Die große Ignoranz: Vom Maracana ins politische Wachkoma

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(Zu Sarkasmus und seinen Nebenwirkungen lesen Sie den nun folgenden Artikel und fragen Sie Ihren Nachbarn oder aktuellen Sexualpartner.)

Schlaaaaaaaaaaand! Das wird in weniger als einer Woche wieder durch die gesamte Bundesrepublik hallen. Man wird sich betrinken, halbnackt und angemalt in schwarz-rot-gelb über die Straßen und Plätze wanken und bei RTL Punkt 12 in die Kamera johlen, wenn wir die Gruppenphase überstehen. Sprich: man wird für einen Monat vergessen, dass es auch noch eine Welt außerhalb der WM 2014 im „Tanze-Samba-mit-mir“-Land gibt.

Man wird nicht länger daran denken, dass die Europäische Wirtschaftsunion, und nichts anderes ist sie, munter die Bühne schmückt für einen neuen Kalten Krieg. Man wird vergessen, dass mit dem „Transatlantic Free Trade Agreement“ oder auch „TTIP“ ein Freihandelsabkommen aufgebaut wird, dass beispielsweise unsere Nahrungsmittelstandards auf ein Level mit denen der USA „harmonisieren“ könnte. Setzen Sie bitte an dieser Stelle eine beliebige Chlorhühnchen-Metapher ein.

Man wird nicht darüber nachdenken, dass eben jenes Abkommen unter mehr oder weniger völligem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, lediglich ausgehandelt von hochrangigen Vertretern der Industrie und ohne Beteiligung nationaler Parlamente, geschweige denn des EU-Parlaments. Im Klartext heißt das also was? Naja, die Europäische Union wird von Lobbyisten bei den Verhandlungen repräsentiert und kein einziges offizielles europäisches Kontrollgremium ist überhaupt beteiligt. Man könnte sich jetzt erdreisten und behaupten, dass damit den Verhandlungen de facto jede juristische Grundlage fehlt. Aber das wäre ja schon fast geistige Republikflucht.

Man wird auch nicht lesen wollen, was Lori Wallach bereits im November 2013 in „Le monde diplomatique“ zu den so hochgelobten wirtschaftlichen Vorteilen bemerkte:

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„Eine Studie des Tafta-freundlichen European Centre for International Political Economy kommt zu dem Befund, dass das BIP der USA wie der EU – selbst unter extrem blauäugigen Annahmen – allenfalls um ein paar Promille wachsen würde, und das ab 2029. Den meisten bisherigen Prognosen liegt die Annahme zugrunde, dass Zollsenkungen stets eine starke Wirtschaftsdynamik auslösten – was empirisch längst widerlegt ist. Verzichtet man auf diese dubiose Annahme, dann – räumen die Autoren der Studie ein – schrumpft der potenzielle BIP- Zuwachs auf statistisch irrelevante 0,06 Prozent.“

Man wird ab dem dritten „Gruppenphase-überstanden“-Bier auch nichts mehr davon hören wollen, dass sich die versprochenen 2 Millionen neuen Arbeitsplätze auf die gesamte EU mit 800 Millionen Menschen beziehen (Dreisatz, Taschenrechner, das sind wieviel Prozent?). Oder dass der Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland dank TTIP zwar 0,11% beträgt. Aber nicht jährlich. Sondern insgesamt. Und TTIP ist ja nur ein Beispiel aus einer ganzen Reihe herrlich aufwühlender Katastrophen rund um den Erdball bis in die Ukraine (Wo liegt diese Ukraine?) oder nach Palästina.

Das beste Beispiel aber für unsere wunderbar einfache Politikverdrossenheit ist die Reaktion auf alle diese Ereignisse. Die westliche Welt hat sich unter den Augen der restlichen Menschheit, also den Kommunisten, Fundamentalisten, Verbrechern und den hungernden Afrikanern mit einer unter mehr als dubiosen Vorgängen „gewählten“ neonazistischen Regierung solidarisiert. Gut, die bombardieren ihre eigenen Leute (einzusehen aus dutzenden Quellen bei Youtube z.B.), „aber bisschen Schwund ist immer“, sagt meine Oma und die kennt das ja noch. Gleichzeitig lag beispielsweise die Wahlbeteiligung bei der Europawahl bei ca. 48 %. Das sind immerhin 5% mehr als 2009 aber nicht aus Freude oder Zuversicht, sondern weil in so vielen Kommunen parallel auch gewählt wurde. Wen interessiert schon der Russe, wenn man einen neuen Bürgermeister braucht. Das ist das Motto im Jahr 2014.

Fun Fact: in Griechenland (die im Süden, die wir grade finanziell vollständig zu vernichten scheinen) gingen knapp 57,3% wählen. Und in der Slowakei gerade einmal 13%. Soviel zum „europäischen Geist“. Wie sehr uns „die da oben“ seit der Wende interessieren belegen auch die Parteimitgliedschaftsstatistiken im Vergleich. 1990 waren ca. 2,3 Mio. Menschen in Deutschland Mitglied einer Partei. 2011 sind mit knapp 1,2 Mio. Nur noch etwa die Hälfte. Seit der Wende hat also die gesamte demokratische Landschaft der Bundesrepublik Deutschland die Hälfte ihrer offiziellen Mitglieder verloren. Aber kein Grund zur Sorge! Bald ist WM, dann gibts wieder Bier, luftig bekleidete blonde Studentinnen in den Stadtparks und keine nervigen Nachrichten mehr aus irgendwelchen Ecken der Welt, die man nur aus dem Atlas kennt. Sehen Sie, der Verfall der Parteiendemokratie, die mangelnde politische Bildung junger Menschen und die neue Mitte, die „Harmonisierung“ der Parteien, wie es sarkastisch heißt, haben im Zusammenspiel mit den neuen und alten Medien ein paradoxes Szenario geschaffen.

Die Krise ist immernoch immanent, wird alle paar Monate bei der Verkündung des Haushalts wieder hervorgeholt und garniert mit neuen Feindbildern. Vor ein paar Jahren der Terror, die muslimische Welt, der bärtige Mann im Kaftan vor Wien, der nach Ayran und Apfeltee riecht. Jetzt der Russe, der sein Imperium auszuweiten versucht, obwohl sich de facto eigentlich nur die NATO vergrößert hat. Und wenn man das alles so liest, bei Maischberger sieht oder bei Facebook, da ist man doch ganz froh, dass die Mutti alles regelt. Und rein gesellschaftlich eignet sich ein Großereignis wie die WM immer gut um unpopuläre, eigentlich nicht gesellschaftsfördernde Beschlüsse durchzubringen. Dazu braucht man keine großen Analysen oder muss Dinge in aller Öffentlichkeit kundtun. Hört ja sowieso keiner zu. Die Leute sind einfach mit etwas Spaßigerem beschäftigt. Ernst Fraenkel, ein Politikwissenschaftler, bemängelte „Parlamentsverdrossenheit“ übrigens bereits 1966. Sachen gibt’s.

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