Offener Brief: russischer Wissenschaftler an die Deutschen

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Moskau, 7. September 2014

Sehr geehrter Kollege!

Ich kenne weder Ihren Namen und Ihr Alter, noch Ihren Beruf oder andere spezifische Details. Trotzdem habe ich mich entschlossen, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Denn ich habe kein Vertrauen mehr zu den Politikern, die unser Schicksal bestimmen, – insbesondere nachdem ich gesehen habe, wie die ukrainische Krise inszeniert worden ist. Ich hoffe aber, dass Sie nicht dem Druck von Machtorganen oder diesen zu Dienste stehender Me­dien ausgesetzt sind und danach streben, sich selbst ein Bild davon zu machen, was um uns herum geschieht.

Ich denke besonders an die gegenwärtige internationale Lage und glaube, dass ein Deutscher für einen Dialog auf diesem Gebiet besonders prädestiniert ist. Warum? Ich bin schon sehr alt, und ich war Zeuge davon, wie sich die Beziehungen zu Deutsch­land verschlechterten und dies allen, sowohl uns als auch Ihnen, nur zum Schaden gereichte. Am Vorabend des Zweiten Weltkrie­ges war ich noch ein Junge. Ich erinnere mich gut, wie viele Men­schen in der UdSSR den Mitteilungen in Presse und Rundfunk über die Gräueltaten der Nazis, anfangs nicht glaubten. Man sagte, die Deutschen seien eine Kulturnation und zu derartigen Grausamkei­ten nicht fähig. Bald begann der Krieg und unsere Gegend (der Nordkaukasus) wurde von den deutschen Truppen okkupiert. Da haben wir mit eigenen Augen gesehen, was für eine „Kultur“ die deutschen Faschisten mit sich brachten. Da war von der früheren Einschätzung nichts mehr übrig geblieben. Das Gegenteil war ein­getreten. Als unsere Truppen in das Territorium Deutschlands einrückten, veröffentlichte der Schriftsteller Ilja Ehrenburg in der bekanntesten sowjetischen Zeitung, der „Prawda“, einen spekta­ku­­lären Artikel, in dem die sowjetischen Soldaten aufgerufen wurden, den „Deutschen totzuschlagen“. Zuerst fand dies Zu­stimmung. Doch dann schätzte die sowjetische Führung diese Losung als einen Fehler ein, und sie wurde geändert: Nicht den Deutschen gelte es totzuschlagen, sondern den Faschisten.

Trotzdem hielt die Antipathie gegen die Deutschen noch lange an. Erst Jahre später begann das Eis unserer Feindschaft dank der Existenz der freundschaftlich mit uns verbundenen DDR zu tauen. Als an die Stelle der alten Generation eine neue trat, veränderte sich auch das Bild des Deutschen. Dazu haben auch Willy Brandt und Helmut Schmidt beigetragen. Jetzt ist Angela Merkel an der Regierung, und die alten Spannungen sind – durch ihre Initiative oder auf Geheiß der USA – wieder aufgelebt. Ich bedauere dies, und ich möchte meine Ansicht über diese verbor­genen Riffe, die unsere Beziehungen zerrütten, zum Aus­druck bringen.

Wie sich die Welt auch immer verändert hat, die Beziehun­gen zwischen Russland und Deutschland waren und sind eine Achse des Friedens und der Sicherheit in Europa. Es ist doch kein Zufall, dass es gerade unsere Völker waren, die sowohl im Ergeb­nis des Ersten als auch des Zweiten Weltkriegs die größten Opfer gebracht haben. Der Nutzen der dadurch entstandenen Verände­rungen der internatio­na­len Beziehungen ist Anderen zu Gute ge­kommen. Die Sowjet­union, durch die die Welt vor der faschisti­schen Pest gerettet wurde, hat lange Zeit und große Mühen benötigt, um unter den Bedingungen des ihr aufgezwungenen Kalten Krieges aus den erlittenen Verwüstungen wieder aufzu­erstehen. Deutschland wurde geteilt und zu einem Vasallen einer internationalen Super­macht gemacht. Wenn ich mit dieser Be­haup­tung Ihr nationales Ehrgefühl verletze, so kann ich mich zur Rechtfertigung auf eine Karikatur beziehen, die in einer englischen Zeitung während des Kampfes der englischen Öffentlichkeit gegen die Teilnahme des Landes am Krieg in Iran veröffentlicht wurde. Ein Onkel, in den Farben der USA-Flagge hüllt, führt einen Pudel mit dem Ge­sicht des damaligen Premierministers Tony Blair an der Leine. War Amerika einstmals Kolonie Englands, so war es nun umge­kehrt. Die Zeitungen schrieben, Blair sei sehr beleidigt gewesen und ha­be den Karikaturisten zur Verantwortung ziehen wollen. Wenn ein deutscher Karikaturist Angela Merkel in ähn­licher Weise darstellen würde, fände ich dies scharfsinnig. Was meinen Sie?

Es ist natürlich nicht meine Sache, darüber zu urteilen, wel­che Beziehungen die Deutschen zu den USA haben wollen, mit wem sie in freundschaftlichen Beziehungen stehen wollen und mit wem nicht. Doch Sie und ich müssen etwas Anderes im Auge haben: Wohin führen die Beziehungen zwischen unseren Ländern, zum Wohl oder zum Schaden unserer Völker? Im Atomzeitalter sehe ich die Hauptgefahr in einem möglichen und nicht sofort er­kennbaren Hineingleiten in eine Katastrophe, in der es nach Über­schreiten des kritischen Punktes kein Zurück mehr geben wird. Dies fürchte ich sehr, denn ich weiß, dass es in der Geschichte des Öfteren Fälle gab, bei denen die Politiker bestimmte Erwar­tungen hatten, wobei dann aber etwas ganz Anderes heraus kam. Keiner von jenen, die den Ersten Weltkrieg ausgelöst hatten, hat vorausgesehen, dass er selbst schließlich hinweg gefegt würde. Auch Hitler hat den Krieg im Glauben an den Sieg begonnnen, und was ist dabei herausgekommen?

Ich habe Beispiele gewählt, die uns zeitlich nahe stehen, doch in der Geschichte gibt es ihrer unzählige. Warum sollen wir glauben, dass die Politiker unserer Zeit besser sind als frühere? Ich denke, es ist gerade umgekehrt, und das versetzt mich in große Unruhe. Gestatten Sie mir, an einem uns sehr nahe lie­genden Beispiel zu zeigen, dass man von ihnen weder Logik noch Moral erwarten kann.

Zu einem Ihnen bekannten Zeitpunkt ist die sowjetische Führung mit Gorbatschow an der Spitze ausgehend von der Illu­sion eines „gesamteuropäischen Hauses“ und ohne die Bürger der DDR zu fragen, darauf eingegangen, diesen Staat zu liquidieren und ihn mit der BRD zu vereinen. In der Folge hat Jelzin die Trup­pen Russlands demonstrativ und ungeschickt aus Deutschland ab­gezogen. Und wohin hat das geführt? Zu Dankbarkeit der Deut­schen und zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland? Nein, im Gegenteil, zur Einbeziehung der frühe­ren DDR und anderer osteuropäischer Länder in den ge­gen Russ­land gerichteten Block der NATO. Kürzlich war Obama in Tallin und hat mit dem Finger auf Russland zeigend zu drohen begon­nen: Hier werden wir die Basis unserer Seestreitkräfte er­richten, und wenn Ihr Euch nicht entsprechend benehmt, werden wir zuschlagen. Ich habe nicht bemerkt, dass es ihm etwas aus­machen würde, wenn darauf ein Gegenschlag erfolgen würde, durch den nicht nur die Esten vom Erdball verschwänden.

Ich will Ihnen sagen, dass nach derartigen Drohungen – und deren gibt es nicht wenige – die Bürger Russlands zu der Meinung gelangt sind, die Preisgabe der DDR und der Abzug unserer Truppen aus Ostdeutschland sei ein Akt nationalen Verrats gewesen. Dieses Gefühl hat sich besonders verstärkt, nachdem die Regierung Deutschlands (ich weiß nicht, was die Durchschnittsbürger dazu sagen) die Vereinigung der Krim mit Russland, die in Übereinstimmung mit einem dem freien Willen des Volkes entsprechenden Referendum erfolgte, als „Annexion“ bezeichnet hat.

Wie kann das sein: der willkürlich durch Regierende vollzo­gene Anschluss der DDR an die BRD wird als gesetzlich betrach­tetet, die Rückkehr von Russen nach Russland im Ergebnis eines in freier Willensäußerung erfolgten Referendums dagegen als „Annexion“. Weist diese Ansicht Logik und Moral auf? Was den Deutschen gestattet ist, wird den Russen verwehrt. Praktisch bringt Angela Merkel doch eben dies zum Ausdruck.

Um Unklarheiten in dieser Frage zu vermeiden, gestatten Sie mir, an Hand der Geschichte zu zeigen, wie die heutige Ukra­ine entstanden ist. Auch wenn dies manch einer nicht hören möch­te, man sollte sie richtiger „Sowjetische Ukraine“ nen­nen. Zum Beweis füge ich meinem Brief eine Landkarte bei, aus der deutlich ersichtlich ist, wie die Ukraine nach der bolschewi­stischen Revolution angewachsen ist. Das, was Süd-Ost-Ukraine von Char­kow bis Odessa genannt wird – das industrielle Herz des Landes mit russischer Bevölkerung –, gehörte vor 1920 zum Ter­ritorium Russlands. Im Prozess der Gründung der UdSSR wurde dieser Teil von Russland abgetrennt und im Interesse der Sowje­tisierung an die Ukraine angeschlossen. Dies ist mit dem Namen Lenins ver­knüpft. Mit dem Namen Stalins ist verbunden, dass der heutige westliche Teil auf Kosten Polens, Rumäniens und Ungarns zur Ukraine kam, – der eine Teil in Überein­stimmung mit dem Sowje­tisch-deutschen Pakt von 1939 und der andere Teil durch Verein­ba­rung der Siegermächte 1945. Schließ­lich wurde die Krim 1955 – den Verfassungsnormen der UdSSR zuwider – auf persönlichen Wunsch Chrustschows an die Ukraine über­geben.

Die Vereinigung der verschiedenen Territorien und Ethnien (Ukrainer, Russen, Polen, Ruthenen, Un­garn u.a.) zu einem organischen Ganzen wurde im Weiteren durch solche Klammern des Sowjetsystems wie die ökonomische Integration, die politi­sche Macht einer Partei und deren Ideologie sowie den Staat zusammen gehalten. Die Auflösung der UdSSR und der Verzicht auf das Sowjetsystem in Übereinstimmung mit der bekannten Białowieser Vereinbarung von 1991 bedeutete nicht nur den Wegfall dieser Klammern, sondern auch den Verlust der recht­lichen Grundlage für die Einbeziehung der nichtukrainischen Ter­ritorien und der Bevölkerung in das Gebiet, das Sowjetukraine genannt wurde.

Umso mehr als nach der Auflösung der UdSSR eine andere Entwicklung der Ereignisse begann. Mit der Idee der Unabhängig­keit kam es zu einem Wiedererstehen nationalistischer Gefühle bei jenen Ukrainern, die zu Nachfolgern der Kollaborateure gewor­den waren, die während des Zweiten Weltkrieges an der Seite der deutschen Nationalsozialisten gestanden hatten. Dies löste natür­lich bei der russischen und einem bedeutenden Teil der ukraini­schen Bevölkerung eine negative Reaktion aus, obgleich dies nicht sofort in scharfer Form zu Tage trat.

Die Situation änderte sich jäh zu Beginn der 2000-er Jahre, als in den USA Bush jr. zur Macht gekommen war. Er nahm die neokonservative Ideologie und Strategie zur Errichtung der direk­ten Weltherrschaft auf der Erde in sein ideologisches Arsenal auf. Wann und warum geschah dies?

Licht in diese Frage brachte seinerzeit ein so weitsich­tiger Weiser des 20. Jahrhunderts, wie es Andrej Sacharow war. Wäh­rend der Krise im karibischen Raum 1962, als die Welt am Rande einer Atomkatastrophe stand, hatte er als Experte die sowjeti­sche Führung beraten und erkannt, dass nur ein Gleichgewicht der Kräfte hemmende Wirkung haben konnte. Einen Sieg konnte es für keinen geben. Jede der Seiten wusste, dass wenn die ver­häng­nisvolle Linie überschritten würde, eine vernichtende Antwort erfolgen würde. Was aber würde sein, fragte sich Sacharow, wenn eine der Seiten der anderen gegenüber im Vorteil wäre. Dann, so antwortete er, würde die Seite, die sich im Vorteil wähnt, mit einem Erfolg rechnen und versucht sein, los zu schlagen. Keiner weiß aber, wie sich in einem solchen Fall die Ereignisse entwickeln würden. Man konnte nur das Eine an­neh­men: dann würde derje­nige der Atomwaffenbesitzer, der eine Niederlage erleiden würde, die Atomwaffe anwenden; was bedeuten würde, dass nur ein Gleichgewicht im Untergang errungen werden könnte.

Diese Lehre hatten sowohl die Mitglieder der NATO als auch des Warschauer Paktes verstanden, und keiner hat mehr gewagt, die verbotene Linie zu überschreiten. Doch zu Beginn der 90-er Jahre zerfiel die Sowjetunion, und mit ihr hörte auch der War­schauer Pakt auf zu existieren. Die USA wurden zum alleinigen Beherrscher der Welt. Ein Faktor der Veränderung des Kräftever­hältnisses zu Gun­sten der USA wurde die Aufnahme früherer so­zialistischer Länder in die NATO. Ein weiterer wurde der Nieder­gang der Wirtschaft Russlands auf der Grundlage der US-ameri­kanischen Vorschläge der Marktreformen. Das führte dazu, dass Russland geschwächt wurde und sich in ein Roh- und Brennstoff-Anhängsel anderer Länder verwandelte. Die dadurch erzielten Gewinne legten die Oligarchen nicht in der Wirtschaft ihres Landes an, sondern ver­brachten sie in die USA. Nicht nur Jelzin, sondern auch Putin hat in der ersten Periode seiner Präsidentschaft in der illusorischen Hoffnung auf Gegenseitigkeit eine Politik einseitiger Zugeständ­nisse an den Westen betrieben.

Anstelle von Gegenseitigkeit nutzten die USA ihren Vorteil jedoch für andere Zwecke: Russland sollte zu voll­ständiger Kapi­tulation gezwungen werden. Zunächst setzten sie hauptsächlich auf den ukrainischen Nationalismus, dessen Banner auf ihr Geheiß in der Periode der Präsidentschaft von Justschenko aufgepflanzt wurde. Unter dem üblichen Vorwand der „Unterstützung der De­mo­kratie“ – was in Wirklichkeit Bestechung der entsprechenden Personen bedeutete – schickten sie riesige Finanzmittel dorthin. Mit „Unterstützung der Demokratie“ war Entfesselung nationa­listischer und russophober Stimmungen gemeint. Als sie glaubten, der gegen Russland gerichtete Prozess habe seinen Höhepunkt erreicht, haben sie im Februar dieses Jahres mit Hilfe von Deutsch­land, Frankreich und Polen in der Ukraine einen Staats­streich (Demokraten!) organisiert und den gesetzlich gewählten Präsidenten (ob er gut oder schlecht war, sei dahin gestellt) in die Flucht geschlagen und ihre Marionetten an die Macht gebracht.

Die sich unter der neuen Macht vollziehende Verstärkung der Russophobie, der Betrug an der russischen Bevölkerung und die Abschaffung der russischen Sprache als zweite Staatssprache lösten bei der viele Millionen zählenden russischen und russisch orientierten Bevölkerung große Unzufrie­denheit aus. Umso mehr, als diese hauptsächlich in der industriell höher entwickelten süd-östlichen Region wohnt, wo der Hauptteil des Nationalprodukts entsteht. Und der bereits zuvor in der Gesellschaft existierende Konflikt wurde durch den von den USA, Deutschland, Frankreich und Polen inspirierten Staatsstreich in einen Bürgerkrieg verwan­delt, der riesige Zerstörungen und den Tod Tausender völlig unschuldiger Menschen zur Folge hatte. So beachtet der Westen im Osten der Ukraine die „Menschenrechte“.

Ich will objektiv sein. Der auf den Westen orientierte Teil der Ukraine hofft durch den Eintritt der Ukraine in die Euro­pä­i­sche Union ihre unabhängige Situation zu verbessern. Deshalb haben sie auch die Machtorgane, die ihnen dies versprochen hatten, unterstützt. Das ist ihr Recht. Der süd-östlichen Teil je­doch, wo – ebenso wie auf der Krim – ein bedeutender Teil russischsprachiger Bevölkerung lebt, hat die antirussische Staatsmacht nicht akzeptiert. Die Bevölkerung dieses Teils, auf jeden Fall in den Gebieten Lugansk und Donezk, hat sich von Kiew unabhängig erklärt. Sie hat sich den Namen aus der vorsowje­ti­schen Zeit „Noworossija“ gegeben und den Kampf für ihre Selb­ständigkeit aufgenommen.

Hat sie das Recht dazu oder nicht? Ich würde gerne wissen, welche Meinung Sie dazu haben. Ich bin der Ansicht, dass die Be­völkerung das Recht dazu hat. Viele patriotisch gesinnte Bürger Russlands sind dorthin gefahren, um für Noworossija zu kämpfen. Wahrscheinlich erhalten die Aufständigen auch noch andere Hilfe. Das wird im Westen „Einmischung in die inneren Angelegenhei­ten“ genannt. Doch der andere Teil der Ukraine wird in weit grö­ßerem Maße von Ländern der NATO unterstützt. Dennoch wird versucht, Sie glau­ben zu machen, dass jene, die den Staatsstreich inspiriert haben, eine reine Weste haben, jene aber, die den Kampf des Volkes für seine Befreiung von der ihm aufgezwun­genen Junta unterstützen, „Terroristen“ seien.

Folgt man dieser Logik, so müsste man Washington, Jeffer­son, Franklin und andere Begründer der amerikanischen Unab­hängigkeit auch zu Separatisten und Terroristen erklären. Denn mit dem Kampf für die Unabhängigkeit ihres Volkes haben sie die „territoriale Einheitlichkeit“ des Britischen Imperiums zerstört. Ich bin der Ansicht, dass die Süd-Ost-Ukraine auf derselben mora­lisch-rechtlichen Grundlage für ihre Freiheit und Unabhängigkeit kämpft, wie es die amerikanischen Staaten für die ihre gegen die englische Herrschaft getan haben.

Leider trägt der Unterschied im Verständnis des Statthaften und des Unstatthaften keinen akademischen Charakter. Vom Praktischen her gesehen trägt er aber eine große Gefahr in sich. Aus allem ist ersichtlich, dass die USA, solange sie über den strategischen Vorteil verfügten, Russland in die Ecke zu drängen und es ihrer Kontrolle zu unterstellen suchten. Die ökonomische Sanktionen, die der Hauptregel der Marktwirtschaft (Laissez faire, laissez passer oder Business as usual) widersprechen, kündigen gröberen und direkteren Druck an. Nehmen wir die empfohlene Kapitulation an oder werden wir sie mit einer maßstabgerechten Konfrontation beantworten, deren Folgen sich als schlimmer er­wei­sen könnten als sie irgend jemand vorauszusehen imstande wäre? Ich kann sie auch nicht exakt voraussagen, fürchte aber Letzteres sehr.

Sie und ich sollten nicht glauben, dass Höhe der Macht mit Höhe der Weisheit identisch ist. Eher ist es umgekehrt: Niemand macht so viel Dummheiten wie die Politiker unterschiedlicher Zeiten und Völker [In dem letzten Wort ist im Russischen durch eine angedeutete Streichung eines Buchstabens ein Wortspiel entstanden, das auf das alte Brettspiel Nardy bzw. Backgammon Bezug nimmt, in dem Strategie und Glück eine bedeutende Rolle spielt.]

Ein Beispiel dafür sind der Erste und der Zweite Weltkrieg. Die Geschichte entwickelt sich nicht nach dem Willen der Men­schen, sondern nach der Logik der Dinge. Daher lassen sich die Folgen eines Weltkonfliktes nicht voraussehen. Die ukrainische Krise ist für mich ein solcher Konflikt wie die Balkankriege für den Ersten und der Spanienkrieg für den Zweiten Weltkrieg. Dabei sind die beruhigenden Reden der Politiker der verschiedenen Länder völlig bedeutungslos. Diese Politiker wissen über die Zukunft nicht mehr als Sie und ich.

Ein anschaulicher Beweis dafür ist die kurzsichtige Be­trachtungsweise des Staatsstreichs in Kiew. Man hatte dies­be­züglich bestimmte Vorstellungen, aber es kam ganz anders, – zu einem Kampf im Südosten der Ukraine gegen ein aufgezwun­genes Regime. Anstatt zuzugeben, dass man sich verrechnet hat, gibt man jetzt Putin dafür die Schuld. Dieser ist natürlich nicht ohne Mängel und Fehler, doch das ist ein anderes Thema. Was zum Beispiel die Krim betrifft, so hat er sich nichts zuschulden kom­men lassen. Er hat mit großer Genauigkeit die möglichen Folgen seines Handelns berechnet, und ein Konzept verwirklicht, durch das die Bewohner der Krim vor zu erwartenden Unannehm­lich­keiten bewahrt wurden. Ohne einen einzigen Schuss, in Über­einstimmung mit dem in einem Referendum klar formulierten Wil­len der Einwohner hat er die Rückkehr der Halbinsel zu Russland in die Wege geleitet. Wenn dies nicht gewesen wäre, so wäre auch dort dasselbe Feuer des Bürgerkrieges entstanden wie im Osten der Ukraine.

Mir scheint, die Welt müsse erkennen, dass die westlichen Länder eine gefährliche Situation herbeigeführt haben, um Russ­land in einen Konflikt hinein zu ziehen und zur Annahme nichtak­zeptabler Bedingungen zu zwingen. Heute wird die Ukraine, der angeblich „eine Aggression von Seiten Russlands“ drohe, zu die­sem Zweck ausgenutzt. Morgen wird man uns sagen, die Gefahr habe einen solchen Charakter angenommen, dass Russland be­stimmte Bedingungen erfüllen müsse, sonst … Wie reagiert Russ­land dann auf eine solche Drohung? Das weiß heute niemand. Die Antwort wird von konkreten Umständen abhängen. Angesichts der Tatsache, dass unser Land nun aber einmal eine Atommacht ist, muss man mit einer beliebigen Antwort rechnen. Eine derartige Entwicklung der Ereignisse fürchte ich sehr. Hoffnungen auf Poli­tiker hege ich nicht. Mehr Hoffnungen habe ich in Bezug auf Menschen wie Sie es sind. Vielleicht gibt es in Ihren Kreisen je­manden, der sagt, was getan werden muss, um eine so schick­salhafte Entwicklung der Ereignisse abzuwenden.

Diese qualvollen Gedanken und Gefühle bewegen mich. In der Hoffnung mehr Klarheit gewinnen zu können, habe ich Ihnen diesen Brief geschrieben und wäre für Ihre Meinung dankbar.

Mit Hochachtung

Soltan Dzarasov, Prof. Dr. oec. habil.

Institut für Ökonomie der Akademie der Wissenschaften Russlands

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