in Gesellschaft

… oder : der Kampf um den PMI

»Entspricht dies wirklich dem Wählerwillen?« – Diese Frage wird immer häufiger gestellt, immer verbunden mit mehr oder weniger subtilem Zweifel an der Mündigkeit des Wählers. Der Grad der Subtilität bewegt sich dabei leider immer häufiger im Minimalbereich (»total verblödetes Wahlvieh«), und nur selten bemüht sich ein Autor oder Kommentator, die Ursachen zu analysieren.

Kürzlich stellte unsere Pinksliberale Bloggerin Jenny GER hier diese Frage: Wollen das die Wähler wirklich?

Aber wer sind „die Wähler“, und können sie überhaupt wissen, was sie wollen? – Der erste Teil der Frage mag sich schnell beantworten lassen, wenn wir uns darauf verständigen, dass von politisch mäßig Interessierten (PMI), also die Masse der Wähler repräsentierenden Menschen die Rede ist. Eigentlich wissen wir schon, was diese PMI wollen, zumindest im Grundsatz. Doch genauere Nachfrage führt schnell zu der Erkenntnis, dass dieses Wollen sehr emotional, um nicht zu sagen irrational geprägt ist.

Ein Beispiel: Laut Umfrage sind nur 15 % der Bürger davon überzeugt, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland gerecht verteilt sind, und nur 7 % sehen einen Trend zur Besserung. 64 % sehen die Politik als einen Motor der wachsenden Ungleichheit. (Allensbach-Studie „Was ist gerecht“ 2013) Und obwohl soziale Gerechtigkeit in allen Befragungen als eines der höchsten Güter gewertet wird, schlägt sich dies in Wahlergebnissen einfach nicht nieder. Dies würde nämlich ein rationales Herangehen an die Wahlentscheidung erfordern.

Doch wie könnte es auch anders sein – wie sollte eine Ratio sich entwickeln können? Schließlich fehlt es an Aufklärung, und zwar Aufklärung im Kantschen Sinne: Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. – Aber haben wir die Aufklärung nicht durchlaufen, wird sofort gefragt, haben wir nicht ein hochentwickeltes Bildungswesen, hat nicht jeder die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren?

„Zweifellos war die Kenntnis der großen Ideen der Menschheit noch nie so weit auf der Welt verbreitet wie heute.  Noch nie war aber auch ihre Wirkung so gering.“

Diese Feststellung von Erich Fromm aus dem Jahr 1967 hat bis heute nicht an Tragik verloren. Wir haben international hochangesehene Philosophen, doch welche Wirkung haben sie? Selbst die Vertreter der Kritischen Theorie bleiben mit ihrer Kritik lieber unter sich. Vielleicht nicht vorsätzlich, doch sie treffen einfach nicht den Ton, der den PMI anspricht, den intellektuellen Level, auf dem er ihnen zu folgen bereit und in der Lage ist. Nehmen wir Jürgen Habermas; er ist immer noch einer derjenigen, die sich um öffentliche Präsens bemühen. Sein Essay „Zur Verfassung Europas“ ist sicher eine der fundiertesten Betrachtungen zu diesem Thema. Gerade in der jetzigen Diskussion über den Demokratieverfall innerhalb der EU könnte es Grundlage eines breiten gesellschaftlichen Konsens, einer starken Demokratiebewegung sein. Doch leider versagen alle Philosophen dort, wo es gilt, die akademische Debatte ins Volk hineinzutragen. Dieses Feld überlassen sie lieber doch den Politikern, unter denen dann Populisten und Demagogen leichtes Spiel im Kampf um den PMI haben. Sie bringen nämlich die einfachen Erklärungen, die leicht zu schlucken sind, und weil sie leicht zu verstehen sind, fragt auch niemand nach dem Wahrheitsgehalt.

Das Volk will klare Ansagen, und die will es von Integrationsfiguren verkündet bekommen. Angela Merkel erfüllt diese Bedürfnisse per excellence. Ihre Botschaften sind leicht verständlich, sie sind stabil und sie beziehen sich auf übersichtliche Zeiträume. Kritiker würden es anders formulieren: ohne sachlichen Tiefgang, Andersdenkende ignorierend, ohne Visionen. Aber das ficht weder sie noch ihr Volk an. Darüber hinaus ist sie in der Wahrnehmung der Bürger die einzige Integrationsfigur auf Bundesebene, verkörpert sie doch in Perfektion solche Tugenden wie Pflichtbewusstsein, Fleiß, Unbestechlichkeit und das Fehlen jeglichen Hedonismus.

Warum hält sich dieser Glaube so hartnäckig? – Weil die Aufklärung versagt! Sie versagt einerseits schon im Kernpunkt der frühen Aufklärung: sich der Ratio bewusst zu werden und nur diese gelten zu lassen. Stattdessen beobachten wir einen immer stärkeren Grad an Irrationalität in allen öffentlichen Debatten, während die Berufung auf Fakten und Zusammenhänge als „professoral“ abgetan wird.
Zum anderen versagt die Aufklärung in dem Bestreben, das Volk zu erreichen.

Den großen Aufklärern des 17./18. Jahrhunderts war dies natürlicherweise kein Anliegen. Sie hätten die breite Unterschicht mit ihren Ideen weder erreichen können, noch versprachen sie sich davon einen Effekt. Das begann sich erst mit der Französischen Revolution zu ändern. Doch bis zum heutigen Tag fehlt jener Gang im Getriebe der Aufklärung, welcher die Ideen der Philosophen in die Sprache des Volkes übersetzt. Sicher gibt es viele Einzelbeispiele, die diesen Versuch unternehmen. Hervorzuheben wären die Schriften von Harald Welzer, insbesondere sein Buch „Selbst denken“. Doch man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass politisch mäßig Interessierte nicht unbedingt Bücher mit gesellschaftspolitischem Inhalt lesen. Auf welchem Weg also soll die Aufklärung den Bürger erreichen? Jetzt kommt’s:

Ich weiß es nicht.

Aber vielleicht finden sich ja einfallsreiche Kommentatoren, die hier ein paar Ideen zusammentragen. Ich würde mich freuen.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. „Aufklärung“ kommt von den militärischen „Reconnaisseuren“.
    Das hat was mit „Erkennen“ und „An-Erkennen“ zu tun.
    Soll heißen:
    Sie erkennen etwas, sind dadurch aufgeklärt, sofern Sie das Erkannte auch anzuerkennen bereit sind.
    Hannibal hat erkannt, dass Karthago gegen Rom so nicht Bestand haben konnte und die Stadt darüber aufgeklärt.
    Allein: diese Erkenntnis wurde nicht anerkannt und folgerichtig wurden alle Punischen Kriege verloren und Karthago letztendlich dem Erdboden gleich gemacht.
    Fazit:
    Man kann ein Anerkennen weder erzwingen, noch kann man dazu überreden oder überzeugen.
    Denn:
    Jeder kann sich in letzter Konseqeuenz nur selbst überzeugen! Dazu muss er aber bereit sein, den selben Weg zu beschreiten wie Sie – und…

    • Da ist sehr viel dran!
      Die Aufklärung muss also ganz unten beginnen, bei den Alltagsthemen, die jeden berühren. Nur so kann man die Bereitschaft erzeugen, sich für etwas zu interessieren, und – wenn als wahr erkannt – es auch anzuerkennen.