelte eben auch den Mainstreammedien etwas entgegenzusetzen. Was aber gerade in Deutschland den Kampf eines David gegen Goliath bedeute. Scheidler sprach in diesem Sinne die Situation im Ruhrgebiet und Dortmund im Besonderen an, wo die Funke-Gruppe inzwischen prominent nahezu den gesamten Zeitungsmarkt beherrsche. Von wegen Meinungsvielfalt! Und überhaupt:

„Sieben oder acht Milliardärsfamilien gehören fast alle Zeitungen in Deutschland!“

Die ausgebeuteten Menschen dieser Welt zusammenbringen

Und im Zuge seiner Antworten auf viele kluge Fragen aus dem Publikum an diesem Abend riet Buchautor Fabian Scheidler die ausgebeuteten Menschen dieser Welt zusammenzubringen. Beispielsweise die Arbeiter in den Koltanminen des Kongo und die prekär bezahlten und was den Arbeitsaufwand angeht gestressten Menschen in unseren Krankenhäusern.

Alternative Medien könnten dabei eine Hilfe sein. Was man in Spanien bei Podemos gesehen habe. Die Partei hab einen eignen Fernsehkanal und damit hunderttausende von Menschen erreicht.

Fabina Scheidler hat schon vor Jahren zusammen mit Kollegen David Goesmann das unabhängige Fernsehmagazin Kontext TV gegründet. Weil es ihnen darauf ankam, Dinge in einen Zusammenhang zu stellen. Das täten nämlich die etablierten Medien kaum noch.

Ein aufschlussreicher und spannender Abend in der Auslandsgesellschaft.

Zur Person:

Fabian Scheidler, geboren 1968, studierte Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin und Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/M. Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Autor für Printmedien, Fernsehen, Theater und Oper. 2009 gründete er mit David Goeßmann das unabhängige Fernsehmagazin Kontext TV, das regelmäßig Sendungen zu Fragen globaler Gerechtigkeit produziert. Zahlreiche Vorträge zu Globalisierungsthemen bei Kongressen von Attac, Deutsche Welle, Greenpeace, Evangelische Akademie u. a. Otto-Brenner-Medienpreis für kritischen Journalismus (2009). Programmkoordinator für das Attac-Bankentribunal in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (2010). Als Dramaturg und Theaterautor arbeitete er viele Jahre für das Berliner Grips Theater. 2013 wurde seine Oper „Tod eines Bankers“ (Musik: Andreas Kersting) am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz uraufgeführt.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. „Echte Demokratie im Sinne von Selbstorganisation und Selbstbestimmung jedoch sei mit dieser Maschine nicht vereinbar“

    Und genau da liegt das unscheinbare Körnchen, welches jedem Einzelnen von uns endlich bewusst werden muss. Selbst denken, selbst handeln und das Ganze von oben betrachten statt weiter in der Isolation und Duckstellung zu leben und zu glauben, Parteien würden die Probleme lösen. Parteien können die Probleme gar nicht lösen, da die Macht längst bei Konzernen, Massenkonsum und medialer Verdummung liegt. Und auch wenn das niemand hören mag – wir selbst füttern dieses System. Wir haben die Macht, nur nutzen wir sie nicht. Weil wir Angst haben und uns ein Leben ohne Götter und herrschende Könige nicht vorstellen können.

    • Das liegt wohl daran, dass die meißten Menschen einfach nicht erwachsen werden (wollen). Statt selbst Verantwortung zu übernehmen, wählen sie Politiker, die ihr Leben organisieren und ihnen sagen sollen, wo es lang geht. „Vater Staat“ wird es schon richten…
      Pustekuchen!
      Wieviel Bockmist müssen die Politiker noch verzapfen, wie viele Menschen müssen in Kriegen noch ihr Leben lassen, wie viel lassen sich die Arbeiter noch von ihrem Lohn stehlen und wie viele Freiheiten lassen sich die „Bürger“ noch durch hunderttausende Gesetze und Verbote nehmen, bis ihre Schmerzgrenze endlich erreicht ist und sie endlich damit aufhören, sich „regieren“ zu lassen???

      • Sehe ich genauso. Wir beklagen uns gerne über die Macht der Megakonzerne, aber kapieren nicht, das wir den reichsten Konzern der Welt innerhalb von ein paar Monaten zu einer Nullnummer machen könnten, wenn wir uns SELBST entschließen würden, das nächste IPhone einfach nicht mehr zu kaufen.

        Wir machen es nicht, weil wir „in“ sein wollen, weil wir mit der Herde laufen wollen und uns Gedanken an die Eigenverantwortlichkeit in unserem Leben lästig und unangenehm sind.
        Die Anderen sind schuld! Apple ist schuld an der Ausbeutung der Arbeiter in China, nicht wir, die wir den völlig überteuerten Plastic-Müll kaufen, obwohl uns objektiv niemand zwingt.

        Die Erde stirbt, aber wir „brauchen“ Fleisch für 2,99€ auf dem Teller.

  2. Euer Dummgequatsche ist wirklich langsam unerträglich !
    Sven, will mit Konsumverzicht und Wahlboykott die Welt verändern !
    Thomas, plant die Abschaffung jeder Staatsform, hin zur allroundprivatisierung – go Voluntarismus !
    und Matthias schwankt permanent zwischen allem hin und her, verziert mit Anti-AfD-Parolen !
    Dann gebt ihr euch auch noch gegenseitig recht und kapiert überhaupt nicht, wie konträr eure Standpunkte sind.
    IHR wollt also das Rad neu erfinden, ganz ehrlich, da lauf ich lieber !
    Schon mal was von „Das Beste draus machen“ gehört ?! Man nimmt Bestehendes und wandelt es um ! Oder wollt ihr tatsächlich in der Steinzeit anfangen ? Pffft … Männer !?

    • Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem konkreten Vorschlag von dir statt immer nur die anderen als lächerlich zu verkaufen? Du willst die Welt mit „Wahlen“ verändern? Noch nicht gemerkt, dass das nicht funktioniert? Da muss irgendwo ein Loch in deinem ansonsten wachen Verstand sein, der die Tatsache komplett ausblendet, dass man mit einem Wahlkreuz rein gar nichts ändern kann.

      „Man nimmt Bestehendes und wandelt es um“. Richtig! Und genau deswegen greift man da wo es weh tut, und zwar bei denen, die das ganze von oben aus regeln. Und das sind nicht Parteien sondern Konzerne. Solange wir deren Produkte kaufen, geben wir ihnen die Macht. Und „Konsumverzicht“ ist das absolut falsche Wort. Es geht dabei um viel mehr und das weißt du…

      • Ich hab schon so viele Vorschläge zu fast allen Themen gemacht, wenn ich das alles wiederholen sollte, müsste ich erst mal selbst recherchieren. Speziell für dich, hab ich schon öfter den Papagei gegeben. Ich will mich aber auf Dauer nicht unentwegt wiederholen (wie u.a. Du), sondern ich fände es erfrischend, wenn alle ihre Ideen immer wieder hinterfragten, bis ein gemeinsames MACHBARES Ziel verfolgt werden kann.
        MACHBAR für so viele wie MÖGLICH !
        ICH merke es, wenn eine Idee nicht zündet, nichts taugt o. ausgeleiert ist, anderen hingegen, scheint es weniger um etwas Realistisches zu gehen, als um das Monopol auf ihre Idee. Ich verstehe, dass eine Idee wertvoll ist, wenn man nur eine hat.
        Ich will, dass alle kreativer werden !