in Gesellschaft

In den letzten Paradiesen

einmal noch vor Glück zerfließen.

Schnell, bevor der Traum verfliegt,

denn die Dummheit hat gesiegt.

Konstantin Wecker „IRGENDWANN“ (1989)

sfa

s

s

Teil 4 der Serie

FUTUR III – die vermasselte Zukunft

In Konstantin Weckers neuestem Buch „Mönch und Krieger“ findet sich der gemeinsam mit Prinz Chaos II. verfasste „Aufruf zur Revolte“. Dieser Essay erschien bereits vorab beim Verlag als kostenloses E-Book und PDF.

Während die im Rahmen dieser Serie bisher behandelten Autoren sich oftmals einer nicht leicht verständlichen philosophischen Sprache bedienten, ist dieser Aufruf wohltuend klar formuliert. Der Text hätte durchaus das Zeug zu einer Art Manifest des Widerstands, zumal er durch die noble Geste des Verlages allen kostenlos zugänglich ist. Doch da sind wir wieder beim Thema dieser Beitragsserie: den unbequemen Wahrheiten. Der Aufruf enthält viele davon, und vielleicht wird er deshalb von den Medien geflissentlich ignoriert. Weder den Essay noch das ganze Buch fand ich in einem der großen Blätter erwähnt oder gar rezensiert. Vielleicht kann ja dieser Beitrag ein klein wenig zur Verbreitung beitragen.

Gleich eingangs charakterisieren die Autoren die Situation besonders treffend:

Ein Hoch auf unsere Verdrängungsmechanismen! […] Hartnäckig vermögen wir, den Abgrund, der sich vor uns auftut, immer aufs Neue zuzuschieben, mit Illusionsabfällen und Betäubungsmitteln aller Art: mit dem nächsten Sportgroßereignis oder einer neuen Terrorwarnung, mit abseitigen Debatten, Privatskandalen und Pseudoenthüllungen. Dabei gibt es, was die Gesamtsituation angeht, gar nicht mehr sonderlich viel zu enthüllen. Wir wissen, was wir wissen müssen.

Sie machen sich deshalb gar nicht erst die Mühe, konkrete ökologische, ökonomische oder gesellschaftliche Missstände anzuprangern; es ist ja alles bekannt. Den Autoren kommt es darauf an zu zeigen, wie wir mit diesem Wissen umgehen, wie wir uns an Meldungen über Katastrophen, Ungerechtigkeiten, Korruption und Verbrechen gewöhnt haben. Wie wir nicht weiter fahnden möchten, weil wir Angst vor der ganzen Wahrheit haben.

Wir wissen, dass da ein Abgrund ist. Aber gerade dessen kaum zu erahnende Tiefe schiebt die kollektiven Verdrängungsmechanismen stets aufs Neue an, denn wir spüren: Wer einen zu tiefen Blick in diesen Graben tut, wird hineingesogen und lange fallen, bis er auf dem Boden der Wahrheit aufschlägt.[…]
Ein Aufschrei, eine Schockwelle – dann morpht alles zurück in den glitzernden Morast sensationeller Nichtigkeiten.

Revolte – gegen wen?

Wenn man revoltieren will, muss man wissen gegen wen. Da beginnen schon die Probleme, denn die alten, im Klassenkampf früherer Jahre klar definierten Feindbilder sind verwischt. Mit Begriffen wie Freund und Feind wird im facebook-Zeitalter nicht sonderlich sorgsam umgegangen.

Ohnehin sind wir dafür, Worte wie »Feind« für sehr ausgesuchte Fälle zu reservieren, auch wenn wir einig sind, dass die Kategorie »Feind« aktuell dringend benötigt wird für einen sehr kleinen, leider sehr mächtigen Personenkreis.

Dieser Kreis ist auch schnell benannt; es klingt ein wenig nach Marx, aber an der Wahrheit hat sich halt nichts geändert:

In der wirklichen Welt regiert das Kapital der Konzerne. Die Anlageform öfter als die Schuhe wechselnd, kennt es keine dauerhafte Bindung an Länder, Völker, Staaten. Wo es sich in der realen Welt behindert sieht, nutzt es heute dieses, morgen jenes staatliche Gebilde für die ewig gleichen Zwecke eines weltweiten Klassenkampfs von oben. […] Angesichts der Tatsache, dass im Grunde alle Unternehmen wie auch Banken hierarchisch bis autoritär geführt werden, haben wir es mit einer sehr überschaubaren Anzahl von Menschen zu tun, die kaum den deutschen Bundestag füllen würde. Die globalen Top-Unternehmer stellen damit eine demokratisch völlig unkontrollierte Weltregierung ohne jede Legitimation dar!

Wichtig ist den Autoren dabei, dass dieser Gegner kein anonymes Konstrukt, kein lebloser Apparat ist, sondern dass dahinter konkrete Menschen stehen. In einem Interview für neues deutschland betont Prinz Chaos:

Man kann ständig abstrakt von »System« und »Finanzmarkt« sprechen, was ja auch analytisch sinnvolle Begriffe sind. Wir sollten aber aufpassen, dass wir nicht Teil einer verschleiernden Sprache werden, wo am Ende alles naturereignishaft über uns hereinbricht und keiner verantwortlich ist.

Damit steht auch eine der schönen Illusionen in Frage: die in jüngerer Zeit von der Politik angestrebten „Selbstverpflichtungen“ der Wirtschaft. Die Wirtschaft – das sind ja keine Maschinen, die einem implantierten Kodex folgen und somit immer im Interesse ihres Schöpfers handeln. Nein, es sind konkrete Menschen, die – wie es Menschen nun mal tun – um ihren persönlichen Vorteil bemüht sind.

Leider ist der hoffnungsfrohe Glaube, dass diese Leute von selber zur Besinnung kommen und ihr verantwortungsloses, zerstörerisches Tun unterlassen werden, höchstwahrscheinlich irrig. Die in Luxusyachten auf der Schaumkrone des globalen Krisentsunami segeln, werden niemals von selber aufhören, aus dem Leid der Menschen und Tiere und der Zerstörung des Planeten Profit zu ziehen. Schluss mit diesem miesen Hoffen auf die Mitmenschwerdung der Superreichen!

Deshalb muss sich jede Revolte zwangsläufig auch gegen die Politik richten, denn die betreibt eine, wie es die Autoren nennen, „Strategie der präventiven Aufstandsbekämpfung“. So wie Aufrufe zu Selbstverpflichtungen nur Spiele auf Zeit sind (und die Zeit läuft für die Oligarchen) so werden von der Politik auch ablenkende Feindbilder und Schreckensszenarien entwickelt oder zumindest begünstigt. Terrorgefahr, Klimawandel, russischer Neoimperialismus – das alles ist natürlich wunderbar geeignet, um das Volk von den realen Gefahren für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit abzulenken.

Revolte – für was?

Man kann ja gegen Vieles sein. Dagegen sein ist chic, aber sinnlos, wenn man nicht weiß, wofür man ist. Dann läuft es nämlich auf den, wie Philosophen es nennen, negativen Freiheitsbegriff hinaus: die Freiheit von etwas. Das ist zweifellos auch sehr wichtig, macht aber letztendlich nur einen Sinn, wenn es in eine positive Freiheit mündet, die Freiheit zu etwas.

Wofür also lohnt es zu revoltieren? – Als erste steht natürlich immer die Wohlstandsfrage. Wenn die Autoren von einer „Verarmung der Normalbevölkerung“ sprechen, machen sie sich angreifbar für Argumente á la „noch nie stand Deutschland so gut da“. Deshalb konkretisieren sie:

 Entscheidend sind dabei nicht so sehr ein abstrakter statistischer Wert oder auch die sehr konkreten Reallohn- und Kaufkraftverluste der letzten zwanzig Jahre. Die wirkliche Verarmung besteht im Verlust wirtschaftlicher Sicherheit, der heute geradezu allgemein geworden ist. Vor allem dank der Eingriffe der rot-grünen Regierung Gerhard Schröders ist die Durchlässigkeit der Gesellschaft enorm verbessert worden – soweit es um ihre Durchlässigkeit nach unten geht.

Thematisiert werden auch andere, weniger materielle Ziele einer Revolte. Doch es hätte den Rahmen dieses Aufrufs gesprengt, wollte er Szenarien für die sinnvolle Nutzung der gewonnenen Freiheiten entwickeln; und letztendlich ist es an jedem selbst herauszufinden, wofür er dagegen ist.

Revolte – ja, aber wie?

Wie kann eine Revolte überhaupt aussehen. Eine nach klassischem Revolutionsverständnis erforderliche revolutionäre Situation lässt sich in der westlichen Welt nicht ausmachen, dafür geht es allen noch zu gut. Die Assimilationskraft des Kapitalismus für jegliches Widerstandspotential ist einfach zu groß. Die Revolte wird also von einer kleinen Zahl Menschen ausgehen, und ihre Ausbreitung ist vorerst nicht absehbar.

Experimentierfelder eines solidarischen, radikaldemokratischen Prinzips bleiben aber zwingend prekär, solange die Welt nach Maßgaben einer diktatorischen, imperialen Kapitalherrschaft organisiert bleibt.

Der einzige Ansatzpunkt ist, so utopisch das auch klingen mag, der Kapitalherrschaft allmählich den Nährboden zu entziehen.

Nachdem der Kapitalismus allerdings stets ein nichtkapitalistisches Außen braucht, das er sich als Brennstoff für weiteres Wachstum einverleiben kann, hat er als neues Außen längst unser höchstpersönliches Innen entdeckt, unser Gefühlsleben, unsere Träume und Ängste, die er besetzt, kolonisiert und seiner Verwertungslogik unterwirft.

Anders herum: wenn wir uns dieser Kolonisierung verweigern, geht dem System der Brennstoff aus. Brecht sagte, die Rohheit komme nicht von der Rohheit, sondern von den Geschäften, die ohne sie nicht mehr gemacht werden können. Ähnlich sehen das unsere Autoren:

Die bessere Welt scheitert nicht an objektiven Schwierigkeiten, sondern an der Macht derer, die an der Schlechtigkeit glänzend verdienen.

Und sie werden weiter verdienen, da wollen wir uns nichts vormachen! Deshalb ist es wichtig, dass solche Keimzellen entstehen, dass es gelingt, Ansätze paralleler Gesellschaften zu entwickeln, »aus der kranken Logik des Imperiums herausgesprengte Gegenwelten«. Harald Welzer postulierte einmal, wenn die neuen Ideen allmählich in die Gesellschaft durchsickern, würden 3-5 % der Bevölkerung ausreichen, um tiefgreifende Veränderungen in Gang zu setzen.

Die Wirkung dieser Projekte mag im Ganzen marginal erscheinen. Als Laboratorien der besseren Welt sind sie von unschätzbarer Wichtigkeit. […] Haben wir die Revolte einmal begonnen, wird jahrelanger Atem nötig sein, um diese Welt vom zermarterten Kopf auf die tanzenden Füße zu stellen.

„Aufruf zur Revolte“ ist kein Aufruf zu Aktionismus, schon gar nicht zu Gewalt, es ist ein Aufruf zur Umkehr im Denken und Handeln derjenigen Menschen, die spüren, dass die Gesellschaft sich verändern muss, die aber meinen, dass sie als Einzelne zu unbedeutend sind und ihr kleiner Beitrag nichts bewegen kann. Revolution ist, wie Rudi Dutschke sagte, „ein langer komplizierter Prozess, wo der Mensch anders werden muss“.
Dank also an Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. fürs Mutmachen und für Worte wie diese:

Alles ist möglich, wenn Leute zu sich selbst stehen; wenn sie als Einzelne und als Menge aufstehen für ihre Träume und Rechte; wenn sie mit Stolz und Tränen in den Augen stehen bleiben – und wieder aufstehen, wenn sie niedergeschlagen werden. […] echte Haltung beweist, wer sich Hände und Weste schmutzig zu machen bereit ist, weil Hilfe Not tut und Rebellion – oder weil er ehrlich verzweifelt und zerbricht an den Grob- und Gemeinheiten seiner Zeit.

In der Reihe FUTUR III sind bisher erschienen:

Teil 1: Herbert Marcuse und die eindimensionale Gesellschaft

Teil 2: Ivan Illich und die Selbstbegrenzung

Teil 3: Ziviler Ungehorsam – eine Hoffnung für die Zukunft 

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick


Dein Kommentar

Kommentar

  1. Das „Kapital“ als Feind. Welch eine Veranonymisierung!

    Es ist zwar schon etwas länger her, aber wenn ich mich recht erinnere war der zitierte Karl Marx in seinem kommunistischem Manifest bezüglich der Identifizierung bedeutend deutlicher.

    Solange dieser Wecker nicht mal den Mut eines Marx aufbringt und sich hinter „Kapital der Konzerne“-Verklausulierungen versteckt braucht er mit dem Begriff „Revolte“ gar nicht erst um die Ecke zu kommen.

    Die Konzerne gehören i.d.R. dem Kapital – und nicht umgekehrt.

    Versuchen Sie es doch mal bei den Geldgebern eines Barack Obamas, Herr Wecker.

    Und nein, dafür verleiht Ihnen allerdings niemand den Leo-Statz-Preis.

    • Bitte nochmal nachlesen, genau darum geht es den Autoren: „dass dieser Gegner kein anonymes Konstrukt, kein lebloser Apparat ist, sondern dass dahinter konkrete Menschen stehen.“ siehe Zitat Nr. 4 + 5