in Gesellschaft

Gleich vorweg: „Der islamische Faschismus“ ist ein miserables Buch, und der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad ein mittelmässiger Autor. Das einzige, was Abdel-Samad den einfältigen salafistischen Predigern voraus hat, ist, dass er nicht zu Gewalt aufruft.

Argumentativ bewegt er sich aber auf ihrem Niveau und erntet mit seinen simplistischen Analysen – wie auf der Gegenseite die Salafisten – Applaus. Natürlich hat aber Hamed Abdel-Samad hat das Recht, sich zu äussern. Weder Unbedarftheit noch Sensationsmache sind strafbar. Niemand darf Abdel-Samad mit dem Tod bedrohen, und alle jene, die dies tun, gehören vor Gericht gestellt und verurteilt. Aber Abdel-Samads Ansichten dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Seine These vom „islamischen Faschismus“ führt genauso wenig weit, wie wenn wir von einem „christlichen Faschismus“ reden würden. Die These beruht auf zwei methodischen Grundirrtümern, auf die ich hier hinweisen möchte.

Gewalttätige Religion

Zugegeben: Wer die folgenden Textstellen liest, fühlt sich unweigerlich an Horrormeldungen aus Afghanistan erinnert. Gewalt als Pflicht für jeden Gläubigen! Zum Beispiel Gewalt gegen Frauen und Homosexuelle:

Wenn eine Jungfrau verlobt ist und ein Mann trifft sie innerhalb der Stadt und wohnt ihr bei, so sollt ihr sie alle beide zum Stadttor hinausführen und sollt sie beide steinigen, dass sie sterben, die Jungfrau, weil sie nicht geschrien hat, obwohl sie doch in der Stadt war, den Mann, weil er seines Nächsten Braut geschändet hat.

Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben.

Oder Gewalt gegen Abtrünnige, Andergläubige und Ungläubige:

Und Muhammad wurde zornig über die Hauptleute des Heeres, die Hauptleute über tausend und über hundert, die aus dem Feldzug kamen, und sprach zu ihnen: Warum habt ihr alle Frauen leben lassen?

So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben.

So zieh nun hin und schlag den Ungläubigen und vollstrecke den Bann an ihm und an allem, was es hat; verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel.

Es sollen auch ihre Kinder vor ihren Augen zerschmettert, ihre Häuser geplündert und ihre Frauen geschändet werden.

Religiöse Geschwister

Nicht nur im Koran finden sich Gewaltaufrufe. In der Frage der Gewalt sind die grossen Religionen Geschwister. Um dies hervorzustreichen, habe ich die obigen Textstellen leicht manipuliert: Allah statt Gott, Muhammad statt Moses… Sie sind nämlich nicht aus dem Koran, sondern aus der Bibel, Altes Testament (1= 5. Mose 22,23-24, 2= 3.Mose 20,13, 3= 4. Mose 31,14-15, 4= 4. Mose 31,17-18, 5= 1. Samuel 15,3, 6= Jesaja 13,16). Auch das Neue Testament enthält einige gewaltsame Passagen, die berühmteste findet sich in der Johannes-Offenbarung (19, 11-21), in der Christus als Rächer und Herrscher auf die Erde zurückkehrt.

Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß Treu und Wahrhaftig, und er richtet und streitet mit Gerechtigkeit. Seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt viele Kronen; und er hatte einen Namen geschrieben, den niemand wusste denn er selbst. Und war angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprengt war; und sein Name heißt „das Wort Gottes“. Und ihm folgte nach das Heer im Himmel auf weißen Pferden, angetan mit weißer und reiner Leinwand. Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, dass er damit die Heiden schlüge; und er wird sie regieren mit eisernem Stabe; und er tritt die Kelter des Weins des grimmigen Zorns Gottes, des Allmächtigen. Und er hat einen Namen geschrieben auf seinem Kleid und auf seiner Hüfte also: Ein König aller Könige und ein HERR aller Herren.

Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen; und er schrie mit großer Stimme und sprach zu allen Vögeln, die unter dem Himmel fliegen: Kommt und versammelt euch zu dem Abendmahl des großen Gottes, dass ihr esset das Fleisch der Könige und der Hauptleute und das Fleisch der Starken und der Pferde und derer, die daraufsitzen, und das Fleisch aller Freien und Knechte, der Kleinen und der Großen! Und ich sah das Tier und die Könige auf Erden und ihre Heere versammelt, Streit zu halten mit dem, der auf dem Pferde saß, und mit seinem Heer. Und das Tier ward gegriffen und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen tat vor ihm, durch welche er verführte, die das Malzeichen des Tiers nahmen und die das Bild des Tiers anbeteten; lebendig wurden diese beiden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte. Und die andern wurden erwürgt mit dem Schwert des, der auf dem Pferde saß, das aus seinem Munde ging; und alle Vögel wurden satt von ihrem Fleisch.

Der Kirchenhistoriker Dag Tessore vermerkt wohl nicht zu Unrecht:

Vielleicht ist kein heiliges Buch so von kriegerischem Geist durchdrungen wie die Bibel. Demgegenüber ist der Koran weitaus sanfter und weniger blutrünstig.

Heisst das nun, dass das Christentum noch „faschistischer“ ist als der Islam? Das müsste man folgern, wenn man Abdel Samad glauben wollte. Der erste methodische Grundirrtum Abdel-Samads ist, dass er von heiligen Texten auf den Charakter der Religion schliesst und dabei unterschlägt, dass das Christentum (und andere Religionen) genauso problematische Quellen hat. Richtig ist, dass Gewalt in allen grossen Religionen ein Thema ist und sich auch leicht Textstellen finden lassen, die sich als Legitimation für Gewaltanwendung zitieren lassen.

Reformunfähige Religion …

Religion ist aber nicht nur Text, sondern auch dessen Verständnis und dessen Umsetzung durch die Gemeinschaft der Gläubigen für die jeweilige Zeit. Das ist allen heutigen Menschen klar, ausser Abdel-Samad und den Salafisten, die beide den Text als unmittelbar gültig verstehen wollen.

Abdel-Samad sagt, die Muslimbrüder und der Faschismus seien ideologisch-programmatisch verwandt. Aber wenn er die Muslimbrüder als logische Konsequenz des Islams sieht, warum dann nicht den Faschismus als logische Konsequenz des Christentums? Italien war ja – wie er selber schreibt – streng katholisch, und Mussolini unterhielt mit der Kirche beste Beziehungen.

Die unheilige Allianz zwischen christlicher Kirche und Diktatur hat im 20. Jahrhundert Millionen von Menschen das Leben gekostet, in Italien, in Spanien und in den lateinamerikanischen Dikataturen. Der spanische General Queipo de Llano formulierte es vor 75 Jahren drastisch:

Man müsse „das Fleisch und Blut der Kommunisten zerstampfen, um es als Mörtel beim Wiederaufbau der Kirchen zu verwenden“.

Das Christentum hat in seiner ganzen Geschichte viele Millionen Menschenleben geopfert, denn die christliche Mission und die Inquisition wandten jahrhundertelang mit äusserster Brutaltität gegen Andersgläubige, Ungläubige, „Sünder“ und „Hexen“. In der Schweiz wurde die letzte „Hexe“ Ende des 18. Jahrhunderts verbrannt.

Und wie es in Ägypten durchgeknallte Salafisten gibt, so gibt es in den USA ein erkleckliche Zahl von christlichen Fanatikern, die den Koran verbrennen möchten und auch sonst gegen die Moderne anrennen. Kein vernünftiger Mensch – ausser Abdel Samad und die Salafisten – käme hier auf die Idee, von einem „christlichen Faschismus“ oder „christlichen Diktaturen“ oder einem „fanatischen Christentum“ zu reden.

… und reformfähige Religion

Andererseits ist das Christentum auch ein leuchtendes Beispiel, wie der Rückgriff auf die Gewalt Schritt um Schritt überwunden werden kann. Die christlich gerechtfertigte Gewalt hat im Lauf des 20. Jahrhunderts gewaltig abgenommen, die Menschen leben im christlichen Kulturraum freier und selbstbestimmter, und die Kirche hat sich weitgehend mit Freiheit und Menschenrechten versöhnt.

Auch der Islam hat sich in vielen Gebieten modernisiert und ist damit friedlicher geworden. Ich habe in der Türkei händchenhaltende und schmusende Pärchen gesehen, in Indonesien soll der Islam ein sehr freies und selbstbestimmtes Leben ermöglichen, und sogar Ägypten hatte liberale Phasen und fällt nur in politisch-wirtschaftlichen Krisenzeiten in den Fanatismus zurück.

Die Frage wäre also: Wenn das Christentum trotz bluttriefender Bibel ein enormes Reformpotential gezeigt hat, warum ist das im Islam in geringerem Mass erfolgt? Und wie wäre dieses Potential auch im Islam zu fördern? Hier macht es sich Abdel-Samad sehr einfach. Man müsse, wie er in jeder Talk-Show betont, einfach den Islam radikal aus dem öffentlichen Raum verbannen. Wie autoritär und gewaltsam er dies versteht, zeigt sich beispielsweise, wenn er in seinem neuen Buch den deutschen Aussenminister Westerwelle kritisiert, der die faktische Machtergreifung der Armee in Ägypten als „Rückschlag für die Demokratie“ bezeichnet hat. Wie kann eine Diktatur schlecht sein, wenn sie gegen die Islamisten kämpft?

Hier liegt der zweite Grundirrtum Abdel-Samads. Er bescheinigt dem Islam grundsätzlich Reformunfähigkeit und ist damit der Mühe enthoben, die Frage genauer zu analysieren. Er muss auch nicht die Frage beantworten, warum es denn dem Christentum gelungen ist, sich zu reformieren, und warum christliche Parteien als anerkannte Kräfte in der politischen Arena auftreten. Für Abdel-Samad „wird die Maske des vermeintlich moderaten Islam, der sich angeblich mit Demokratie vereinbaren lasse, verrutschen.“ Damit lässt er den gemässigten und friedlichen Muslimen – der grossen Mehrheit! – keine Hoffnung und begnügt sich mit „heldenhaften“ Kämpfen gegen die salafistischen Eiferer.

Wer sich über die Geschichte, die Kultur und die heiligen Texte des Islam informieren möchte, dem/der kann ich gerne seriöse Werke angeben. „Der islamische Faschismus“ gehört nicht dazu; er reduziert das Bemühen um eine moderne Gesellschaft auf den Kampf gegen eine Minderheit von Ewiggestrigen.

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Kommentar

  1. Der Aufsatz scheint mir in einzelnen Punkten ausgesprochen indifferent.

    1. Nein, Christentum und Islam sind keine religiösen Geschwister. Sie haben grundsätzlich völlig verschiedene Zielsetzungen.

    Der Unterschied in der Lehre liegt u.A. darin, dass das Christentum, also die Lehre nicht nach staatlicher- wie weltlicher Macht strebt. Im Gegenteil, Jesus sagte selbst: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ und fordert Petrus auf, das Schwert weg zu stecken.

    Der Islam hingegen ersetzt bereits weltliche Rechtsstaatlichkeit durch religiöse Scharia – bereits hier ist die Zielsetzung weltliche Macht zu erringen erkennbar.

    • Mohammed soll aufgerufen haben, den Islam „auf den Spitzen der Speere“ in die Welt zu tragen – also gewaltsame Machtergreifung.

      2. Der Vergleich mit den Hexenverbrennungen der kath. Kirche ist unsachlich, weil dies nichts mehr mit der Lehre des Neuen Testaments zu tun hat. Dort findet man weder Aufrufe noch Durchführung von derartigem.
      Tatsächlich waren sie eine Volkspsychose, welche auf Verse des jüdischen Alten Testaments zurück geht.

      Dort heißt es „Du sollst die Zauberin nicht leben lassen“

      • 3. Die Offenbarung des Johannes, welche das jüngste Gericht beschreibt als Beleg für die Gewalttätigkeit der christlichen Lehre anzuführen ist natürlicht grenzwertig unsachlich und legt den Verdacht nahe, dass der Autor die christliche Lehre tatsächlich nicht kennt.

        So kommt es nicht von ungefähr, dass der Autor keine gewaltbejahenden Verse aus dem NT angeben kann und aufs Alte Testament ausweichen muß.

        Tatsächlich sagte Jesus: Wenn Dir jemand den rechten Backen schlägt, halte ihm den linken auch noch hin!“

        • Schließlich noch ein paar Worte zum Alten Testament.

          Dies ist an sich eine Schrift der jüdischen Religion, die von den Christen übernommen wurde, jedoch erkennbar einer anderen -faschistische- Linie nachgeht. Dort werden, wie in der jüdischen Religion Menschen in Ober- und Untermenschen eingeteilt – Letztere werden im Talmut ethisch Tieren gleichgestellt und dürfen getötet werden, daher auch ähnliche Verse in den Büchern Mose.

          Der Islam geht analog vor – Gläubige und Dhimmis, Letztere also Menschen mit weniger Wert, weniger Rechten.

          Religiöser Faschismus, zweifellos – da und dort!

          • Die Johannes-Offenbarung IST ein Teil des Neuen Testaments, und das Alte Testament IST ein Teil der von den Christen als heilig anerkannten Texte. Die Johannes-Offenbarung wurde bis heute heftig diskutiert, weil christliche Fundamentalisten darin eine Legitimitation für religiöse Gewalt sehen wollen. Mit diesen Texten ist das Christentum aber in keiner Weise diskreditiert – es hat in vorbildlicher Weise einen religionskompatiblen Weg in die Moderne gefunden. Auch der Islam und das Judentum sind auf diesem Weg, auch wenn dort das Gewicht der Fundamentalismen grösser ist. Es scheint mir daher falsch und kontraproduktiv, wie Richard dem Islam und dem Judentum religiösen Faschismus zu unterstellen, dem Christentum aber nicht.

  2. Die Offenbarung des Johannes beschreibt eine postulierte Apokalypse bzw. den Kampf zwischen Gott und Teufel am Ende der Tage und keinesfalls eine Anweisung in der Gegenwart gewalttätig zu werden oder die staatliche Macht gewaltsam zu übernehmen.

    Was Fundamentalisten vielleicht sehen wollen ist ihre Privatauslegung zwecks Legitimierung ihres gewünschten Faschismusses – mit der Lehre an sich aber hat das nichts zu tun. Bei Islam und Judentum sieht es da ganz anders aus – dort wird explizit zu Gewalt aufgerufen sowie zu einer Ober- und Untermenschen-Weltanschauung.

    • Unterstellen muß man Faschismus, wenn man ihn nicht nachweisen kann, dies ist bzgl. Judentum und Islam weiter oben aber längst geschehen.

      Wer es anschaulich haben möchte gehe nach Gaza oder baue in Mekka eine christliche Kirche.

      Das Alte Testament wird von den Christen übernommen, das ist richtig, jedoch nicht als Verhaltensanweisung für nichtjüdische Christen. Diese Abspaltung in der Lehre findet sich bereits in der Urgemeinde und löste damals eine grundsätzliche Diskussion aus, die zu dem Ergebnis führte, dass die Christen nicht mehr unter dem mosaischen Gesetz (Bücher Mose) stehen, nachzulesen in der Apostelgeschichte.

      Genau genommen passen AT und NT theologisch nicht zusammen – Irrationalität in der Religion.