Die Religion der neuen Weltordnung: Amerikanismus

Kennen Sie Gott? Nein? Sie sind Atheist? Macht nichts – warum sollte Gott das interessieren, wie sie sich die Welt zurecht denken? Sie sollten sich schnellstens um Gott kümmern – er ist gerade dabei, Ihre Welt zu übernehmen, so, wie er es früher schon getan hat. Klar, Sie glauben lieber an Darwin – aber wen sollte das interessieren? Welche Angebote kann Darwin schon machen? Gott hingegen – hat beste Beziehungen zu den Präsidenten der USA – man kann sagen: er hat sie fest in seiner Hand. Die letzten beiden – um nur ein Beispiel zu nennen.  Bush war ein „wiedergeborener Christ“ – und für Obama sprach der Evangelikale Rick Warren ein Fürbittgebet beim Amtsantritt. Gut – das Verhältnis zu Obama hat sich etwas abgekühlt … aber das kann sich auch jederzeit ändern, denn die Macht des Herrn Warren ist groß, siehe Süddeutsche Zeitung:

Als Obama und John McCain im Sommer 2008 das erste Mal im Fernsehen miteinander diskutierten, noch vor den offiziellen TV-Duells, taten sie das bei Rick Warren, der die beiden Kandidaten in seine Saddleback Church eingeladen hatte.

Wenige Menschen machen sich Gedanken über Gott, wenige Menschen machen sich Gedanken über Religion – gerade in Deutschland wird das gerne reduziert auf „Glauben“ … man „glaubt“ oder „glaubt nicht“, alles wird reduziert auf persönliche Vorlieben … und so werden Sie, als strenger, stromlinienförmiger Atheist auf einmal zum Teil einer neuen Religion, ohne es zu merken, ohne es zu wissen, ohne es zu wollen. So etwas geht leicht bei Menschen, deren Wissensdurst sich auf „glauben“ reduziert hat.

Sie sind so Teil einer gewaltigen neuen Religion, deren Anhänger in die Millionen gehen, erste Ableger in Deutschland verfügen schon über ein- bis zwei Millionen aktive Anhänger. Sie arbeiten offensiv, gezielt, geplant, mit militärischer Disziplin und Struktur (siehe Willowcreek.de), sie arbeiten in aller Öffentlichkeit, ihre Bücher stehen wochen- oder monatelang auf Bestsellerlisten, ihre Philosophie bestimmt die deutsche Sozialgesetzgebung, fördert den Hass auf Arbeitslose, Arme, Kranke und prangert offiziell jeden Gegner als geistig nicht recht zurechnungsfähig an. Es ist die Religion eines neuen Zeitalters, einer neuen Weltordnung (von der der Herr Bush schon gesprochen und die Herr Obama weltweit in die Tat umgesetzt hat), sie ist überall präsent … und kaum jemand nimmt sie wahr, weil sie so selbstverständlich geworden ist, als hätte es sie schon immer gegeben.

Es ist eine Religion, die ganz offen und für jedermann einsichtig echte Propheten präsentiert, die im Namen Gottes seinen Willen in der Welt verkünden … und selbst in den Konkurrenzunternehmen (den Kirchen) regt sich wenig Widerstand gegen sie, so begeistert ist man von der Tatsache, dass es „christliche“ Religion wieder schafft, Menschenmassen zu begeistern. Nun – sein Seelenheil darf jeder selbst finden … aber ein Gott, der sich in die Weltpolitik einmischt, sollte einem schon seltsam vorkommen. Er verspricht den Menschen das Himmelreich auf Erden, wie eine Sammlung der „Bürgerinitiative Grundeinkommen“ zeigt:

Was würde eine solche geeinte Weltföderation bewirken?

  1. Das Ende der Kriege zwischen Nationen und der Beilegung von Streitigkeiten durch Morden
  2. Das Ende von elender Armut, von Verhungern und der Massenausbeutung von Menschen und Ressourcen durch die Machthabenden.
  3. Das Ende der systematischen Umweltzerstörung auf der Erde
  4. Einen Ausweg aus dem endlosen Kampf um mehr und
  5. Die wahrhaft gleiche Chance für alle Menschen, zum höchsten Selbst-Ausdruck zu gelangen.
  6. Das Ende aller Beschränkungen und Diskriminierungen, die die Menschen niederhalten – sei es nun im Bereich des Wohnens, am Arbeitsplatz, innerhalb eines politischen Systems oder in den persönlichen sexuellen Beziehungen.

Hört sich gut an, oder? Das würde doch jeder klar denkende Mensch unterschreiben. Diese Philosophie stammt von Neale Donald Walsch, es gibt aber noch weitere Propheten, die – überraschenderweise – im Prinzip alle dasselbe predigen. Rick Warren zum Beispiel denkt ähnlich: Gott selbst ist es, der einem seine Bücher (und die von Walsch) in die Hände drückt (siehe Warren Smith, Betrogen mit Visionen), es ist Gottes persönlicher Wille, dass dies in diesem Moment geschieht.

Das Schöne ist: wir brauchen in diesem Moment gar nicht weiterlesen, können uns die Lektüre all dieser heiligen Bücher aus den USA ersparen – egal, ob wir nun an Gott glauben oder nicht.

Regelt Gott jedes kleinste Detail in Leben persönlich – ja, dann brauchen wir nichts mehr tun. Alles was ist, ist gut. Es gibt nichts Böses auf der Welt. Alles folgt bis ins Detail Gottes Plan, der gerade SIE als Atheist entworfen hat wie Sie sind. Damit nicht genug: letztlich sind Sie selbst Gott (so Walsch) oder – wie beim „Kurs in Wundern“, Jesus;  haben selbst ihr Leben so eingerichtet, dass ihre Seele den größten Profit daraus schlagen wird, „the secret“ macht ihr Universum zu einer andauernden „Wünsch Dir was“ Sendung, in der jeder bekommt, was er verdient: manche eine Million – andere eine Kugel. Letzteres wird von den Autoren allerdings nicht so deutlich herausgestellt.

Sie glauben nicht an Gott und denken, deshalb kann Ihnen das alles egal sein?

Stellen Sie sich einfach mal vor, dass sich Millionen von Menschen nicht dafür interessieren, wie Gott Sie gerade „aufgestellt“ hat – und sich auch nicht von Ihrem Glauben beeinflussen lassen. Stattdessen arbeiten sie gezielt am Aufbau einer neuen Weltordnung, an der Geburt einer neuen Philosophie, die man getrost die Philosophie des absoluten Grauens nennen kann.

Wenn es nichts Böses gibt, wenn die Welt in allem gut und gerecht ist, nur Gottes geheimen Plan folgt – mögen wir dann wirklich noch Ausschwitz verurteilen? Oder die Atombombe? Oder die Anschläge von nine-eleven? Wenn sie doch nötig sind, um Gottes Plan der neuen Weltordnung in die Tat umzusetzen … und doch jeder, der bei diesen Anschlägen ums Leben gekommen ist, diese „Teilnahme“ durch sein Denken selbst in sein Leben „gezogen“ hat: was wollen wir uns darüber noch Gedanken machen? Außerdem:

„Die Tode vom 11. September 2001, die des Tsunami von 2004, die der Wirbelstürme von 2005, des des Völkermordes in Dhafour und die des Holocaust werden alle erhoben, um einen Ehrenplatz einzunehmen“ (Walsch, Zu Hause in Gott, Arkana 2006, Seite 215).

Erinnert an den Islam, der auch einen besonderen Platz für „Märtyrer“ hat. Man fragt sich nur, warum Gott – der hier selber spricht – die Leute so besonders erheben will, wo sie sich doch ihr Leben durch eigenen Willen selbst „angezogen“ – sich also quasi freiwillig für den Holocaust gemeldet haben.

Es ist auch fraglich, warum eigentlich diese Propheten Organisationen ins Leben rufen, die Welt zu verbessern, wo doch eigentlich alles schon von Gott sehr fein geregelt ist? Nun … es geht ums Geld, siehe Wilfried Plock bei Betanien:

Hinter dem 40-Tage-Konzept steht eine riesige Marketing-Kampagne. Im Herbst 2004 nehmen nach Angaben der Purpose-Driven-Organisation weltweit mehr als 10’000 Gemeinden an der Kampagne „40 Tage – Leben mit Vision“ teil. Der englische Originaltitel „Purpose Driven“ ist sogar ein rechtlich geschütztes, eingetragenes Markenzeichen. Außer einer ganzen Reihe auch auf Deutsch erhältlicher Bücher „LMV – Gebetstagebuch“, „Jugendarbeit mit Vision“, „Praktische Schritte zu einer Kirche mit Vision“ und dementsprechenden Hörbüchern und CDs („Leben mit Vision Playback – eine musikalische Reise zum Sinn des Lebens“) werden (zumindest in den USA) bis hin zu Kaffeetassen, T-Shirts usw. allerhand Utensilien rund um dieses Produkt angeboten.
In Deutschland werden nach amerikanischem Modell 40-Tage-Kampagnen für ganze Gemeinden angeboten – und hohe Teilnahmegebühren dafür verlangt. Erfolgsgarantie natürlich inbegriffen, zumindest in Zahlen ausgedrückt.
Erfolg wird bei „Purpose Driven“ meist in Zahlen gemessen – Mitgliedszahlen, Verkaufszahlen, Zahlen erreichter und beeinflusster Menschen. Auf der offiziellen Webseite www.purposedriven.com werden sogar Karrieremöglichkeiten in den Bereichen Kundendienst, Finanzen, Marketing und Medien angeboten.

Möglicherweise … hat Gott die Welt der neuen Propheten noch nicht ganz im Griff, jedenfalls sollte an der finanziellen Ausstattung der Propheten (Walsch trägt gerne Armani, das kostet) noch gezielt gearbeitet werden.

Die Religion der neuen Weltordnung ist nicht neu, im Gegenteil: sie ist uralt.

Es ist die Religion der Reichen (und die Religion der Städte, siehe Thom Hartmann, Unser ausgebrannter Planet, Seite 139 – 273), die  – nach Erlangung dieses Reichtums durch Erbschaft, Raub, Krieg, Betrug, Folter, Erpressung, List und Tücke … oder einfach durch überhöhte Preise dazu neigt, die Beute als „Gott gegeben“ absegnen zu lassen. Es ist die Religion der Könige und Mächtigen, die jetzt neu aufgelegt wird: wer soviel Geld angezogen hat, wird schon richtig gedacht haben, richtig gefühlt haben, richtig gebetet haben. Der König war auch König von Gottes Gnaden – weshalb kein Bauer danach trachten konnte, ihn zu ersetzen.

Und wer arm ist?

Ist selbst Schuld. Soll´ er doch besser denken, besser fühlen, besser beten … oder besser dienen, dann klappt es vielleicht auch mit dem Reichtum. Noch weit entfernt? Als „Selbstverantwortung“ ist das das Standardschlagwort für jede neoliberale Wirtschaftspolitik, die selbst gerne von der Gemeinschaft nimmt aber nie etwas für sie geben möchte.

Aus: „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ wird: „nimm von Deinem Nächsten soviel wie geht und behalte alles für Dich“.

Wir können dieser Religion auch einen Namen geben: Amerikanismus. Völlig neu ist der Begriff nicht, er wird in den deutschen Medien sehr oft gebraucht, aber direkt ist er mir noch nie aufgefallen. Kritisieren Sie aber mal die Politik der USA: sofort wird Ihnen in breiter Front „Anti- Amerikanismus“ vorgeworfen (zum Beispiel „den Deutschen“ im Spiegel wegen ihrer Meinung zur Ukraine, der Begriff befindet sich original im Titel der Link-Adresse), von „rechten“ wie von „linken“ Medien – und das mit einem Eifer, den nur Religionen erzeugen können. Der Nationalsozialismus war eine ähnliche Religion, die nur wenige als solche erkannt haben … mit schrecklichen Folgen.

Der neue Herrenmensch ist natürlich nicht nur blond. Ist sogar fast egal, wie er aussieht (außer Indianer, das geht gar nicht): man erkennt ihn am Anzug, der Yacht, dem Privatjet, der Autosammlung (Ferrari, Rolls Royce, Porsche), den diversen Wohnmöglichkeiten … ja, aufgrund seiner Omnipräsenz, seiner Fähigkeit, in allen Medien zu erscheinen und jeden Ort der Welt erreichen zu können, kommt  er sogar dem Bild eines Gottes sehr nahe … und bemüht sich durch den Einsatz vieler Stylisten, auch im Äußeren möglichst Perfektion auszustrahlen. Mächtig wie ein Gott ist er schon – nur heilig gesprochen worden noch nicht. Das geschieht gerade.

Natürlich verspricht die „geeinte Weltförderation“ viel. Kann man bei Immanuel Kant („Zum ewigen Frieden„) nachlesen – ganz ohne Gott. Wäre einfach vernünftig – aber wer braucht schon noch Vernunft, wenn er Gott hat.

Die Frage ist: hält Gott, was seine Propheten versprechen … oder ist die neue Weltordnung nicht die hemmungslose Ausbreitung eines asozialen Amerikanismus, der einen weltweiten Faschismus ungeahnten Ausmaßes nach sich ziehen wird? Eines Faschismus, den Gott natürlich gewollt hat – wie man sich schon jetzt denken kann.

Alles ist richtig, was Sie glauben. Sie sind ja Gott selbst – auch als Atheist. Alles ist ok, sie dürfen jederzeit zum „höchsten Selbstausdruck“ gelangen – solange es den Willen Gottes nicht untergräbt, dass die Reichen reich zu sein haben.

Amerikanismus – ist die Heiligkeit des Reichtums und die Heiligsprechung der Egozentrik im Alltag. Seine Propheten tragen Armani. Wer ihm dienen will, kauft sein Leben lang, soviel er kann. Sieger ist derjenige mit der miesesten Umweltbilanz … wie man es negativ ausdrücken könnte. Positiv gesehen hinterläßt er einen deutlich größeren Haufen Konsummüll als der Zweitplatzierte: Yachten, Villen, Flieger- und Autoschrott, eine enorme Vergeudung menschlicher Arbeitskraft.

Ziehen Sie ein in das Weltreich des Amerikanismus – und Sie werden mit etwas Glück die Wiederkunft des mittelalterlichen Feudalstaates erleben. Mit etwas Pech wird es ein neues Drittes Reich – aber mit anderen Uniformen, soviel Antifaschismus muss sein. Der Führer wird auch nicht mehr Hitler heißen – versprochen!

Hören wir zum Abschluss nochmal Gott selbst, wie er durch seinen Propheten Walsch spricht (zitiert bei Horusfalke)

Es gab unter euch Führungspersönlichkeiten, die einsichtig und mutig genug waren, den Beginn einer solchen neuen Weltordnung vorzuschlagen. Euer Präsident Bush, den die Geschichte als einen Mann beurteilen wird, der weitaus mehr Weisheit, Weitsicht, Mitgefühl und Mut zeigte, als die zeitgenössische Gesellschaft anzuerkennen willens oder fähig war, war eine solche Führungspersönlichkeit.

Mehr – kann man dazu eigentlich nicht sagen. Man macht sich ja auch sonst noch des Antiamerikanismus schuldig – welch´ Frevel. Der ganze Islam wird gerade deswegen verfolgt.
Denkt man sich jedoch, dass diese Menschen, die aus Hiroshima ein Selbsterfahrungs-Happening machen, Macht über jene haben, die Horishima jederzeit neu starten könnten, merkt man, dass das Reden über Gott alles andere als Privatsache ich – und mit einem „ich glaube nicht an Gott“-Spruch nichts bewirkt wird … außer dass man im Sinne der neuen Weltordnung und Weltreligion an seinem Selbstausdruck arbeitet.