in Gesellschaft

Was ist das erste woran die meisten Menschen denken, wenn sie das Wort „Sozialismus“ hören? In den meisten Fällen wohl: Zwang, Diktatur, Mauertote und Arbeitslager. Tatsächlich wurden im Namen des „Sozialismus“ zahlreiche Verbrechen begangen und autoritäre Regime legitimiert, was maßgeblich dazu beigetragen hat, die Idee des Sozialismus in Verruf zu bringen. Auch wenn die stalinistischen Staaten des sogenannten Ostblocks durchaus einige erwähnenswerte soziale Errungenschaften vorzuweisen hatten, so haben sie dennoch gezeigt, dass der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft gegen Mehrheiten und ohne demokratische Kontrollmechanismen nicht funktionieren kann.

Dabei waren es auch immer demokratische Sozialist*innen und Marxist*innen, die autoritäre Sozialismuskonzepte scharf kritisierten und deutlich machten, dass Demokratie und Sozialismus eine untrennbare Einheit darstellen. Zu den bekanntesten gehörte zweifellos Rosa Luxemburg, die genau darauf hinwies, als sie die Repressionen gegen Andersdenkende und die Ausschaltung demokratischer Grundrechte durch die Bolschewiki kritisierte, auch wenn sie sich grundsätzlich mit den Bolschewiki und der Oktoberrevolution solidarisierte:

„Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder der öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt.

Das öffentliche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen (…) eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker (…)“ (R. Luxemburg, 1918, „Zur russischen Revolution“)

Es war auch die sozialistische Arbeiter*innenbewegung, die demokratische Grundrechte wie das allgemeine und gleiche Wahlrecht, betriebliche Mitbestimmung und Interessenvertretung der Arbeiter*innenklasse durch freie gewerkschaftliche Organisierung gegen den Widerstand konservativ-bürgerlicher Kräfte erkämpfte. Das übergeordnete Ziel blieb dabei jedoch meist die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiter*innenklasse, die „Diktatur des Proletariats“.

Diktatur des Proletariats

Diktatur? Ist das nicht Schreckensherrschaft, staatliche Willkür und Terror? Im marxistischen Sinne meint die „Diktatur des Proletariats“ erstmal nichts anderes als die Herrschaft der Arbeiter*innenklasse, also der Mehrheit der lohnabhängigen Bevölkerung, in einem sozialistischen Staat, in dem die Produktionsmittel wie Fabriken, Maschinen, Grund und Boden, etc. demokratisches Gemeineigentum eben dieser Arbeiter*innenklasse sind. Sie stellt eine Übergangsperiode dar, der eine klassenlose und herrschaftsfreie Gesellschaft folgen soll.

Als Vorbild für die erste „Diktatur des Proletariats“ wurde unter anderem von Marx und Engels die Pariser Kommune von 1871 betrachtet. Sie war das Ergebnis eines Aufstands von Pariser Arbeiter*innen und organisierte sich radikal- und rätedemokratisch. Das stehende Heer wurde durch bewaffnete Volksmilizen ersetzt, von den Besitzer*innen verlassene Fabriken wurden unter die Kontrolle der Arbeiter*innen gebracht.

Die Delegierten und Repräsentant*innen der Kommune wurden nach dem allgemeinen Wahlrecht gewählt, waren durch ein imperatives Mandat an den Wähler*innenauftrag gebunden und konnten jederzeit abgewählt werden. Es war eine anti-autoritäre und selbstverwaltete sozialistische Demokratie von unten, die im Gegensatz zu den kapitalistisch-parlamentarischen und stalinistischen Systemen tatsächlich eine Herrschaft der Arbeiter*innenklasse und wirkliche Demokratie hervorbrachte.

Die stalinistischen Regime deuteten den Begriff der „Diktatur des Proletariats“ jedoch um, damit sie ihre autoritären Einparteiendiktaturen rechtfertigen konnten. Sie maßten sich an, ihre Einparteiendiktatur mit der Herrschaft der Arbeiter*innenklasse gleichzusetzen. In Wirklichkeit war es eine jedoch keine Diktatur des Proletariats, sondern über das Proletariat. Außerdem waren die Produktionsmittel zwar Staatseigentum, aber von sozialistischer Vergesellschaftung und demokratischer Kontrolle der Produktionsmittel durch die Arbeiter*innenklasse konnte keine Rede sein, wenn dieser Staat selbst antidemokratisch verfasst war.

Gegen autoritäre Sozialismuskonzepte

In den letzten Jahren erleben stalinistische und maoistische Gruppierungen wie der „Rote Aufbau“ oder der „Jugendwiderstand“ innerhalb der radikalen Linken einen gewissen Aufschwung, der bedenklich ist. Sie verehren Diktatoren und Massenmörder wie Stalin oder Mao und schrecken auch nicht davor zurück, andere Linke zu bedrohen und anzugreifen. Sie vertreten autoritäre Sozialismuskonzepte, die mit dem ursprünglich emanzipatorischen und humanistischen Anspruch des Marxismus nicht vereinbar sind.

Wenn die Mehrheit der lohnabhängigen Bevölkerung von der Idee des Sozialismus überzeugt werden soll, müssen wir uns von solchen Positionen klar distanzieren und deutlich machen: Weder ein allmächtiges Zentralkomitee noch eine kleine diktatorische Avantgarde kann die Menschen von oben zum Sozialismus zwingen. Die Befreiung der Arbeiter*innenklasse kann letztlich nur das Werk der Arbeiter*innenklasse selbst sein.

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Kommentar

  1. Die klassenlose Gesellschaft scheint mir eher eine höhere Evolutionsstufe als ein durch politische Mittel erreichbares gesellschaftliches Entwicklungsziel. Derzeit fehlt dazu noch das richtige Bewusstsein, das sich über die Niederungen der menschlichen Natur erhebt. Es kann nicht durch Agitation oder durch eine Partei erlangt werden. Alle Bemühungen in diese Richtung münden in Zwang und letztlich in sozialer Dressur ohne inneren Wert. Als Spezies sollte der Mensch in der Lage sein, eine geistige Entwicklung zu nehmen, die den zügellosen Kapitalismus überwindet, denn dieser zerstört die Lebensgrundlagen von allen. Fragt sich nur, ob unsere Spezies lange genug überlebt, um dorthin zu gelangen.

    • Schön beschrieben. Seh ich genauso.
      Die generellen Denkprozesse, haben nach meiner Wahrnehmung den gesunden Urgrund verlassen, und haben sich auf dramatische Art und Weise verselbständigt. Das was Sozialisten, auch die von der Freiheitsliebe, immer propagieren, mag gut und richtig klingen, allerdings fehlt fast immer der Bezug zu einer erkennbaren Realität. Meine Kritik richtet sich somit auch nicht gegen diese Ideen, sondern deren Umsetzungsprozess.
      Der Intellekt wird auf einen bestimmenden Podest gehoben, über schlichte Lebensprozesse, die eine natürliche Berechtigung haben, wird die Nase gerümpft.
      Zumindest die heutigen Sozialisten, machen durch die Art und Weise der Umsetzung möglicher Visionen, genau diese nachhaltig kaput.

  2. Ich meine hier ist ein grober Fehler enthalten, denn die Diktatur der Arbeiterklasse ist keine Volksherrschaft oder sollte auch hier der Begriff Demokratie mit Volksbeherrschung verfälscht sein?
    Volksherrschaft bedeutet nun einmal die Herrschaft des gesamten Volkes und seiner verschiedenen Klassen, die aus der Natur des Menschen heraus stammt. Ein Mensch ist in sich einzeln, auch wenn sich der einzelne oder andere sehr ähneln und jeder Mensch hat eine andere Leistungsbereitschaft um in seinem Leben mit Arbeit, Freizeit und Familie umzugehen. Und genau das muß in einer Volksherrschaft grundhaft beachtet und geachtet werden. Und erst dann ist die Grundlage für einen tatsächlichen Sozialismus gegeben. Sozialismus hat nichts, aber rein gar nichts mit Kapitalismus und Kommunismus zu tun, eine weitere Erklärung dazu kann man hier finden: http://www.bundvfd.de/wp-content/uploads/2016/09/opelt-recht-01-Erkl%C3%A4rung-Sozialismus.pdf
    Schaut man nach China erkennt man, daß dort der Kommunismus nachdem er durch imperialistische Züge zerstört wurde, jetzt unter dem Präsidenten Jinping einen konsequenten Weg zum Sozialismus eingeschlagen hat. Aber in der westlichen Welt wurde der Sozialismus mit dem Schreckgespenst Kommunismus verteufelt und die Sozialdemokraten sind alles andere als Sozialisten.
    Olaf Opelt
    Bundvfd.de

  3. Wo hat denn bitte ein „demokratischr Sozialismus“ jemals funktioniert? Ich zitiere aus einem Fremdbeitrag zum Thema: „Die Frage, warum der Sozialismus untergegangen ist, hängt mit sehr viel mehr zusammen als nur mit dem Mangel an Demokratie. Der Hauptgrund war nie das politische System, sondern die Wirtschaftspolitik, und zwar auf den Punkt gebracht: Die Vernachlässigung der Produktivkraftentwicklung gegenüber der Konstitution der Produktionsverhältnisse. Die Bevölkerung war 1989 nicht deswegen auf einmal bereit, auf die Straße zu gehen, weil sie sich nach 40 Jahren endlich erstmals traute, die Rätedemokratie zu fordern, sondern weil in ihren Augen der unabweisbare Eindruck entstanden war, daß der Sozialismus vorn und hinten nicht funktioniert. Weil er, der angeblich das überlegene Produktionsverhältnis sein sollte, dem Kapitalismus in der Produktivkraftentwicklung nachstand, weil, damit verbunden, ein strukureller Mangel an Gütern herrschte, weil die Infrastruktur vernachlässigt worden war, weil von den Häusern der Putz blätterte usf. Dieselbe Bevölkerung, die z.B. in den sechziger und zum Teil auch noch in den siebziger Jahren bereit war, die DDR mitsamt ihrem politischen Eigenheiten, wenn nicht gleich zu lieben, so doch immerhin zu akzeptieren, war dazu nicht mehr bereit, als die Unfähigkeit der Wirtschaftsleitung klar zum Ausdruck kam. Ich bin dabei ja überhaupt nicht gegen demokratische Elemente im Sozialismus. Diese gab es und soll es auch geben. Aber diese Elemente müssen Elemente bleiben, sie dürfen keinesfalls allein herrschend oder gegenüber der Staatsmacht auch nur gleichberechtigt sein. Was immer man an demokratischen Entscheidungen zuläßt, zwei Sorten von Entscheidungen dürfen unter keinen Umständen in der Hand des Volkes liegen: 1. Entscheidungen, die Fachwissen erfordern, denn was oder wieviel produziert werden muß, welche Forschungen gefördert, welche Poduktivkräfte entwickelt, welchen Schwerpunkte in der Wirtschaftsplanung gesetzt werden müssen, das können nur diejenigen entscheiden, die etwas davon verstehen. 2. Entscheidungen, die die grundlegende Entwicklung der Gesellschaft betreffen; d.h. die Möglichkeit, den Sozialismus abzuwählen und zu einer anderen Gesellschaftsformation zurückzukehren, die Wirtschaft wieder zu privatisieren, damit den Verkauf von Arbeitskraft zuzulassen usf., diese Möglichkeiten müssen von vornherein unterbunden werden und durch keinen Volksentscheid (wie etwa 1989) zugelassen werden. Denn das Volk, das bekanntlich nie sehr viel begreift, begreift im Niedergang keineswegs die Ursachen desselben. Als es damals mit der DDR bergab zu gehen begann, hat mit Ausnahme einer kleinen Zahl von Einzelgängern das Volk nicht begriffen, woran das liegt. Es hat das ja bis heute nicht begriffen. Das Volk spürt zwar, daß etwas nicht in Ordnung ist, aber es kann die Lage nicht analysieren. Das Volk in dieser Situation an die Macht zu lassen, wäre nicht die Lösung der Probleme, sondern deren Zuspitzung, denn um einen Fehler zu beheben, muß ich natürlich wissen, wo der Fehler liegt. Eine Revolution nach vorne ist ohne Avantgarde nicht möglich. Geht die Avantgarde fehl, so kann das Volk nur die Avantgarde verneinen und wird also direkt in die Konterrevolution abgleiten. Es wird zuerst – weil es die eigentlichen Fehler nicht erkennt – an den Symptomen des Niedergangs herumdoktern wollen und also nach den falschen Lösungen schreien. Schließlich wird es das satt haben und den schlecht gemachten Sozialismus dem Sozialismus an sich gleichsetzen und darum nach der Abschaffung des Sozialismus rufen. Und beides ist – in der Reihenfolge – in der DDR denn auch passiert. Natürlich besitzt das Volk schöpferische Kraft. Aber diese Kraft – und dafür spricht ausnahmslos die ganze Weltgeschichte – kann nur produktiv entfaltet werden, wenn sie in gewisse Formen gebracht wird. Ohne den Zusammenhang staatlicher Verwaltung und Regelung des gesellschaftlichen Verkehrs wirkt die Kraft des Volkes nur destruktiv. Ein unkontrolliertes Wirken der Volksmasse ist in jedem Fall anarchisch und Anarchie bedeutet eben nicht – wie es der Name ausdrückt – Nichtherrschaft, sondern grundsätzlich Herrschaft der schlechtesten Elemente des Volkes.“

    https://detlefnolde.wordpress.com/2010/10/24/sozialismus-demokratie-oder-diktatur/

  4. „…die Diktatur einer Handvoll Politiker…“ nennt man auch Faschismus. Das erleben wir derzeit hier in Deutschland auch, zwar (noch) unsozialistisch, aber doch recht links und freiheitsberaubend (wenn man die derzeitigen Post- Wahlunappetitlichkeiten der Sondierer und Koalitionsverhandler bedenkt) – Merkel weiß ja aus der Vergangenheit wie es geht…

  5. Weder der ungebremste Kapitalismus noch der stringente Sozialismus sind in der Lage, zuverlässig die Interessen der Allgemeinheit zu fördern, auf die es doch allein ankommen muss!

  6. Ich kann nicht glauben, dass die (intellektuellen) Anführer von
    “ „Rote Aufbau“ oder der „Jugendwiderstand“ innerhalb der radikalen Linken“ wirklich an Maoismus oder Stalinismus Glauben. Zumindest wenn sie Humanisten sein wollen , finden sie einfach (zumindest für sich) keine überzeugenden Argumnte dafür.
    Ich vermute deshalb,dass sie diese Konzepte, vertreten weil sie KEINE Humanisten sind. Denn wenn ihre Agenda nicht humanistisch ist, kann sie auch kaum sozialistisch oder auch nur sozial sein.

    Bleiben also, wenn man nicht totale Verwirrung konstatieren will, nur noch pubertär gedankenloser Ego- Anarchismus oder sozialdarwinistischer Ego bzw. Neo- Liberalismus als Handlungsmotive.
    Also entweder sind diese Leute wegen fehlender Informationen aufgrund fehlenden Interesses ohne Durchblick und verwirrt, oder sie sind ohne Durchblick , weil sie bewusst manipuliert und instrumentalisiert werden.