in Another View

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

– Sokrates zugeschriebenes Zitat, um 420 v. Chr.

Mein letzter Artikel hat starke Reaktionen hervorgerufen. Besonders häufig war dabei eine: die Jugend von heute lerne nicht mehr richtig, beherrsche Rechtschreibung und Formales nicht mehr, kenne nicht den Wert der Disziplin und so weiter und so fort. Diese Argumentationslinie ist uralt. Wenn mich nicht alles täuscht beklagen sich schon auf den ersten sumerischen Keilschriften Schreiberlinge mittleren Alters über die Jugend von heute; zumindest Klagen über die verlotterte Sexualmoral der Frauen und den verderblichen Einfluss von Einwanderern auf dieselbe sind aus Babylon überliefert. Ich möchte an der Stelle in offizieller Funktion Entwarnung geben: The Kids Are Alright, wie es so schön heißt.

Bereits 2013 habe ich detailliert beschrieben, warum die Testergebnisse zu den Rechtschreibfähigkeiten der Grundschüler falsch interpretiert werden. Ich kann aus der Praxis berichten, dass Rechtschreibung und Formales kein epidemieartiges Problem darstellt. Manche sind besser, manche sind schlechter, ein paar Fehler macht jeder, unleserlich ist nichts. Die Arbeiten, in denen ich Abzug wegen mangelnder Rechtschreibung geben muss, lassen sich an einer Hand abzählen. An dieser Front ist also kein großes Problem.

Gerne wird auch anhand drastischer Beispiele geschildert, welch gewaltige Einbußen es im mathematischen Verständnis gibt. Und zwar ist es wahr, dass hier deutlicher Verbesserungsbedarf gegenüber manchen anderen Nationen besteht, aber gleichzeitig ist es auch wahr, dass diejenigen die glauben, im mythischen „Früher“ sei es signifikant besser gewesen, irren. Damals hat nur keiner gemessen.

Auch in Geschichte gab es jüngst eine dramatische Erkenntnis: nur 60 Prozent der Schüler wissen etwas mit dem Begriff „Auschwitz“ anzufangen! Das klingt erst einmal dramatisch. Nur hatte ein großer Teil der befragten Schüler das Thema noch gar nicht im Unterricht gemacht, und selbst dann ist das Abfragen von „Wofür steht Auschwitz-Birkenau?“ keine Messlatte für Wissen über den Holocaust. Nur letzteres wurde nicht gefragt, stattdessen tat man genau das, was das Schulsystem verzweifelt abzustoßen versucht: stures Faktenwissen, ohne zu überprüfen, ob ein kritisches Verständnis existiert. In der Gesamtbevölkerung wissen zudem 87 Prozent, für was es steht, was stark darauf schließen lässt, dass die Quote unter Schulabsolventen deutlich höher liegt. Auch hier: keine Panik.

Dieses Muster zieht sich durch alle Fächer und alle Schularten. Die Alarmismen zeugen deutlich häufiger von profunder Unkenntnis über die Funktionsweise des Schulsystems und grundlegende didaktische Konzepte.

Zudem sind die Befürchtungen auch immer dieselben. Sie alle wurzeln in einem Kulturpessimismus, den zu hegen und pflegen das größte Plaisier der jeweiligen Elterngeneration darstellt. Arbeitgeber beklagen sich immer über die angeblich unzureichenden Fähigkeiten der Auszubildenden. Die Formen und Moral der Jugend sind immer irgendwie schlechter als früher. Früher wurde immer noch mehr gelerrnt als heute, oder zumindest das Richtige. Die Jugend ist immer respektloser als die vorangegangene.

Dabei fällt mir vor allem auf, dass keine Generation je so brav, so angepasst, so konservativ war wie die aktuelle. Die meisten Probleme in der Schule habe ich mittlerweile nicht mehr mit den Schülern, sondern mit deren Eltern. Die Hausordnungsverstöße, die die größten Probleme bereiten, dürften Lehrern vor dreißig, vierzig Jahren als schlechter Witz erschienen sein. Ich erinnere mich noch an meine eigene Schulzeit, wie schwer es Referendare bei uns oft hatten und wie schlecht wir sie behandelten. Selbst von den Klassen mit dem schlimmsten Ruf, bei denen Unterricht wirklich anstrengend war, habe ich im Referendariat stets Unterstützung erfahren, wenn jemand hinten drin saß. Die Schüler von heute sind die nettesten und besten, die es je gab.

Gleichzeitig ist das fachliche Niveau der Lehrer höher als je zuvor, weil die Ausbildung deutlich praxisorientierter und anspruchsvoller ist. Heutige Lehramtsstudenten haben es bereits deutlich schwerer als ich, und ich bin gerade mal 33. Meine Kinder bekommen im Kindergarten eine zielgerichtete und auf empirischer pädagogischer Forschung beruhende Förderung, die zu meiner Zeit völlig unvorstellbar war. Sozialarbeiter kümmern sich um Problemfälle, die früher einfach aus dem System gefallen wären, Inklusion bringt Kinder in das System, die früher in Verwahrungsstätten gepackt wurden. Das wirkt sich auf den Durchschnitt negativ aus, aber für die Gesellschaft ist es ein riesiges Plus, das nur in den Spengler’schen Untergangsszenarien der Alten, die von der „Jugend von heute“ stöhnen, nicht vorkommt und auch nicht vorkommen darf.

Von daher: die Jugend von heute ist in guter Verfassung. Um sie mache ich mir keine Sorgen. Unsere Gesellschaft erfährt von ganz anderer Seite ihre größte Gefährdung. Diese Seite können die Kritiker der heutigen Jugend jederzeit ausführlich betrachten, wenn sie einfach mal in den Spiegel sehen.

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  1. Ich habe mich schon immer gefragt wie die Kinder/Jugendlichen immer dümmer werden können wenn doch gleichzeitig die Zahl der Abiturienten und Studiumabsolventen steigt. Da gibt es wohl ein Problem mit der Korrelation.

  2. Die Generation Smartphone ist erst in einen ernsthaften Erregungszustand zu versetzen, wenn der Akku leer ist oder ein neues digitales Gadget auf der Verkaufsrampe steht.
    Der erzieherische Einfluss der 68-Lehrer-Generation und der BigBrother-Systemmedien dürfte das geistige Vakuum noch weiter verstärken.
    Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass genau dieses Verhalten der Duckmäusigkeit auch 1933 den Deutschen zum Verhängnis wurde. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

    • 1933 gab es weder Smartphone noch Internet und es war auch kein Duckmäuserverhalten, das den Deutschen zum Verhängnis wurde. Vor 1933 hatten die Deutschen den Versailler Vertrag als alleinige Schuldigen des 1 WKs zu erfüllen. Und nach dem 2. WK war es wiederum das Deutsche Volk im Kollektiv diejenigen, die für alles verantwortlich gemacht wurde. Das heutige Verhalten der Jugendlichen gründet sich nur aus der Konsumgeneration, die alles, was von den USA kommt, konsumiert. Geschichte ist nicht deren Stärke, dafür haben 73 Jahre Gehirnwäsche ausgereicht, um dem Deutschen Volk ständig die Nazikeule auf den Kopf zu hauen…. funktioniert immer noch bei vielen, bei mir schon lange nicht mehr.

  3. Herr Sasse, Sie sind doch sonst so realistisch und ohne rosarote Brille. Die Jugend war noch nie so brav und konservativ? Ja, vielleicht innerhalb des Schulgebäudes. Weil sie aufs übelste politisch auf Spur gebracht werden. Ich durfte Kostproben lesen und war entsetzt. Dann müssen sie darüber Arbeiten schreiben und Stellung beziehen. Tun sie das ehrlich, sachlich und begründet – und entspricht dies nicht dem politischen Drill, gibts eine 6, ohne Diskussion oder Begründung. Spätestens nach der zweiten 6 schreiben sie dann, was der Lehrer lesen will. Ja, das ist brav. Aber auch gefährlich. Denn manche denken und sehen trotzdem – außerhalb des Unterrichts………

  4. Wir alle, voran aber die Jugend, werden seit Jahrzehnten so intensiv rundum manipuliert wie allenfalls in der Zeit des Dritten Reichs. Das Ergebnis ist eine wirklich brave Jugend, die weiß wie sie am wenigsten aneckt. Ob sie im Notfall nicht doch die nötige Kritikfähigkeit und Widerstandskraft hat, ist damit aber nicht ausgemacht. Stefan Sasse hat völlig recht, dass die Jugend in toto nicht schechter infiormiert oder auch dümmer ist als alle ihre Vorläufer.

  5. Ja Herr Sasse, das mag in einem 5000 Einwohnerkaff vielleicht zutreffen. Fragen sie mal Lehrer, die in Schulen berliner Problemvierteln unterrichten.

  6. Welche Jugend ist denn hier gefragt ???
    Diejenigen mit Migrationshintergrund und die in vielen Klassen schon die Mehrheit sind oder unsere Kinder……

  7. Herr Sasse scheint an einer Baumschule zu unterrichten. Andernfalls wäre seine Fehleinschätzung schwer zu erklären.

    Aber gottlob gibt es mit Herrn Sasse auch noch Optimisten, welche fachkundig Schei$$e zu Bonbon verklären können.