in Gesellschaft

Von Antoaneta Becker

Peking, 30. November (IPS) – Wer spricht im Namen der Chinesen? Seit sich immer mehr Menschen in der Volksrepublik Zugang zur Blogosphäre verschaffen, ist die Kommunistische Partei nicht mehr das unangefochtene Sprachrohr des Landes. Einer der bekanntesten Blogger Chinas, Wang Xiaofeng, glaubt allerdings nicht daran, dass das Internet einen politischen Wandel vorantreiben kann. Im Interview mit IPS wirft er der Bevölkerung der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Intoleranz und einen Mangel an Spiritualität vor. Nur eine große ökonomische Krise könne die Gesellschaft tatsächlich verändern.

Außer Wang gibt es weitere prominente Blogger, die durch ihre Beiträge populär geworden sind: Han Han, der Rebell der Nach-Achtziger-Generation, oder Murong Xuecong, der die Machenschaften des korrupten gesellschaftlichen Establishments enthüllt hat. Diese jungen Autoren, die eine wachsende Leserschaft erobern, setzen sich mit den neuen Lebensbedingungen in einem Land auseinander, das inmitten des Wirtschaftsbooms tief verunsichert ist und von einer kontrollversessenen Bürokratie dominiert wird. Den meisten Bloggern hält Wang aber vor, in erster Linie „Dampf ablassen“ zu wollen. Denn die strenge staatliche Zensur lasse die Verbreitung von Zornesreden in traditionellen Medien nicht zu.

Wang Xiaofeng gilt als die intellektuelle Stimme der chinesischen Blogger. Als das US-Magazin ‚Time‘ 2006 die globale Internetgemeinde zur ‚Person des Jahres‘ wählte, erschien er als repräsentativster Vertreter der ’netizens‘ auf dem Cover. Dabei führt der heute 44-Jährige auch ein Doppelleben: Er ist nicht nur einer der meist gelesenen kritischen Blogger, sondern zugleich Chefredakteur und Hauptautor des vom Staat abgesegneten Magazins ‚Lifeweek‘.

Freiheit im Cyberspace

„Ich fühle mich als Blogger freier denn als Autor eines großen Magazins“, sagt er im Gespräch mit IPS. „Ich habe im Internet außerdem mehr Leser. Die Einschränkungen für traditionelle Medien sind so stark, dass ich manchmal meine Texte nicht mehr wiedererkenne, wenn ich sie gedruckt sehe.“ In seinem Land hätten Blogs eine andere Bedeutung als im Westen, wo sie zusätzlichen Raum für Meinungen gäben, urteilt Wang. „In China ist der Cyberspace der einzige Raum, in dem jemand ganz bei sich selbst sein kann.“

Nach Ansicht von Wang können Ausländer China nicht verstehen. Sie hätten den Eindruck, es mit einem reichen und mächtigen Staat zu tun zu haben, sagt der Blogger. Er sehe dagegen ein Land, das sich der Belastungsgrenze nähere. „Es kann nur noch eine große Krise und danach einen Neubeginn geben.“

Wang kennt nicht einen einzigen Chinesen, der wirklich glücklich ist. „Sogar die Wohlhabenden in diesem Land sind es nicht, denn weder ihr Geld noch Milch und Straßen für ihre Kinder sind ihnen garantiert. Die Chinesen leben miserabel“, bekennt er. „Sie sind die besten Bürger der Welt, weil sie niemals rebellieren.“

Dass das Internet und die Blogosphäre den politischen Wandel in China beschleunigen, erwartet Wang nicht. „Die chinesische Kultur sieht sich als sehr starke Kultur, die über die Jahre vieles von außen aufgenommen hat, aber all dies ihren eigenen Bedürfnissen anpassen konnte. Deshalb trotzt sie jeder Veränderung.“

Die Blogosphäre erfüllt seiner Meinung nach den Zweck, dass sich Menschen in ihr frei ausdrücken und zugleich auseinandersetzen können. „Wenn über Themen diskutiert wird, gibt es immer zwei feindliche Fraktionen. Wie kann das zu einem Wandel führen?“ fragt sich Wang.

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Schwarz-Weiß-Denken verbreitet

Er wirft seinen Landsleuten vor, alles entweder schwarz oder weiß zu sehen. Eine dritte Alternative kenne man nicht, kritisiert er. „In jedem Chinesen steckt ein Qin Shihuang, unser erster Kaiser, der bekanntermaßen ein Tyrann war. Er denkt, er muss dominieren und anderen seine Ansichten aufzwingen. Für Toleranz gibt es keinen Raum.“

„Ich wage es nicht, mir das China der Zukunft vorzustellen“, meint Wang. „Um unsertwillen hoffe ich, dass ein harter Aufprall der Wirtschaft unsere Gesellschaft bis ins Mark erschüttern wird. Wir brauchen einen Schock, sonst werden wir uns nie ändern. Ich habe nur die Sorge, dass dieser Schock nicht abrupt kommen wird und wir uns irgendwie durchwurschteln.“

China sei ein Agrarstaat, erklärt der Blogger. Eine Veränderung werde es sicherlich nur in Verbindung mit einer Wirtschaftskrise geben. Damit sich das Land auch politisch wandelt, bräuchte es einen zweiten Gorbatschow. Der größte Feind der Chinesen sei der Mangel an Spiritualität, meint er. „Wir glauben an nichts. Wenn die Kulturrevolution zwischen 1967 und 1976 die Oberfläche unserer Kultur zerstört hat, so haben die Reformen und die Öffnung nach außen ihre Wurzeln vernichtet.“ (IPS/ck/2011)

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