Erich Priebke – Die Leiche, die niemand will

Von Heiner Hug

Der Sarg mit der Leiche des Kriegsverbrechers Erich Priebke wird an einem Ort bestattet, der „top secret“ ist. Das sagte Priebkes Anwalt am Samstagabend. Ob sich der Ort in Italien oder Deutschland befinde, werde er nicht sagen.

Der Erklärung von Priebkes Anwalt war ein tagelanges Hin und Her vorausgegangen. Italien hatte deutlich gemacht, dass es Priebke möglichst schnell los werden will. Doch Argentinien, wohin Priebke nach dem Zweiten Weltkrieg geflohen war, will ihn auch nicht. Und Deutschland lavierte.

Priebkes Anwalt hatte am Donnerstag noch gesagt, der Sarg sei während der Demonstrationen gegen seinen einstigen Mandanten „abhanden“ gekommen. Ein Militärsprecher erklärte demgegenüber, der Sarg stehe nach wie vor auf dem Militärflughafen „Pratica di Mare“ unweit des Flughafens Fiumicino.

Der 100-jährige Erich Priebke war am Freitag letzter Woche in seinem Römer Hausarrest gestorben. Der Name Priebke ist in Italien ein Symbol für den deutschen Horror des Zweiten Weltkrieges. Das Massaker in den Ardeatinischen Sandstein-Höhlen südlich von Rom hat sich tief in die italienische Volksseele eingegraben. Es ist noch heute Anlass für anti-deutsche Aufwallungen.

In der Höhle erschossen

Priebke, ein deutscher SS-Führer, hat in den Höhlen nach eigenem Geständnis zwei Zivilisten erschossen. Laut andern, glaubhaften Berichten waren es zwölf. Insgesamt waren in den Höhlen 335 Italiener exekutiert worden. Priebke war an der fünfstündigen Aktion massgeblich und aktiv beteiligt. Er hatte Buch über die Exekutionen geführt und strich laufend die Namen der eben Erschossenen durch.

Das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen war ein Racheakt auf ein Attentat des italienischen Widerstands. Im März 1944 verübten antifaschistische italienische Widerstandskämpfer ein Sprengstoffattentat auf deutsche Soldaten in Rom. In einem Abfallkarren in der Via Rasella wurden eine Bombe und eine Mörsergranate deponiert. Kommunistische Widerstandskämpfer hatten beobachtet, dass deutsche Soldaten der 11. Kompanie des III. Regiments „Bozen“ jeden Tag die gleiche Route in der Via Rasella nahmen. Am 23. März ging der Sprengstoff los und tötete 33 deutsche Soldaten und zwei Zivilisten. Antifaschisten bezeichnen die Tat nicht als „Attentat“, sondern als völkerrechtlich erlaubten „kriegerischen Akt“ gegen eine fremde Truppe, die in Italien „nichts zu suchen hatte“.

Suche nach Todeskandidaten

Die SS entschied, für jeden getöteten Deutschen zehn italienische Zivilisten zu erschiessen. Nach dem Attentat zählte man 32 deutsche Tote. So beschloss man, zehn Mal mehr, also 320 Zivilisten umzubringen. Doch dann erlag noch ein 33. Deutscher seinen Verletzungen. Also entschied man, 330 Italiener zu töten.

Doch wen sollte man auf die Todesliste setzen? In den Römer Gefängnissen der SS befanden sich zahlreiche anti-deutsche politische Gefangene, unter ihnen Ärzte, Soldaten, Arbeiter, Intellektuelle, Rechtsanwälte. Sie wurden als erste auf die Liste gesetzt. Doch das waren nicht genug. Man kam nicht auf das Kontingent von 330.

So sprang der faschistische Polizeichef von Rom den Deutschen zu Hilfe. Er übergab ihnen politische Häftlinge aus italienischen Gefängnissen. Doch noch immer kam man nicht auf die Zahl 330. So entschied man, auch 75 Juden umzubringen, die noch nicht deportiert worden waren.

Am 24. März 1944 wurden sie alle auf Lastwagen in die Ardeatinischen Höhlen gebracht. Als erster begann Erich Priebke mit den Exekutionen. Der Jüngste der Erschossenen war 14 Jahre alt.

Die braunen Franziskaner von Bozen

Nach den Exekutionen stellte Priebke fest, dass man fünf Menschen zu viel erschossen hatte: 335 statt 330. Unklar ist, ob alle Opfer sofort tot waren. Am Abend warfen die Deutschen Granaten in die Höhlen. Die Ereignisse sind in zahlreichen Romanen, Tatsachenberichten und in drei Spielfilmen festgehalten.

Nach dem Krieg wurde Priebke 20 Monate lang in Rimini in einem britischen Lager festgehalten. Dann gelang ihm die Flucht. Mit seiner Familie liess er sich unbehelligt im südtirolischen Sterzing nieder.

Schliesslich half ihm der katholische österreichische Theologe Alois Hudal. Er, der „braune Bischof“, tat sich immer wieder als Fluchthelfer für Nazi-Kriminelle hervor. Er bezeichnete sein Tun als „caritativen Akt der Nächstenliebe“. Auf Anregung Hudals wurde Priebke von Franziskanern im Kloster der Franziskanerkirche in Bozen versteckt. Auch Adolf Eichmann wurde dort untergebracht. Hudal nannte die SS-Männer „Kämpfer gegen den antichristlichen Bolschewismus“. Viele seien „persönlich ganz schuldlos“.

Ein Fernsehteam stellt ihn auf offener Strasse

Dann erschlich sich Priebke – möglicherweise wieder mit katholischer Hilfe – einen Reisepass des IKRK, des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Via Genua entkam „Otto Pape“, wie er sich jetzt nannte, zusammen mit seiner Familie nach Argentinien. In Buenos Aires verdiente er zunächst sein Geld als Kellner in einem deutschen Bierlokal. Dann zog er in den Ferienort Bariloche, wo er eine Metzgerei betrieb. Er war auch Chefkellner im „Hotel Sauter“.

In Bariloche lebte er als angesehener Deutscher. Wie weit die deutsche Botschaft in Argentinien von seiner Vergangenheit wusste, ist nicht erwiesen. Es gibt Hinweise, dass sie sehr viel wusste. 50 Jahre konnte Priebke unbehelligt in Argentinien unter seinem richtigen Namen leben. Dann hat ihn ein Fernsehteam auf offener Strasse gestellt und ihm vor laufender Kamera Fragen zu seiner Vergangenheit gestellt. Damit war es mit dem geruhsamen Leben vorbei.

Freispruch und lebenslänglich

1993 stellten die deutschen Ermittler einen Auslieferungsantrag. Priebke wurde in Argentinien unter Hausarrest gestellt. 1995 wurde er nach Italien ausgeliefert. Ein Militärgericht in Rom sprach ihn ein Jahr später frei, was weltweit als Skandal empfunden wurde. Schon damals protestierten in Rom Tausende gegen den Deutsch-Argentinier.

Doch seine Freiheit war von kurzer Dauer. Zwei Monate später hob der italienische Kassationsgerichtshof den Freispruch auf. In einem neuen Verfahren wurde er zu 15 Jahren und später in einem Berufungsprozess von einem Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Wegen seines hohen Alters wurde die Strafe in Hausarrest umgewandelt.

Diesen verbüsste er im Westen Roms in einer kleinen Wohnung im Haus seines Anwaltes Paolo Giachini. Der 63-jährige Giachini war einst gefragt worden, weshalb er sich für Priebke in die Bresche werfe. Antwort:

„Die beispiellose Leistung der deutschen Soldaten. Ich hätte wohl mit ihnen Berlin verteidigen wollen. Wenigstens habe ich dann einen von ihnen retten können.“

„Wir waren ja keine Schlächter“

Zu Priebkes 90. Geburtstag hatte Giachini eine öffentliche Geburtstagsfeier organisiert. Im Jahr 2010 dachte die neonazistische deutsche NPD darüber nach, Priebke als Kandidaten für das Amt des deutschen Bundespräsidenten aufzustellen.

Auf einer vom Bremer Rechtsextremisten Henrik Ostendorf betriebenen Webseite „Erich Priebke – niemals aufgeben“ beklagt Priebke seinen „schweren Leidensweg“ und kritisiert das „offizielle Deutschland, das mich völlig im Stich lässt“.

Im Sommer dieses Jahres zeigte „La Repubblica“ ein Video, auf dem man Priebke in Begleitung einer Dame auf einem Spaziergang in Rom sieht – vermutlich seine Haushalthilfe, die für 400 Euro im Monat seinen Haushalt besorgt.

Malte Herwig, ein Journalist der Süddeutschen Zeitung, hatte den hundertjährigen Nazi-Rentner in diesem Sommer besucht. Das entstandene Interview ist ein aufschlussreiches Zeitdokument. Überheblich steckte Priebke seine Vergangenheit weg. Einsicht zeigte er keine.

Was denkt er über das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen, fragte ihn Malte Herwig. Antwort: Es sei versucht worden, möglichst keine Familienväter auf die Todesliste zu nehmen. „Wir waren ja keine Schlächter“.

„Leider Gottes sind fünfe zu viel erschossen worden … leider Gottes ist das schiefgelaufen“.

Also: Schief gelaufen ist nur, dass „fünfe“ zu viel erschossen wurden. 330 wären in Ordnung gewesen.

„Der Herrgott hat mir weitergeholfen“

Kommentar des Journalisten der Süddeutschen Zeitung: „Ja, er hat Mitleid, aber nur mit sich selbst und seinen Kameraden. Leider mussten sie töten. Leider töteten sie mehr, als sie mussten. Leider konnte man sie dafür verurteilen.“ Ob er sich denn noch immer als Nazi fühle? „No, no, ich bin frei von jeder politischen Überzeugung“.

„Ich bin ein gläubiger Christ“, sagte er noch, „und in manchen Situationen habe ich immer gemerkt, dass der Herrgott mir weitergeholfen hat“.

Gibt es etwas, das er bereut in seinem langen Leben?

„Ach. Ich hatte keine Wahl. Ich bin kein Träumer. So war mein Leben.“ Und: „Ich bin der Überzeugung, dass der Herrgott, wenn es ihn gibt, jeden Menschen so führt, wie er halt lebt.“

Also: Nicht Priebke ist schuld, sondern der liebe Gott, der Priebke „so führt, wie er halt lebt“.

Für Reue ist es jetzt zu spät

Priebke betrachtete sich bis zu seinem Tod als unschuldig und als Opfer des jüdischen Wiesenthal-Zentrums. In einer Video-Botschaft, die sein Römer Anwalt nach seinem Tod veröffentlichte, sieht man einen 100-jährigen Mann, der mit klarer Stimme arrogant seine Taten interpretiert. Wenn er nicht getötet hätte, hätte man ihn getötet, sagt er.

Für Reue ist es jetzt zu spät. Die erzkonservative Piusbruderschaft stellte ihre Kapelle in Albano Laziale bei Rom für eine Trauerfeier zur Verfügung. 500 antifaschistische Demonstranten prügelten sich vor der Kapelle mit 20 Neonazis. Priebkes Sarg wurde bespuckt, einige Demonstranten traktierten ihn mit Fusstritten. Auf einem Transparent hiess es: „Henker Priebke“.

Die Römer Behörden verboten den Rechtsextremisten, die Kapelle zu betreten und an der Totenmesse teilzunehmen. Laut Zeitungsberichten liess sich der Piusbruder-Priester das nicht gefallen. Er verliess die Kapelle. Floriano Abrahamowcz, ein Priester der Bruderschaft, sagte später am Römer Radio 24, Priebke ist „mein Freund, ein Christ und treuer Soldat“ gewesen.

Welche Beziehungen haben/hatten die Piusbrüder zu den Faschisten?

Die Piusbruderschaft war 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet worden. In Ecône im Wallis war kurz darauf das erste Priesterseminar aufgebaut worden. Der Gemeinschaft wird seit jeher ein sehr rechtsstehendes Gedankengut vorgeworfen. Zur Bruderschaft gehörte der britische Holocaust-Leugner und „Vagantenbischof“ Richard Williamson. Papst Benedikt hatte 2009 den Zorn vieler Katholiken auf sich gezogen, als er die Exkommunikation Williamsons aufhob. Weltweit geriet Benedikt in Verdacht, er hätte enge Beziehungen zur Bruderschaft mit ihrem sehr zweifelhaften Gedankengut. Inzwischen ist der „Bischof“ aus der Bruderschaft ausgeschlossen worden.

Der Vorsitzende von Roms jüdischer Gemeinde, Riccardo Pacifici, dankte den Behörden dafür, die Bestattung Priebkes zu verweigern. Die jüdische Gemeinde fordert, die Leiche zu kremieren und die Asche über dem Mittelmeer zu verstreuten. So soll verhindert werden, dass ein Grab zum Wallfahrtsort für Neonazis und andere Faschisten würde.

… dann gute Nacht Christentum

Das jetzige Gezerre um Priebkes Leiche hat auch sein Gutes. Vieles wird in Erinnerung gerufen.

Die Ereignisse demaskieren einmal mehr die Piusbruderschaft und zeigen ihr wahres Gesicht. Priebke war massgeblich und aktiv an einer der scheusslichsten Massen-Exekutionen beteiligt. Reue hat er nie gezeigt. Den Holocaust hat er weggesteckt. Wenn eine katholische Organisation bereit ist, für einen solchen Mörder eine Totenmesse zu feiern, muss sie sich fragen lassen, welche Beziehungen die Bruderschaft zu den Faschisten hatte und hat. Wenn ein Priester der Bruderschaft Priebke als „Freund, Christ und treuen Soldaten“ bezeichnet, muss man sich weiter fragen, wer denn die andern Freunde der Bruderschaft sind. Und wenn ein Verbrecher wie Priebke als „Christ“ hochgelobt wird – dann gute Nacht katholisches Christentum.

Immerhin hat Papst Benedikt am 27. März 2011 die Ardeatinischen Höhlen besucht und das deutsche Massaker als „schrecklichstes Übel“ bezeichnet.

Coming-out der Franziskaner?

Doch auch für die Franziskaner wäre es Zeit für ein coming-out. Sie haben in ihrem Kloster in Bozen viele mordende Kriegsverbrecher versteckt und ihnen zur Flucht verholfen. Haben diese Bozener Ordensleute je ihre braune Vergangenheit aufgearbeitet? Gerade jetzt, wo im Vatikan ein Papst sitzt, der sich nicht nur Franziskus nennt, sondern dem franziskanischen Geist nachleben will, wäre es Zeit für eine klare Entschuldigung.

Priebke war ein Deutscher und hat seine Verbrechen in Italien verübt. Dass Italien einen solchen Mann nicht in seiner Erde haben will, ist nachvollziehbar. Doch es gibt einen weiteren Grund: Italien möchte nicht an den Faschismus erinnert werden. In Sachen Aufarbeitung der Vergangenheit gäbe es in Italien noch viel zu tun. Auch unter Mussolini wurden Anti-Faschisten standrechtlich erschossen. Bei der Vergangenheitsbewältigung ist Deutschland einen grossen Schritt weiter als Italien.

Warum nicht wie Goebbels?

Würde es nicht zur Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit gehören, dass man die eigenen Kriegsverbrecher, auch wenn sie tot sind, wieder bei sich aufnimmt?

Man hätte Priebke kremieren uns seine Asche in die Elbe streuen können, so wie man es mit Goebbels getan hatte. Das wäre allerdings kein „respektvolles und katholisches“ Begräbnis, wie es Priebkes zwei Söhne in Argentinien verlangen.

„Priebke wird nicht kremiert“, sagte sein Anwalt am Samstagabend. Er sei mit der getroffenen Lösung zufrieden. Der Sarg mit Priebke werde „entweder in Italien oder Deutschland begraben“.

Es ist nicht anzunehmen, dass dies der Friedhof San Vitale di Roverè bei Verona sein wird. Der Corriere della sera hatte am Samstag berichtet, der 52-jährige Herzchirurg Alberto Negri habe das Grab seiner Familie als letzte Ruhestädte für Priebke angeboten. Negri sagte einem Journalisten: „Wir müssen vergeben“. In dem Grab befindet sich bereits die Mutter und die Grossmutter des Arztes.

(Erschienen auf: www.journal21.ch)