in Gesellschaft

Eine Klage, die von aufgebrachten Bürgern beim Europäischen Gerichtshof eingereicht wurde, scheint nun endlich zum europaweiten Verbot der unsäglichen Lärm-Maschinen zu führen. In der Urteilsbegründung des Europäischen Gerichtshofes heißt es, dass „…Laubbläser und Laubsauger mit den durch die Genfer Konventionen geächteten sogenannten Schallwaffen gleichzusetzen sind. Sie müssen deswegen auf die gleiche Stufe wie Kriegswaffen gestellt werden und sind sofort aus dem Verkehr zu ziehen…“

Das wusste kürzlich der Berliner Herold zu berichten. Und ein Kommentator schrieb dazu: »Recht so … von deutschem Boden soll nie wieder ein Gebläse ausgehen

Soweit zur Satire.

Betrachtet man das Thema ohne den schwarzen Humor – unser ach so beliebtes Stilmittel äußerster Resignation – dann lässt sich daraus ein recht deutliches Psychogramm des modernen westlichen Menschen konstruieren. Ist es doch ein Produkt, das – besser noch als Auto, Computer oder Handy – gesellschaftliche Prozesse der letzten zwanzig Jahre widerspiegelt.

1. Haben statt Sein

Ich konsumiere, also bin ich. So denkt wohl mancher Bürger im Moment der Anschaffung eines Laubbläsers. »Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere.«[i] Auf diese Formel brachte Erich Fromm den in den siebziger Jahren sich abzeichnenden Konsumismus. Eine Vorstellung davon, welche Auswüchse der in den folgenden Jahrzehnten erreichen würde, hatte er sicher nicht. Auch wäre er wohl nicht auf die Idee gekommen, dass ein gesunder Mensch eine Maschine anschafft, um das Laub in seinem Vorgarten zu beseitigen – eine Arbeit, die er mit dem Rechen in wenigen Minuten erledigen und sich dabei noch ausgleichende Bewegung an frischer Luft verschaffen könnte. Auch Fromms geschätzter Zeitgenosse Ivan Illich konnte sich das gewiss nicht vorstellen, aber er lieferte bereits das theoretische Rüstzeug für diese Entwicklung.

Sehr eingehend betrachtete er den Wandel des Werkzeugs, das sich zunehmend verselbständigt, dem Menschen entfremdet, weil es seiner eigenen Logik folgt: »immer mehr nützliche Dinge für immer mehr unnütze Menschen zu schaffen.«[ii] Unnütz deshalb, weil das Werkzeug in stetig größerem Umfang dem Menschen die Aufgabe abnimmt, für sich selbst zu arbeiten und zu sorgen.

»So folgte auf das dem Rhythmus des Menschen angepasste Werkzeug [Besen und Rechen] ein im Rhythmus des Werkzeugs [Laubbläser] agierender Mensch, und alle menschlichen Handlungsweisen wurden dadurch transformiert.«

Diese Vordenker waren Rufer in der Wüste, ihre Mahnungen verhallten so ungehört, wie auch die der heutigen Humanisten aller Voraussicht nach verhallen werden. So wie etwa die Frage von Niko Paech, »von welchen Energiesklaven, Konsum- und Komfortkrücken sich überbordende Lebensstile und schließlich die gesamte Gesellschaft befreien ließen?«[iii] Der Laubbläser gehört mit Sicherheit dazu, ebenso wie elektrische Dosenöffner oder gefärbte Frühstückseier. Aber: man hat sie, man will sie, und sei es nur, weil andere sie auch haben. Benjamin Barber spricht von einer »Infantilisierung« der Konsumenten, denn nur so lässt sich deren Bereitschaft deuten, sich immer weiter antreiben zu lassen, um künstliche Bedürfnisse zu befriedigen. Auf die von Barber beschriebenen totalitären Formen des Konsumismus hatte schon Pier Paolo Pasolini 1974 in seinen Freibeuterschriften hingewiesen:

Der Zwang zum Konsum ist ein Zwang zum Gehorsam gegen­über einem unausgesprochenen Befehl. Jeder in Italien steht un­ter dem entwürdigenden Zwang, so zu sein, wie die andern: im Konsumieren, im Glücklichsein, im Freisein; denn das ist der Be­fehl, den er unbewusst empfangen hat und dem er gehorchen »muss«, will er sich nicht als Außenseiter fühlen.[iv]

Der Frust, der mit diesem Konsumzwang erzeugt wird – dessen sich aber keiner so recht bewusst ist – führt zu einer weiteren Krankheit der Gesellschaft, deren Symptome immer deutlicher werden.

2. Ich statt Wir

Was man hat, das will man auch nutzen. Das ist die Grundeinstellung, die zu einem gigantischen Egoismus und zu absoluter Rücksichtslosigkeit gegenüber den Interessen von Mitmenschen führt. Wie Schneidewind und Zahrnt deutlich machen, »schränkt die Ausübung des Konsums schnell die Freiheits- und Entfaltungsrechte anderer ein, die unter den Folgen des Konsums leiden müssen«[v]. In geradezu musterexemplarischer Weise verdeutlicht dies unser Laubbläser, dessen Besitzer sich nun gegen alles positioniert, was die Nutzung seines Neuerwerbs einschränkt. Als wären nicht die gesetzlich festgelegten Ruhezeiten schon Schikane genug, auch während der „freien“ Stunden regen sich die Leute auf, wenn das mit dem Sommerausklang rar gewordene Summen der Rasentrimmer durch das Brummen der Bläser ersetzt wird. Feinstaub wird aufgewirbelt – lächerlich;  schon bei den Autos machen sie dieses Gewese um den blöden Feinstaub! Und natürlich werden die Igel aus den Gärten vertrieben.

Wo habt ihr schon mal ´nen Igel gesehen? Ich hab das Ding gekauft, jetzt wird geblasen. Wem’s nicht passt, der kann sich ja beschweren.
Allen ist bewusst, dass die Laubbläser Mitmenschen belästigen und die Umwelt schädigen, so wie es ihnen auch bei Auto, Flugreise oder Fleischverzehr bewusst ist. Und doch ist niemand bereit, Rücksicht zu nehmen. Ich finde, Barber brachte es begrifflich auf den Punkt: Infantilismus! Harald Welzer meint,

»Menschen können zwischen ihr Wissen und ihr Handeln Abgründe von der Dimension des Marianengrabens legen und haben nicht das geringste Problem damit, die eklatantesten Widersprüche mühelos zu integrieren und im Alltag zu leben.«[vi]

3. Heute statt Morgen

Eine besondere Form von Egoismus stellt sich in der Zukunftsvergessenheit dar, in der fehlenden Verantwortung für künftige Generationen. Laubbläser & Co. bedrohen auch deren Lebensgrundlage. Bei unseren Eltern und Großeltern gab es stets die Zuversicht, zumindest aber die Hoffnung: den Kindern soll es mal besser gehen. Und heute? – Harald Welzer weist auf eine Umfrage der Boston Consulting Group hin, wonach nur noch 13 Prozent aller befragten Eltern glauben, dass es ihren Kindern einmal besser gehen würde als ihnen selbst. Und er stellt die berechtigte Frage: »Wo nehmen die restlichen 87 Prozent die entspannte Haltung her, dagegen nichts zu tun?« Vielleicht liefert uns der bereits zitierte Erich Fromm die Antwort, wenn er feststellt, »dass der einzelne die sich am Horizont abzeichnende Katastrophe den Opfern vorzieht, die er jetzt bringen müsste.«

Wenn dem so ist, steht aber unweigerlich die Frage im Raum, inwieweit der Einzelne selbstbestimmt über sein Konsumverhalten entscheiden darf. Zuviel Stoff für diesen Beitrag, die Argumente für und gegen staatliche Regulierung abzuwägen. Jedoch verlangt das immer deutlicher werdende Auseinandertriften von Lebensstandard und Lebensqualität, dass sich die Gesellschaft mit dieser Frage auseinandersetzt und sie nicht den Ideologen überlässt. Einer der letzten großen Humanisten, Erhard Eppler, hat schon vor vierzig Jahren auf den drohenden Konflikt hingewiesen:

»Die Zigarette des einen ist doch der Kopfschmerz des anderen, das Auto des einen die Atemnot des anderen, der Motormäher des einen die Nervensäge des anderen. Schon weil dem so ist, können Lebens­standard und Lebensqualität nicht parallel laufen. Und sie tun dies umso weniger, je höher der Konsum ist.«[vii]

Nur wenn die Gesellschaft klar Position bezieht, wird auch der Einzelne vernunftbereit. Unsere Zeit offenbart ja ein geradezu tragisches Phänomen: der Mensch hält fest an seinem Wohlstandsprodukt, verteidigt es vehement gegen jeden Angriff. Doch wenn es nicht mehr verfügbar ist, vermisst er es kaum noch, ist unter Umständen sogar erleichtert durch dessen Verlust; jedoch immer unter der Voraussetzung, dass es jeden trifft. In Graz wurde in diesem Jahr der Einsatz von Laubbläsern verboten, und – siehe da, das Verbot traf auf Verständnis und Wohlwollen der Bürger. Weshalb? – weil nicht Einzelne verzichten mussten, sondern Alle.

Quellen

[i] Erich Fromm „Haben oder Sein“ Stuttgart: DVA 1976
[ii] Ivan Illich „Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik“ Hamburg: Rowohlt 1974
[iii] Nico Paech „Suffizienz und Subsistenz“ in: Hartmut Rosa u.a. „Zeitwohlstand“ München: oekom 2014
[iv] Pier Paolo Pasolini „Studie über die anthropologische Revolution in Italien“ (1974) in: „Freibeuterschriften“ Berlin: Wagenbach 1978
[v] Uwe Schneidewind, Angelika Zahrnt „Damit gutes Leben einfacher wird“ München: oekom 2013
[vi] Harald Welzer „Selbst denken“ Frankfurt: S. Fischer 2013
[vii] Erhard Eppler „Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen“ München: dtv 1976

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. „Wecken von Bedürfnissen“ – ein primäres Anliegen der Marketingabteilungen, in denen Batalione von Psychologen neue Manipulationen erdenken, mit denen man den Leuten Dinge aufschwatzen kann, die niemand braucht.

    Wofür baucht man Laubbläser?

    Damit kann man im Gartenbau mehr Laub pro Nase wegräumen, damit man in einem Land mit Massenarbeitslosigkeit noch weitere Gartenbauarbeiter auf Hartz4 schicken kann.

    Kurz: Die ganze Destruktivität des Kapitalismus.

    Nicht ohne Grund plädiere ich deshalb auch für einen Systemwechsel. Wertschöfpungssystem mit Anleihen aus der sozialen Marktwirtschaft statt Neoliberalismus. Schluß mit diesem Profit- und Wettbewerbs-Irrsinn.

  2. Was für ein abgefahrener Blödsinn….Laubbläser! Und wie wahr: Zitat »dass der einzelne die sich am Horizont abzeichnende Katastrophe den Opfern vorzieht, die er jetzt bringen müsste.«
    Dabei ist die Katastrophe ein „Elefant im Wohnzimmer“ aber mit dem Kopf im Sand sieht man ihn nicht. Mein Appell deshalb: Leute, verschenkt Schaufeln zu Weihnachten, die Köpfe müssen aus dem Sand. Nach Weihnachten kann man die Schaufeln dann gleich zur Gartenarbeit einsetzen, um Lebensmittel anzubauen, die gesund sind und noch schmecken.

  3. Danke, das war einmal mehr als nötig! Viel zu selten wird dieses widerliche Verhalten öffentlich angeprangert und schon gar nicht weiterführend analysiert, wie in diesem Artikel.
    Lediglich hätte ich zu hinzuzufügen, daß es sich bei all jenen privaten Hausmüll-Koordinatoren und Herbstlaub-Beseitigungs-Sachverständigen an der Heimatfront nicht nur um egoistische bis zwanghafte Menschen handelt, sondern eindeutig um ziemlich auffällige Idioten.
    Zudem ist deren Verhalten nicht unbedingt bloß auf einen unbestimmten „Infantilismus“ zurückzuführen, sondern ist es in vielen Fällen schlichtweg ein Ausdruck von purer Dummheit .

  4. ICH ERLEBE solche Terror mit den Maschienne fast jeder Woche ! UM 6 morgen Fäng an .ICH BIN KRANK ,ich brauch ruhe !DIESE KRACH IST WIE FLUGZEUG LANDUNG! ES GIBTS ANDERE METH ODEN!

  5. Bei uns im Wohngebiet ist fast jeden Tag einer mit so ner Hand-Düsen-Maschine unterwegs. Jeden Tag ne andere Straße. Doch es ist egal wo der sich in unserer Umgebung aufhält. Es schallt durch die ganze Siedlung. Das fängt schon Morgens um 7 Uhr an. Das beste ist das dieser „Hausmeisterdienst“ dieses Gerät auch benutzt wenn es Geregnet hat oder leich regnet. Ob sich die Blätter vom Boden lösen spielt auch keine Rolle. Hauptsache er war da und hat die gesamte Nachbarschaft geweckt. Bei uns arbeiten viele Schicht und können dann nicht mehr schlafen. Hoffentlich werden die Teile bald wieder durch Besen ersetzt. Das sie als Schallwaffen zählen find ich aber bissl übertrieben.

  6. Die Kritik trägt die gleiche totalitäre Intoleranz und Egozentrik in sich die sie versucht anzuprangern, der Laubbläser taugt allerdings als Vehikel für dieses aufgeblasene Gutmenschentum nur bedingt.
    Der Autor war offensichtlich selbst nie in der Situation eine größere Fläche von Laub befrein zu müssen, sonst wüßte er dass es mit einem Rechen sehr viel anstrengender ist.
    Als Therapie für diesen anmassenden Herrenreiter verordne ich das Putzen sämtlicher Gemeinschaftsflächen um seine Wohnung herum mit einer Zahnbürste.

  7. Und genau das ist das Problem: Irgendjemand hat da einen künstlichen Anspruch erhoben, dass sämtliche Flächen, egal ob Rasen oder Wege, ständig klinisch rein sein müssten. Sowas geht natürlich nur, wenn man stundenlang mit einem Laubbläser darüber pustet, das schafft wirklich kein Rechen. Real verlangt das aber keiner. Eigentlich wäre es besser, wenn etwas Laub auf den Rasenflächen liegen bliebe und es wäre auch völlig ausreichend, die Wege „normal“ von Laub zu befreien und nicht so, dass man davon essen kann. Mit diesem künstlichen Anspruch an eine völlig übertriebene Reinlichkeit rechtfertigen die Laubbläserfans immer wieder die Nutzung dieser Geräte.