in Gesellschaft

Bei Putin hatte Beresowski sich schwer verrechnet

Boris Beresowski, einst der einflussreichste unter den russischen Oligarchen, ist im Londoner Exil verstorben – vermutlich Suizid. Er scheiterte an seiner Hybris, die ihn verführte, sich auch mit Jelzins Nachfolger Putin anzulegen.

Die Vermutung, dass der 67-jährige Beresowski sich in seiner Villa ausserhalb von London am Samstag selbst das Leben genommen hat, tönt plausibel. Seit einiger Zeit gab es wenig Zweifel, dass der einst einflussreichste Strippenzieher im Kreml am Ende seines dreizehnjährigen Exils im Ausland politisch und wirtschaftlich gescheitert war.

Ratlos und mit Geldsorgen

Das russische Wirtschaftsmagazin „Forbes“ berichtete am Wochenende, ein Mitarbeiter des Blattes habe Beresowski noch am vergangenen Freitag getroffen und veröffentlichte auf ihrer Webseite Auszüge dieses Interviews. Beresowski hatte laut diesem Text erklärt, sein sehnlicher Wunsch sei es, nach Russland zurückzukehren. Er sagte auch, er habe sich über den Westen und über Russland getäuscht und könne den Sinn des Lebens nicht mehr sehen. Er wisse nicht, was er als nächstes tun werde.

Der ehemalige Milliardär war offenbar von Geldsorgen geplagt. In den letzten Monaten hatte er ein grosses Gut in England und seine Jacht verkauft und erst in der vergangenen Woche über das Auktionshaus Christie’s ein Lenin-Bild von Andy Warhol zu Bargeld gemacht.

Beresowskis Abstieg hatte sich beschleunigt, als im August 2012 ein jahrelanger Rechtsstreit gegen seinen früheren Geschäftspartner und Mit-Oligarchen Roman Abramowitsch – den Besitzer des Fussballclubs Chelsea -mit einer dröhnenden Niederlage endete. Er hatte seinem ehemaligen Partner vorgeworfen, ihn beim Verkauf seines Anteils am russischen Ölkonzern Sibneft getäuscht und betrogen zu haben und forderte nicht weniger als 5.1 Milliarden Dollar für den angeblichen Schaden.

Verheerendes Charakter-Urteil

Das Gericht wies die Klage vollumfänglich zurück und die zuständige Richterin, Justice Gloster, charakterisierte Beresowski in einer Erklärung in aller Form als „unehrlich“ und „täuschend“. Wörtlich heisst es in der richterlichen Aussage:

„Ich habe Mr. Beresowsky als einen unbeeindruckenden und prinzipiell unzuverlässigen Zeugen erlebt, der die Wahrheit als vorübergehendes, flexibles Konzept betrachtet, das ganz nach seinen jeweiligen Zielen manipuliert werden kann.“

Der verlorene Prozess kostete Beresowski über hundert Millionen Dollar, davon 53 Millionen für die Anwaltskosten seines ehemaligen Geschäftspartners Abramowitsch.

Doch offenkundig hatte der einst schwerreiche Oligarch schon zuvor sehr viel Geld verloren, sonst hätte er dieses kostspielige Urteil zumindest im materiellen Sinne locker wegstecken können und wäre nicht gezwungen gewesen, einige seiner Luxusgüter zu verscherbeln.

Rückblickend lässt sich deutlicher erkennen, dass der ausgebildete Mathematiker, in den neunziger Jahren erfolgreiche Geschäftsmann und zeitweise enge Vertraute der Familie von Präsidenten Jelzin schon gegen Ende seiner schillernden Karriere in Moskau die Bodenhaftung verloren hatte. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre hatte der amerikanische Financier George Soros in einem langen Artikel über seine Erfahrungen mit dem Unternehmer Beresowski ein vernichtendes Urteil über dessen intriganten Charakter und dessen Unfähigkeit, Geschäfte auf seriöse Art zu betreiben, veröffentlicht.

Drahtzieher in Jelzins Kreml

Weshalb Präsident Jelzin, der bei der Auflösung des Sowjetimperiums und beim Putschversuch der alte Kremlgarde im Jahr 1991 so entschlossen und klarsichtig gehandelt hatte, ausgerechnet diesem zwielichtigen Oligarchen derart viel politischen Einfluss einräumte, scheint auf den ersten Blick schwer erklärlich. Beresowskis damaliger Aufstieg ins Machtzentrum des Kremls hängt aber offenbar eng mit seiner tatkräftig organisierten finanziellen Unterstützung für Jelzins schwierige Wiederwahl im Jahr 1996 und der zunehmend angeschlagenen Gesundheit des ersten russischen Präsidenten zusammen.

Beresowski war es auch, der gemäss seinen eigenen Aussagen eine wesentliche Rolle bei der völlig überraschenden Ernennung von Wladmir Putin zum vorgezogenen Nachfolger Jelzins Ende 1999 spielte. Doch bei Putin hat sich der bisher so erfolgreiche Strippenzieher schwer verrechnet. Der langjährige KGB-Agent entpuppte sich als überaus selbstbewusster Kremlherrscher und skrupelloser Machtkontrolleur. Putin zeigte keinerlei Interesse daran, die im Volk verhassten Oligarchen an der politischen Macht zu beteiligen oder gar ehrgeizige Drahtzieher wie Beresowski als graue Eminenz in der Regierungshierarchie zu tolerieren. Beresowski wollte das offenbar nicht begreifen. Es kam zum Zerwürfnis und Beresowski hielt es für ratsam, sich nach London ins Exil abzusetzen.

Ungekärte Litwinenko-Affäre

In Abwesenheit ist er von russischen Gerichten in verschiedenen Verfahren verurteilt worden, doch Grossbritannien weigerte sich, den Flüchtling in seine alte Heimat auszuliefern – angesichts der wenig Vertrauen erweckenden Zustände in der russischen Justiz mit nachvollziehbaren Gründen. Ohne Erfolg versuchte Beresowski eine Zeitlang, vom Ausland aus innenpolitische Oppositionsgruppen gegen das Putin-Regime zu organisieren.

Die Moskauer Machthaber wiederum liessen den ehemaligen Kreml-Insider im Londoner Exil auch nicht aus den Augen. Die Affäre um die rätselhafte Polonium-Vergiftung des früheren KGB-Agenten und späteren Beresowski-Mitarbeiters Litwinenko ist zwar bis heute ungeklärt geblieben. Doch die Spekulation, dass es dabei auch um ein vom russischen Geheimdienst inszeniertes Mordkomplott gegen Beresowski ging, lässt sich nicht ohne weiteres als blosses Räubergeschwätz abtun.

Beresowski und Chodorkowski

Das Schicksal des im Exil vereinsamten und in Geldschwierigkeiten steckenden Ex-Oligarchen Beresowski ruft nach einem Vergleich mit demjenigen eines andern russischen Ex-Tycoons: Michail Chodorkowski. Dieser einst reichste russische Magnat, der den Konzern Yukos zum grössten Erdölunternehmen seines Landes ausgebaut hatte, ist vor zehn Jahren verhaftet worden und sitzt seither in verschiedenen Gefängnissen. In zwei Gerichtsverfahren voller Widersprüche wurde er wegen angeblichen Steuerhinterziehungen und Veruntreuungen gegenüber dem eigenen Unternehmen verurteilt. Er wird frühestens 2014 entlassen werden.

Ähnlich wie Beresowski hatte er vom wirtschaftlichen Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion profitiert und mit teilweise fragwürdigen Methoden und oft zu Schleuderpreisen Unternehmen erworben, mit denen bald darauf riesige Gewinne erzielt wurden.

Auch Chodorkowski war zumindest eine Zeitlang der irrigen Meinung, dass er und andere Grosskapitalisten die eigentliche Macht in Russland in Händen hielten und die Politik nach ihrer Pfeiffe zu tanzen habe. Wie Beresowski liess auch er es auf einen Konflikt mit Putin ankommen. Doch anders als Beresowski setzte Chodorkowski sich nicht ins Ausland ab. Dafür bezahlt er nun mit langjähriger Gefängnishaft.

Zwei Profile

Als Gefangener aber hat Chodorkowski auch im eigenen Land entschieden an Statur und Respekt gewonnen. Er verteidigte sich hartnäckig vor Gericht und profiliert sich als Häftling in Korrespondenzen mit Zeitungen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als politisch engagierter Bürger, der ernsthaft über grundlegende Probleme seines Heimatlandes nachdenkt. Damit ist Chodorkowski in gewissem Sinne zu einer Art Gegenfigur zum Machtmenschen Putin geworden, der Russland mit autoritärer Hand regiert und sich wenig um demokratische Institutionen oder Rechtssicherheit kümmert.

Welcher Stellenwert Chodorkowski in russischen Geschichtsbüchern einmal zugewiesen wird, ist noch völlig offen. Beresowskis bewegte Karriere hingegen ist nun zu Ende. Nicht viele werden dem notorischen Intriganten und Hasardeur nachtrauern. (Erschienen auf: www.journal21.ch)

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Kommentar

  1. Genau,diese „plausible“ Version kaufen wir sofort ab! Ein Milliardär und Business Genie,der nicht vorgesorgt hat; Alleine im Haus,im Bad-abgeschlossen(leicht von außen zu öffnen), würge Spuren am Hals aber kein Seil,nur ein Schal daneben(nicht um den Hals),keine Spuren von Gewalt durch dritte. Und vor allem: jeder den ihn gut kannte schließt Selbstmord aus.