in Another View

Manchmal mag sich Eindruck vermitteln über die Nazizeit sei bereits so gut wie alles erforscht und geschrieben. Doch dies ist ein Trugschluß. Die “Aufarbeitung” des Dritten Reiches ist längst noch nicht abgeschlossen. Durch das Buch, dass Jutta Ditfurth vorgelegt hat wird dies einmal mehr deutlich. Jutta Ditfurth ist die Tochter von Hoimar von Ditfurth und einstige Bundesvorsitzende der Grünen. Im Jahr 1991 trat sie aus dieser Partei aus und gründete die Ökologische Linke mit.

Just 1989 , im Jahr des Falls der Mauer, starb Jutta Ditfurths Vater. Die Tochter versprach der Mutter sie auf eine Reise in die DDR – an die Orte deren Kindheit und Jugend – zu begleiten. Man reiste also nach Thüringen. In das Dorf Langenorla.

Der Auslöser für das Buch: “Reise in die Familiengeschichte”

Jener Besuch in Thüringen wurde für Jutta Ditfurth zugleich eine “Reise in eine Familiengeschichte”. So der Untertitel ihres Buches “Der Baron, Junden und die Nazis”, erschienen bei Hoffmann und Campe.

Für uns Leser wird diese Reise im Jahre 2013 nun quasi zu einem Glücksfall. Verdanken wir ihr doch dieses nun vorliegende Buch. Das, wie ich jedenfalls finde, unbedingt eine Bereicherung darstellt. Schließt es doch weitere historische Lücken. Ditfurth setzt dem nach wie vor unvollständigem Geschichtsbild ein weiteres wichtiges Mosaiksteinchen hinzu. Darin sich wiederum wichtigen Betrachtungen der Welt des deutschen Adels befinden, die wir den akribischehn Recherchen der Autorin verdanken.

Ein Bild des Adels jenseits von Klatsch und Tratsch

Wir Nicht-Blaublütigen sehen diese Welt des Adels heute vorwiegend durch die glitzernde Brille der Yellow-Press. Und bewundern sie dementsprechend unkritisch. Fragen wir uns jedoch einmal was wir jenseits von Glamour oder Klatsch und Tratsch wirklich über den deutschen Adel wissen, so werden Antworten darauf vermutlich sehr dürftig ausfallen.

Aber da wäre ja doch noch etwas Positives: Die adligen Hitler-Attentäter. Alljährlich wird ihrer gedacht. Dies betreffend gibt es reichlich Literatur und Filme.

Adel: Hinter dem Mythos des 20. Juli verbirgt sich Antisemitismus

Über die Taten wie über die Täter. Doch auch die eigene Erfahrung sollte uns gelehrt haben: Es ist nicht alles Gold was glänzt. So ist es auch hier. Nach der Lektüre von Ditfurths Buch sind wir klüger: Die vermeintlich rundum hehren Taten der zumeist adligen Hitler-Attentäter des 20. Juli, Offiziere der deutschen Wehrmacht, entpuppen sich zumindest ein Stück weit als Mythos. Ein Mythos, welcher jedes Jahr auf’s Neue medial beatmet und mit reichlich Lorbeer umgekränzt wird. Den Attentätern ging es bei ihrem Anschlag auf Hitler höchstwahrscheinlich in erster Linie um das Ansehen der Wehrmacht. Und um die Vermeidung einer absehbaren militärischen Niederlage. Hätten sie, wäre ihr Plan geglückt, einen demokratischen, fortschrittlichen Staat – frei von Antisemitismus – geschaffen?

Jutta Ditfurth zitiert auf Seite 303 Claus Schenk Graf von Stauffenberg, einen der späteren Hitler-Attentäter mit einem Satz aus einem Brief, geschrieben im ersten Kriegsjahr an dessen Frau aus dem besetzten Polen:

“Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt: Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.”

Die anscheinend ach so hehren Motive der Hitler-Attentäter sind offenbar eher Mythos, hinter dem sich – wie Jutta Ditfurth u.a. über der Erkundung ihrer eigenen Familiengeschichte herausfand – “der ganz besondere Antisemitismus des deutschen Adels im 19. und 20. Jahrhundert” (Klappentext) verberge.

Hat man sich schon darüber einmal Gedanken gemacht? Eigentlich leuchtet die Judenfeindlichkeit des deutschen Adels ein. Schon aus Gründen der Erhaltung der adligen “Blutreinheit” galt sie den “Blaublütigen” als unverzichtbare Notwendigkeit. Der Adel war von sozusagen von Natur aus darauf bedacht in der, wie Jutta Ditfurth in einem Radiointerview sagte: nicht nur in der eignen “Kiste” (Kaste) zu heiraten, sondern auch sonst möglichst unter sich zu bleiben.

Die Juden – Prügelknaben für den Adel

Dieses Buch öffnet uns – fern jedweder Ideologisierung – mehrfach die Augen. Nämlich darüber, woraus sich Antisemitismus über viele Generationen speiste. Die Verbreitung von Unwahrheiten und Gerüchten Juden und jüdisches Leben betreffend spielen dabei eine große Rolle. Und die Fortschreibung all dessen sogar bis in unsere Tage hinein. Der deutsche Adel war nicht wenig anfällig für den Judenhass. Galten seinen Vertretern doch die Juden als Schuldige an Revolutionen, Kriegsniederlagen und dem Sturz der Monarchie. Nicht zuletzt die Errichtung der Weimarer Republik schrieb der deutsche Adel den Juden ins Schuldbuch. Sie mussten als Prügelknaben beinahe für alle Ungemach herhalten. Schließlich hatte die dem Adel einen gewissen Reputationverlust beschert, weil er fortan nichts Besonderes mehr war. Nur die adligen Namen blieben den Blaublütigen. Und freilich ihr Geld.

Das Buch liefert Erörterungen zu historischen Ereignissen

Das Verdienst dieses Buches ist, dass es sich nicht nur in der Erforschung der Ditfurthschen Familiengeschichte verliert (die allein spannend ist), sondern zugleich auch eine anschauliche Betrachtung von Geschichte und wichtigen historischen Ereignissen samt der Erörterungen deren Hintergründe nebst handelndem Personal in Wirtschaft und Politik liefert. Und zwar besser und fesselnder wie es m.E. hochwissenschaftliche Abhandlungen zu leisten vermögen.

Ditfurths Buch sollten nicht zuletzt auch jene unter uns lesen, welche verstehen möchten, wie die Stellung von Juden in Deutschland war und weshalb sie sich – selbst die, die voll integriert waren und sogar stolz für den Kaiser als Soldaten in den Krieg gezogen waren – immer und immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert sahen. Und enttäuscht von einem eignen Staat träumten.

Ich empfehle dazu besonders das Kapitel 6 “1898 – 1900: Adel und Zionismus: Wilhelm II. und Theodor Herzl, Börries von Münchhausen und Ephraim Moses Lilien”

Interessant auch in Hinblick auf die heutigen Probleme im Nahen Osten und im Besonderen auf Israel. Wir erfahren etwas zur Vorgeschichte des späteren Staates Israel. Die Zionisten zogen ja seinerzeit – vornweg Theodor Herzl –  wegen der nicht enden wollenden, ihnen entgegenschlagenden Ablehnung jüdischer Bürger in Deutschland und anderen Ländern Europas die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina ins Kalkül. Herzl, erfahren wir im Buch, war ja ziemlich naiv damals zu hoffen, Wilhelm II. werde den Schutz über diesen Staat übernehmen.

Börries Freiherr von Münchhausen war eine schillernde Persönlichkeit

Jutta Ditfurth richtet in ihrem hochinteressanten Buch den Fokus auf die wahrlich bewegte Geschichte von Börries Freiherr von Münchhausen, ihrem Onkel. Ein schillernde Persönlichkeit. Der Baron war kein Kind von Traurigkeit. Er hatte etliche Weibergeschichten. War noch um 1900 der jüdische Künstler Ephraim Moses Lilien sein bester Freund, der u.a. von Münchhausens Gedichtbände illustrierte, wandelte sich der Baron später zum glühenden Antisemiten.

Er war jemand, der bis in höchste Nazikreise beliebt war, von Nazigrößen hofiert wurde und dessen Bücher, die schon auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges zuhauf Leser fanden, hohe Auflagen erlebten. Er reiste an Kriegsschauplätze und las vor begeisterten Soldaten aus seinem Büchern. Einige seiner Werke “besserte” Münchhausen in der Nazizeit etwas nach. Wohl um nicht in den Ruch eines Judenfreundes zu geraten. Selbst im faschistischen Deutschand konnte sich der Baron Einiges leisten: Er galt den Vertretern des Naziregimes als unangreifbar. Von Münchhausen hatte sich entsprechend angepasst.

Auf ihn dürften diesbezüglich die folgenden Worte von Heinrich Heine passen: “Die über Nacht sich umgestellt, zu jedem Staate sich bekennen, das sind die Praktiker der Welt; man kann sie auch Halunken nennen.”

Als die US-Armee im Frühjahr 1945 anrückte, verübte der Baron Selbstmord

Allein schon das Schildern des nuancenreich schillernden Lebens von Börris Freiherr von Münchhausen macht Ditfurths Buch lesenswert. Von Münchhausen nahm am 16. April 1945 in Windischleuba, die 3. US-Armee hatte am 11. April das KZ Buchenwald befreit, Schlaftabletten und sich auf diese Weise das Leben. Buchenwald lag nur eine Autostunde von Münchhausens Adelssitz entfernt. Bis heute – seit 1937, schreibt Jutta Ditfurth, ist Münchhausen Ehrenbürger von Göttingen.

Der Adel, die fragwürdige Elite

Nach wie vor wird uns der deutsche Adel auch und mittels der Medien als “Elite” dargestellt. Auf Seite 305 ihres Buches schreibt Jutta Ditfurth:

“Anstatt über Judenhass, die Demokratiefeindlichkeit und die Kriegsverbrechen dieser deutschen Elite aufzuklären, legen Massenmedien und allen voran das öffentlich-rechtliche Fernsehen heute über solche elitekritischen Themen den Mantel des Schweigens. Die oberflächliche Betrachtung von Schrullen wird uns als Kritik verkauft. Die Medien berichten oft viele Stunden lang über jedes Detail hochadliger Hochzeiten. (…) “Die Kritik darf nicht in die Substanz gehen. Die Archive der meisten adligen und hochadligen Familien sind Forschern mit NS-kritischen Erkenntnisinteresse bis zum heutigen Tag verschlossen. Der Adel weiß, warum.”

Lektüre mit Gewinn

Freunde beim Adel wird sich Jutta Ditfurth mit diesem Buch nicht machen. Für uns Leser aber ist ihr mit “Der Baron, die Juden und die Nazis” ein Buch gelungen, das mit Gewinn zu lesen ist. Mir ging es jedenfalls so. Ditfurths “Reise in eine Familiengeschichte” ist sogleich auch eine Reise durch ein paar Kapitel Geschichte, die bislang zu wenig bis keine kritische Betrachtung erfahren haben. Schon gar nicht im Fernsehen, wenn der Reiseführer Guido Knopp hieß.

Ich möchte das Buch uneingeschränkt empfehlen. Und zwar generationenübergreifend. Auf zum nächsten Buchladen! Lesen und: Weitersagen!

All zu selten ist unter dem Wust der all jährlichen Neuerscheinungen ein Buch, über das zu sagen wäre: Das hat uns gefehlt! Jetzt ist es da.

Das Buch:

Jutta Ditfurth

Der Baron, die Juden und die Nazis

Reise in eine Familiengeschichte

Hoffmann und Campe

ISBN 978-3-455-50273-2

21,99 Euro

Informationen über Autorin finden Sie hier.

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Dein Kommentar

Kommentar

  1. Ach so, Ditfurths Thema ist der schockierende Rassismus der deutschen Adeligen?

    Also nicht die Gewinne eines jüdischen Industriellen Goldschmidt, später Degussa, als Großaktionär einer ZyklonB-liefernder Fabrik – selbst eifriger NSler und Wahlkampfspender Hitlers?

    Also nicht die Rolle jüdischer Politkommissare am Holodomor? ca. 7 Mio. Opfer, 3 Mio. Kinder?

    Sie haben aber doch wohl keine Rassenpreferenz, Frau Ditfurth?

    Also um die Rolle jüdischer Physiker wie Präsdenten bei den bis heute ungesühnten Völkermorden in Hiroshima und Dresden geht es in ihrem Buch aber nicht?

    Die ethnische Säuberung Palästinas ist auch nicht unbedingt ihr Thema?

    Ilja Ehrenburg und Nemmersdorf dann wohl auch nicht?

    • Verstehe, dann wollen sie uns sicher auch nichts über den jüdischen Berater Rosevelts Kaufmann erzählen, der diesem eine Ausrottung der Deutschen empfahl?

      Wer maßgeblich am Verfassen des Versailler Diktats, erzwungen über einen Völkermord an den Deutschen via Hungerblockade beteiligt war erfahren wir dann von ihnen sicher auch nicht?

      Nichts über die Opiumhändler in jenem Krieg mit China? Deren Bank heißt heute aber nicht HSBC und ihr Spößling David Cameron?

      Nun, Frau Difurth, zumindestens dürfen sie sich bei ihrem Buch des Beifalls des ZDJs gewiß sein.

      Aber darum ging es ja letztlich auch, nicht wahr?

  2. Herr Richard, was wollen Sie mit ihren Kommentaren deutlich machen? Mit Verlaub, sie riechen nach Rassismus und Antisemitismus, einem kruden Weltbild. Das blinkt aus Ihren Kommentaren hervor.

    • Herr Stille, ich habe mich schon gefragt, wie lange man wird über diese Thematik reden können bis in der alleinrechtgläubigen-, bzw. „politisch korrekten“ BRD der Hexenvorwurf kommt. Sie toppen meine Erwartungen!

      Gegenfrage: Wie definieren Sie Integrität in Bezug auf Moral gegenüber Opfern?

      Wie grenzen Sie Moral von populistisch zur Schau getragenem Moralisieren ab?

      Apropos Rassismus:
      Würden Sie in der Toleranz gegenüber Völkermord an der nicht preferierten „Rasse“ eine Spielart des Rassismus erkennen?

  3. Was ist die ideale Gesellschaftsform? Ich gehöre zu der privilegierten Generation die zwei verschiedene gesellschaftliche Systeme kennenlernen durfte. Deshalb bin ich sensibilisiert gegen Vereinnahmung von der linken wie von der rechten Seite und ich sehe die Welt so wie sie ist mit all ihren Widersprüchen. Der Staufenberg und seine Mitverschwörer wurden erst ,,Widerstandskämpfer“ als die Wehrmacht rückwärts siegte und ihre schlesischen und pommerschen Landgüter verloren gingen. Es gibt unwiderlegbare Fakten das Deutschlands Niederlage im zweiten Weltkrieg und damit der Krieg hinausgezögert wurde um Stalins Reich und seine Truppen massiv zu schwächen und Deutschland zu zertrümmern.

  4. Hitlers Aufrüstung wäre ohne transatlantischer Überweisungen der jüdischen Groß Bank Wall Street Brown Brothers Harriman u. Co (Prescott Bush) und anderer Banken fast unmöglich gewesen. Ein Fritz Thyssen fungierte als Strohmann ,damit wie so oft in der jüngeren Geschichte die eigentlichen Drahtzieher wie Warburg, Rothschild nicht selbst in Erscheinung treten mussten. Aktuell wie noch nie müssen nur die Besitzer der Medien, der militärischen Komplexe, der Schlüsselindustrien publik gemacht werden und Sie wissen wer über Krieg und Frieden entscheidet. Winston Churchill sagte nach dem zweiten Weltkrieg und dem sich deutlich abzeichnenden kalten Krieg : Wir haben das falsche Schwein geschlachtet !

  5. Wenn ich auch nicht immer 100 Prozent Ihrer Meinung bin Herr Richard, so bin ich Ihnen sehr dankbar für Ihre fundierten Informationen . Je mehr ich erfahre über Geschichte und aktuelle Ereignisse um so mehr fügt sich wie ein Puzzle ein immer präziseres Bild. Vielleicht sollten Sie Putins Russland nicht mit Stalins Sowjetunion vergleichen. Immerhin gab es selbst in der preußischen Militärgeschichte freundschaftliche Kontakte zu Russland . Wenn Sie die barbarischen Vergewaltigungen und Morde der Roten Armee in Ostpreußen Nemmersdorf und vielen anderen Orten erwähnen, dann vergessen Sie bitte nicht die genauso barbarischen Verbrechen der Deutschen und Verbündeten vor allem an der Ostfront.

  6. Viel wichtiger als die Frage wer hat die meiste Schuld auf sich geladen, sollte analysiert werden wer profitiert immer wieder von Kriegen. Wer unterstützt gleichzeitig beide oder mehrere Konflikt Parteien. Ich empfehle diese Personen unter die Lupe zu nehmen ,angefangen von Sir Basil Zaharoff bis zu Dick Cheney ,Paul Wolfowitz, Richard Armitage, John R. Bolton, Lewis Libby, William J. Bennett, Steve Forbes und viele andere Akteure. Soros und Shelton Adelson bis zu Oligarchen aus der der Ukraine sind dabei einen eventuellen dritten Weltkrieg zu provozieren und zu finanzieren. Geschichte wiederholt sich weil die Völker zu schnell vergessen das immer die Einen verbluten und die Anderen gewinnen.