in Gesellschaft

Von Rebecca Hanser

New York, 19. Dezember (IPS) – Auf Parkplätzen warten sie, dass ihnen jemand für ein paar Tage Arbeit gibt, als Putzhilfe oder auf dem Bau. Werden sie engagiert, dann meist für lausig wenig Geld. Eine Erfahrung, wie sie auch der Salvadorianer Carlos Canales in den USA gemacht hat. Er gehört zu den Gründern des ‚National Day Labourer Organizing Network‘ (NDLON), das sich für die Rechte von Tagelöhnern einsetzt. „Ich war immer gegen soziales Unrecht“, sagte er im Interview mit IPS. „Wenn Arbeiter nicht bezahlt werden, ist das für mich Diebstahl.“

Die Tagelöhner, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die USA kommen, sind der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert. Oft verrichten sie ihre Tätigkeiten unter schrecklichen, manchmal auch gefährlichen Bedingungen. Im Interview spricht Canales über die riskante Reise von Zentralamerikanern in die USA und über seine Entwicklung vom Arbeiter zum Menschenrechtsaktivisten.

IPS: Wie viele andere Tagelöhner in den USA stammen Sie aus einem anderen Land. Wie war Ihr Leben in El Salvador, bevor Sie in die USA kamen?

Carlos Canales: In den siebziger Jahren wurde ich von der katholischen Kirche in El Salvador angeworben, um Kurse zu geben. Ich war Mitglied einer der vielen Gruppen, die die Haziendas reicher Großgrundbesitzer aufsuchten und Beschwerden vorbrachten. Wir stellten diese Leute wegen ihres unverantwortlichen Umgangs mit ihren Bediensteten zur Rede. Manchmal bekamen sie keinen Lohn oder mussten unter schlechten Bedingungen arbeiten.

Im Grunde tue ich jetzt das Gleiche für die Tagelöhner in New York. Ich war immer gegen soziales Unrecht. Wenn Arbeiter nicht bezahlt werden, ist das für mich Diebstahl. In El Salvador steckten wir damals aber mitten in einer Revolution. Dieser Abschnitt meines Lebens war voller Gewalt und Gefahr, ich war ständig auf der Hut.

IPS: Wie und warum sind Sie in die USA gegangen?

Canales: Ich suchte die Herausforderung und das Abenteuer. Damals war ich bereits verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Es war nicht leicht für uns, in jener Zeit El Salvador zu verlassen und in die USA zu gehen.

Wir bestiegen den Bus, der uns von El Salvador aus nach Guatemala brachte. Von dort aus ging es mit dem Flugzeug weiter in die mexikanische Grenzstadt Matamoros. Von dort aus mussten wir zu Fuß die Grenze in die USA überqueren. Wir bewegten uns immer nachts fort, zwischen 18 Uhr bis 3 Uhr nachts. Wenn man sich vorstellt, dass wir sogar noch ein Baby dabei hatten!

Unser ‚Coyote‘ oder ‚Pollero‘ – der Typ der uns ‚beförderte‘ – brachte uns auf die andere Seite der Grenze. Mit Fahrradschläuchen als Schwimmhilfen durchquerten wir den Rio Grande. In den USA angekommen, mussten wir uns auch weiterhin vorsehen, da es in dem Gebiet von Grenzpatrouillen wimmelt.

Als ich versuchte, einen Flug nach Houston in Texas zu buchen, wurde ich verhaftet, weil ich des Menschenhandels beschuldigt worden war. Sie hielten mich für einen ‚Coyote‘! Meine Frau und meine Tochter durften gehen, doch ich verbrachte zwei Monate im Gefängnis und kam schließlich gegen Kaution frei. In Houston fand ich dann Arbeit als Tagelöhner auf dem Bau.

IPS: War das Leben als Tagelöhner, das, was Sie sich vorgestellt hatten?

Canales: Ich habe ganz sicher das bekommen, was ich wollte, manchmal, ohne mir dessen bewusst zu sein. Ich blieb immer optimistisch, obwohl der Neuanfang hart war. Da mich die Leute, die solche Tätigkeiten anboten, nicht kannten, blieb ich lange ohne Job.

Dann bat mein Schwager einen ‚Contratista‘, mir Arbeit zu verschaffen. So wurde ich das erste Mal engagiert. Ich machte die gleiche Erfahrung wie die meisten Tagelöhner und arbeitete unter gefährlichen und oftmals lebensbedrohlichen Bedingungen. Auf einem Dach in Houston musste ich mit kochend heißen Flüssigkeiten umgehen, während die Außentemperatur über 40 Grad Celsius betrug.

Da ich unerfahren war, verbrannte ich mich an dem Tag fürchterlich. Ich hatte keinerlei Schutz und war froh, dass ich zumindest mein Geld erhielt. Andere Tagelöhner und Immigranten machen schlechtere Erfahrungen. Einige ersticken in Lastwagen, die sie von der Arbeit abholen. Sie sterben mitten im Nichts. Es ist wie Russisches Roulette, man setzt sein Leben aufs Spiel.

IPS: Inzwischen kämpfen Sie als Aktivist in New York für die Rechte von Tagelöhnern. Was machen Sie da genau?

Canales: Derzeit besteht meine Arbeit darin, Kampagnen zu entwerfen, um Zentren für Tagelöhner einrichten zu können. Damit wollen wir diese Menschen von der Straße holen und ihnen Schutz und Rat anbieten. Sie sind immer in Gefahr, wenn sie draußen auf Arbeit warten.

Ich bin außerdem Mitbegründer und Mitglied des ‚National Day Laborer Organizing Network‘ (NDLON). Ich helfe mit, Demonstrationen und Kampagnen zur Verbesserung des Arbeitsrechts zu organisieren. Außer berate ich Tagelöhner bei juristischen Problemen, wenn sie nicht bezahlt werden oder unter gefährlichen Bedingungen arbeiten müssen. Ich begleite sie, wenn sie mit ihren Arbeitgebern in rechtlichen Fragen aneinandergeraten.

Es bleibt eine unsichere und gefährliche Arbeit. Alle Tagelöhner haben ihre Gründe, weswegen sie dies tun, und ihre einzigartige persönliche Lebensgeschichte. Wir haben alle Narben zurückbehalten. Einige sind stärker traumatisiert als andere. Doch glauben Sie mir, Narben haben wir alle.

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